Neue Werbung

Hier im Internet hat man sich an Werbung gewöhnt, oder? Also mir persönlich geht es so und deswegen nutze ich die Möglichkeiten ja auch, um mir ein paar Cent dazu zu verdienen. Und wenn jemanden dieses eine kleine Banner stört, ist es mit gängigen Adblockern sehr leicht im Nirvana verschwunden. Dann kriegt man es allenfalls mal wieder mit, wenn ich wenig subtil mit Amazon-Link durch den Blogdschungel rufe: „Kauft endlich mein eBook!“ (Was in dieser Form jetzt aber auch eine Premiere war 😉 )

Offline passiert das mit der Werbung natürlich auch, da hat es schließlich angefangen. Und da dort immer noch mehr Geld zu verteilen ist, nutzen meine Chefs das auch. Auf den Türen, auf dem Dach – wo Werbung ranpasst, ist Werbung drauf. Und auch wenn unbeklebte Autos nochmal eine Nummer ästhetischer sind, finde ich das völlig ok. Nutzen wir doch die Zeit, bis irgendwem mal auffällt, dass keine Sau nach Zypern reisen wird, nur weil außen auf ein paar Taxis Bilder von Palmen angebracht sind. Für so eine doofe Folie bekommen meine Chefs so viel Geld, dass es einige Schichten weniger von mir braucht, um die zukünftigen Firmenfeiern zu bezahlen. Und mich schränkt’s kein Bisschen ein. Also abgesehen vom ein oder anderen schönen Foto, das ich jetzt nicht mehr machen kann …

Ansonsten sitze ich ja drinnen und seh’s nicht einmal.

Und nun:

"Was ist das?" – "Rosa." – "Dann mach's kaputt!" Quelle: Sash

„Was ist das?“ – „Rosa.“ – „Dann mach’s kaputt!“ Quelle: Sash

Nun haben wir also einmal mehr Werbung im Innenraum. Da bin ich ja wesentlich empfindlicher. Wir hatten sowas schon einmal, damals hab ich’s nach einem Tag versehentlich kaputt gemacht und dann in den Kofferraum geschmissen. Weil sich dadurch der Sitz nicht mehr umklappen ließ. Und wenn der Scheiß die Usability meines* Autos einschränkt, dann ist Schluss mit lustig!

Das jetzt ist allerdings noch nicht einmal so schlimm wie der schlimmste Außenwerbungsversuch und ich weiß ja auch, dass man sich daran gewöhnt. Inzwischen kommt mir die 1925 in einer Werbepause ja fast schon nackig vor …

Abgesehen von der Farbe stört dieses Ding zumindest mich vorerst nicht. Auch die Kunden haben in der Regel besseres zu tun, als sich die ganze Zeit über eine Werbeanzeige aufzuregen. Insofern bin ich mal guter Dinge. Und es ist ja nicht auszuschließen, dass es kuriose Nebeneffekte gibt – wie damals bei der Dachwerbung.

*Kleiner Funfact: Hab meine Chefs vor ein paar Tagen gefragt, ob das gehen würde, eine nicht wieder entfernbare Handyhalterung im Auto anzubringen (Bin noch auf der Suche, wollte nur mal die Grenzen ausloten).
Zitat Andreas: „Selbstverständlich. Das ist dein Arbeitsgerät, warum fragst Du uns da?“

Guter Schichtanfang

(der von der nachfolgenden Schicht völlig konterkariert wurde, was uns jetzt aber nicht stören soll)

Hart genug, dass mein Wecker gestern bereits auf 15 Uhr gestellt war. Ich wollte pünktlich im Büro sein. Zum einen mal wieder ein bisschen Geld loswerden, zum anderen hoffentlich endgültig die Computerprobleme lösen. Dann aber schmiss mich ein nicht näher nachvollziehbarer Drang nach Licht bereits gegen 14 Uhr aus dem Bett. Uff! Ich hab mir Mühe gegeben, meine guten Vorsätze für den neuen Monat einzuhalten und bin pünktlich mit dem Klingeln meines Weckers aus dem Haus ge-, ähm … rannt! Mindestens. 😉

OK, ich will ehrlich sein: Ich hab mich ganz gemächlich rausgeschleppt, weil ich selbst noch völlig verzückt war von meiner Entscheidungsfreudigkeit.

Die Computer erwiesen sich vorerst mal als nur begrenzt zickig, was mich in die kuriose Lage brachte, in der Folge tatsächlich einmal zu früh am Abstellplatz des Autos zu landen. Mein Tagfahrer kam aber gleich nach ein paar Minuten. Da ich ausgerechnet den Kollegen, mit dem ich gewissermaßen am engsten zusammenarbeite, ja am wenigsten sehe, haben wir uns erstmal ein wenig verquatscht. Über die Umsätze auf der Straße, die alten und neuen Macken der 1925, was einen halt so umtreibt als Taxifahrer.

Mit ihm sind das glücklicherweise dennoch nicht diese ganz besonderen „Kollegengespräche„.

Er packte langsam sein Zeug, kümmerte sich um den Papierkram – und ich richtete mich im Auto ein. Anschließend beschloss ich, noch auf eine Kippe mit ihm weiterzuquasseln. Wenn schon, denn schon. Gute Entscheidung!

Drei Minuten später standen nämlich zwei Jungs am Auto.

„Sacht mal, macht ihr grad Schichtwechsel oder so?“

„Janz jenau.“

„Können wir dann vielleicht gleich … also mitfahren?“

„Klaro. Muss mich kurz am Taxameter anmelden, dann geht’s los!“

War keine lange Tour. Aber die unerwarteten – und damit wortwörtlich die ohne Wartezeit – sind am Ende dann halt doch die besten. 🙂

Computerprobleme

„Chef 1 zeigt Chef 2 das Buch, das ich geschrieben habe, während ich die Computerprobleme im Büro löse. Preisfrage: Wer fährt in diesem Unternehmen Taxi?“

Das fand ich eine schöne Formulierung für eine Situation gestern bei meinen Chefs, wäre auch fast so bei Twitter gelandet. Ist sie nicht, weil ich zu beschäftigt war. Und später ist mir der Wortlaut nicht mehr eingefallen.

Inzwischen haben sie es ja doch geschafft, nicht mehr einfach meine Chefs zu sein. Mit der ganzen Homepage-Geschichte und dem Bloggen bin ich ja gerade schon geschäftlich irgendwie mittendrin im Unternehmen, vor allem aber sind wir menschlich schon lange auf Augenhöhe. So gesehen war es nicht unbedingt verwunderlich, dass sie mich angefragt hatten, als letzte Woche ein – auch für meine Verhältnisse – eher unorthodoxes „Computerproblem“ auftrat. Hatte viel mit Netzwerken und mir völlig fremder Hardware zu tun, ich will da auch gar nicht ins Detail gehen. Mir blieb am Telefon auch nur eine Antwort übrig:

„Ich hab zwar keine Ahnung davon, aber ich kann’s versuchen.“

Und so sah’s dann aus. 3 Stunden lang hab ich Kämpfe gefochten mit einem mir unbekannten Betriebssystem, schlecht strukturierten Bedienungsanleitungen, verschollenen Zugangsdaten und mir völlig unbekannten technischen Parametern. Als Lösungsansätze hatte ich logisches Denken, gepaart mit dem Glauben an „Trial and Error“ anzubieten, das war’s eigentlich schon. Hat glücklicherweise geklappt, nicht ganz ohne Beteiligung meines ganz privaten technischen Supports in Form von Ozie. 🙂

Neben der vorherrschenden Planlosigkeit hab ich aber wirklich hart an der Fehlerfindung gearbeitet und mir einmal mehr geschworen, derartige Freundschaftsdienste künftig nur noch in Raucherhaushalten anzubieten. Am Ende – einiges ist noch offen, die Lösung aber absehbar – war ich wirklich dankbar dafür, dass erstmal Feierabend angesagt war. Noch besser fand ich, dass ich gefragt wurde, ob ich damit einverstanden wäre, wenn sie mir den Gegenwert einer durchschnittlichen Schicht dafür auf die Lohnabrechnung diesen Monat packen würden.

In diesem Moment die Finanzen einsehen zu können, war so einfach auch nicht – also hab ich meine eigene bei Google hinterlegte Abrechnung zur Bestimmung der durchschnittlichen Schicht herangezogen. Organisiert sein kann ich ja. Zumindest online. 🙂

Da ich das ursprünglich tatsächlich als Freundschaftsdienst angesehen hatte, hab ich auch noch kurz zu meinen Ungunsten darauf aufmerksam gemacht, dass mein durchschnittlicher Umsatz nicht wirklich meinem durchschnittlichen Verdienst entspricht, das Spiel mit dem Andere-nicht-ausnutzen ist ja durchaus ein gegenseitiges. Nun hätte endgültig Schluss sein können an diesem eigentlich freien Tag und die meisten anderen raten in so einem Fall ja zur möglichst schnellen räumlichen Distanz zwischen Chef und Angestellten. Aber:

„Willste noch was essen? Ich lad Dich ein.“

Das war fast so gut wie die Frage nach Bezahlung. 🙂

Also folgte der ganzen Chose noch ein etwa einstündiger Aufenthalt beim Inder ums Eck, wo wir nebenbei auch noch ein paar schwierige Themen wie Rassismus im Taxigewerbe und dergleichen angesprochen haben.

Es passiert echt viel Scheiße da draußen im Gewerbe, im Niedriglohnsektor und selbst allgemein in der Arbeitswelt. Überall gibt’s Druck und Stress und alle rennen wir nur durch die Gegend um immer möglichst viel rauszuholen für uns selbst und die anderen werden dabei (gewollt oder einfach notwendigerweise) zur Seite geschubst. Das muss echt nicht sein!
Die Welt ist zwar nicht rosarot und zu meinem Leben gehört oft auch eine Menge (Selbst-)Ausbeutung, keine Frage. Um das tatsächlich loszuwerden, muss in dieser Gesellschaft ein bisschen mehr passieren. Wie man aber mit seinen Mitmenschen umgeht, hat man selbst in der Hand. Und ich umgebe mich gerne mit Leuten, die es wie meine Chefs halten.


PS: Auch wenn ihr inzwischen alle wisst, für wen ich arbeite: Das hier ist mitnichten Werbung. Ich möchte bloß mal ein Bisschen erzählen, wie es so abseits des Taxis gerade aussieht in meinem Job.

PPS: Hab nachgefragt: Der 1925 geht es soweit gut, nur die Teile müssen erst geliefert werden. Wahrscheinlich ist zu meiner Donnerstagsschicht alles schon geklärt. 🙂

Chefs und Überweisungen

Auch wenn ich sicher bin, dass nicht alles im Leben zwingend einen Sinn ergeben muss – dass ich Taxifahrer geworden bin und noch dazu bei meinen jetztigen Chefs gelandet, das hat seine Richtigkeit.

Wie die meisten wissen dürften, werde ich nach meinem Umsatz bezahlt, habe also keinen festen Lohn. Ich habe schon von ziemlich vielen Leuten gehört, dass sie sich das nicht vorstellen könnten, immer diese Unsicherheit und so …
Nun, das ist nicht weiter schlimm. Für mich zumindest. Eine wirklich große Unsicherheit gibt es nicht dabei. Letzten Endes ist es nur so, dass ich mir während des Monats überlege, wie viel ich arbeite. Läuft es gut, arbeite ich mal einen Tag weniger – läuft es schlecht, dann muss ich hier und da mal eine Stunde ranhängen oder euch anbetteln, dass ihr mehr über meinen Amazon-Link kauft. Oder beides 🙂

Am Ende sehe ich für mich vor allem den Vorteil, meinen Lohn selbst bestimmen zu können. Brauche ich gerade einen Fuffi mehr, dann ab auf die Straße! Freiheit bedeutet halt auch Eigenverantwortung, da liegt der Hase im Pfeffer.

Das wirkliche Drama dieser ganzen Unsicherheit spielt eigentlich im Chefbüro. Denn ausrechnen, wer jetzt wann wie viel Geld kriegt – das muss nicht ich. Diesbezüglich kann ich meine Chefs nur loben. Auch wenn ich mal im Einzelfall am sechsten des Monats erst Abrechnung mache, landet der Lohn pünktlich zum fünfzehnten (meist eher am zwölften oder dreizehnten) auf meinem Konto. Verspätungen und Irrtümer sind quasi inexistent. Und dass das bei rund 40 Fahrern Arbeit ist, glaube ich gerne und ich bin wirklich froh darum, dass ich den Papierkram nicht an der Backe habe.

Aber auch bei den Besten läuft mal was schief.

Als ich Mitte des Monats auf mein Konto gesehen habe, war ich geringfügig verdutzt. Dass ich für den Februar nur sehr wenig Geld kriegen würde, war mir bewusst. Immerhin war ich anderthalb Wochen krankgeschrieben und konnte auch sonst nicht gerade mit übermäßiger Arbeitslust punkten. Dass aber nur halb so viel wie erwartet auf dem Konto landet … ähm ja, so sehr hatte ich mich noch nie verrechnet. Also hab ich gestern mal angerufen. Ich vermutete, dass vielleicht das Krankengeld vergessen wurde oder so. Aber als ich Christian am Telefon hatte, stellte der fest, dass das gebucht wurde.

Hm. Das war kurios.

Wir gingen kurz die Posten durch, alles schien ok. Bis er meinte:

„Und dann hast Du 515 € Vorschuss genommen …“

Bitte was?

Dazu muss man sagen, dass dergleichen ständig passiert. Mir zumindest. Wenn ich Abrechnung mache und mein Key z.B. 2000 € Umsatz geloggt hat, dann hab ich schon mal was davon ausgegeben und gebe nur 1900 € ab. Das ist gar kein Problem, Christian speichert das ab und ich kriege dann 100 € weniger überwiesen als ich eigentlich kriegen würde. Das ist quasi die absolute Krönung finanzieller Flexibilität. Besser haben es nur noch die Kollegen, die ihren Anteil Pi mal Daumen gleich nach der Schicht einbehalten.

Vorschuss kommt also vor, absolut regelmäßig sogar. Aber 515 €?

Die Lösung war recht schnell gefunden: mein zweiter Key. Als ich noch kaum Geld mit dem Schreiben verdient habe, hatte ich mir ja einen zweiten Key erbeten – und ihn bekommen. Seit ich nur noch wenig fahre, wird der von mir nicht mehr wirklich genutzt, sondern liegt im Auto – wo ihn mein Tagfahrer gelegentlich in Gebrauch hat. Das lässt sich auch alles gut umbuchen, aber eben nur, wenn man es weiß und nicht irgendeine Info verloren geht. Und so war es in dem Fall: mein Tagfahrer hat auf dem Key, der offiziell mir zugeordnet ist, mal eben runde 500 € Umsatz gespeichert. Diese wurden bei der Abrechnung mir zugewiesen.
Ist natürlich erst einmal nett, da sieht der Monat in meiner Statistik doch gleich viel besser aus. Da ich aber natürlich rund 500 € weniger im Büro abgegeben hatte, wurde mir das am Ende vom Lohn abgezogen. Weil es für die Firma ja nun mal so aussah, als hätte ich dieses Geld zwar eingefahren, aber schon ausgegeben …

Das kann man ärgerlich finden, das ist es natürlich auch. Ich zitiere kurz Christian:

„Orrrr! Krätze!!!“

Aber wir haben da eben auch eine Firma, in der so ein bedauerlicher Fehler schnell geklärt werden kann. Cheffe erbat sich etwas Zeit und eine Stunde später kam der Anruf, dass das fehlende Geld bereits überwiesen ist. Alles also halb so wild. Eine Ausnahme, die ich in Anbetracht des Durcheinanders bei der Abrechnung verstehen kann.

Und wahrlich tausendmal besser als die Kirchengemeinde in Stuttgart, die damals meinen Sold für den Zivildienst zahlte: regelmäßig zwei Wochen zu spät und auch dann nur vollständig, wenn ich Glück hatte.

Nee nee, Fehler dürfen passieren! Es ist nur die Frage, wie man damit umgeht …

Was sich so alles lohnt …

War ja eigentlich ’ne ganz nette Truppe heute morgen. Ich bin mir jetzt nicht sicher, wer da wen wirklich gemocht oder gehasst hat und was nur Spielchen waren – aber abgesehen von den folgenden Dialogen hatte ich durchaus Spaß. Es waren am Ende einfach drei junge Leute Anfang 20, die nach einer ziemlich umfänglichen Partynacht um 6 Uhr morgens noch eine Tour in den alleräußersten Nordosten Berlins für mich hatten.

Wir waren kaum losgefahren, da meinte der Typ neben mir schon:

„Mach mal 20 glatt und dann die Uhr aus.“

„Nö. Mach ich sicher nicht.“

„Jetzt komm! Auf’m Hinweg waren’s genau 28,80 €.“

„Ähm ja, ein Grund mehr, die Uhr nicht bei 20 € auszumachen.“

„Nee nee, Rest kriegste so. Haste mehr von.“

„Lass mal.“

Die Fahrt war entsprechend lange und er kam immer wieder drauf zurück:

„Nee, jetzt im Ernst – mach die Uhr doch aus. Dann musste’s deinem Chef nicht geben!“

„Vergiss es.“

„Warum denn nicht, sollst doch auch von was leben!“

„Das tue ich ja und ich hab nix davon, wenn mein Chef pleite geht, oder?“

„Des is‘ doch jetzt gar nicht das Thema!“

„Doch, isses.“

„Ach komm, Du hast doch eh nachher ’ne Leerfahrt zurück …“

„Ja, umso mehr gibt das keinen Sinn!“

An der ersten Adresse stiegen seine Kumpels aus. Die Uhr stand bei  26 €.

„Jetzt mach doch endlich die Uhr aus!“

„Nee – und jetzt komm: Jammer wegen der zwei Euro nicht rum!“

„Aber des sin‘ ja noch 5 bis bei mir!“

„Ach? Dann kommt das mit den 28,80 € aber nicht so wirklich hin …“

„Ja, weiß ja auch nicht.“

Ende der Fahrt. Endlich. Aalglatte 31 € auf der Uhr.

„Machste 35.“

„Danke.“

Was hat sich nun mehr gelohnt? 😉

So weit normal nervige Festpreisverhandler. Geht zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Umso mehr an Tagen wie gestern, an denen bei mir der Umsatz ohnehin passt. Interessant wird die Geschichte im hier ausgesparten Mittelteil. Denn dort outete er sich als Mitarbeiter einer Firma, die viel (sehr viel!) mit dem Taxigewerbe zu tun hat:

„Und für wen arbeitest Du? Ach warte, müsste ja hier – ah genau! – was? Domek und Habel! Is‘ ja geil! Die kenn‘ ich sogar! Einer deiner Chefs war mal auf einer Veranstaltung mit mir. Ey, Du hast echt Glück, is’n korrekter Typ. Da hab ich schon ganz andere kennengelernt. Coole Sache, ey! Nee, kannste froh sein, dass es noch solche Leute gibt im Gewerbe. Genau die Leute, mit denen ich auch echt gerne zusammenarbeite …“

Ist das noch dumm oder sind da schon Anzeichen für eine Spaltung der Persönlichkeit erkennbar?

Rezension: Idiotentest

„Ich war ein Idiot, das mußte nicht mehr ertestet werden. Fehlte nur noch ein entsprechendes Tattoo auf der Stirn.“

– Henry

Idiotentest, soso. Ich hab ja im Nachhinein schon grinsen müssen, weil mir mein Chef im Büro noch sagte, ich solle den Titel des Buches nicht zu ernst nehmen. Das Buch war das diesjährige Geburtstagsgeschenk von meiner Firma und ich muss sagen, sie haben damit einen echten Volltreffer gelandet.

Sollte ich jemals eine komplett fiktive Geschichte schreiben, dann würde ich mir wünschen, sie würde genau so werden.

Und es ist auch kein Zufall, dass ich die Rezension hier bei GNIT blogge. Es ist zwar kein explizites Taxi-Buch, der Held der Geschichte, ein ziemlich heruntergekommener Bursche namens Henry, ist aber Taxifahrer. Man erfährt nichts wirklich aus dem Taxi, aber der Autor Tom Liehr hat mit Henry tatsächlich den Prototypen des kaputten freakigen und von seinem Chef abgezockten Taxlers erschaffen:

Henry wohnt in einer WG mit seinen Kumpels Gonzo und Walter, die wie er ganz besonders charmant dödelige Charaktere sind. Abgesehen davon, dass sie alle drei ziemlich ziellos und ständig blau durchs Leben treiben und sich hauptsächlich von Buchstabensuppe ernähren, haben sie auch sonst nicht viel Ahnung von allem. Henry selbst ist nach seiner schweren Kindheit mehr oder weniger beziehungsunfähig; Walter ist ein stets in Musik vertiefter, wenig erfolgreicher Fachjournalist, der einen heimlichen Traum hegt und Gonzo ein Nerd, der so nerdig ist, dass er nicht einmal blickt, dass die Mädels alle auf ihn stehen. Leben kommt in die Bude, als Henry eines morgens verkatert erwacht und feststellt, dass er was mit Andrea hatte – der Wirtin ihrer Stammkneipe, von der so ziemlich jeder im Buch was will. Da selbst das noch nicht reicht, um Henrys Leben eine andere Richtung zu verleihen, setzt er sich nach einem schweren Verlust auch noch besoffen hinters Steuer seines Taxis. Was natürlich nicht folgenlos bleibt …

Die Geschichte des Romans ist nicht kompliziert, sie ließe sich in maximal 3 Sätzen erzählen. Liehrs Begabung liegt darin, die Personen in Kürze und Prägnanz zu schildern, absurd komische Situationen und Gegebenheiten in Bilder zu packen, ohne dabei platt zu wirken. Wer gerne einen Ausflug ins kuriose Leben Neuköllns machen möchte, wer gerne auf flache Witze verzichtet, um im Gegenzug liebevoll komische Soziogramme zu finden, der ist bei diesem Buch aber sowas von richtig! Ohne mich mit Liehr vergleichen zu wollen, würde ich sogar sagen, dass alle, die hier bei GNIT gerne lesen, dieses Buch lieben müssten.

Ich empfehle es wirklich von ganzem Herzen, es ist seine läppischen 7,95 € zweifelsohne wert!

Erschienen ist es schon 2005 im Aufbau Taschenbuch Verlag und man kriegt es natürlich auch über Amazon:

Tom Liehr – Idiotentest

Arbeit, Arbeit, Arbeit!

OK, ich bin vielleicht kein guter Maßstab. Ich habe immer gesagt, dass ich arbeite um zu leben, nicht lebe um zu arbeiten. Das Taxigewerbe gibt mir da die Möglichkeit, bei der regulären Lohnarbeit immer mal wieder kürzer zu treten. Weder die Option, noch die Einstellung teile ich mit allen, schon klar.

Allerdings hinterlassen mich die echten Workaholics tatsächlich immer ein bisschen irritiert. Als ich ein paar Tage in einem Umzugsunternehmen gearbeitet habe, bin ich auf einen jungen Mann getroffen, der zwar ohne großes Vergnügen, dafür auch ohne Mühen mit zwei Umzugskartons in der Hand an mir vorbeigesprintet ist und mich ermunterte, ich solle froh sein, kein Geld fürs Fitnessstudio ausgeben zu müssen und dann noch anmerkte, er bräuchte den harten Job, weil er sonst nur Blödsinn machen würde.

Mein ehemaliger Mitbewohner Ralf, Koch von Beruf, war zwar ein wenig gestört und nicht wirklich zur Selbstreflexion fähig, aber als er mal ein paar Wochen arbeitslos war, versank er in grenzenloser Phlegmatik, sah bis zu 12 Stunden am Stück fern und bemalte sich nebenher seine Beine mit Kuli. Völlig unfähig, sich selbst irgendwie sinnvoll zu beschäftigen.

Und nun hatte ich einen Fahrgast im Auto. Er wollte in einen Club gefahren werden und mit der Zeit stellte sich heraus, dass er trotz fortgeschrittener Stunde nicht etwa zum Feiern hinging. Er war auf dem Weg zur Arbeit. So weit, so gut.

„Eigentlich hätte ich heute ja frei. Ich komm‘ ja gerade von meinem anderen Job, bin schon seit 8 Uhr unterwegs.“

Ich beäugte argwöhnisch den Chronometer. Mitternacht.

„Aber ich mag das Kellnern und zwei Kolleginnen fallen heute aus, da hab ich zugesagt, einzuspringen. Klar, ein paar Drogen müssen sein, hab ja erst um 6 Uhr Feierabend und um 10 Uhr geht es mit dem anderen Job weiter.“

„Äh, wow. Und das ist nötig?“

„Ach naja, so irgendwie schon. Muss mein Auto bezahlen, mein Loft – so lange ich das hab, geht es mir gut!“

„Aber eine teure Wohnung haben und dann nie dort sein?“

„Passt schon, ich brauch das! War auch mal 4 Tage arbeitslos, das war die schlimmste Zeit meines Lebens!“

Keine Frage, meine Chefs würden mich lieben für so eine Arbeitseinstellung. Sie würden das nicht sagen, aber natürlich hätten sie was davon. Und solche Kollegen gibt es ja. Geiz ist geil, Geld ist alles und die Arbeit ist umsatzbasiert bezahlt. Selbst unter den Taxifahrern gibt es Leute, die über das bundesweite Durchschnittsgehalt kommen. Klar, die schlafen dann schon mal im Auto, wenn sie mal für ein paar Stunden nicht fahren, aber egal: Dafür können sie in 3D fernsehen, wenn sie am zweiten Weihnachtsfeiertag von 12 bis 17.30 Uhr mal zu Hause sind.

Ich kann es schwer verhehlen: mir fehlt das Verständnis dafür völlig. Obwohl ich den Job wirklich gerne hab. Mich würde mal interessieren, wie sich das bei Euch, meiner Leserschaft, so verhält. Haltet ihr es eher mit mir oder mit denen?

Was würdest Du am ehesten zu Deinem Motto ernennen?

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