Besorgte Bürger

Nein, einen Ich-bin-kein-Nazi-aber-Nazi hatte ich nicht an Bord. Aber einen Typen, auf den die Beschreibung „Besorgter Bürger“ nebst inzwischen allgegenwärtiger Interpretation vollkommen zutreffen würde. Seine Freundin und er stiegen am Ostbahnhof ein und haben mal eben schnell die kürzeste Tour vom Stand in diesem Jahr unterboten. 5,30€. Ich hab wie üblich gar nicht rumgemacht, sondern mich einfach dem Fahren gewidmet. Dennoch erklärte mir der junge Kerl – 22 Jahre höchstens! – warum sie für diese lächerlich kurze Strecke ein Taxi genommen hatten:

„Um die Uhrzeit isses ja schon stressig: Überall besoffene Leute. Und dann triffste einen von denen, es gibt eine Konfrontation und Du musst ihm eine aufs Maul hauen. Dann noch mehr Ärger: Polizei, Zeugenaussage und so weiter. Am Ende heißt es vielleicht sogar, dass Du Schuld hast – und dann: Gerichtsverfahren. Und am Ende verlierst Du und kannst nicht bezahlen. Dann biste im Knast nur wegen sowas. Nee nee, da fahren wir lieber mit dem Taxi!“

Ich will ja nicht paranoid klingen: Aber die Detailtreue dieser Schilderung hat mich schwer davon überzeugt, dass ihm das mehr als einmal passiert ist. 0.0

Tolle Gesprächsthemen

Natürlich werde ich als Nachtfahrer immer mal wieder aufs Kotzen im Taxi angesprochen. Das Thema hat ja nun schon so ein bisschen Einzug in die Folklore gehalten, da sind Nachfragen klar. Aber dass ich mich wie heute auch einfach mal mit einem Kunden quietschvergnügt 10 Minuten über nichts anderes unterhalten kann und wir das beide am Ende irgendwie lustig finden, das ist dann doch irgendwie neu.

Mein Lieblingssatz „Das Auto für 5 Minuten anhalten kostet 2 €, ins Auto kotzen 200.“, ist ja spätestens, seit der zweite Teilsatz im Stern in Schriftgröße 200 gedruckt wurde, etwas überlebt. Im heutigen Gespräch hab ich einen neuen gefunden, den ich fortan vielleicht benutzen werde:

„Wer selber putzt, zahlt nur, was danach auf der Uhr steht!“

Gedankenaustausch ist ja auch immer Inspiration. 🙂

„Schönen Dienst noch!“, haben sie gesagt …

„Und als ich dann dort ankam, grüßten mich die Kollegen, gaben mir die Schlüssel vom Haus und wünschten mir einen schönen Dienst. ‚Wie jetzt, schönen Dienst?‘ ‚Ja, Du bist heute Nacht alleine.‘ ‚Alleine!?‘
Dabei wusste ich gar nix von den Leuten, ich war neu! Irgendwann gab es dann nachts Geräusche im Wald – das Haus lag im Wald – und ich hatte Angst, dass jemand einbrechen wollte. War alles schon passiert. Und vor dem Haus stand ein Auto, in dem jemand saß. Ich bin dann also mit Taschenlampe und einer Wasserflasche bewaffnet in den Wald raus, so Miss-Marple-mäßig. War aber nix. Und der Typ im Auto hat nur gekifft. Außerdem aber hatten die mir nicht gesagt, dass einige der Leute Geher sind. Die schlafwandeln, manche davon sind dement, andere nicht. Wusste ich ja nicht. Und dann geht’s da zu wie bei ‚The walking Dead‘. Eine stand dann vor mir. Die hat keine Nase und keinen Oberkiefer, nur so ’ne Prothese, aber da sie dement ist, vergisst sie die ständig aufzusetzen. Und so stand sie dann vor mir … ich bin ja echt einiges gewöhnt, aber da hätte sogar ich schier ’nen spitzen Schrei ausgestoßen …“

So würde es aussehen, wenn meine Fahrgäste Bücher schreiben würden. Hier zum Beispiel: „Gestern Nacht im Pflegeheim – skurrile Geschichten einer Vertretungskraft“. Schade, dass man sich im Taxi nur so kurz sieht. Aber die obige Fahrt war zweifelsohne eine der interessantesten und auch lustigsten der letzten Wochen. Da muss ich mich geradezu bedanken.

Opel nochmal …

„Ach, mein Freund wollte unbedingt mal wieder Opel fahren. Es war hoffentlich ok, dass wir Sie an zweiter Position genommen haben …“

Glücklicherweise bot die Tour ein bisschen Zeit, um uns über die Freie Taxiwahl am Stand zu unterhalten. Und die 72. Nebenbei dann sogar noch über ein paar unkomplizierte Nebenkriegsschauplätze im Taxigewerbe wie den Verdienst, den Mindestlohn, die Tarifbindung, die UberPop-Problematik, und und und …

Als wir dann vor ihrer Haustüre standen, hatte ich nämlich sage und schreibe 57,80 € auf der Uhr und nur noch sehr grob eine Ahnung, wo ich genau war. Für so eine Tour extra des Autos wegen von hinten aus der Schlange gepickt werden, ist mir meines Wissens nach bisher wirklich noch nie passiert. 0.0

Szeneprominenz

Die „ganz großen“ Promis landen bei mir ja selten im Auto. Die trauen sich ja nicht, sich ein Taxi ranzuwinken. Und da ich den Funk ausgeschaltet habe … ich denke, Ihr versteht den Zusammenhang. 😉

Umso erstaunter hab ich nun im Nachhinein festgestellt, dieses Wochenende mit Jurassica Parka die „Miss CSD 2014“ im Auto gehabt zu haben. Winkend am Straßenrand und kurz davor, doch noch einen Kollegen zu bestellen, weil ewig kein Taxi kam. Wieder mal eine Party gerettet, diesmal die Popkicker im SchwuZ.

Ich für meinen Teil kann mich aber auch bedanken für die Fahrt, denn zum einen war es eine ordentlich lange Winker-Tour, zum anderen ist die Drag-Queen wirklich nahe dran an der perfekten Kundschaft gewesen: nett, lustig, gesprächig. Darüber hinaus mit Interesse an Taxierlebnissen und voll des besonderen Lobes fürs hohe Dach der 72, das selbst für ihre gewagten Frisuren tauglich ist (zumal sie mit hohen Schuhen größer ist als ich!).

Dass ich die genauen Koordinaten des SchwuZ nicht aus dem Kopf wusste, hat sie gar nicht gestört und mir unkompliziert die letzten Meter gezeigt. Ja, sicher, einmal war ich schon da. Aber wie meine Kundin treffsicher bemerkte:

„Ich vermute mal, Sie sind hetero, dann werden Sie da wohl auch nicht oft sein …“

Ja, könnte schon sein. 🙂

Ich würde das gerne als schöne Erinnerung stehen lassen. Tolle Fahrt, tolle Kundin, gutes Trinkgeld … alles toll. Aber eines muss ich noch loswerden:

Wenn mir eine Kundin bezüglich Taxifahrten sagt:

„Ach, als Transe biste einiges gewöhnt …“

und anschließend erzählt, dass viele Taxifahrer sie hassen, andere wiederum eine Chance wittern und sich gerne zur Begleichung der Fahrtkosten einen blasen lassen wollen …

Sorry, „Kollegen“!
Aber so lange es solche Arschlöcher wie Euch gibt, muss ich auch mal den Gutmenschen raushängen lassen und hier klipp und klar sagen, dass ich das widerlich finde! Wer nicht normal damit umgehen kann, dass in Berlin (anderswo natürlich auch, aber hier besonders!) auch Menschen ein Taxi besteigen, die irgendwie andere sexuelle Vorlieben haben, sollte sich mal überlegen, ob das dann nicht eventuell der falsche Job ist …

Lob, papierförmiges.

Es erwischt einen ja immer unvorbereitet. Ich hatte gestern z.B. eine dieser schon hundertfach gefahrenen Kleinfahrten vom Ostbahnhof nach Kreuzberg. Zum Paul-Lincke-Ufer in die unmittelbare Nachbarschaft der bloggenden Kreuzberger Anwälte. Macht achtirgendwas.
Dann auf der Skalitzer sofort Winker. Nach Charlottenburg. Eine ausgesprochen gemütliche Fahrt mit einem etwas älteren Paar aus Norwegen. Und wir haben gequasselt und gequasselt. Über die Stadt, dieses jenes, teils privates. So eine Traumfahrt, bei der man am Ende wirklich noch was miteinander trinken gehen könnte, obwohl man sich erst seit einer Viertelstunde kennt.

Die beiden waren um Dank auch nicht verlegen und badeten mich in warmen Worten. Wirklich bemerkenswert war, dass sie deswegen tatsächlich ihr Trinkgeld angepasst haben. Letztlich bin ich natürlich trotzdem auf der Straße, um Geld zu verdienen. Und die beiden haben den Fahrpreis von 17,40 € nach anfänglichem Überlegen tatsächlich nicht mit 20, sondern mit sage und schreibe 30 € beglichen. Kleine Rechnerei: ohne Trinkgeld würde mir erst eine Tour ab 40 – 45 € einen ähnlichen Verdienst bescheren. Und die sind selten …

In die Top-10 kommen sie damit („leider“ will ich schon schreiben) nicht mehr, aber unter die obersten 1% ganz sicher. Und so explizit für die gute Arbeit gegeben fühlt sich das Trinkgeld auch gleich dreimal so gut an. 🙂

Umgekehrt geht’s auch!

Dadurch, dass Taxifahren so eine Allerweltsdienstleistung ist, kommt es natürlich nicht nur vor, dass ich mal im Auto eines Kollegen lande, sondern umgekehrt auch mal Kollegen bei mir. Und auch erstaunlich viele „Kollegen“. Ich hab in den Anfangstagen dieses Blogs schon mal den Verdacht geäußert, dass es ein weit verbreitetes Hobby in Berlin sein muss, Taxifahrern vorzulügen, selbst Taxifahrer zu sein. Was einem da aufgetischt wird. Von „Was soll am Uhrausmachen illegal sein?“ bis „Ick vadien‘ inne Taxe ja meene dreifünf netto!“ hab ich alles schon gehört. Von den lustigen Routenvorschlägen ganz zu schweigen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich gucke vielleicht manchmal etwas kritisch, wenn wie neulich drei Leute einsteigen und mich mit „N’Abend, Kollege!“ begrüßen.

„Kollege?“

„Ja sicher. Ick kenn Dir ja ooch, steh hier manchmal mit mein‘ Mercedes.“

Um ehrlich zu sein, hab ich ihn nicht erkannt. Aber das muss nix heißen, so schlecht, wie ich mir Gesichter merken kann. In dem Fall hat es nämlich trotzdem gestimmt. Obwohl schon Januar war, war ihre Firmenfeier-Ausrede plausibel; ich hab ihr Unternehmen gekannt und sie hatten eindeutig Ahnung vom Job und kannten sich in der Stadt aus. Und das ist einfach eine tolle Combo. Mal ganz abgesehen davon, dass sie nicht die kürzeste Strecke haben wollten und ohnehin schon eine dieser im Januar herbeigesehnten längeren Touren mit zwei Haltepunkten zu bieten hatten:


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