Winken, aber richtig!

Ich denke, ich kann ausnahmsweise mal für alle Taxifahrer da draußen sprechen, wenn ich sage, dass wir uns über ausnahmslos jeden zusätzlichen Fahrgast freuen. Zahlungsbereitschaft und mangelndes Brockenlachen mal vorausgesetzt. Also winkt uns ruhig ran, das ist immer super!

Aber keine Regel ohne Ausnahmen. Und letztes Wochenende hatte ich so eine mal wieder: Ich war auf der Frankfurter Allee stadteinwärts unterwegs. Frisch in die Schicht gestartet, das Auto trotzdem so langsam warm, ich war bereit. Sowas von bereit!

Und dann stand da – das hatte ich natürlich lange realisiert – eine Dreiergruppe an einer Ampel und starrte den Verkehr an. Das muss nix heißen, aber es könnte doch … aber ich kam näher und näher und näher … naja, dann wollten Sie wohl doch einfach hinter der Autokolonne bei Rot über die Straße gehen.

Aber als ich noch 10 Meter entfernt war, hob einer den Arm und winkte mir zu.

WTF? Leute, ich war mit 50 bis 60 km/h unterwegs, 10 Meter hinter mir war das nächste Auto! Ich KANN so nicht anhalten.

Und ich will ehrlich sein: Schon aufgrund dessen, dass mir in dem Moment immer benötigter Umsatz unnötig flöten geht, vollzieht mein Gehirn da einen sehr schnellen Spurwechsel und ordnet die Winkende Person flugs aus der Schublade „nette Kunden“ in die mit der Aufschrift „Merkbefreite Vollpfosten, die ihrer Umwelt absichtlich schlechte Laune schenken“ um. Ein Fall für den nächsten Nachfolgeartikel von „Die 5 besten Methoden, ein Taxi heranzuwinken„. 🙁

„Voll richtig“

Man erwischt sich ja leider öfter mal auf dem falschen Fuß. Und das passiert natürlich auch zwischen Taxifahrern und Fahrgästen.

Der Kunde winkte mich an der Petersburger rechts ran. Südliche Fahrtrichtung, nur ca. 15 Meter vor der Kreuzung mit der Landsberger. Als Ziel gab er eine Straße an, die ich spontan irgendwo zwischen Marzahn und Charlottenburg verortet habe. Ich hatte also wirklich keine Ahnung. Aber der Kunde:

„Ist einfach geradeaus. Also da bei der Konrad-Wolf, Alt-Hohenschönhausen, kennste?“

„Äh, ja. Und damit wäre das dann nicht geradeaus, sondern links.“

Ich hab das in dem Moment eher ein wenig genervt eingewandt, weil wir nun auf der rechten von vier Spuren standen und sich die Autos auf der Linksabbiegerspur bis weit hinter uns zurückstauten und hinter uns bereits Nachschub kam, der uns das Rüberziehen weiter erschwerte. Aufzeichnungen meines anschließenden Manövers könnte man als Negativbeispiel an Fahrschulen verticken.

Ab da war mir der Weg klar, ich hatte auch die Karte längst rangezoomt und die Straße gefunden. Nur der Fahrgast war still geworden. Obwohl er doch eben noch ein reichlich gutgelaunter Trunkenbold von einer Weihnachtsfeier war. Die Stille dauerte an, bis wir die Storkower kreuzten. Da wandte er sich dann doch noch an mich und meinte:

„Du, Du … ich merk‘ das jetzt erst, Du fährst ja mal voll richtig! Ich hab das da gerade voll verpeilt von der Richtung.“

„Hab ich gemerkt. Aber dafür mache ja ich den Job und ich bin nüchtern.“

„Das ist mal echt geil! Geradeaus, also wie ich …“

„Ja, da wären wir in der Warschauer gelandet und das Geschrei wäre groß gewesen.“

„Ja, echt mal! Das find‘ ich jetzt echt gut von Dir, Hut ab!“

Man meckert so gerne. Wir über die Fahrgäste, die Fahrgäste über uns. Wie’s halt so ist. Aber in solchen Momenten passt einfach alles. Und Ihr  könnt Euch nicht vorstellen, wie sehr ich sowas genieße. 😀

PS: Und ja, auch das Trinkgeld war entsprechend. 😉

Die ungewöhnlichen Touren bei Minusgraden

Nach Mitternacht stelle ich mich gerade gerne mal an den Bahnhof Friedrichsfelde-Ost. Da kann man zweifelsohne auch mal verhungern, andererseits ist es aber auch ein beliebter Umsteigepunkt und somit im Rahmen der Berliner Nahverkehrsverschmandung ein Ort, von wo aus oft überraschend keine Bahn fährt, oder aber erst in 29 Minuten, was bei Temperaturen unter null Grad bisweilen post mortem bedeutet. Andererseits kommen bei dem Wetter dann auch Leute auf die Idee, ein Taxi zu nehmen, die sonst vom Bahnhof aus heimlaufen.

So der Kunde dieses Wochenende, der ganz verschämt angefragt hat, ob ich auch in die Gensinger fahren würde. Und, Ihr kennt mich:

„Selbstverständlich!“

Tatsächlich war die Tour wohl nur etwa 700 Meter lang, das kann man aus den 5,10€ Gesamtpreis gut reverse engineeren, um mal modern zu klingen. Dass das sauviel ist, ist klar. In dem Fall allerdings immer noch zu wenig, denn ich hatte aus dem Umland fast 15 Kilometer Anfahrt zum Bahnhof für die Tour verplempert.

Das Schöne daran ist, dass der Kunde beschlossen hat, die Fahrt wenigstens blogbar zu machen, indem er das seit geraumer Zeit niedrigste Trinkgeld überhaupt gegeben  hat: 5 Cent. Nur zwei solche Touren und ich kann mir einen Würfel Hefe bei Netto holen. Das wird ein Fest! 😀

PS: Ich weiß, dass es unter Kollegen sehr verbreitet ist, ernsthaft über lächerliche Trinkgelder zu meckern. Damit will ich echt nicht anfangen. Ich kann mich wirklich darüber amüsieren, so viel Gelassenheit muss einfach sein.

Die schlechten Tage. Also die GANZ schlechten.

Natürlich haben wir alle unser Päckchen zu tragen und entsprechend neigen wir auch alle mal dazu, die Sorgen anderer beiseite zu wischen, wenn sie uns im Gegensatz zum eigenen Kram belanglos vorkommen. Und an anderen Tagen stößt man von jetzt auf gleich auf Menschen, mit denen man nie im Leben tauschen wollen würde. Und so ging es mir mit der ersten Fahrt der Woche, der ersten Fahrt des Monats.

Eine schnellentschlossene Winkerin, kurze Adressansage, danach sofort Handytelefonat. Und obwohl ich nicht absichtlich gelauscht habe: Die Eckpunkte haben mehr als nur gereicht!

Anruf vom Krankenhaus, ein Elternteil liegt im Sterben. Der einzige Weg, schnell die 400 Kilometer dorthin zu kommen wäre der Freund und der konnte/wollte nicht mal eben so spontan. Und so endete die Fahrt nach der Drohnung, dass Schluss wäre, wenn er jetzt nicht käme. Und die unklare Lage bezüglich rechtzeitigem Hinkommen blieb bestehen. Holy Shit!

Obwohl ich rückblickend nicht trauere, weil ich meine Mutter vor 7 Jahren* nicht mehr rechtzeitig besucht habe: Ich konnte das nur zu gut verstehen und ich hab während der ganzen Fahrt überlegt, ob ich eine Möglichkeit finde, eine Ferntour im Taxi irgendwie massiv im Preis zu drücken. Aber am Ende hätte ich auf meinen kompletten Lohn verzichten können und schon die Unkosten meiner Chefs hätten gut und gerne das Dreifache eines Bahntickets bedeutet. Mal abgesehen davon, dass ich bei aller Empathie ungern auf meinen Lohn verzichte: Das hätte immer noch obszön und nach Geschäftemacherei geklungen und nicht nach dem selbstlosen Angebot, das es gewesen wäre. Also hab ich’s gelassen.

Wenn das alles so ausgegangen ist, wie ich befürchte, dann weiß ich, wer sich dieses Wochenende und nächstes Jahr zur gleichen Zeit ziemlich die Kante gibt. Und eigentlich sind das so Sachen, die man nicht unbedingt wissen will, gerade wegen dieser Empathiegeschichte.

*Genau genommen sind es exakt morgen 7 Jahre. 🙁

Die andere Seite der Gerüche

Jetzt hatten wir’s gerade so schön übers Rauchen des Taxifahrers und dann kommt glatt ein Exemplar jener Spezies angewatschelt, an die die Kunden wiederum nur selten denken: Die der geruchsintensiven Fahrgäste.

Natürlich war ich etwas verwundert, als ich an den Stand gefahren bin und der Kunde beim Kollegen vor mir wieder aussteigt. Als er dann bei mir einstieg, glaubte ich zu wissen, wieso: Er war angetrunken und war bei der Frage nach dem Fahrtziel sehr seltsam ungenau:

„Bring mich mal inne, also sagen wir, Szene-Kneipe muss nicht sein, also nicht so weit, aber Kneipe. Szene ist nicht so meins, aber …“

Naja, verpeilt halt. Ich hab beschlossen, dass vom Ostbahnhof aus der Trinkteufel sicher nicht die schlechteste Wahl ist: Mit 7,10€ ein sehr kurzer Weg, definitiv eine Kneipe – und eine dazugehörige Szene wäre mir jetzt auch nie bewusst aufgefallen.

Und als wir dann die ersten hundert Meter hinter uns hatten, hab ich gemerkt, wie sehr der Kerl nach Urin stinkt. Ihr kennt mich, mir wird nicht schnell übel von sowas. Aber ums Fensterrunterlassen bin ich nicht umhin gekommen. Und während ich noch dachte, der will jetzt die letzten zwei Bier trinken und dann komatös im Eck liegen bleiben, hat er mir offenbart, dass er zwei Stunden später noch eine Reise durch halb Deutschland antreten will.

Zum Glück für mich und ihn war das alles schon lange eingetrocknet und das Auto ist sauber geblieben. Das Gefühl, der Geruch hinge noch in der Luft, habe ich aber selbst jetzt zu Hause am Schreibtisch noch. *würg*

Ich will damit keinesfalls die Kollegen entschuldigen, deren Auto wie eine Müllhalde riecht, aber manchmal können wir auch nix dafür oder haben’s selber entsprechend schwer.

Müll und so

Dass im Taxi auch mal Müll liegen bleibt, ist an sich ja normal. Um ehrlich zu sein, verstehe ich es nicht, da ich eher so der Typ bin, der zwar Montag früh ein Wochenendbier in der Straßenbahn öffnet, aber regelmäßig die dabei anfallenden Kronkorken zu Hause aus der Tasche entsorgen muss. Aber andere sind da anders und empfinden z.B. das Neben-den-Mülleimer-Stellen einer Bierflasche als so anstrengend, dass sie das lieber den Taxifahrer erledigen lassen.

Und auch wenn ich das Auto regelmäßig durchsehe: Direkt bei Fahrtende steige ich schon verkehrsbedingt nicht immer aus und wenn dann was in den Seitentaschen der Türen z.B. landet, sehe ich es schlicht nicht.

Dass ich selten darüber schreibe, liegt aber durchaus daran, dass auch die Fahrgäste da in den letzten Jahren besser geworden zu sein scheinen. Zeitung, Konfetti, Gurke, eigentlich alles Schnee von gestern. Hier mal eine abgelaufene Fahrkarte, dort mal ein Stadtführer.

Und dann stelle ich nach einer fast absolvierten Schicht beim Rauchen vor dem Auto fest, dass jemand von hinten an meiner Kopfstütze ein Armband befestigt hat. Offenbar von der AOK, wenn man dem Branding glauben schenken will. WTF?

Beim Abnehmen des Teils hab ich dann festgestellt, dass es sogar Special-Effekt-tauglich ist:

PS: Entschuldigt die Video-„Qualität“. Das ist das erste Youtube-Video seit 5 Jahren und ich hab’s spontan und ohne weitere Einstellungen mal kurz mit dem Handy gemacht.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Die kleinen Pluspunkte

„Hallo, guten Abend!“

„Hallo. Äh, sind Sie Nichtraucher?“

„Da muss ich Sie enttäuschen. Ich rauche. Aber nicht im Auto. Sie können aber gerne einen anderen Kollegen …“

„Nein, ist schon ok. Sie sind immerhin ehrlich.“

„Vielen Dank! Aber ich muss natürlich auch anmerken: Ich hab keine Ahnung, was meine Kollegen so anstellen im Auto.“

Aber ja, Eis gebrochen, immer gut.

Die Fahrt war natürlich nur kurz und eigentlich sind wir auf das Thema nicht mehr zurückgekommen. Ich sollte Obama als Präsidenten bewerten. Logisch, was man als Berliner Taxifahrer halt so tun muss. Jaja, besser als Trump mag ja sein, aber die Drohnenangriffe etc. pp. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Das ist ein interessantes Thema, aber wenn man so oder so nur darauf hoffen kann, dass der Fahrgast einen wegen eines Lasters wenigstens zu 30% ok findet …

Da sich meine politische Meinung mit seiner immerhin in Sachen Feindbilder deckte, ging das glücklicherweise gut aus. Und entsprechend konnte ich es am Ende nicht zurückhalten:

„Jetzt aber nochmal zu der Raucher-Geschichte: War alles ok für Sie?“

„Ja. Ich meine, ein Bisschen habe ich es gemerkt, aber für mich war das noch in Ordnung.“

Ich will niemandem auf den Fuß treten mit der Aussage, aber mir ist durchaus bewusst, dass man bei Leuten, die einen so intensiv abklopfen, selten mehr als einen Blumentopf gewinnen kann. Und zwei Euro Trinkgeld entsprechen dem ziemlich genau. 😉