Papa Immobil

Ein nicht ganz reales Gespräch…

“Guten Abend, brauchen sie ein Taxi?”

“Aha, Unfall. Ich verstehe. Mit dem Glaskasten dahinten? Kommen sie vom Karneval und haben sich als Schneewittchen verkleidet?”

“Tut mir leid! Ich meinte ja nur wegen dem Kleidchen.”

“Nein, ich hab sie nicht für eine Frau gehalten. Um Gottes Willen! Obwohl der Lidschatten und die Klunker am Kleid ja…”

“Gott beleidigen? Ich bitte sie. Ach, der Stock kostet aber einen Euro extra. Den krieg ich so nicht in den Kofferraum. Da müssen wir uns sowieso überlegen, wie wir den verstauen. Nicht, dass mir noch die Scheiben rausfliegen. Können sie da ihre Mütze drüberziehen?”

“Mir egal wie die heißt, falls sie was anderes dabeihaben um es etwas abzudämpfen, wäre es ja auch ok. Sowas wie Kondome, bloß dicker eben.”

“Was haben sie denn plötzlich gegen Kondome? So sehr solten sich sich in ihrem Alter aber nicht mehr aufregen! Is ja gut! Dann vielleicht einfach festhalten?”

“Wie, sie wollen winken? Sie haben sich hier schon einen denkbar schlechten Platz ausgesucht, um im Nachthemd umherzutapsen. Sehen sie mal, die Leute zeigen schon alle auf sie!”

“Wer sind sie? Aha, der 16. Naja, mein Nachbar nummeriert seine Katzen auch nur durch.”

“Nein, ich wollte sie nicht beleidigen. Aber bitte, sie wollen mitten in einer Menschenmenge ein Taxi anhalten, haben nur ein Hemdchen an und eine Waffe dabei. Sie reagieren empfindlich auf meine Nachfragen und ich weiss nicht, von welchem Trachtenverein sie kommen, aber für mich sieht es aus wie eine Mischung aus Gespensterkostüm und Kukluxklan-Outfit. Beides nicht mein Ding. Wo soll es eigentlich hingehen?”

“Zum Olympiastadion? Wer spielt da heute? Wollen sie so zu Hertha oder wie?”

“Ja das kostet gut 15 Euro. Sagen sie mal, ihr Hemd hat doch gar keine Taschen, oder?”

“Wie? Is klar: Die Merkel zahlt das, wenn wir da sind? Sowas irres hab ich echt noch nie gehört. Sorry, da suchen sie sich mal einen anderen, sie Spaßvogel!”

Der Japaner im Kofferraum (2)

Nun endlich: Die Rezension!

Ich hatte vor einiger Zeit ja schon geschrieben, dass der Taxiblogger nun sein erstes Buch veröffentlicht hat. Wie damals schon befürchtet, hat es mit der Rezension jetzt etwas länger gedauert. Aber das Schöne an Büchern ist ja, dass es sie dauerhaft käuflich zu erwerben gibt. :)

Als regelmäßiger Leser beim Taxiblogger war ich sehr gespannt auf das Buch, gerade weil es das erste Buch eines Kollegen ist, der aus der selben Stadt und teilweise sogar der selben Zeit berichtet. Freundlicherweise hab ich das Buch vom Autor selbst zugesandt bekommen und es auch gleich binnen 3er Taxinächte durchgelesen.

Ich will ehrlich sein: Die Rezension ist mir auch nicht leichtgefallen. Obwohl ich das Buch gerne gelesen habe.

“Der Japaner im Kofferraum – Mein Leben als Taxifahrer” hat nämlich einen skurrilen Aufbau, der sich nicht leicht beschreiben lässt. Mein Kollege hat es geschafft, auf den 202 Seiten unglaublich viele verschiedene Anekdoten zum Besten zu geben, worunter die Form etwas gelitten hat.
Das Buch hält insofern, was es verspricht: Ein Leben als Taxifahrer – insbesondere wenn es gleich mehrere Städte und Arbeitsverhältnisse umfasst – ist natürlich ein Auf und Ab. Dem wird das unterhaltsame Buch zweifelsohne gerecht :)

Der Titel ist meines Erachtens nach nicht clever gewählt, da der besagte Japaner im Buch ohne die prominente Erwähnung zwischen einem ganzen Haufen lustigerer und längerer Anekdoten untergeht. Aber diese Verlagsentscheidung möchte ich garantiert nicht dem Autor anlasten.

Der Schreibstil von Fischer ist meist wie aus seinem Blog gewohnt kurz und prägnant, wobei ich glaubte, in der ersten Hälfte des Buches ein wenig mehr ausschweifendes Erzählen wahrgenommen zu haben als auf den hinteren Seiten. In jenem hinteren Teil begegnen Bloglesern auch mehrere bekannte Einsprengsel aus selbigem, alles in allem stimmig untergebracht im bunten Sammelsurium des “Japaners”.

Was das Bild des bunten Taxler-Lebens abrundet, sind allerlei Informationen, mal als kleine Kästchen, mal als ganze Kapitel. So hat das Buch auch einen gewissen Sachbuchcharakter und wirft hier und da auch mal ein Licht auf die rechtlichen Fragen und Begleitumstände unseres kuriosen Gewerbes. Vom Preisvergleich zu anderen Städten über die Frage nach Traiferhöhungen, den Schönefeld-Streit unter den Taxlern und betrügerischen Kollegen findet man alles, aber ebenso seine legendäre Einsteiger-Typologie, Murphy’s Law für Taxler und andere nicht ganz so ernste Zusammenstellungen.

Was mir ganz ehrlich nicht gefallen hat, war mancher wilde und schwer nachzuvollziehende Zeitsprung und manch allzu kurz gefasste Info – der ein oder andere Leser wird sich sicher über das Mehrangebot auf Frank Fischers Blog freuen, wenn er den Hinweisen des Autors dorthin folgt.

Dementgegen steht eine gewaltige Vielzahl an Anekdoten, von denen ich als Fahrer in derselben Stadt und als Leser seines Blogs nur selten überrascht war, wenn dann aber umso mehr :)
Für alle unbedarften Leser ist es ein bunter Einblick ins Arbeiten, Leben und Denken eines Taxifahrers mit Humor und Beobachtungsgabe, das seine 10 Euro wert ist.

Ich persönlich war beeindruckt, weil mein Kollege einen Gedanken in Worte gefasst hat, den ich selbst für absolut richtig halte, den ich aber in all der Zeit, die ich nun selbst mit dem Schreiben über diesen Job verbringe, nicht in dieser Klarheit hatte: Die Erkenntnis über die Fahrgäste:

“Wir sehnen ihn herbei und buhlen um seine Gunst, aber wenn er erst mal da ist, möchte man ihn so schnell wie möglich wieder loswerden: den Fahrgast.”

(Kapitel 3, S.25, erster Satz)

Besser kann man es einfach nicht ausdrücken! :D

Frank Fischer:
Der Japaner im Kofferraum – Mein Leben als Taxifahrer
ist erschienen bei Knaur
ISBN: 978-3-426-78355-9
9,99 €

Wer sich für das Buch interessiert und mir auch noch was Gutes tun will, der bestellt über diesen Link bei Amazon:


Paradoxale Mobilität

Ein oftmals vernachlässigter Teil des Taxifahrens ist die Nebentätigkeit als Auskunftei. Selbst in Zeiten des mobilen Internets ist der Taxifahrer am Bahnhof oder im Altstadtviertel oftmals noch beliebte Quelle für Informationen aller Art. Nicht unbedingt zu Unrecht, schließlich ist es im Prinzip unser Job, uns möglichst gut auszukennen.

Dass manche Touristen uns dabei mit Restaurantkritikern, Bordelltestern oder Hotelzimmerinspektoren verwechseln: Sei es drum!
Wer fragt, bekommt eine Antwort, und passend dazu wird in meiner Familie auch seit Jahrzehnten der Spruch “Blöde Frage: Blöde Antwort!” weitergegeben, den ich gerne in der Praxis ausprobiere.

Ansonsten ist eine Anfrage in meinen Augen kein Problem. Gut, es soll da auch andere Kollegen mit weniger Beherrschung geben.
Zusätzlich zu den selbstverständlichen Fahrt- und den unverbindlichen Ortsanfragen kommen aber gelegentlich noch einige andere. Die Fragen nach Zigaretten, Kleingeld und direkter Hochzeit ignorieren wir hier besser mal – denn es gibt auch eher seltenes.

Vor nunmehr zwei Wochen sprach mich z.B. ein junger Mann am Ostbahnhof an und erklärte mir, er würde an einem interessanten Buchprojekt mitarbeiten. Während der ein oder andere Kollege die Ohren wohl an dem Punkt schon auf Durchzug gestellt hat, war ich erst einmal interessiert.
Mir wurde weiterhin gesagt, dass es – vereinfacht gesagt – um Bewegungsprofile verschiedener Gruppen gehen würde, die dann kartografisch festgehalten würden und mit vielen weiteren in einem Buch über Berlin Platz finden würden. Dazu würden sie noch Taxifahrer suchen.

Offenbar angetan davon, dass ich noch nicht schreiend davon gerannt bin, hat er mir auch geduldig erklärt, was mein Part an der Geschichte wäre: Ich sollte einfach eine Woche lang ein GPS-Gerät bei mir im Auto angeschlossen haben, das die Strecken mitprotokolliert. Das wäre es im Wesentlichen. Danach gebe ich das Teil zurück, enthalte eine kleine Entschädigung für meinen “Aufwand”, und damit ist gut.

Zunächst befürchtete ich, dass es just an der Technik scheitert, denn natürlich brauchte der Sender Strom, und der ist in Autos bekanntlich rar – vor allem, wenn man den Zigarettenanzünder bereits verwendet, um Strom fürs Handy abzuzapfen. Aber clevererweise hatte mein Gegenüber bereits einen Verteiler für besagte Buchse dabei, und so hab ich vor zwei Wochen dann das Ding angeschlossen und bin seither munter durch die Gegend gegurkt. Ob die Daten hilfreich sein werden, weiss ich nicht – schließlich hab ich ja durchaus ein paar Lieblingsstrecken, die ich auf Kundensuche abgrase, aber Einschränkungen wurden mir keine auferlegt.

Und nun habe ich gestern Abend das Gerät zurückgegeben und endlich wieder Platz in meiner Mittelkonsole.

Da ich jetzt schon auf diese Weise unterstützend mitgewirkt habe, möchte ich meinen geneigten Lesern natürlich das Projekt nicht vorenthalten (das naturgemäß derzeit noch Projektstatus hat und erst demnächst in Gänze zu erwerben ist), denn die Ankündigung liest sich extrem spannend:

Berliner Atlas paradoxaler Mobilität

Mal abgesehen davon, dass ich einen zweistelligen Betrag dafür erhalten hab, freue ich mich tatsächlich, wenn ich bei der Umsetzung behilflich sein konnte. :)

Nachtfahrt

In dem Moment, in dem ich den Schlüssel drehe, fällt sie von mir ab, die Fahrt. Ein älteres Ehepaar, ständig nörgelnd. Nicht müde werdend zu erzählen, wie schlimm es sei, ihre Rentenkürzung betreffe sie massiv, sei unfair, wo sie doch für diese rote Regierung jahrzehntelang geschuftet hätten. Und jetzt dieser Rückflug. Eine halbe Stunde Verspätung wegen so eines lächerlichen Gewitters. Damals, da konnten die Piloten noch fliegen. Und bei den letzten 3 Urlaubsreisen dieses Jahr hat sich auch noch keiner so angestellt. Und ich sollte auch mal besser was richtiges lernen. Ist doch kein Leben, die ganze Nacht besoffene Türken fahren. Sind ja nicht alle so nett wie sie. 19,80 €, machste Zwanzichfuffzich für’n Kaffee!

Die beiden vorderen Fenster gleiten hinunter, das auf der Fahrerseite hakt ein wenig und gibt klappernde Geräusche von sich. Die Nacht kriecht mit wohlmeinenden 20 Grad ins Fahrzeuginnere, die letzten Parfumwolken ziehen in die Biesdorfer Dunkelheit. Der Wind trägt den frischen Duft von Kiefernadeln in meine Lungen, Auszeit von Zigarettenrauch und Smog. Die Wipfel der Nadelbäume schwanken hin und her, wirken auf eine komische Art bedrohlich und sind doch so viel friedlicher als manch menschliche Unzulänglichkeit in den Häusern hinter ihnen.

Der Kies knirscht unter den Reifen, als ich das Fahrzeug mit zweimaligem Zurücksetzen auf dem engen Weg wende. Es ist relativ ruhig, die Geräusche der Stadt werden mich erst ein paar Kilometer weiter wieder umfangen. Von fern dröhnt monoton der inzwischen überschaubare Verkehr der B1. Ein paar Kieselsteinchen springen über ihre Artgenossen, als der Motor nach dem Einkuppeln die Kraft an die Räder übergibt und meine hellelfenbeinfarbene Festung sich vom Untergrund abdrückt. Anderthalb Tonnen Metall fliegen durch die Einfamilienhaussiedlung, mit zunehmender Geschwindigkeit werden die Geräusche gleichmäßiger, gefühlt leiser.

Zwischen Daumen, Mittel- und Zeigefinger spüre ich die Rillen des gummiummantelten Volume-Reglers, und während das Licht der ersten Straßenlaternen nach und nach das Cockpit meines Taxis flutet, genieße ich die bei so unbelebter Straße freie Hand und sorge dafür, dass die ersten Gitarrenklänge von …and justice for all feinfühlig eingefadet werden.

Da das Autoradio qualitativ nicht gerade State-of-the-Art ist und zudem bei meiner zunehmend beschleunigten Fahrt Richtung Innenstadt genügend Nebengeräusche einen angemessen andächtigen Musikgenuß verbieten, stört mich an dieser Stelle auch nicht die oftmals bemängelte Drumlastigkeit des Albums. Genau in diesem Moment, merke ich, ist die Nacht am tiefsten, der Tag also am Nächsten. Eine gelblich fahl leuchtende Laterne nach der anderen wirft ihren Schein auf mich, um anschließend im Rückspiegel zu verschwinden. Lautlos.

Mit dem bisherigen Umsatz zufrieden erlaube ich mir, die Aufmerksamkeit auf die Straße und die Musik, nicht auf den Gehsteig zu konzentrieren. Am linken Ellenbogen fröstelt mich etwas ob des Fahrtwindes, keinen Gedanken daran verschwendend, dass es wahrscheinlich ziemlich prollig aussehen muss, wie ich den Arm aus dem Fenster hängen lasse. Völlig entspannt lasse ich zu, dass ich den Kopf zur Musik bewege und nur eine einzige Anspannung in diesem Moment hält mich gefangen: Ich versuche, das Vorbeirauschen der Straßenlaternen nicht mit den Drums von Lars Ulrich zu synchronisieren. Relaxt sein ist ok, Führerscheinverlust eher nicht.

Als ich kurz hinter der Rhinstraße herangewunken werde, war ich erst runde 2 Minuten unterwegs. Es gibt sie, diese Momente, die so angenehm sind, dass ich mir erlaube, Musik als Zeitmesser zu verwenden. Und da der Gesang bei …and justice for all erst bei 2:10 einsetzt…

Ich unterbreche die getragene Stimmung professionell. Binnen Sekunden summt der Elektromotor die Scheibe des Beifahrerfensters nach oben, die Musik ist unhörbar leise, und der einzige noch vernehmbare Beat ist das leise Klacken des Blinkers, als ich das Auto vorsichtig nach Rechts steuere.

Ich beobachte ein ums andere Mal Kollegen beim Heranfahren an einen Kunden und ich habe eine gewisse Hoffnung, dass ich meine Seriosität mit dem Fahrstil schon bei dieser ersten Kontaktaufnahme unterstreichen kann. Kein Reifenquietschen, kein hektisches und apruptes Ausscheren aus dem fließenden Verkehr, ein dezentes Halten mit der Fahrertür auf Höhe des Kunden. Aller verkehrsbedingter Stress, so er gegeben ist, bleibt beim ersten Kundenkontakt im Auto. Und so treibt mich ein nur leichter Lenkeinschlag, vergleichbar mit einem Spurwechsel auf der Autobahn, sanft an meine potenzielle Kundin heran.

Eine junge Frau, scheinbar auch gutaussehend. Es ist dunkel an der Stelle, an der sie steht. Ich belustige mich mit ruhigem Gesichtsausdruck über die immer wieder auftretende Unsicherheit bei nächtlichen Fahrgästen, ob sie vorne oder hinten einsteigen sollen. Hinten. Wie fast alle. Ich drehe mich zur Begrüßung um, schenke ihr ein charmantes Lächeln. Sie ist jünger als ich und ich finde sie ziemlich hübsch. Das passiert mir allerdings öfter. Hat wahrscheinlich hormonelle Gründe.

Ihre Kleidung ist sauber, schlägt keine Falten, passt sich ihrem Körper perfekt an, aber ihre zerzausten Haare wirken unordentlich, unpassend. Als sie mir ihre Adresse in Kreuzberg nennt, hebt sie ihren Kopf, und ihrem Gesicht ist anzusehen, dass sie geweint hat. Tränen und insbesondere Versuche, die Tränen zu verwischen, haben Spuren hinterlassen im Make-up. Es war sowieso zu viel, wenn man mich fragen würde. Aber ich bin Taxifahrer, mich fragt man nicht.

Die Tachonadel schnellt, nur unterbrochen durch 3 schnelle Schaltpausen auf knapp 60 hoch. Auf der Lichtenberger Brücke erwischt uns die Helligkeit der nächtlichen Stadt recht plötzlich. Im Rückspiegel sehe ich ihr Gesicht nur schemenhaft, sehe wie ihre Augen  zwischen der Scheibe und ihren dunklen Haaren unablässig Gegenstände am Fahrbahnrand fokussieren, ihnen folgen, sie verlieren und die nächsten anvisieren. Der Inbegriff der Traurigkeit. Auf makabere Weise dennoch schön.

“War ein langer Tag, oder?”

Manchmal frage ich mich, wieso ich in solchen Momenten das Gespräch suche. Egal, wer mich im Auto begleitet, ich werde aller Voraussicht nach immer der flüchtigste Kontakt dieses Tages bleiben. Die intimen Momente im Taxi sind rar gesät, und kaum etwas ist unbefriedigender als Smalltalk, wenn klar ist, dass er nicht ausreicht.

“Ja.”

Es braucht nur ein geringes Maß an Vorsicht, um zu wissen, dass man in solchen Situationen keine Fragen ohne Ausweichmöglichkeit stellt. Die Fahrten, bei denen ich Menschen nach ihrem Ärger befragt habe, sind zahllos. Doch feuchte Augen sind meist zu müde, sich zu verteidigen.
Die Zeit verfliegt nur so, und während ich mich beizeiten in ihrem Blick nach draußen verliere, hätte ich beinahe den Blitzer vergessen, der die Frankfurter Allee davor bewahrt, nachts als Autobahn wahrgenommen zu werden. An der Möllendorffstr. torkeln die ersten Betrunkenen über den Fußgängerüberweg und ich nehme den Typen zur Kenntnis, der beim Pinkeln an ein Verkehrsschild angelehnt, langsam vom Schlaf übermannt wird.

“Wissen sie, mein Freund hat gerade Schluss gemacht…”

schluchzt es leise aus dem Fond.

“…Entschuldigung.”

“Sie brauchen sich für gar nichts entschuldigen. Taschentuch?”

Die rhytmisch blinkenden Lichter, die Flugzeuge davon abhalten sollen, den Fernsehturm zu rammen, spiegeln sich in allerlei Fenstern, die wir nach und nach passieren. Bis zum U-Bahnhof Samariterstraße sind schon zwei Taschentücher verbraucht, und wenngleich ihr Trost noch einige Zeit entfernt liegt, weiss ich zumindest jetzt schon, dass ich sie nicht nachher unter dem Sitz finden werde. Tränen lügen nicht ist nicht nur ein beschissenes Lied, sondern zumindest in der Hinsicht richtig, als ich noch nie von weinenden Menschen zu betrügen oder verärgern versucht wurde.

“Wissen sie, da zieht der Arsch mit dieser Schlampe ab und schreibt mir ‘ne SMS, dass es vorbei ist. Warum sind Männer immer so blöd?”

“Ach, wenn ich die Frage beantworten könnte, dann würde ich nicht dazugehören. Und befangen bin ich so oder so. Ich schätze, ich werde ihnen keine Hilfe sein können.”

Lächeln. Lächeln! Na also!

“Brauchen sie noch ein Taschentuch?”

“Ja, danke. Kannst auch du zu mir sagen!”

Am Frankfurter Tor quetsche ich mich noch als letzter bei der grünen Ampel durch und biege links in die Warschauer Straße ab. Am rechten Straßenrand im Halbdunkel rennt ein hilfloser Typ seiner Angebeteten hinterher, die hochnäsig von dannen zieht. Ich blicke kurz in den Innenspiegel und bemerke, dass die Straßenszene ihre Wirkung nicht verfehlt. Als wir die wartenden Betrunkenen vor der Dönerbude, den müden Obdachlosen an der Nachtapotheke, die Skater auf dem Grünstreifen und die von der Polizei angehaltenen Prolls mit ihrem getunten Auto hinter uns gelassen haben und auf den grünen Startschuss zur Überquerung der Oberbaumbrücke warten, ist die Laune auf der Rückbank bereits wesentlich besser. Im Wesentlichen dazu beigetragen habe ich nur durch gelegentliche Einstreuung der Wortfetzen “Ja”, “Das stimmt.”, “Überleg dir das nochmal!” und “Morgen ist auch noch ein Tag. Soll sogar recht sonnig werden.”

Der Verkehr ist dichter geworden, die Taxen mit den Fahrgästen fürs Watergate stauen sich bereits bis auf die Brücke.

“Wirf einen Blick hier runter. So scheiße ist die Nacht nicht. Behalt lieber den Ausblick in Erinnerung. Versuchen! Vielleicht klappt’s ja!”

Und noch ein Lächeln…

Als wir knappe 2 Minuten später bei ihr vor der Haustüre stehen, sind die Tränen zumindest vorerst wieder trocken. Wir haben noch ein paar Sätze übers Taxifahren verloren, und zwangsläufig kommt sie, die Frage:

“Sag mal, ist es nicht mies, Samstag Nachts arbeiten zu müssen?”

Generalprobe, ob es was gebracht hat…

“Wer sagt denn, dass ich muss? Und wer von uns beiden hatte heute die miesere Nacht? Ich bin zufrieden, keine Sorge!”

Vorletztes Lächeln. Bingo!

“Also dann…”

“Ja, also dann… ähm… danke!”

“Nichts zu danken. Ich bin nur der Fahrer, schon vergessen?”

Und das Letzte… dann verschwindet sie unsteten Schrittes im Durchgang zu ihrem Haus. Ich sehe ihr nach, mache mir einen Moment lang Gedanken darüber, ob sie jetzt gleich weint, wenn sie bemerkt, dass sie den Schlüsselanhänger von ihm geschenkt bekommen hat, oder erst wenn sie in einer halben Stunde im Bett liegt.

Ich sehe mich um, die Straße ist menschenleer. Ich öffne das Beifahrerfenster mit einem Knopfdruck, und drehe den Schlüssel. Der Volume-Regler bewegt sich wie von selbst wieder in die richtige Position. Dieses Mal eine Prise HipHop. Warum nicht? Vielleicht ist das was ich heut Nacht gesehen hab, das was wirklich ist. Beweis mir, dass es nicht so ist! Ich hab die Grenze zwischen Traum und Realität diesmal nicht vermisst…

An der Ecke sitzt ein Typ in meinem Alter. Er sieht im Dunkel nur die hellelfenbeinfarbene Kiste, sieht das Dachschild aufleuchten als das Taxameter auf frei umschaltet, überlegt zu winken, lässt es aber sein. Er ist viel zu betrunken. Er denkt sich, dass er den Scheißjob ja auch nicht machen würde. Jetzt, wo es gerade so schön ist. All das sehe ich ihm an. Aber die Nacht ist zu dunkel, als dass er mein Lächeln sehen könnte.

Und ich beschließe ausnahmsweise, die letzte Fahrt noch nicht abzuschütteln…

Zielgruppen-Fail

Berlin 2010. Der Winter war dieses Jahr hart und entbehrungsreich. Zusätzlich zu den üblichen Winter-Depressiven sind in diesem Jahr auch noch gelegentlich Personen verstorben, weil sie die unerbittlich zwei Monate überdauernde Eisdecke über der Stadt nicht sicher zu überqueren wussten. Die Polizei wird bis in den Sommer hinein noch damit beschäftigt sein, die Überreste von Rentnern aus einsamen Wohnungen zu bergen, die verhungert sind, weil sie sich bei minus fünfzehn Grad nicht mehr vor die Türe getraut haben.

Die Nacht ist einsam, es ist niemand auf der Straße. Dabei nähert sich der Kalender unaufhaltsam dem Frühlingsanfang. Die Temperaturen sind längst wieder für ein paar Stunden täglich im Plus-Bereich, nur die Nacht ist noch kalt und mörderisch. In den einsamen Friedrichshainer Abendstunden wirkt die Welt noch wie schockgefrostet. Keine Fußgänger weit und breit, und von den wenigen Zügen, die den harten Winter trotz der Sparmaßnahmen der Bahn überlebt haben, taucht keiner im Osten der Hauptstadt auf.

Das Fernsehen lehrt uns, dass in so einer Situation gerne lose Dornenbüsche durch die Prärie kugeln, aber die wenigen Dornenbüsche in Berlin sind entweder tot oder vom Resteis noch zu schwer zum Kugeln. Ein paar Taxifahrer halten am leblos wirkenden Beton-Gerippe des Bahnhofes ihre Wacht wie die Aasgeier. Stets mit wachem Blick, die Zigarette lose im erschlafften Mundwinkel hängend, verfolgen sie die Reste des Zivilisationsmülls, der in solch schweren Stunden die Dornenbüsche ersetzt.

Im Wissen, jegliche Bewegung würde die Stille jäh zerreissen, schweigt die Welt sich aus und nur in irgendeinem fahl beleuchteten Büro sitzt ein einsamer Praktikant in der Duden-Redaktion und ändert als vermeintlich letzter Überlebender den Eintrag zu “Apokalypse” in die Vergangenheitsform um.

Als sich gerade eine Wolke vor den blass anmutenden Mond schiebt, gleitet eine Schiebetür des Ostbahnhofs auf, als sei es das selbstverständlichste der Welt. An diesem Märzabend um 22 Uhr. Durch selbige schleift sich alsbald ein etwas kleinwüchsiger aber nicht schlecht gebauter Mensch südländischer Herkunft. Der lange schwarze Mantel umweht ihn mystisch, es bleibt ihm nichts als ihn mit den nackten Händen an sich zu pressen, um nicht den letzten Funken Körperwärme zu verlieren.

Die Taxifahrer schrecken aus ihrer Lethargie hoch. Manch einer murmelt sein Mantra: “Komm zu mir, komm zu mir…” Weniger actionorientierte Exemplare setzen ihren sorgsam vor dem Spiegel geübten Bruce-Willis-Blick auf und konzentrieren sich ganz auf die Ablehnung einer zu kurzen Fahrt.

Ganz hinten in der Schlange realisiert Sash, dass er offensichtlich zu viele Thriller liest, weil er erschrocken ist, dass die unheimliche Gestalt sich ihm unverdrossen nähert. Sie blickt sich um, scheint Angst zu haben. Was? Was wird dieser traurige Haufen Mensch mir wohl antun wollen, fragt Sash sich.

Die Antwort ist grausam.

Das Dunkel der Nacht legt sich für einen Moment tiefer über das Auto von Sash, als der Fremde die gespenstisch anmutende und tote Fassade des Bahnhofs mit seinem Schatten schluckt. Die Augen kommen näher, sie sehen sich panisch um. Was wird das? Waffen? Was kann man noch tun? Die Nacht würde jeden Schrei verschlucken und der eisige Wind keine Spuren hinterlassen, wenn nun jemand sterben würde. Der Fremde öffnet langsam den Mund, blickt Sash an und sagt:

“Ey, ‘absch hier neue Sonnenbrille! Will’sch du kaufen?”

Nee, sorry!