Der erste Fahrgast

*Trommelwirbel*

SCHBIN WIEDER DA!

So. Zurück aus der Elternzeit. Oder besser gesagt so halb, denn seit drei Tagen bin ich offiziell nur in Teilzeit beschäftigt wegen Elterngeld+. Aber das ist hier jetzt ja auch egal. Da die Fragen kommen werden: Es geht der ganzen Familie gut und dem kleinen Spatz fehlen keine 130 cm mehr, bis er größer ist als ich. Guter Start.

Gut war der Start auch gestern Abend, zumindest wenn man etwas Vorgeplänkel mit vergessenem Portemonnaie und so abzieht. Ja, ich weiß – aber man kommt halt echt nicht oft erst nach vier Monaten wieder zurück zur Arbeit und ich bin ehrlich gesagt schon ein bisschen stolz, dass ich keine Anleitung fürs Taxameter gebraucht habe.

Ja, gleich der erste Fahrgast vom Bahnhof Friedrichsfelde Ost zur Metro war in gewisser Weise etwas speziell:

Ein „Fahrgast“. Quelle: Sash

Jepp. Ein Schlüsselbund.

Und der Typ, der mich gebeten hat, den Schlüssel zu transportieren, war sich seiner Sache deutlich unsicherer als ich. Für mich war klar, dass ich selten so eine stressfreie Fahrt haben werde. Aber ich wurde später nochmal angerufen, mein Nummernschild wurde fotografiert, das ganze Programm. Und am Ende wurde mir versprochen, dass das nächste Mal gleich ich angerufen werde. 🙂

Da der Schlüssel zu einem Lieferwagen gehörte, war das halt wohl schon alles recht wichtig, aber mal im Ernst: Das sind Menschen ja auch immer. Für mich war’s wirklich nur ein „OK, dem kann ich wohl nix von meiner Elternzeit erzählen“. Das Geld gab’s im Voraus und das mit dem Trinkgeld hat dann der glückliche Schlüsselempfänger übernommen. Und natürlich war’s schneller und günstiger als wenn der Typ mitgefahren wäre und dann wieder zurück.

Und ich finde es auch ok, wenn Leute bei so Randbereichen der Taxidienstleistung etwas unsicher sind. Ich glaube, ich bin gar nicht so schlecht darin, Dinge zu erklären. Manchmal mache ich das ja sogar schriftlich. 😉

Sechs. Und. Dreißig. Minuten.

Gewartet hatte ich auf die Tour gut eine Stunde, in der so ungefähr gar nix passiert ist. Ganz zu Beginn habe ich einen Auftrag in Köpenick weggeklickt, aber da wäre die Fahrt kürzer als die Anfahrt gewesen.

Da hatte ich mit der folgenden halben Stunde noch nicht im Ansatz gerechnet. Und die Tour kam unspektakulär daher. Ein Rollator war angegeben, darüber denke ich mit einem Zafira gar nicht mehr nach. Gepäck wird einmal alle 5 Jahre bei Booten ein Problem, der Rest passt einfach. Also machte ich mich auf, die (mit Ampeln) drei Minuten bis zur Kennsteschonstraße 14 zu fahren. Dort fuhr ich gleich links auf eine Einfahrt neben dem Eingang anstatt auf der anderen Straßenseite zu halten. Rollator … wir wollen’s ja nicht unnötig schwierig machen.

Und dann kamen Susanne und Ilse.

Susanne und Ilse waren zusammengenommen etwa genau so hoch, halb so schwer, aber zwölfmal so alt wie ich. Ich stellte mich kurz als Taxifahrer vor und kaum nachdem Susanne ihren Rollator binnen einer flotten Minute über die 50cm Kopfsteinpflaster vor der Tür auf den ordentlichen Gehweg geschubst hatte, sah sie praktisch auch schon mein Auto. Deswegen stand ich ja 5 statt 10 Meter entfernt. Zwei Minuten später war sie dann auch am Wagen und das Einsteigen ging für ihre Verhältnisse eigentlich recht fix.

Dafür wehrte sich der Rollator doch und ich musste ihn ziemlich doof verkeilen in der Kiste. Und natürlich wollte jemand aus der Einfahrt fahren, während der Rollator aus dem Kofferraum hing, Ilses Beine hinten aus der Tür und während Susanne sich dreimal entschuldigte, dass es ja nur eine so kurze Tour sei. Hat sich aber alles regeln lassen und eine Minute später waren wir alle bereit zum Start.

„Wir müssen in die Kennsteschonstraße 25.“

Elf. Hausnummern.

Aber gut, ich sage Google kurz, zu welcher Nummer ich will und die beiden Damen meinen auch, dass ich da mal Richtung Kirche fahren soll. Die Kirche kenne ich und dass ich danach drehen soll, gibt auch Sinn, denn davor ist die Straße eine Weile lang geteilt, man muss da ständig wenden in der Straße, einfach um auf die andere Seite zu kommen. Dort sehe ich aber, dass sich sowohl Google als auch die beiden Damen geirrt hatten und wir ganz zu Beginn statt nach links einfach nach rechts hätten starten müssen. Der ganze Schlenker war völlig unnötig. Und während ich das erklären will und wir direkt da vorbeifahren, wo ich sie eingeladen habe, meint Ilse:

„Nee nee, das stimmt so. Man muss immer um die Kirche rum!“

So sehr wie Hamburg auf der Strecke Stuttgart-München liegt, aber sei’s drum, es ist ja nicht zu meinem Schaden gewesen.

„Da vorne ist dann so eine Auffahrt …“

„Sie meinen die hier? Da steht ‚zu den Nummern 25 und 26‘.“

„Nee nee, wir sind ja mit Auto, fahren Sie hier mal weiter.“

Kurz gesagt: Wir sind zwei Minuten später dann doch durch diese Einfahrt gefahren, denn natürlich war es die richtige. Aber gut, Nummer 25, geschafft!

„Sie, ich bin mir jetzt nicht sicher, ob ich genug Geld dabei habe.“

OK. Kann bei 5,70€ schon mal passieren. Nicht oft, aber es kann passieren.

Da krähte Ilse dazwischen, dass sie das bezahlen möchte.

„NEIN ILSE, DAS HAB ICH DIR VERSPROCHEN!“

„ABER ICH BIN DOCH VIEL SCHNELLER WIEDER UNTEN ALS DU!“

„NEIN, BIST DU NICHT!“

Dann stellte sich raus, dass Susanne ihre Tasche entweder zuhause oder im Seniorentreff liegenlassen hat, dass es auch ihr Rollator ist und überhaupt durfte ich ihren Stock und den Schlüssel nehmen, während sie „nur kurz hoch, Geld holen“ wollte. Ich fragte dann mal nach, ob ich nicht besser mit hochkommen soll, damit sie nicht nochmal runter müsse – und Himmel, ich hatte da ja noch keine Ahnung, dass ich da sonst vermutlich immer noch warten würde. Denn mit Rollator musste Susanne wegen der Rampe „zum anderen Eingang“, der zwar nur 30 Meter entfernt lag, das aber ungelogen zwei Minuten in ihrem Tempo waren. Ich bin bis zur Tür vor, hab den Stock abgestellt, bin zurück, hab das Auto kurz umgeparkt und abgeschlossen, bin wieder zur Tür und da hatte Susanne dann fast die halbe Rampe geschafft.

Und jetzt kam der Clou: Im Haus wohnte sie quasi direkt über der Tür, aber zuerst musste man die 30 Meter wieder zurück zum Haupteingang, dort in den Aufzug und oben dann nochmal den ganzen Weg zurück.

Während wir noch auf dem Hinweg waren, stapfte auf der anderen Seite bereits Ilse entnervt mit Portemonnaie in der Hand raus, ohne uns zu sehen und offenbar um mich draußen zu bezahlen. Das wäre verlockend gewesen, aber während unserer bisher 5 Minuten Fußweg hat mir Susanne eingeschärft, ja kein Geld von Ilse zu nehmen.

Ilse holte uns an erst Susannes Zimmertür ein, was bedeuten muss, dass sie draußen knappe 10 Minuten nach mir gesucht hat. Zwei so quirlige Seniorinnen sind aber auch wie ein Sack Flöhe!

Aber gut, am Ende standen wir in Susannes Zimmer, wo zwar ihre Tasche nicht war, aber egal:

„Die taucht schon wieder auf! Wie mein Stock. Den hab ich ein halbes Jahr vermisst – und dann war der einfach wieder, wo ist mein Stock?“

„Den habe ich hier. Und den Schlüssel habe ich auf ihren Rollator gelegt.“

Inzwischen war es Ilse aber zuviel, die herumtippelte, als müsse sie aufs Klo, dabei wollte sie nur unbedingt die Fahrt bezahlen. Sie hat Susanne in Nullkommanix überzeugt gehabt, dass sie wenigstens ihren Anteil von 2,50€ (wie auch immer sich DAS jetzt berechnen ließ) übernimmt. Also hatte ich das Kleingeld in der Tasche, Ilse verabschiedete sich flott und Susanne kramte erst einmal in ihrem Geheimfach am Wohnzimmertischchen, während sie mich einmal mehr fragte, wo ihr Schlüssel sei.

„Was muss ich denn noch zahlen?“

„Es sind jetzt noch 3,20€ offen.“

„Dann nehmen sie das.“

Ein Zehner. Ich hab mich kurz vergewissern müssen, ob das ihre Absicht war und erklärt, dass das schon sehr viel Trinkgeld sei.

„Jaja, aber ich bin ja auch sehr froh, dass ich jetzt zu Hause bin, verstehen Sie das?“

„Selbstverständlich. Aber genau dafür sind wir ja auch da.“

Sie hat sich noch ein Minütchen in Erinnerungen verloren, wie nett bisher all die Taxifahrer gewesen seien, dann hat sich mich aber auch resolut hinausgebeten. Hatte der Hinweg mindestens 15 Minuten gedauert, saß ich jetzt binnen 40 Sekunden wieder im Auto. Es geht ja so einfach, wenn man noch „jung“ ist und aus dem reinen Heimkommen noch nicht so eine große Sache geworden ist. Ich hab gleich auf die Uhr gesehen und deswegen weiß ich, dass das ohne Übertreibung 33 Minuten waren. Plus drei Minuten Anfahrt.

Mal abgesehen davon, dass das fürstliche Trinkgeld die Zeit schon wettgemacht hat: Es hat trotzdem wie die Faust aufs Auge gepasst, dass ich ausgerechnet nach dieser Fahrt die einzige Winktertour in der Nacht bekommen hab. Man fühlt sich halt doch auch ein wenig unfreiwillig entschleunigt bei solchen Touren.

Hasse Kraft?

Das hat er mich gleich zu Beginn so gefragt:

„Hasse Kraft?“

Und das nicht, wie ich zunächst befürchtete, weil ich zuvor am Stand die Augen kurz zugemacht hatte:

„Ick hab da’n Fernseher jefunn! Sauschwer. Bin eben umjefalln!“

Nachvollziehbar. Es handelte sich um ein Röhrenungetüm, das näher an unserem 43“-TV war als an meinen 24“-PC-Monitoren und der Typ war um die 60 und wog allenfalls so viel wie die oberen 30% meiner Wenigkeit. Zu zweit war das Ding aber in Windeseile gewuppt und dann ging es zu ihm. Er erzählte mir, dass er die Dinger ausschlachtet, ein bisschen Kohle neben Hartz4, „verstehste?“

Überhaupt hab ich noch einiges aus seinem Leben erzählt bekommen.

Am Ziel angekommen hab ich natürlich auch beim Ausladen geholfen. War aber genauso schnell erledigt, ab der Tür hat dann sein Kumpel mitangepackt, den er in seiner Wohnung einquartiert hätte, weil jener „gar keene Bude“ hätte.

„Wat krichsn jetz?“

„Naja, 13,90€ haben wir schon zusammenbekommen.“

Nur einen Zehner zu bekommen hätte mich nach der Story nicht überrascht. Stattdessen waren es zwei. Und die sollte ich behalten. Unbedingt:

„Dit is ok! Weil de jeholfn hast!“

Also meinen Job gemacht. Aber er schob sogar nach:

„Dit is aba in Ordnung? So finanziell, ja?“

Sagen wir’s mal so: Das höchste Trinkgeld der Schicht. Von einem Arbeitslosen, der seit zwei Jahren keinen Strom in der Bude hat und Fernseher ausschlachtet, um einen obdachlosen Kumpel mit durchzubringen.

Sowas hätte ich gerne einmal von den Typen, die sich gerne verächtlich von „diesen Asozialen“ abgrenzen …

Aus dem seltsamen Universum der Menschen (1)

Ein Einsteiger am Ostbahnhof. Zum Flughafen Schönefeld. Reisegepäck: Ein halbvoller Krug Bier*.

WTF?

„So, right to the Airport? I mean, I guess you’re heading for a hotel nearby.“

„No, the Airport. Gotta catch my flight.“

„And this is your luggage?“

„Yeah. Came without anythin this morning. Was only here for Hertha.“

Ein Hertha-Fan aus London, laut eigenen Angaben zu jedem Spiel in der Stadt. Da muss auch ich Nicht-Fußballfan meinen Hut ziehen. 🙂

*Ja, liebe Kollegen: Wie schon oft gesagt: Wenn irgendwann mal wer ein Bier bei mir verschüttet, überlege ich mir das mit dem Mitnehmen. Hat halt echt noch keiner in den letzten achteinhalb Jahren gemacht.

Offensichtliches

„Und? Jetzt auf dem Weg nach Hause?“

„Äh … ja. Wieso …?“

„Sorry, wollte nicht aufdringlich sein! Dachte mir nur, dass niemand zwei Stühle in den Kofferraum lädt und dann zu einer Party fährt.“

„Ah, ach so, haha! Ja, da haben Sie recht!“

Captain Obvious und so. 🙂

Touren, mit denen man anfängt

Der Kollege am Bahnhof jammerte mich gerade noch zu über seine ach so kurze Tour zur Krossener Straße, bevor ich überhaupt eine bezahlte Fahrt zu vermelden hatte.

(Was im Übrigen völlig ok war, das möchte ich hier auch mal erwähnen, weil ich es selten tue: Nur weil das Ablehnen von kurzen Touren verboten ist und ich es unverschämt finde, Kunden wegen solcher Fahrten schlecht zu behandeln: Dass man unter Kollegen mal theatralisch über das Pech an der Halte klagt, ist selbstverständlich kein Ausschluss-Kriterium für gute Taxifahrer, das gehört bei uns wie bei jedem Dienstleistungsjob auch dazu, das mache ich auch.)

Aber gut, der Kollege hatte also gerade zu Ende gejammert, da bekam ich eine Kundin.

„Wir müssen da hinten auf den Baumarkt-Parkplatz.“

OK, da war immerhin schon mal klar, dass es noch weitergehen würde. 😉

Also habe ich frohgemut beim Einladen von ein paar Farbeimern geholfen und wartete gespannt aufs weitere Ziel.

„Wir müssten in die Grünberger.“

Noch vor der Warschauer! Nicht, dass mich das ernstlich geschockt hätte, ich hatte viel eher vor Augen, wie ich dem Kollegen eine halbe Stunde später berichten würde, dass seine Tour ja gar nix gewesen sei und ich mit Zwischenstopp und Gepäckverstauen am Ende nochmal zwei Euro weniger auf der Uhr gehabt hätte.

Aber dann war das dort nur ein weiterer bezahlter Zwischenstopp und am Ende kam die Uhr bei durchschnittlichen 13 € zum Stehen.

Und bei all dem Renovierkrempel, der inzwischen fast den ganzen Kofferraum der 2223 ausgefüllt hat, bleibt einmal mehr anzumerken, dass man Taxis wirklich nicht ausschließen muss, wenn es um den Abtransport von Einkäufen angeht. Klar, gefühlt ist das immer sofort superteuer, aber wenn man sich mal anschaut, was für einen Stress man ohne eigenes Auto z.B. mit dem Anmieten von Mietwagen oder dem Abholen von CarSharing-Autos hat: Wenn es danach nicht gleich durchs halbe Bundesland geht, ist die kleine Preisdifferenz dann manchmal vielleicht doch zu vernachlässigen. So es sie in einem Fall wie dem obigen überhaupt gegeben hat, bei dem es immerhin um einen guten Teil von Renovierungsvorarbeiten ging.

Kleiner Nachteil für mich persönlich: Ich hatte keinen Grund mehr, dem Kollegen was vorzujammern. 😉

Ganz spezielle Kurztouren

Es gibt so Abende – wie gestern – da kriegt man eine kurze Fahrt nach der anderen. Beziehungsweise, und das ist das Drama, man kriegt ungefähr einmal pro Stunde eine kurze Fahrt und sonst nix.

Das kann natürlich nicht auf Dauer klappen, so viele kurze Touren geben einzelne Halten ja gar nicht her. Da muss sich das Schicksal dann neben den Hotel- und Zum-geparkten-Auto-Fahrten noch ein bisschen mehr einfallen lassen. In meinem Fall gestern war das eine Fahrt vom Ostbahnhof zur Mercedes-Benz-Arena, bzw. gegenüber zu Anlegestelle. Irgendwas um die 750 Meter. An sich nicht bemerkenswert, hätte zu der Fahrt nicht ein voller Kasten Bier und ein funktionstüchtiges Fahrrad gehört.

Well played, Murphy!

Aber um’s geradezurücken: Selten hat ein Fahrrad so schnell ins Auto gepasst; und wenn ich Lust gehabt hätte, hätte ich sogar noch ein Bier zusätzlich zum Trinkgeld bekommen. Das allerdings wollte ich nicht noch stundenlang durch die Gegend schaukeln, sowas nehme ich nur im letzten Drittel der Schicht an. 🙂