Was man nie zu schätzen lernt

„Wow, your English is impressive.“

„Ah, that’s just training with all my customers, I always got bad grades in English.“

„But you learned it in school?“

„Yes. Most of us germans do so.“

„…“

„Many of us also learn a second foreign language.“

„Then I guess we in Australia are just lazy as fuck. We don’t learn anything else than English.“

Ich glaube, wir wissen gar nicht genug zu schätzen, was uns Fremdsprachen bringen. Und mal ganz ehrlich: Sich im Taxi mit australischen Kunden unterhalten zu können steht wirklich ganz weit unten auf der Liste der Möglichkeiten, die einem das eröffnet.

Mehr als Du!

Kneipenauftrag in Marzahn. Aber keine der ganz schlimmen Kneipen. Und siehe da: Eine Familie. Gut angetrunken, allesamt, aber immerhin ohne Minderjährige. Der Start gestaltet sich schwierig, weil sich die Tochter noch einen Döner ums Eck holen will, dann doch lieber auf dem Weg, dann kurz vor zuhause und außerdem ist sie so blau, dass sie sich erst einmal im Fond quer über ihre Eltern legt und Papa fragt, ob er ihr die Beine massieren möchte.

Wenn ich mit meiner WG-Vergangenheit auf eines nicht gefasst war, dann dass mir als Taxifahrer noch so viele Ausprägungen von alkoholinduzierter Verpeiltheit aufgezeigt würden, die ich bis dato nicht kannte.

Statt die Tochter zu massieren erklärte mir der Vater dann, dass die Tochter heute ihr erstes Gehalt erhalten habe.

„Na, das ist doch mal ein Grund!“,

warf ich mitfühlend in die Runde.

„Erss Jehaaald. Un‘ mehr als Du in ein Jaaah mach’s!“

Sympathie von hundert auf null. Wie so ein sich outender AfD-Wähler.

Und nicht falsch verstehen. Ich mach schon ein paar Jahre lang Jobs im Niedriglohnbereich, ich komme irgendwie ziemlich gut damit klar, dass andere Leute mehr verdienen als ich. Mir ist es erschreckend egal, wie offen die Möglichkeiten des Geldverdienens nach oben hin sind, all meine ach so „neidische“ Kapitalismuskritik hat sich immer daran aufgehangen, dass es vielerorts am unteren Ende nicht reicht. Weswegen ich ganz ganz besonders so herablassendes Verhalten eklig finde.

Und ratet mal!

Jepp. Genau 50 Cent Trinkgeld. Nach Rechenspielen, ob ich nicht gerade 1,50 € draus gemacht hätte.

Noch 18

Zwei nette Frauen baten mich, zu einem Club in einem Außenbezirk zu fahren. Und wollten von mir wissen, ob da „nur die Jungen“ feiern würden. Puh, also mal abgesehen davon, dass ich diese Clubs außerhalb meist für anderweitig gruselig halte und mehr als nur unterschiedliche Kundschaft in all den Jahren dorthin gebracht habe, ist ansonsten so ziemlich alles, was ich über den Laden weiß, dass da vor geraumer Zeit jemand erschossen wurde.

„Also nicht nur Teenies, würde ich schätzen …“

Das Gespräch eskalierte schnell, denn sobald die beiden sich als Mütter an ihrem kinderfreien Abend outeten, konnte ich als notorisch schlechter Lügner meine noch junge Vaterschaft dann ja auch nicht lange verschweigen. Nach all den Ach’s und Oh’s bemerkte die eine aber zielsicher:

„Naja, deswegen kann ich ja trotzdem noch feiern. Ich hab irgendwie nicht das Gefühl, als sei ich eine andere Person, als damals, als ich 18 war. Ich bin doch immer noch quasi 18!“

Da räusperte sich die andere und meinte:

„Niko.“

„JAJA, IST JA GUT!“

Ich blickte provokativ undwissend in die Runde und dann meinte die Quasi-18-jährige:

„Niko ist mein Ältester. Der wird nächsten Monat 18.“

Und hey, jetzt hab ich auch wieder über all die Altersgeschichten nachdenken müssen, denn unser Spatz ist 5 Monate alt und die gute Frau war nur zwei Jahre älter als ich …

Serienkillerin. Das Übliche.

Kneipenauftrag in Marzahn, aber man tut als Taxifahrer ja, was man kann. Das stark alkoholisierte Pärchen kommt mir schon entgegengetorkelt, es läuft eigentlich gut. Die Zieladresse kenne ich so auf etwa 500 Meter genau, passt also auch.

„OK, die X-Straße. Also ich würde sagen, der kürzeste Weg müsste …“

„IS EJAAAL! FAHR EINFACH!“

Es ist nicht so, dass ich solche Freibriefe nicht zu schätzen wüsste, aber es gab durchaus zwei potenzielle Routen. Immerhin war seine Freundin eine helfende Stimme:

„Hier rechts, dann links. Hören Sie auf die Frau auf der Rückbank, besser nicht auf ihn.“

„Jetzt wo Sie es sagen: Scheint mir eine vernünftige Wahl zu sein!“

🙂

Ich hüte mich sonst ja sehr davor, bei Pärchenansagen parteiisch zu sein, aber hier gab es halt ein Promillegefälle von mindestens 1,5. Der Freund wollte dann unterwegs noch zu einer (bereits geschlossenen) anderen Kneipe, wusste am Ziel nicht einmal, dass er nicht in jener Kneipe angekommen ist und musste aus dem Auto gezogen werden. Mit seiner Freundin indes hab ich mich recht nett über die Schwierigkeiten mit besoffener Kundschaft unterhalten können, denn sie war Barkeeperin und dass sie mit ihm unterwegs war, kann ich bloß so interpretieren, dass es keine Fiktion ist, dass in seltenen Ausnahmefällen wirklich mal vorkommt, dass Generalverschmandete die hübsche Bedienung abschleppen.

„Keine Sorge, er ist sonst schon eher hilfreich …“

„BINSCHIER IM OCHSEN?“

„Nein, Schatz.“

„BINSCHIER SUHAUSE?“

„Das ist doch jetzt egal.“

Ich hab eingeworfen:

„Ich hoffe doch, dass das Ihr Zuhause ist, sonst hab ich Sorgen, wobei ich hier gerade helfe.“

Und sie, eiskalt:

„Ich bringe ihn jetzt in meinen Keller und morgen entsorge ich ihn dann stückchenweise.“

„SCHMUSSIN KELLER?“

„Nein Schatz, alles ok … machen Sie sich keine Sorgen, Herr Taxifahrer!“

Ich bemühe mich. 😀

Weinerlicher Trinkgeldgeber

Es gibt so Leute, die könnte man sich als Nicht-Dienstleister echt nicht ausdenken. Zum Beispiel den Typen, den ich mit zwei Kumpels in Friedrichsfelde eingeladen habe. Er sagte mir flott von der Rückbank an, dass ich sie ins Krankenhaus bringen solle, sein Freund sei verletzt. Der nun wiederum saß neben mir und sah erst einmal ganz vergnügt aus.

Aber der Typ von der Rückbank begann nach der kurzen Klärung, in welches KH sie denn nun wirklich wollten, gleich mal mit seiner wichtigen Feststellung, dass ich ja nun eigentlich verpflichtet sei, sie umsonst dorthin zu bringen, weil der Kumpel ja verletzt sei. Ich hab das ohne mal kurz alle Paragraphen zu wälzen wie folgt beantwortet:

„Nö.“

Meine neu erworbene Lieblingsnervensäge hatte Glück. Denn zum einen war sein erster Satz „Wir bezahlen natürlich trotzdem, logo!“ und zudem haben ihn seine Kumpels aufgefordert, ruhig zu sein. Aber dann stieg er während der Fahrt voll ein und versuchte mir abzuringen, dass es jetzt eigentlich nicht in Ordnung wäre, dass ich ihnen Geld berechne, weil das ja „meine Pflicht“ sei, Verletzten zu helfen.

Wie gesagt: Ich hab nicht Jura studiert und bin offen einer gegenteiligen Aussage diesbezüglich, aber ich bin mir doch sehr sicher, dass das nicht so ist. Wie ich dem Fahrgast auch schnell mal gesagt habe, bin ich als Mensch und Bürger selbstverständlich in der Pflicht, gegebenenfalls Hilfe zu leisten – was aber natürlich nicht mit einschließt, dass ich meine Dienstleistung kostenlos anbiete. Ich bin mir sicher, dass sich selbst (bzw. gerade!) im Falle von Schwerverletzten meine Pflicht darauf beschränkt, den Rettungsdienst zu alarmieren.

Aber das wollte der eloquente junge Mann nicht hören und redete und redete auf mich ein, was ich denn machen würde, wenn X und Y wäre und überhaupt und sowieso!

„Ja oder Nein? Ja oder nein? JA ODER NEIN? JA ODER NEIN? JA ODER NEIN?“

„NEIN.“

„Was, wie kannst Du, Du bist als Taxifahrer …“

„KANNST DU JETZT MAL DIE KLAPPE HALTEN!?“

Und mal im Ernst: Man muss es wirklich erst einmal schaffen, mich bei nur zwei Kilometern Strecke so zu reizen, dass ich laut werde. Aber meine Fresse war der Typ nervig. Wenn er mich wenigstens hätte ausreden lassen!

Was dann aber folgte, war so eine Art Meta-Parodie. Während der „schwer verletzte“ Kumpel auf dem Beifahrersitz seine blutende Lippe – das war die Verletzung! – im Spiegel beäugte, wurde der dritte im Bunde plötzlich nachdenklich und bat mich, doch bitte nicht so schlimme Worte zu benutzen. Ich hätte seinem Freund gesagt, er solle „die Klappe halten“ und das wäre nicht nett. Sie würden so ein Vokabular nicht benutzen und es wäre nicht fair, dass ich das tun würde.

Und das ist kein Witz. Ich hab nicht einmal „Fresse“ gesagt, obwohl es selbstverständlich genau so gemeint war*.

Der Rest der Fahrt verlief recht leise, aber dennoch mit dem anhaltenden Tenor, dass es nicht ok war, was ich gesagt hätte.

WHAT

THE

FUCK?

Während mich der schwer verletzte Beifahrer bezahlte, ermahnte mich der Ach-so-gut-bescheid-Wisser dann noch einmal, dass es echt lieb wäre, wenn ich mich bei ihm entschuldigen würde. Das war in Anbetracht der Tatsache, dass das drei Männer in meinem Alter mit großer Klappe waren, so absurd, dass ich’s einfach gemacht habe. Ich bin ja kein Unmensch und will ja nicht, dass einer weinen muss.

Und was soll ich sagen? Dafür gab’s sogar Trinkgeld.

Hätte ich keinen Blog, läge mir sehr viel daran, diesen Bullshit einfach zu verdrängen. 🙂

*Alle, die hier länger als ein paar Tage mitlesen, wissen, dass ich meine Kunden sehr gern hab und ihnen einiges verzeihe, was viele Kollegen nicht nachvollziehen können. Aber als Taxifahrer gehöre ich zu jenen Dienstleistern, die teils mehrmals pro Nacht auf Leute treffen, die nicht nur wie der Typ hier versucht, mir meinen Job und meine Rechte und Pflichten zu erklären, sondern zudem immer einen Grund parat haben, warum ich gerade für sie heute mal auf meinen ohnehin nicht sehr stattlichen Lohn natürlich verzichten müsse. Natürlich ist das manchmal nur ein Witz und ich bin nicht einmal da völlig humorbefreit, aber wenn solche Typen dann auch noch darauf bestehen, dass ich sagen soll, sie hätten aber recht, recht, recht, RECHT, REEEEHEEEEEECHT! … mal ganz im Ernst: Wie wäre Eure Laune dabei?

Die voll mit sich zufriedenen …

Ich will hier gar nicht so viel rumranten, meist finde ich meine Kunden sympathisch oder sogar witzig. Und dann der Typ:

„Ich bin voll der Internet-Typ, Alter, ich hab da ein paar Start-Ups am Laufen, richtig geile Scheiße!“

„Ach, cool! Ich hab einen zumindest mal mittelmäßig guten Taxiblog, ich weiß, was Sie meinen. Was machen Sie denn so?“

„Naja, Business halt.“

„OK …“

„Nee, das verstehste eh nicht, ist eher so …“

„Was denn?“

„Na, ist ja auch egal …“

„Wieso? Hey, Sie sind ein netter Kerl, ich hab ein paar tausend Leser … worum geht’s denn bei ihrem Geschäft?“

„Das … das ist kompliziert. Sie können mich eigentlich hier schon rauslassen.“

„Also nicht Prenzlauer Berg?“

„Nein, hier ist ok. Ich laufe den Rest.“

„Die ganzen sechs Kilometer?“

„Nee, ich übernachte ja bei meinem Kumpel heute.“

Alter Schwede, und ich dachte schon, ich müsste ein schlechtes Gewissen haben, weil ich GNIT nicht nach allen Regeln der Kunst kommerziell ausschlachte! Aber gut, vielleicht ging es ja um eher unappetitliche Pornos, man weiß es ja nicht.

Wie verpeilt kann man sein?

„Bringst mich Stendaler Straße 18?“

„Die in Hellersdorf?“

„Ja, genau. Ist da beim Lidl.“

Ich hab das Navi angestellt, wir haben uns unterhalten und als wir da waren:

„Nee, hier ist das nicht.“

„Naja, aber Stendaler 18 ist hier.“

Der Typ guckt auf sein Handy:

„Ach nee, hab ich falsch ausgesprochen: Stollberger Straße.“

„Also Stollberger Straße 18?“

„Nee, Stollberger Straße 41.“

WTF?