Weisste Bescheid

„Wo bringste uns jetzt nochmal hin?“

„Na hier in die XY-Straße, Lichtenberg.“

„Ach ja, stimmt ja. Hatte ich schon wieder vergessen.“

Gut, dass das nicht mir passiert ist. 😉

Der Jim

Ich hatte gerade Leute am About Blank abgesetzt, da winkte es schon wieder. Juhu!

Oder … eher nicht. Ein super enthusiastischer Hipster bugsierte einen Kumpel ins Auto, von dem kaum mehr als eine leblose Hülle übrig war:

„Bring den doch bitte zum Platz der vereinten Nationen, danke, tschüssi, ciao Jim!“

Und Abgang. Jim wollte noch meckern, aber nach anderthalb Sekunden fiel er einfach um, Koma. Na super. Aber um ehrlich zu sein: Die Nacht an sich lief großartig und einen Totalausfall gibt’s immer. Dieses Mal also Jim, der hinter meinem Sitz in sich zusammengesunken war und dem dünne Speichelfäden aus dem Mund auf seinen Pullover rannen. Ich hab einfach die Karte „Wir sind eh da, bevor er das nächste Mal aufwacht und kotzen könnte“ gespielt. Erfolgreich.

Da Jim schlief, hab ich die genaue Adresse gar nicht erst in Erfahrung gebracht – obwohl der Platz der vereinten Nationen mit den umstehenden Hochhäusern nur eine vage Angabe war. Ich würde ihn eh wecken müssen. Und so kam es dann auch. Auf Ansprachen reagiert hat er gar nicht, also hab ich angehalten und die Tür aufgemacht:

„So, aufgewacht! Platz der vereinten Nationen! Wir sind da!“

Dazu einmal an der Schulter gerüttelt, schon sah mich das Häufchen Elend an und flüsterte:

„Taxi?“

„Ja, Taxi.“

„Gut. Ischlafdannhier!“

Ich hab ihn wieder wachgerüttelt:

„Nein, Du schläfst nicht hier! Ich muss arbeiten, also raus hier, zack-zack!“

„Issokeh, issokeh. Ich muss Warschauer Straße!“

„Dein Kumpel hat gesagt Platz der vereinten Nationen und da sind wir jetzt.“

Ungläubig hat er sich umgeguckt, während das ganze Körpergewicht des zierlichen Mannes an der Schulter hing, an der ich ihn aufrecht gehalten hab.

„Ah, dadrühmwohni!“

… und deutete mit seinem Arm auf die acht uns grob am nächsten stehenden Häuser.

„Mussinosaaln?“

„Ja, Du musst noch zahlen. 13,30 €.“

Beim Versuch, in seine Hosentasche zu greifen, wäre er beinahe auf die Straße gestolpert, wo gerade ein Auto kam. Ich hab ihn zurückgerissen und hab ihn ein paar Meter durch den strömenden Regen geschleift.

„Junge, das war aber auch mal ’n bisschen zu viel heute, was?“

„Kannselautsahn!“

„Wird’s langsam?“

„Alsokeh! Mussinosaahln?“

„Jo. Immer noch 13,30 €.“

So ein gepflegter kalter Herbstregen aber wirkt ja Wunder bei Betrunkenen, die sich in der wohlig-warmen Taxiluft haben umherschaukeln lassen. Komplett Herr seiner Sinne ist Jim wahrscheinlich auch jetzt, 30 Stunden später, eher nur bedingt. Zumindest vom Autofahren würde ich ihm abraten – aber das mit dem Bezahlen des Taxis hat er hingekriegt. Und auch sein Wanken gen Haustüre sah relativ vielversprechend aus. Besser noch als sein Einstieg bei mir. So gesehen hake ich das mal als gute Tat ab, ok?

Die Irrfahrt der Woche

Der Freitag war ein Scheißtag. Ich war unausgeschlafen und früh in die Schicht gestartet, die Umsätze sollten später auch noch mies werden, aber mit Abstand am meisten hat mich die erste Tour geärgert. Ich hoffe, Ihr habt ein wenig Zeit mitgebracht an diesem Montagmorgen, denn die Fahrt war ziemlich lang …

Eingestiegen sind sie mir am Ostbahnhof noch auf der letzten Rücke. Bemerkt hatte ich das etwas ungleiche Paar genau in dem Moment, in dem der Mann mir versehentlich gegens Auto lief. Amtlicher Zustand für 20.30 Uhr, dachte ich mir. Er war jetzt allerdings keineswegs, wie die meisten vermuten werden, irgendein Spätpubertierender, der sich mit dem Alkohol maßlos verschätzt hatte, sondern ein Rentner, der die 70 auf der Lebensuhr ganz sicher schon voll hatte. Angetrunken war er zwar auch, aber man merkte auch deutlich, dass er insgesamt nicht mehr so fit war. Er wirkte in seiner fleckigen Hose etwas heruntergekommen, aber auch ganz nett, wie er sich da hinten auf der Rückbank zurechttüddelte.
Neben mir stieg eine Frau Mitte 50 ein. Breite Statur, kurzrasierte graue Haare, eher der rustikale Typ Mensch. Berliner Schnauze durch und durch und scheinbar auch ein wenig genervt von ihm. Naja, wo die Liebe halt so hinfällt.

Er machte reichlich ungelenk und in nur mäßig zusammenhängenden Sätzen klar, dass es erst einmal in die Köpenicker Straße gehen sollte, unweit des schlesischen Tores. Dort aber solle ich kurz warten. Er wolle was holen, dann zur Bank und zurück zum Bahnhof. Da wären sie gerade so nett am Trinken. Na gut. Als wir ankamen, konnte er kaum aussteigen, seine Begleiterin half ihm. Sie steckte mir ihren Ausweis zu, in zwei, drei Minuten wären sie wieder da. Ich wartete also. Eine Hausnummer weiter war ein Polizeieinsatz, ich stand also immerhin nicht alleine blöd in zweiter Reihe. Und ich stand eine ganze Weile da. Zwischenzeitlich hatte ich schon Sorge, dass sie nicht wiederkommen würden, aber in der Ausweishülle der Frau steckten auch noch ein aktuelles Monatsticket der BVG und ein paar weitere Sachen, die definitiv wert waren, wiederzukommen. Außerdem war die Polizei ja vor Ort …

Auf der Uhr waren zu den rund 6 € Fahrtkosten inzwischen weitere 6 € Wartezeittarif aufgelaufen, ein bisschen mehr als zwei, drei Minuten so kosten – aber dann kamen sie. Sie mit verdrehten Augen, er mit einer Gemütlichkeit, die ihresgleichen sucht. Den Arsch halb aus der Hose hängend zwängte er sich wieder ins Auto und verlangte, dass ich sie beide zum Kotti bringe, Berliner Sparkasse. Na jut.

Dort wurde es dann etwas seltsam. Er gab ihr eine Bankkarte nebst PIN und blieb selbst im Auto. Aber ok, er war halt nicht mehr so fit zu Fuß. Im Auto fing er an rumzuzetern, was sie denn so lange brauche, wobei ich ihn ein wenig beruhigen konnte. Mein Gott, Automaten nerven halt manchmal. In dem Fall aber kam sie zurück und sagte, die PIN wäre falsch. Und sie zitierte exakt die Nummer, die er ihr gegeben hat. Inzwischen erfuhr ich auch, dass es gar nicht seine Bankkarte war, sondern die seiner Frau. Aber OK, ist ja nicht mein Leben.

Er schimpfte ein bisschen vor sich hin, dass er dann ja auch gleich die 150 € aus der Wohnung hätte mitnehmen können. Sie verdrehte wieder nur die Augen und die Fahrt – inzwischen waren wir bei über 20 € – sollte wieder in seine Wohnung gehen. Natürlich hab ich mir zu dem Zeitpunkt so langsam Sorgen um meine Kohle gemacht, aber wenn man mal ehrlich ist, hab ich schon seltsamere Fahrten gehabt. Zurück in der Köpenicker hielt ich abermals ziemlich blöd, dieses mal als Einziger auf weiter Flur. Die nächsten 10 Minuten bekam ich folglich ein Best-of an Beleidigungen von Rad- und Autofahrern zu hören. Aber was willste machen, wenn die Kundschaft gehbehindert ist? Mal kurz ums Eck fahren?

Irgendwann kam die Begleiterin wieder raus und meinte:

„Er sucht noch seinen Ausweis.“

„Wozu?“

„Weeß ick do’nüscht!“

Ich kam mit ihr ein bisschen ins Gespräch, so langsam wollte ich auch wissen, was hier eigentlich abging. Er ließ sich kreuz und quer durch Kreuzberg fahren, sie beklagt, dass sie schon wieder nüchtern werden würde … und sie war nicht einmal seine Frau. Hä?

Von ihr hab ich dann erfahren, dass sie den Herrn nur flüchtig kennt, ein paarmal beim Trinken getroffen, so wie an dem Abend eben. Beim Trinken hätte sich der Kerl dann in die Hose gemacht („Gut, dass Sie Ledersitze haben!“)* und außerdem noch mehr Geld holen wollen. Seine Frau gab ihm dann die Bankkarte mit. Er hatte in die illustere Runde gefragt, wer ihn begleiten wolle – aber bis auf sie hätten alle abgelehnt. Sie wisse nun auch warum, meinte sie. So eine Odyssee wolle sie sich auch kein zweites Mal mehr antun. Sie war offenbar auch davon ausgegangen, dass es einfach kurz eine fünfminütige Fahrt ums Eck sein würde – und dann, zack: nächstes Bier!

Als sie das mit dem Ausweis nochmal anspricht, sage ich ihr, dass sie ihm das besser ausredet. Die Uhr laufe schließlich und wirklich brauchen sollte er den Ausweis bei ihrem Stammkiosk ja wohl nicht ernsthaft. Daraufhin hat sie zum einen entgegnet, dass sie ohnehin vermutet, er hätte den Ausweis dort gelassen, zum anderen bemängelte sie, dass ich die Uhr ja auch ausmachen könnte, weil: Da sitzt ja keener drin!

Ich hab sie noch kurz darüber aufgeklärt, was es mit dem Wartezeittarif auf sich hat und dass ich mir auch besseres vorstellen könnte, als darauf zu warten, dass jemand mal kurz seine Wohnung auf den Kopf stellt. Und, das sei positiv angemerkt: Das hat sie verstanden und dann beschlossen, den Typen rauszuholen. Die Uhr stand nun bei 30 €, mehr als eine Stunde war seit Beginn der Fahrt verstrichen – und wir waren keinen Kilometer Luftlinie vom Start- und Zielpunkt entfernt.

Natürlich machte ich mir inzwischen Sorgen, aber wenigstens sie schien mir trotz Alkoholisierung zurechnungsfähig und auf eine ihr ganz eigene Art auch sympathisch zu sein. Meine Begeisterung hielt sich trotzdem in Grenzen, als sie nach ein paar Minuten wieder alleine rauskam und sagte:

„Dit wird nüscht mehr!“

„Wie jetzt?“

„Na, der will ohne seen Ausweis nich‘ weg hier!“

„Das ist ja meinetwegen ok. Aber wer bezahlt mir jetzt bitte die Fahrt?“

„Na, ick sicher nich‘!“

Na dann ist ja alles geklärt! -.-

Sie drückte mir noch einen Zettel von ihm in die Hand, der – so mutmaße ich mal – irgendwie ein Versprechen für eine Rechnungsbegleichung sein sollte. Allerdings war das Dokument mit vier Zeilen „Text“ sowas von komplett unleserlich, da hätten sich Ärzte noch eine Scheibe von abschneiden können. Ehrlich: Ein Wort habe ich gefühlt als „Taxi“ entziffern können, der Rest war eine Aneinanderreihung von Kringeln. Hätte auch Steno oder Arabisch sein können. Bei allem Optimismus und gutem Willen war das Ding so wertvoll wie eine Kinderzeichnung.

Da sie aber selbst noch zum Ostbahnhof zurückwollte, hab ich sie kurzerhand eingeladen und ihr gesagt, dass wir dann eben zur Polizei fahren. Sie fand das nicht unbedingt toll, hat sich aber auch nur so mittelprächtig gewehrt. Ich hab ihr (der Wahrheit entsprechend) auch nochmal gesagt, dass das jetzt nichts persönliches ist und ich von ihr auch gar nicht erwarten würde, dass sie das Geld zahlt (obwohl sie gerne dürfe!) und ich sie nur als Zeugin bräuchte, weil sie den Typen kennt. Es war eine schmale Gratwanderung, denn gepasst hat ihr der Mist natürlich überhaupt nicht. Aber ich hab sie bei ihrem Unmut über den Typen gepackt und zudem einfach auf ihr Gerechtigkeitsempfinden gesetzt:

„Ist für Sie scheiße, ist für mich scheiße, schon klar. Aber ich hab jetzt anderthalb Stunden Zeit für sie geopfert, da nehmen Sie sich bitte jetzt auch die Zeit für mich!“

Und so saßen wir dann 5 Minuten später auf dem Polizeirevier und haben uns gemeinsam ein bisschen über den Abendverlauf geärgert. Und so ewig es uns auch vorkam: Eigentlich war die Wartezeit kurz. Im Büro der Beamtin erläuterte ich kurz, wie das alles verlaufen war, die Version meiner Begleiterin war genau gleich, nur angereichert durch Wiederholungen und Unwichtigkeiten. Ein kleines Problem war dann doch die Identität des Missetäters, denn sie kannte ihn nur als „Herbert“. Die Wohnadresse, zu der wir gefahren waren, war auch nicht seine, sondern die seiner „Frau“, die aber in Wirklichkeit nur sein Freundin war.

„Hilde Schuhmann, so stand’s ja auch auf der Karte vonner Bank!“

Ein nachnamenloser Herbert also. Na klasse.

Aber was wäre die Welt ohne herzerweichend bescheuerte Zufälle!

Während die Beamtin mit hochgezogenen Augenbrauen die Anzeige aufnahm, kam einer ihrer Kollegen rein und meinte, sie solle unbedingt mal auf Wache XY anrufen, das hätte vielleicht „mit der Geschichte hier“ zu tun. Während ich mit mir selbst Wetten abschloss, ob es dabei auch wirklich um „meine Geschichte“ gehen könnte, verschwand die Polizistin zum Telefonieren. Und siehe da: Ein gewisser Herbert hatte wohl seinen Ausweis an einem Bahnhofsimbiss liegen lassen und die Cops haben da aus zwei Halbsätzen mal eben flugs einen Zusammenhang erschlossen. Fast wie bei Tatort. Ja, scheiß doch die Wand an! 😀

Natürlich: Das kann trotzdem alles im Sand verlaufen. Von Hans Baecker hab ich auch nie wieder was gehört. Vielleicht ist der Kerl ja dement und mittellos, was weiß ich schon. Seine Bekannte wusste da jedenfalls auch nix. Aber mal davon ausgehend, dass er zahlen wollte und es irgendwie auch kann … vielleicht wird das ja noch was. Dann wären zwei Stunden Zeitaufwand für am Ende 37,40 € ja eigentlich doch ganz in Ordnung.

*Das war schon lange getrocknet und gerochen hat auch nix. Diesbezüglich hat mir die Fahrt genau null Ärger gemacht. Einmal abgewischt hab ich hinterher vorsichtshalber aber doch.

Kontrolliertes Koma

Über den Abend des Kunden versuchte ich mir möglichst keine Gedanken zu machen. Er winkte mich hackevoll vor einem Puff ran; und zwar so voll, dass es mich gewundert hat, dass er noch Geld fürs Taxi besaß. Er war so dermaßen hinüber, ich hätte ihm wahrscheinlich am Ende der Fahrt alles erzählen können, vielleicht einen Mondumrundungsaufschlag verlangen oder so (ich notiere mir das mal gedanklich, man weiß ja nie …).

Zunächst war da natürlich die selbe Sorge wie bei allen Druffis: Hoffentlich reihert mir der nicht ins Auto!

Aber weit gefehlt. Erst nannte er mir eine Adresse, noch dazu eine nicht ganz einfache, bei der ich wegen der Schreibweise in Vertretung meines Navis nachfragen musste. JWD in Mahlsdorf, eine gute Tour von der Länge her. Kaum dass er mir die gewünschte Auskunft gegeben hatte, trat er umgehend weg, Zack – als hätte wer einen Schalter umgelegt. Er hat sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht, sich gemütlich einzurichten. Er war eingeschlafen, wie er eben mit mir gesprochen hatte: Aufrecht und nicht angelehnt sitzend, die eine Hand am Türgriff (nicht der zum Öffnen!), den Mund offen. Nur der Kopf war leicht nach vorne genickt. Ein faszinierendes Bild.

Und sowohl den schlafenden Zustand als auch die Sitzposition hat er über 20 Minuten durchgehalten. Er ist nicht beim Beschleunigen in den Sitz gesunken und beim Lenken nicht gegen die Scheibe gedonnert. Chapeau!

Und trotzdem habe ich ihn am Ende mit einem einfachen „Hey, wir sind da …“ wecken können. Gut, seine Orientierung hat noch eine Minute zum Aufwachen gebraucht und er ist am Ende einmal gegen sein Gartentor gelaufen (Also ich hoffe zumindest mal, dass es seines war. 😉 ).

Noch ein Wochenendeindruck

Ich stand gemütlich an der Ampel, immerhin zeigte sie mir ihr schönstes Rot. Im CD-Player rotierte „Großes Kino“ von Blumentopf, meine linke Hand am Lenkrad deutete die zu „Block und Bleistift“ passenden Scratches an, ich war auf dem weg zum Sisyphos, ich war mit mir im Reinen.

Offenbar auch mit sich im Reinen, wenn auch mit mehr chemischer Nachhilfe, war dann der Typ, der vor mir über den Zebrastreifen torkelte. Bedächtig setzte er einen Schritt neben den anderen, vorwärts kam er nur sehr langsam. Das Hemd hing ihm einseitig aus der Hose, er grinste grenzdebil und nahm hin und wieder zur Sicherheit noch einen weiteren Schluck. Die inzwischen wohl beendete Party hing im sichtbar nach, er hatte zweifelsohne ein paar Drinks zu viel gehabt, aber er schien sich über seinen Zustand sehr zu freuen.

Weniger erfreut war die Staatsmacht, denn die wollte – von links kommend und in Zweierbesetzung in einen Opel Corsa gepfercht – nur schnell rechts abbiegen und musste deswegen diesen Zebrastreifen passieren. Was sich da hinter seinem Rücken abspielte, bekam der Betrunkene nicht mehr wirklich mit. Er hatte fast die Hälfte des Zebrastreifens geschafft und die Ampel war noch grün für ihn. So gut lief’s vermutlich die letzten drei Blocks nicht für ihn. Dass das Warten für die Polizisten unangenehm war, konnte ich mir vorstellen. Und ja, auch als Fußgänger sollte man halbwegs einen Blick auf seine Verkehrstauglichkeit haben.

Dass der Streifenwagen dann allerdings wirklich neben ihm nochmal gebremst hat, und der steuerführende Beamte den Partyhirbel angepöbelt oder mit irgendwas gedroht hat, das hat mich dann doch etwas überrascht. Und mich natürlich noch am wenigsten, denn während der blau-silberne Kleinwagen mit aufheulendem Motor verschwand, stand der Zebrastreifenflaneur ziemlich ratlos in der Gegend herum und versuchte, sich dieses Ereignis zu erklären.

Da stand er dann, zuckte die Schultern und nahm lieber noch einen Schluck. Ich hab ihn dann schnell umkurvt, inzwischen hatte ich ja selbst schon lange grün …

Wenn die Kollegen schlechte Tage haben

Jeder hat mal einen Tag, an dem irgendwie alles schief geht. Irgendwie war das gestern wohl bei einem Kollegen der Fall, der „mein“ Auto hatte. Noch bevor ich zur Arbeit aufgebrochen bin, hab ich auf dem Handy gesehen, dass er angerufen hatte. Und da klingelte es prompt wieder.

Er riefe nur an, um mir zu sagen, dass sich der Grund, warum er vorhin angerufen hätte, erledigt hätte. Aha.

Wobei das verständlich war. Er hatte befürchtet, sein Handy im Auto liegengelassen zu haben, hatte es inzwischen aber wiedergefunden.

Dann kam ich zum Auto und sah, dass die hintere Seitenscheibe offen war. Aber gut, es war warm und hatte nicht geregnet und im Hof sind zumeist nur Kollegen unterwegs. Glück gehabt. Dann hab ich festgestellt, dass der Stifthalter am Armaturenbrett sich abgelöst hatte. Passiert alle paar Jubeljahre mal, die sind nur angeklebt. Nur war auch im ganzen Auto kein Kuli zu finden, den hatte er offenbar eingesteckt. Und nebenbei vergessen, die Kilometerzahl auf dem Abschreiber einzutragen.

Das ärgert einen kurz. Aber der Kollege ist ein netter, das war sicher keine Absicht. Und wenn ich mir vorstelle, wie er wohl in Eile beim Abstellen ums Auto gewuselt ist, dann stelle ich mir das sogar irgendwie ziemlich lustig vor. Und einen anderen Kollegen mit überschüssigem Kuli im Auto zu finden, war dann auch nur eine Sache von Minuten …

Sich besaufen bis der Arzt telefoniert

An sich hab ich den Schlenker über die Frankfurter Allee ja nur gemacht, um vielleicht noch Winker zu finden. Was ich stattdessen sah, hab ich besser mal ignoriert. Da hatte zwar jemand die Hand auf die Straße gestreckt, allerdings hielt er gar nicht nach Taxen Ausschau, sondern schwankte einfach in Fahrtrichtung vor mir her. Als ich neben ihm an einer Ampel halten musste, stellte sich heraus, dass er das wirklich für winken gehalten hatte, denn er stieg ein. Eigentlich fiel er eher.

„Guten Abend.“

„Sh. Ssse sml ls amlsllalalss …ssss!“

Ich hab mir selbst auf die Schulter geklopft, dafür einen Umweg gefahren zu sein.

Der junge Mann hielt ein Smartphone am Ohr und hauchte hinein:

„cajutoaim? Cajutoooaim!?“

Na dann gib halt her! Ich weiß, die meisten lesen jetzt Bahnhof – und zwar auf vogonisch. Tatsächlich war mir in dem Moment klar: Ich hatte es mit einem Briten (beim Ausüben des inoffiziellen Nationalsports) zu tun, der seinen Kumpel am anderen Ende der Leitung bat, mit mir zu reden. Can you talk to him – so schwierig ist drunken english dann ja auch nicht. 😉

Ich nahm mir das Telefon und der Kumpel am anderen Ende hatte immerhin etwa 2 Promille weniger. Für gänzlich fehlerfreie Kommunikation hat’s nicht gereicht. Er bat mich, seinen Freund zum nächsten Krankenhaus zu bringen. Komische Bitte, aber irgendwie nur so mittel absurd, wenn man sich den Kandidaten mal angeschaut hat. Ich fragte nach, ob es ein bestimmtes oder einfach nur das nächste sein sollte, woraufhin es in der Leitung raschelte und mich eine ernste Stimme eines Dr. XY wissen ließ:

„Die sind im Klinikum am Friedrichshain. Sie warten dort am Eingang zur Rettungsstelle.“

War der Druffi jetzt ein entlaufener Patient? Nicht ganz. Er hat die ganze Fahrt über weiter telefoniert. Die ersten 2 Minuten hat er seinen Kumpels immerzu erklärt, er wäre in 5 Minuten da. Die letzten 2 Minuten hat er hauptsächlich damit verbracht, mich zu fragen, wie lange es dauern würde. Nach ungefähr 30 Nachfragen (Wie gesagt: 2 Minuten!) stellte ich am Tor der Rettungsstelle fest, dass leider kein Arzt wartete. Noch besser: Statt den Spezialpatienten abliefern zu können, hatte ich jetzt noch zwei zusätzliche:

„Could you bring us to our hostel? We, we would give you money!“

Na, mit dem Geschäftsmodell haben sie mich aber überrascht. Und was sollte es schon. Das waren nochmal 5 Minuten und 5 € mehr – und ich hatte mich so langsam dran gewöhnt, bei jeder Rechtskurve den Ellenbogen hochzuhalten, um den Kerl neben mir wieder zurückzuschubsen, weil er ein wenig zum Umkippen neigte. Der Wortführer war auch wirklich noch erträglich betrunken. Der zweite auf der Rückbank klagte indessen über mörderische Kopfschmerzen und der neben mir hatte auf nichts mehr Zugriff, was nicht unmittelbar der Lebenserhaltung diente. Mit der Zeit hab ich mich sogar gefragt, ob ich mir nicht unnötig Sorgen machte und er einfach sogar zum Kotzen zu blau sein könnte.

Ohne größere Verluste haben wir es dann bis zum Hostel geschafft und mit 12,40 € war das Ganze für eine Familienzusammenführung im Krankenhaus mit anschließender Heimreise sogar noch bezahlbar für die Jungs. Der eine, der das noch konnte, entschuldigte sich auch tausendfach und dankte mir in einem fort. Beim Bezahlen preschte er mit einem Zehner voran, legte auch den Zweier gleich obenauf und wollte dann Geld von den beiden Lädierten haben. Mein Beifahrer entzog sich der Zahlung durch einen Sturz auf den Gehweg, dem ich in Gedanken wegen des Torkelns zuvor und der eleganten Landung eine 9,5 in der B-Note gab. Der zweite konnte zwischen seinen Kopfschmerzattacken erst einmal nur ein 10-Cent-Stück rausrücken. Dann nach einigem Gefluche und auf Nachfrage noch ein zweites. Als er ausgestiegen war, konnte er noch ein Drittes entbehren.

Während ich darüber sinnierte, ob das jetzt nicht ein wunderbares Ende für die Fahrt wäre – dass ihnen läppische 10 Cent zum Begleichen der Rechnung fehlen – warf der Nüchterndste dann einfach nochmal einen Zweier hinterher und bat mich abermals um Entschuldigung.

Die werden heute Schmerzen haben, für die ich mir nicht einmal Worte ausdenken könnte. Und ich hab 14 € und bin eigentlich ganz zufrieden. 😀