Ach, SO knapp …

„Was schulde ich Ihnen?“

„Genau 10 Euro und 90 Cent.“

„Oh stimmt, den Zweier hab ich vorher ausgegeben. Ich müsste hier noch … oh nee, auch nicht … also ich hätte hier 10,30€.“

„Ich will nicht kleinlich sein, aber ich muss ja die 10,90€ bei meinem Chef …“

„Nein nein, ich hab’s ja nur …“

„Wenn Sie’s nur größer haben: Ich hab Wechselgeld. Ich würde jetzt gerne auch das mit der Kartenzahlung einwerfen, aber dann müsste ich noch die 1,50€ Zuschlag berechnen.“

„Ich hätte oben noch Geld, aber …“

„Ach so, kein Problem! Das passiert öfter mal. Wenn sie also kurz oben Geld holen wollen …“

„NEIN! Da müsste ich erst den Schlüssel holen!“

OK, dass es so schwierig werden würde, hab ich mir bis dato nicht ausgemalt.

Wie so oft wurde es aber auch gar nicht so schwierig. Sie hat den einen Fünfer in ihrem „Geheimfach“ noch gefunden. Ein bisschen weniger Panik hätte es also auch getan. 😉

Einmal für 17€ pinkeln

Sie ist am Sisyphos eingestiegen und wollte nach Mitte. Soweit normal. Sehr  schnell aber ging es nur um eines:

„I need to pee. I am literally in pain right now!“

Und ja: Ein Freund hatte ihr schon mitgeteilt, dass es am Sisyphos auch Toiletten für die Leute in der Schlange gibt. Nur war die Schlange leider zu lang, sie hatte sie schlicht noch nicht einmal in Aussicht gehabt. Da es ihr sichtlich schlecht hing, hab ich nach rund zwei Kilometern mal nachgefragt, ob wir nicht vielleicht doch einen Zwischenstop einlegen sollten, an irgendeiner Bar vielleicht.

„They might charge you 50 Cent or one Euro, but …“

„That’s ok! I just wanna pee!“

Also hab ich am nächstgelegenen Restaurant angehalten. Und während die dort angefangen haben aufzuräumen hat meine Kundin mal eben satte 3€ Wartezeit zum Pinkeln genutzt. Holla die Waldfee, DAS ist echt nicht mehr lustig!

Nach dem Wiedereinstieg beschloss sie dann, sich doch noch einmal in die Anderthalb-Stunden-Schlange am Sisyphos einzureihen. Mir kam das mehr als gelegen  und sie versicherte auch, dass es ihr das wert war. Aber 16,10€ Taxikosten plus Betrag X, den sie auf den Tresen gelegt hat … ich vermute mal, dass das einer der teuersten Toilettenbesuche ever war.

Einfach mal nett sein

Ich hatte nicht wirklich einen Grund zu klagen. Die Warterei am Ostbahnhof hat mir immerhin eine 20€-Tour in den Wedding beschert. Mit zwei wirklich netten Jungs, die sich am Ende dafür bedankten, dass es so eine nette Fahrt gewesen sei. Das Trinkgeld blieb zwar unterdurchschnittlich, aber man will ja wirklich nicht an den Details herumnörgeln.

Ich blieb gleich an der Ecke kurz stehen, um mir den Umsatz zu notieren, da klopfte es an meine Scheibe. Ein netter junger Mann fragte in gebrochenem Deutsch:

„Hallo? Hab ick je’and. Du fahre?“

„Äh, sicher.“

Zugegeben, meine Alarmglocken waren scharf geschaltet, denn in der Regel schaffen es die Fahrgäste ja selbst, ihre Anfrage zu formulieren. Und die junge Frau, die der Frager dann zum Taxi geleitete, wirkte auch ein wenig wackelig auf den Beinen. Kaum dass sie einstieg, war aber klar: Eher keine Kotzgefahr. Sie heulte wie ein Schloßhund und presste nur kurz eine grobe Richtungsangabe in der 25€-Region hervor. Für mich als Taxifahrer also erst einmal wow.

Andererseits hatte ich jetzt für mehr als 20 Minuten eine heulende Frau im Auto, das ist dem Menschen in mir dann doch auch etwas unangenehm.

Ich hab eine Weile warten müssen, dann aber irgendwann einen Punkt finden können, an dem ich ein „Alles in Ordnung bei ihnen?“ einwerfen konnte. Natürlich war nix in Ordnung. Aber ich konnte kurz und schnell das Eis brechen, indem ich sagte, dass ich ihr gerne ein Taschentuch anbieten würde, aber ausgerechnet heute keines dabei hätte.

(Was nicht gelogen war, denn ich hatte kurzfristig ein neues Auto bekommen. Details dazu gibt es die Tage mal, ich hab aber noch nicht einmal Fotos gemacht.)

Sie stammelte, dass sie so gerne eine rauchen würde und fragte, ob ich rauche. Da war ich ja nun gleich doppelt der Spielverderber mit meiner Aussage, ich hätte aufgehört. Sie meinte dann, dass sie ja „eigentlich“ auch aufgehört hätte, aber jetzt und hier … ob wir nicht zusammen eine rauchen könnten.

„Bitte lassen Sie mich da raus! Aber eine Ausnahme im Jahr genehmige ich mir im Hinblick auf die Taxiordnung. Wenn Sie also wollen, ich lasse ihnen das Fenster runter, rauchen Sie eine. Ich würde mir aber wünschen, Sie würden darauf achten, auch ordentlich aus dem Fenster zu aschen.“

Und schon konnte die unglücklichste Frau Berlins ausgerechnet in meinem Taxi für einen kleinen Moment gar nicht fassen, was für ein riesiges Glück sie hat. Obwohl das weder psychisch noch toxikologisch eine Meisterleistung war: Es hat ausgereicht, vorübergehend die Tränen versiegen zu lassen. 🙂

Der Rest war dann ein Bisschen Zuhören von meiner Seite aus. Einer Story, die um eine an diesem Abend beendete Beziehung und zu viel Rotwein kreiste. Es soll nicht abschätzig klingen, aber eine Überraschung war das da dann auch schon nicht mehr wirklich. Der Mensch in mir war schon einmal zufrieden und gegen Ende sollte es auch noch einmal was für den inneren Taxifahrer geben.

Als wir nämlich noch etwa zwei Minuten vom Ziel entfernt waren, standen etwa 22€ auf der Uhr. Sie kramte in ihrer Tasche und meinte:

„Ich möchte Ihnen schon mal, gleich vorweg, 50 € geben.“

„Danke, aber warten Sie doch bitte, bis …“

„Nein, nein! Ich meine ohne Rückgeld!“

„Oh. Äh, mal ganz im Ernst: Haben Sie sich das gut überlegt?“

„Ja, das passt so.“

Ich bin, deswegen hab ich’s so in die Überschrift gepackt, eigentlich nur einmal mehr einfach nett gewesen. Ich hab aber das Gefühl, dass das an diesem Abend für diese eine Kundin wirklich wichtig war.

Ich bin die Tage im Netz über so einen neunmalklugen Kalenderspruch gestolpert, der mir eigentlich zu kitschig war. Er besagte sinngemäß, dass man immer erst einmal nett sein sollte. Weil man, wenn man damit nicht weiterkommt, immer noch gemein sein könnte, ohne dass sich am Ergebnis was ändert; dass das aber umgekehrt sehr viel schwerer bis unmöglich wäre. Und nach der Fahrt ist mir das wieder eingefallen und ich hab mir überlegt, wie die Fahrt wohl ausgegangen wäre, wenn ich gleich zu Beginn zur Kundin gesagt hätte, sie solle mir mit dem Geschnodder ja nicht das Auto vollsauen. Ich schätze mal, dass es dann weniger als 110% Trinkgeld gewesen wären. 😉

Bescheuertster Ortskundefail ever!

„Hallo, wo darf’s hingehen?“

„Knorrpromenade.“

„Oh, welcher Stadtteil war das noch gleich?“

Und hier der nötige Einschub: Ja, es gibt in Berlin ausnahmsweise nur eine Knorrpromenade und die liegt sogar ziemlich unweit meiner Lieblingshalte am Ostbahnhof. Im Grunde kenne ich die, sogar inklusive Einbahnstraßenregelung. Da ich aber, wie ich immer gerne betone, auch als Taxifahrer nur mit Wasser koche, hab ich beim Stichwort „Promenade“ ein paar Kandidaten im Kopf, die nicht wirklich was miteinander zu tun haben. Und bevor man wegen eines kleinen Verhörers in einen komplett falschen Stadtteil startet, fragt man halt nochmal nach. Und die Antwort kam schnell:

„Torstraße, Schwedter Straße.“

OK, in der Ecke war mir das völlig fremd, also hatte ich da was verwechselt. Passiert. Irgendeine kleine Straße, die so ähnlich heißt, das ist wirklich Alltag. Immerhin wusste ich nun schon einmal, in welche Ecke es gehen sollte und bin losgefahren. Ich hab mir auf der Karte meines Trackers einen Wolf gezoomt, die Straße dort nicht gefunden und am Ende dann doch das Navi angeschmissen. Das aber leitete mich, obwohl inzwischen in die andere Richtung unterwegs, wie ich zunächst vermutet hatte, weiter nach Friedrichshain in den Boxhagener Kiez.

Obwohl ich bis dato dachte, der Kunde kenne sich aus, fragte ich mal eben schnell nach. Und ein Abgleich unseres Wissens ergab, dass natürlich das Navi und meine Intuition recht hatten. Der Fahrgast hatte noch vor dem Einstieg wohl etwas zu hektisch gegoogelt und war dank persönlichen Algorithmen für mich nicht mehr nachvollziehbar sehr schnell bei einer Firma gelandet, die zwar die Knorrpromenade im Namen führt, aber eben in der Schwedter Straße angesiedelt ist.

Das Ende vom Lied war fast schon langweilig und ist hier trotzdem erwähnenswert: Er hat das auf seine Kappe genommen und sich für die Weitergabe der falschen Infos entschuldigt. Und am Ende mittels Trinkgeld sogar den eigentlich höheren Betrag bis zu seiner Fantasieadresse gezahlt, den ich zunächst in den Raum geworfen hatte.

Natürlich war ich nicht gänzlich unschuldig, ich hätte meinem Wissen auch einfach vertrauen können. Aber ich glaube, dass es in einer großen Stadt mit etlichen doppelten Straßennamen auch nicht dumm ist, bei einer schnellen und deutlichen Ortsangabe erst einmal den Kunden zu vertrauen. Wie ich gerne sage: Vor der eigenen Haustüre kennen sich die Fahrgäste natürlich besser aus als ich. Dass ihr Ziel erst kürzlich falsch ergoogelt wurde, kann ich nicht immer erahnen.

In dem Fall war das Ergebnis wie gesagt super. Denn mal abgesehen vom Trinkgeld hatte ich am Ende einen Kunden, der trotz Umweg und damit höheren Kosten einfach nur nett und verständnisvoll war. Es ist ja nicht einmal so, dass ich in dem Fall nicht ein Auge zugedrückt hätte bezüglich des Preises, aber diese Variante ist einfach nur nice!

Mal wieder eine Kundenroute

Auf dem Bild sieht das ja erst einmal ganz nett aus:

„So fahr‘ ich immer!“ Quelle: openrouteservice.org

Dass die kürzeste Route ein Spezialfetisch von uns Taxifahrern ist: Schon klar. Dass ein Kunde also nicht an die Marzahner Chaussee (erkennbar hilfreich schräg im Bild) denkt, ist in Ordnung. Aber ausgerechnet die Schleife auf die Märkische Allee fahren zu wollen (anstatt direkt auf den Blumberger Damm) oder gefühlte dreihundert Kilometer die Oberfeldstraße (die lange senkrechte Strecke) anstelle des – nun ja, Blumberger Damms – wo weitgehend rechts vor links herrscht …

Ich weiß, für Nicht-Marzahner wirkt das geradezu kleinlich, trotz Blick auf die Karte. Aber sowas  absurdes habe ich selten erlebt. Dass Kunden mal auch nachts die „tagsüber schnellere“ Strecke wählen: OK. Aber ein verlängerter Weg bei gleichzeitig massiv erhöhter Nervigkeit ist echt beeindruckend!

Eigentlich BVG-Kunden

Eine Truppe Winker in Friedrichsfelde. Eine (weitgehend) nüchterne Frau und zwei sturzbesoffene Kerle mit Getränkebechern. Ich verstehe die Kollegen, die das gar nicht machen, aber ich bin halt der Gutmütige, der am Ende auch noch den Rest einsammelt. Ich hab um Vorsicht gebeten, die beiden haben mir selbige versprochen, so wie sie auch sonst alles auf der Welt versprochen hätten. Alles. Auch einen Friedensvertrag zwischen den USA und Nordkorea. Aber immerhin hat das mit den Bechern geklappt.

Die Frau wollte nach Marzahn, die beiden Jungs nach Hellersdorf und Hönow. Schnell war klar, dass die 20€ von ihr  für alles nicht reichen würden. Also eine Straßenbahnstation. M6, meine Linie, kenn‘ ich. Anstatt sie drei Kilometer nach der zurechnungsfähigen Kundin rauszuschmeißen, kam mir die Haltestelle vor meiner Haustüre in den Sinn. Sie fanden das gut, es gab kein Geklecker, alles super.

Ich zu meiner nunmehr einzigen Kundin:

„Sorry, sollte nicht fies aussehen, aber mit den beiden am Ende alleine … da wäre ich der einzig zurechnungsfähige Mensch im Wagen gewesen.“

„Oh, das verstehe ich total!“

Am Ende blieben mehr als drei Euro Trinkgeld und der Hinweis, ich fahre „sehr gut“.

Was ein paar Minuten  zuvor noch mit „Wo biste’n jetze? Hohenschönhausen oder wat?“  kommentiert worden war. Einmal mehr: Alles richtig gemacht!

Und  an die BVG: Sorry, falls Putzarbeit angefallen ist!

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Unzureichendes Pfand

„Hey, hey, erst einmal eine Frage: Ich bin Polizeibeamter!“

Interessante Defintion des Wortes „Frage“.

„Ich hab kein Geld, gar nix. Keine EC-Karte, kein Bargeld …“

„OK.“

„Würdest Du mich heimfahren und ich …“

Uff. Er wird es kaum erahnt haben, aber die letzte „Zechprellerin“ behauptete, sie wäre Polizistin. So gesehen ein eher suboptimaler Start. Aber er fuhr erheblich besser fort:

„Könnten wir bei mir zuhause halten, ich springe hoch und gebe Dir das Geld?“

„Kein Problem. Sowas kommt öfter vor.“

Seit der Kartenannahmepflicht zwar seltener, aber ja, auch jetzt noch. Kein Ding, ehrlich. Immer wieder: Ich hab in nunmehr über acht Jahren Nachtschicht vielleicht 120 bis 150€ Umsatz letzten Endes nicht gesehen. Locker die Hälfte haben am Ende demente Kunden ausgemacht, der Rest hat sich eher zusammengeläppert. Hier mal ein Euro zu wenig, da mal drei. Zuhause Geld holen hat nur einer mal bei weniger als einem Zehner versemmelt. Aber der war bekifft wie eine Horde Amsterdam-Touristen und am Ende hab ich die Kohle dann doch gekriegt.

„Ich hab auch schon mal ’nem Taxifahrer meine Uhr vermacht, so als Pfand. Geht jetzt halt schlecht, weil ich nur ’ne Billig-Uhr dabei hab …“

„Aber …“

„Nee, die hat vielleicht 100 € gekostet, aber …“

„Na dann reicht sie mir als Pfand für eine Tour von vielleicht 20€ ja locker!“

Damit könnte die Sache in Ordnung sein. Trotz der Geschichte mit dem Einkaufs- und Verkaufspreis, dem Wertverlust etc. pp.
Aber er hat sich bei der Abgabe weiterhin entschuldigt, dass er ja nix „richtiges“ dalassen könne.

Den Ansatz verstehe ich gut und ich bin froh, dass er so gedacht hat. Aber am Ende hab ich natürlich einfach die Uhr rausgerückt und im Gegenzug den Preis für die Tour plus mehr als einen Fünfer Trinkgeld bekommen. Für mein „Vertrauen“.

Ich weiß, dass Taxifahren teuer ist und ja, natürlich will ich meine Bezahlung sicherstellen. Andererseits glaube ich, dass ich im Gegenzug trotzdem schmunzeln darf, wenn jemand so unverhältnismäßig Panik schiebt, oder?