Nur fair

Ich hab vor Jahren mal geschrieben, dass ich mir bei Festpreisverhandlern die Strategie „Platte mit Sprung“ angewöhnt habe. Einfach nein sagen, im Zweifelsfall dreißigmal hintereinander. Die dadurch verlorenen Fahrten kann ich an einer Hand abzählen, der Gewinn muss um Größenordnungen höher liegen, wenn man bedenkt, mit was für Fantasiebeträgen einige der Leute starten.

Ein gutes Beispiel heute Nacht waren zwei Leute, die mir am Bahnhof Marzahn eingestiegen sind.

„Sag mal, was kostet’s denn etwa zur Buschallee, Ecke Hansa?“

„Uff, bin mir nicht ganz sicher. 15 € etwa?“

„Zehn und wir haben einen Deal.“

„Dann nö.“

„Also 12.“

„Nö.“

„OK, dann halt 15.“

Glücklicherweise war er nur halb so beleidigt, wie sich das liest und als wir am Ende stoppten, erwies er sich zwar nicht als größter Trinkgeldgeber, aber als fairer „Verlierer“:

„So, dann sind wir bei 14,50 €.“

„Nee nee, 15 war der Deal! Fang jetzt nicht wieder mit rumhandeln an!“

Ganz ehrlich: So mag ich das. 🙂

Nervbacken

Dass es zur wilden Renate etwa neun Euro plus in dem Fall den Großraumzuschlag von einem Fünfer kosten würde, war schnell geklärt. Also für sechs der sieben Beteiligten, inklusive mir. Dann der siebte:

„Also für’n Zehner hätten wir einen Deal …“

„Sind aber 14.“

„Dann mach doch für uns einen Zehner!“

„Lass mich überlegen … nö.“

„Na dann mach‘ uns doch mal’n Preis!“

„Ich mach hier keine Preise.“

„Nee, im Ernst: Sag mal!“

„14 €. Was die Uhr anzeigt.“

„Alter, verarsch mich nicht! Mach uns ’n guten Preis!“

„OK Junge, ich arbeite in einer der wenigen Branchen, in denen das sogar illegal wäre. Auch deshalb und überhaupt: Nein!“

„Na, Du wirst uns doch wohl einen Preis machen können!?“

„Nein.“

„Na komm …“

„Nein.“

„Kannst die Uhr ja auch ganz auslassen.“

„Nein.“

„Ey, dann haste wenigstens eine Fahrt. Besser als rumstehen!“

„Ähm, ich bin zweiter.“

„Trotzdem: Besser als hier stehen isses nicht.“

„Mag sein. Vielleicht krieg ich statt Euch aber auch eine wesentlich lohnendere Tour …“

„Das kannst Du aber nicht wissen!“

„Na und? Ich riskier’s.“

„Mach uns doch einfach einen guten Preis! 12?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Ach komm: Schlag die 14 € doch mal auf 6 Leute um. Selbst mit der BVG würdet Ihr mehr bezahlen.“

„Tja, BVG kostet uns aber gar nix.“

„Dann wäre das doch eine Alternative, oder?“

„Ach komm‘! Zehner?“

„Nein!“

…

Man muss anerkennen: Der Typ hat fast alles rausgeholt, was Festpreisler so rauszuholen versuchen. Und am Ende? Sind sie eigentlich sehr zufrieden zum gültigen Tarif (14,10 €) gefahren. DAS hätten wir auch schneller hingekriegt …

Voll geile Gründe

„Sag mal, kannste vielleicht ’n bisschen billiger machen? Eigentlich sollte das Geld noch fürs Sonnenstudio reichen.“

Ich bin inzwischen ja wirklich schmerzbefreit bei Ausreden, warum ich heute mal wieder weniger Geld verdienen soll – aber bei der guten Frau hab ich mich wirklich gefragt, ob sie gelegentlich noch mitkriegt, was sie so redet.

Bevor mich jemand schilt, weil ich Sonnenstudios so viel unwichtiger nehme als die Bezahlung meiner eigenen Arbeitszeit: Es ließ sich ein einfacher Kompromiss finden – der sich da Kurzstrecke nannte. Aber ich war selten so kurz davor, diesen Tarif versehentlich zu vergessen, das ist mal sicher …

Winker. Solche und solche.

Es war schön, an der Grenze zur Marzahn gleich einen Winker in Richtung Innenstadt zu bekommen. Ein freundlicher Typ um die 40.

„Weißensee, Albertinenstraße. Passt da ein Zehner?“

„Nee, das sind sicher mindestens 15 €, eher mehr.“

„Und, machste ’n Zehner?“

„Äh … nein?“

„Na jut, dann tschüss!“

Ähm, danke. Wie … nett.

Keine 100 Meter weiter winkte es auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Verständigung mit diesem Winker war viel schwieriger. Er konnte kein Deutsch, mir ist nebenbei das Navi abgeschmiert, eine mittlere Katastrophe. Aber er, ein Asiate in meinem Alter blieb locker und grinste und hatte kein Problem damit, dass ich mir erstmal einen Wolf googeln musste, bloß um am Ende festzustellen, dass die Straße wie fast erwartet unweit meiner Haustüre lag. Die Tour war locker 2 Kilometer kürzer als die von dem anderen Winker und brachte genau 13,50 € auf die Uhr. Und bekommen hab ich 16.

Und wieder einmal: Alles richtig gemacht. Alles richtig gemacht … 🙂

Dialoge, die so sinnlos sind …

„Hey, was kost’n bis Spandau?“

„Kommt drauf an, wohin genau … ich muss da auch eher grob schätzen.“

„Rathaus Spandau.“

„OK, und Ihr seid … fünf? Ich schätze jetzt mal grob 35 € und bei Fünfen ist das dann ein Fünfer mehr. Also 40 €.“

„Das geht ja mal gar nich‘, Digger. Der Taxirechner hat uns 33 € gesagt.“

„Mit fünf Leuten? Wie gesagt: Das is’n Fünfer extra.“

„Ja nee, aber Fünfter is ja auch irrelevant.“

„Leider nicht. Und wenn’s ohne Fünften 33 € sein sollen, dann sind meine 35 doch eigentlich ganz gut geschätzt gewesen, oder?“

„Also machste 35, ja?“

„Nee.“

„Wie nee?“

„Jungs, ich wüsste nicht, warum ich dauernd Sonderpreise machen sollte.“

„Ja, aber is‘ doch gut, oder?“

„Nee, ich werd‘ doch nicht am Samstag Abend billiger fahren! Hinter Euch stehen schon die nächsten …“

„Ja, aber Alter, Spandau!“

„Ja, gerne. Aber nach Tarif, so isses halt.“

„Wir haben hier aber unser letztes Geld zusammengekratzt …“

„Dumm gelaufen, dann müssen wir halt an ’ner Bank anhalten oder ihr zahlt mit Karte oder …“

„Aber Du hast doch gesagt: 33!“

„Nein! Ich hab 35 gesagt, plus ein Fünfer.“

„Aber wir haben doch 33!“

„40!“

„40? Alter, wir wollen bis Spandau, nicht bis Bremen! Also machste oder nicht?“

„Nö.“

„Wie nö?“

„Einfach nö.“

„Alter, so ’ne Fotze wie Du muss man erst mal sein! Wein‘ dich mal aus bei Mami, kriegste halt keine Tour nach Spandau, sondern stehste hier rum wie so’n Baby und weinst uns nach, weil Du mal wieder nix zu arbeiten hast, Du Drecksspast!“

Nun, geweint hab ich irgendwie recht wenig an dem Abend. Stattdessen haben die total tollen Möchtegern-Kunden vor dem Auto Heulgeräusche imitiert, um mich zu verspotten. Was mich irgendwie nicht so wirklich tief ins Mark traf, weil zum einen sie da nun rumstanden und sich wie Kleinkinder aufgeführt haben und ich kurz vor Ende der Schicht mit gutem Umsatz in der Tasche sowieso mal überhaupt keinen Bock auf eine Fahrt nach Spandau hatte. Zumal ich mir ja ausmalen konnte, wie diese lange Fahrt wohl mit solch geistigen Unterseebooten ausgesehen hätte. Ich hatte mit Fremdscham wesentlich mehr zu kämpfen als mit irgendwas anderem.

Mal im Ernst: Im besten Falle wären die Typen eine Stunde früher zu Hause gewesen. Und sie waren noch guter Dinge, als sie vermuteten, 6,60 € pro Person dafür zu bezahlen. Ich hab ihnen gesagt, dass es leider nach dem gesetzlich vorgegebenen Tarif 8,00 € wären. Ja, sicher, es ist mehr Geld. Hätten wir alle gern. Ich würde mich ja auch freuen, bei solchen Flitzpiepen einfach mal einen Hunni als Entschädigung verlangen zu dürfen. Schon für den Ausfall an Hirnzellen.

(Immer dran denken: Die haben versucht mich zu beleidigen, wie ich es seit dem Kindergarten nicht mehr live erlebt habe!)

Und anstatt nun Pro und Contra abzuwägen, haben sie für 1,40 € pro Person je eine Stunde Mehraufwand in Kauf genommen. Das war sicher ein unglaublich befriedigendes Gefühl.

Ich drück’s mal diplomatisch aus: Ich hab eine andere Theorie darüber, wer hier über wen lachen kann. 😉

Sie sind schwach. So schwach.

Winker in der Wühlischstraße. Ob ich nicht auch – nur ganz kurz zur Revaler – sechs Leute mitnehmen könne. Na klar doch! Sitze kurz ausgeklappt und fertig. Kaum, dass ich das Taxameter anstelle, meint der Oberhipster neben mir, dass ich das ruhig auch sein lassen könne. Jetzt mal im Ernst, einfach so ein Zehner bar auf die Kralle, wäre ja kein Ding. Super für uns beide und so.

Ich hab mit dem üblichen „Danke, aber mein Chef ist kein Arschloch und braucht auch sein Geld“ etwas Ruhe ins Gespräch gebracht. Etwas. Denn es wäre ja nur eine Idee, und ich solle nur mal keinen Stress haben wegen ihnen, sei ja ohnehin scheiße, so eine kurze Fahrt, wo ich „keine Millionen“ verdienen würde. Wohl wahr, zumal wir selbst bei uns in der Firma seit diesem Jahr von den Zuschlägen nichts mehr sehen, die Tour mir also ohnehin nur rund 2,50 € brutto von den 5,30 €, mit Zuschlag 10,30 €, brachte. Mit dem Zuschlag gerechnet hatte Mister Sonnenbrille ohnehin nicht, also war er etwas erstaunt, als ich entgegen seines Vorschlages von 10 € bar auf die Kralle sogar 10,30 € haben wollte.

„Alter! Wegen Großraum? Ach komm, hättste mal nicht gedrückt, dann hätten wir hier 5,30 €, hätt‘ ick dir 4,70 € Trinkgeld gegeben – und zack, fertig!“

Wunder Punkt, keine Frage. Da beisst man sich schon mal auf die Lippen als Angestellter. Wenn es nicht wie folgt weitergegangen wäre:

„Aber jetzt, Alter, jetzt reicht das ja nicht mal! Dann machen wir das mal so, das ist ok, das stimmt so!“

Und reicht mir einen Fünfer zu dem Zehner dazu. Statt eines überaus exorbitant großartigen Trinkgeldes hatte ich nun also ein überaus exorbitant großartiges Trinkgeld PLUS den legalen Fahrpreis a.k.a. einen Fünfer Bonus für meinen Chef.

Unter sowas leidet die Überzeugungskraft der Kundschaft dann schon etwas. 😉

Meinetwegen auch so …

Winker. An einer Stelle, an der ich mir seit Jahren welche verspreche, aber aufgrund der vielen Taxen vor Ort so gut wie nie welche kriege: an der Potsdamer Straße. Ich war schon mit der letzten Tour über mein Umsatzziel rausgeschossen und wollte noch tanken und dann heim.

Eine Truppe junger Männer, die ihre Alkvorräte auf einem Stromkasten abgestellt hatten, waren es. Was es bis zum schlesischen Tor kosten würde, wollten sie wissen.

„Grob geschätzt 15 €.“

„Sagen wir 12 und Du lässt die Uhr aus? Dann können wir das easy teilen …“

20 wäre noch besser, dann braucht’s nicht mal Münzen! Hab ich nicht gesagt. Sondern einfach nur:

„Nö.“

Natürlich wäre das kein schlechter Deal gewesen. Nicht mal mit Uhr. Und lag für mich auch wirklich in die richtige Richtung, alles gut. Aber 4 Leuten, die statt z.B. darüber nachzudenken, dass man mit 4 x 4 € sogar noch ein durchaus übliches Trinkgeld geben könnte, eine Fahrt für 3 € zu ermöglichen – vermutlich der Preis einer ihrer Bierflaschen, von denen auf dem Kasten inklusive leerer Exemplare etwa 7 herumstanden – warum?

Ich sag’s immer wieder: Ausnahmen bestätigen die Regel, aber über diese Ausnahmen entscheide ich.

Die Jungs waren irritiert. Damit hatten sie nicht gerechnet und mussten sich jetzt erst einmal beraten. In diesem Moment kam ein älterer Mann daher, sicher schon 40 Jahre mehr auf dem Buckel als die Jungs. Er fragte, ob er stattdessen das Taxi haben könnte. Da die Jungs sich nicht einmal entscheiden konnten, ob sie sich eventuell mit dem Herrn die Taxikosten teilen, überließen sie mich ihm. Schön, immerhin kein Handeln mehr!

„Wo soll’s hingehen? Zum Alex, hab ich das richtig gehört gerade?“

„Ja, genau.“

„Und wohin da exakt?“

„Ach, is‘ egal, ein paar Meter kann ich ja laufen.“

Er hatte sich dort im ParkInn einquartiert, stellte sich heraus. Ein wenig zusammenhanglos erfuhr ich, dass er eigentlich seit ein paar Jahren am Stadtrand wohnt, jetzt aber dort untergekommen ist. Was auch immer da die Hintergrundgeschichte war – sie hätte mich interessiert. 🙂

Aber allzu weit sollten wir gar nicht kommen. Denn bereits am Molkenmarkt sah er das ParkInn hinter den anderen Häusern aufragen und beschloss, damit am Ziel zu sein. Klar kann man den Weg laufen, aber unter hundert Metern hab ich mir dann doch eine kleinere Strecke vorgestellt. Aber er war überzeugt und ließ mich anhalten. Da er nur noch einen Fünfziger hatte (genau genommen eine ganze Menge von denen), hat er gemeint, ich soll’s „rund“ machen. Nachdem ich nochmal kurz nachgefragt hatte, was er in Anbetracht von 11,00 € Fahrtkosten als rund betrachten würde, durfte ich satte 4 € nebenbei einstreichen.

Nette Fahrt, legal und trotzdem lukrativ. Irgendwie war’s schon ganz gut, dass er sich „vorgedrängelt“ hat. Die Jungs jedenfalls hab ich irgendwie nicht wirklich vermisst. 😉


PS: Noch besser gefallen hat mir allerdings der Typ, der einen wirklich blöden „Verhandler“ absichtlich verdrängt hat.