Kollegen, die Fehlfahrtprobleme haben

Ich bin ja vielleicht jemand, der sich den Job Taxifahrer sehr leicht macht: Einfach rumcruisen und Kunden einsacken. Kein Funk, wenig sonstigen Stress – einfach nur die Fahrgäste und ich. Da gäbe es hier und da ein bisschen Optimierungspotenzial, das steht außer Frage. Aber ich bin im Großen und Ganzen ein Anhänger der 80/20-Theorie, die besagt, dass man mit 20% Einsatz 80% des Ergebnisses hinbekommt und die restlichen 80% Stress auf sich nimmt, um das Ergebnis um 20% zu verbessern. Natürlich stimmt das nicht immer und natürlich gibt es auch ganze Bereiche, auf die das nicht zutrifft. Aber beim Taxifahren spare ich mir die Energie und setze sie lieber in Freundlichkeit und vor allem Gemütsruhe um.

Das schafft dann auch einen freien Kopf, um zum Beispiel einfach mal mir völlig fremde Kollegen an der Halte darauf hinzuweisen, dass ihre Fackel ausgeschaltet ist. Das klingt böse, ist aber in Wirklichkeit hilfreich. Viele haben einfach vergessen, sie nach einer Bestellung wieder anzuschalten, andere bekommen dadurch erst mit, dass ein gerade nachts nicht unwichtiges Bauteil ihres Autos kaputt ist.

Heute Nacht stand wieder ein Kollege vor mir mit unbeleuchtetem Dachschild am Bahnhof, also hab ich’s ihm gesagt. Und obwohl ich das nun seit 6 Jahren ungefähr einmal pro Woche mache, kam mir diese Antwort noch nie unter:

“Ja, ich hab versehentlich eine Kurzstrecke eingetippt und wollte das jetzt noch wegkriegen. Weißt Du, wie das geht?”

“Naja, einfach ‘Kasse’ drücken …”

“Ja, aber dann ist das ja abgespeichert.”

“Ja und?”

Natürlich: Es kann schon sein, dass er keinen toleranten Chef hat, der ihm eine Fehlfahrt abkauft. Dann sollte er sich vielleicht Gedanken über einen Firmenwechsel machen. Ich kann das sicher auch nicht zwanzig Mal monatlich machen – aber selbst zu Beginn ist mir das vielleicht ein- oder zweimal pro Monat passiert, dass ich den falschen Knopf gedrückt habe. Und wenn es ganz dumm läuft, dann zahlt man halt einmal für seinen Fauxpas. Ich vertippe mich z.B. gerne mal bei Zuschlägen, wenn ich bei einem Stopp die Uhr anhalte, es dann überraschend doch weiter geht und ich die Uhr wieder anstellen will. Da hab ich meinen Chefs in den letzten 6 Jahren halt insgesamt vielleicht einen Zehner geschenkt, weil es mir zu blöd war, die 50 Cent jedes Mal anzugeben. Niedriglohnjob hin oder her, ein bisschen Schwund ist immer.

Der Kollege heute Nacht jedenfalls wollte nicht ‘Kasse’ drücken und ist weiter mit laufender Kurzstrecke und ausgeschalteter Fackel vorgerückt. Was immer er sich davon versprochen haben mag. Er kam sogar noch einmal zu mir und fragte, ob man nicht jetzt vielleicht noch in den Normaltarif wechseln könnte.

WTF?

Offensichtlich wollte er wirklich die nächste Tour mit dem bereits gedrückten Tarif beginnen. Was zweifelsohne völlig bescheuert ist, zumal er ja schon rund 200 Meter am Stand zurückgelegt hatte. Ich hab das Gegenreden irgendwann aufgegeben, obwohl’s natürlich in jedem Fall falsch gewesen wäre. Denn entweder hätte er unerlaubt Kunden vom Stand zum Kurzstreckentarif gefahren und sich im Falle einer kurzen Fahrt selbst um sein Geld gebracht, das er sonst mehr verdient hätte – oder aber er hätte den Kunden bei einer längeren Fahrt ein paar hundert Meter zu viel berechnet. Von den obskuren Möglichkeiten ganz abgesehen, die sich ergeben hätten, wenn die Fahrt entweder unter vier Euro gekostet hätte oder genau im Grenzbereich gelegen wäre, in dem das Taxameter nach Ende der Kurzstrecke schnell hochzählt. Wie kann man sich so einen Stress machen, wenn man ganz offensichtlich keine Ahnung hat?

Besonders kurios ist es dann am Ende geworden, als er Erster war. Er hatte Kunden, ich hatte Kunden. So sah es zumindest aus. Tatsächlich sind meine eingestiegen und hatten eine ultrakurze Fahrt in den Engeldamm im Programm. 5,00 € genau. Der Kollege wurde offenbar nur etwas gefragt und die Leute sind dann zu Fuß weitergegangen. Und da kommt der Töffel doch tatsächlich nochmal zu mir gelaufen und meint:

“Aber Kollege, eigentlich wäre ich doch dran!”

Mir ist darauf nur folgendes zu sagen eingefallen:

“Tja, siehste, sowas passiert auch manchmal!”

Also echt …

Neu im Gewerbe war ich auch mal. Und dumme Dinge gemacht oder dumme Fragen gestellt hab ich auch. Aber einem Kollegen das Taxameter, die Tarifbindung und die freie Taxiwahl der Kundschaft erklären muss ich auch nicht nebenher auf einen Rutsch machen. Für sowas gibt’s ja eben Chefs. Wobei es ironischerweise sogar witzig gewesen wäre, ihm gerade diese kurze Tour zu übergeben: bei der nämlich hätte er draufgezahlt und nicht die Kunden …

Wen auch ich nicht mehr befördere

Ich hab’s die letzten Jahre ja gut geschafft, nur selten den Gummiparagraphen 13 der BOKraft in Anspruch zu nehmen, der mir erlaubt, die Beförderung einer Person abzulehnen, “wenn Tatsachen vorliegen, die die Annahme rechtfertigen, daß die zu befördernde Person eine Gefahr für die Sicherheit und Ordnung des Betriebs oder für die Fahrgäste darstellt”. Ich bin da einige Male deutlich weiter gegangen als ich hätte müssen – und meist waren das auch nicht die Fahrten, bei denen ich’s bereut habe, sie gemacht zu haben. Mal abgesehen von der täglichen Jagd nach mehr Umsatz kann man mir eigentlich in keiner Weise vorwerfen, oft die Beförderung zu verweigern.

Wir sind nach 6 Jahren immer noch bei folgendem Stand:

Einmal habe ich eine Fahrt abgelehnt, weil der betreffende Fahrgast sowohl gekotzt hat als auch am Randalieren und Beleidigen war (ich finde aber den Eintrag nicht mehr)

und

einmal hab ich jemanden rausgeschmissen, der mir unterwegs gesagt hat, dass er eh nicht den vollen Fahrpreis zahlen kann, geschweige denn will.

Dazu kommen natürlich noch ein paar Winker, die in schwierigen Verkehrssituationen gewunken haben oder mich nicht haben erkennen lassen, ob sie winken oder den Hitlergruß zeigen. Und übersehen hab ich hier und da vielleicht auch mal jemanden, soll ja vorkommen. Das im Grunde war auch heute Nacht so. Ich fuhr einem Kollegen mit angeschalteter Fackel hinterher und hab entsprechend wenig auf die Umgebung geachtet. Die Chance, dass man als zweiter rangewunken wird, ist einfach so viel geringer, da richtet man die Augen doch eher auf die Straße. Vor allem heute Nacht, zu dem Zeitpunkt, als das Schneegestöber gegen 0.30 Uhr angefangen hat, in Berlin am dichtesten zu sein. Nun hat aber ein junger Mann offenbar gewunken. An einer Haltestelle. Links, andere Straßenseite. Ich hab das wie gesagt nicht gesehen, aber da er dann etwas rief, hab ich ihn schnell ausfindig gemacht. War auch kein Problem, denn ich und der Kollege vor mir standen inzwischen an einer Ampel, nur vielleicht 10 Meter hinter der Haltestelle.

Nachdem ich ein deutliches Winken wahrgenommen habe, wollte ich schon wenden, hab aber noch kurz eine Sekunde abgewartet, ob der Kollege reagiert. Hey, er war vor mir, so fair darf man ja mal sein!

Als ich dann das Lenkrad einschlagen wollte und den Kunden bereits anvisierte, war der schon eine Spur weiter gegangen bei der Verarbeitung der Szene: Er beklatschte uns arrogant mit den Worten “Habter toll jemacht, janz toll!”, um dann sofort auf ein höllenlautes “FUCK YOU! FUCK YOU ALL!” umzusteigen.

Was blieb mir anderes übrig, als zur Kenntnis zu nehmen, dass der potenzielle Fahrgast offenbar doch kein Taxi wollte …

Witzigkeitsbedingte Aufmerksamkeitspanne

“Und hatten Sie eine längere Reise?”

“Jetzt, wo Sie fragen: Das ist witzig, weil … also eigentlich, also es war komisch, ich hab richtiggehend gelacht, weil ich jetzt … ähm, ich hab den Faden verloren – was haben Sie gefragt?”

“Ob Sie eine längere Reise hatten.”

“Ach, haha! Nee.”

*PS: Ja, richtig; das ist kein Schreibfehler in der Überschrift. ;)

Wie man sich kennenlernt

Ich glaube, jeder kennt das: Man hört irgendwo ein Wort das erste Mal und es interessiert einen so arg, dass man es nachschlägt oder jemanden fragt, was es bedeutet – und am nächsten Abend taucht dieses Wort, das man über Jahrzehnte nicht wahrgenommen hat, plötzlich in einer Fernsehsendung auf. Das hat schon manche Leute zu Verschwörungstheoretikern werden lassen, weil einem dieser Zufall so unglaublich vorkommt – obwohl man’s wohl wahrscheinlich bis dahin einfach nur überhört hat.

Das kann natürlich auch mit allem anderen passieren: Musik, Bilder – und sogar mit Menschen.

Mir ist an jenem Abend zum Beispiel eine Kollegin aufgefallen. Ich hatte sie noch nie gesehen und die Anzahl der Taxifahrerinnen ist immer noch derart gering, dass man selbst in Berlin neue Gesichter tatsächlich noch bemerkt. Und das sage ich hier, mit meiner Gesichtsblindheit.

Gut, ein wirklich einschneidendes Erlebnis war das jetzt nicht, aber ich war schon reichlich verwundert, dass eben genau jene Kollegin dann ein paar Stunden und Fahrten, die uns beide sonstwohin hätten tragen können, plötzlich am Bahnhof neben meinem Auto stand und anklopfte. Sie begrüßte mich etwas unsicher, um mir dann zu erklären, dass sie Stress mit ihrem Auto und ihr Handy vergessen hätte. Bei Kollegen bin ich da ja dann wirklich nicht so. Ich hab ihr mein Handy angeboten, damit sie ihren Chef anrufen konnte. Ich weiß ja, wie nervig das ist, wenn man da verloren rumsteht und niemanden von der eigenen Firma findet.

Und, was soll ich sagen: Ich musste zwar noch kurz warten, aber immerhin konnte ich die Kollegin dann auch auf Kosten ihres Cheffes bis zu ihrer Firma bringen – was am Ende glatte 20 € waren, mehr als es mich zu meiner Bude gekostet hätte. :)

Die Kollegin übrigens war dann auch ein echtes Original. Rentnerin seit mehreren Jahren, also nur nebenberuflich im Taxi – “für bissche’ Taschegeld”, wie sie mir mitteilte. Dazu wie ich überzeugte Nachtfahrerin, wegen der lockeren Kundschaft und des ruhigen Verkehrs. “Nix Hektik, Hektik, Hektik – habe genug gehabt in Leben!”
Und wie ich auch hat sie die – wenn auch nur kleine – Hilfe unter Kollegen sehr zu schätzen gewusst. Manchmal klappt’s dann ja doch noch in dem Gewerbe und man ist froh drum, ein Teil davon zu sein. Deswegen an dieser Stelle auch einmal mehr ein Dank an alle Kollegen, die mir mal eben schnell aus der Patsche geholfen haben!

Kotzer bei Kollegen

Manchmal weiß man auch nicht mehr, was man sagen soll. Leute, die im Taxi kotzen, sind zweifelsohne mit das Mieseste, was einem in dem Job passieren kann. Und das natürlich nicht aus irgendwelchen überhöhten Ansprüchen, sondern weil das für handfesten Ärger und eine Menge Kosten sorgt.

Da ich nun viel alkoholisierte Kundschaft habe und auch einige davon wirklich kotzen müssen, hab ich ja angefangen, das pragmatisch zu sehen. Die Kunden sollen kotzen so viel sie wollen. ABER: Die Bedingung dabei ist, dass das Auto sauber bleibt. Dann hab ich kein Problem damit, mein Magen ist tolerant und ich weiß ja auch, wie das ist, wenn man dann am Ende doch zu viel getrunken hat.
Wer also aussteigt zum Kotzen oder in eine Tüte reihert, bekommt mit mir keine Probleme. Und wenn sich das Problem andeutet, dann sage ich den meist jugendlichen Fahrgästen auch gerne mal, dass es ihnen am Ende besser bekommen wird, in ihre 200€-Designerpullis zu kotzen als in mein Auto. Oder eben in die eigene Tasche.

Natürlich halte ich eigentlich einfach an, aber dass das eine Möglichkeit ist, muss man ja auch mal sagen dürfen.

Nun hat ein Kollege davon erzählt, wie bei ihm mal eine Frau in ihre Handtasche gereihert hat. Und wirkte dabei sehr unzufrieden. Deswegen hab ich nachgefragt, was jetzt so schlimm gewesen sei. Und bei seiner Antwort hat selbst mein Magen gezuckt:

“Die wollte mit Karte zahlen.”

Und wo die Karte war, brauche ich sicher nicht erklären …

Wie Kollegen mir ungewollt Kunden schenken

Die letzte Tour der Nacht zu bekommen, weil eine Kollegin die Kunden abzocken wollte, ist das eine. Rückblickend fast ein wenig lustig ist, dass ich diese Schicht auch mit einer Fahrt begonnen hatte, die die eines Kollegen gewesen wäre.

“Tja, das wäre mein Taxi gewesen …”

meinte der Fahrgast, nachdem er mir das Ziel in ungefähr 18 € Entfernung genannt hatte. “Sein Taxi” hatte indes anderweitige Sorgen – zum Beispiel den Kleinwagen, der ihm ins Heck gefahren war. Und wenn man dem Kunden glauben kann, dann war es geradezu ein Musterbeispiel für Unfälle mit Taxis: Der Kollege hat den Kunden gesehen und gebremst, woraufhin ihm das andere Auto ins Heck gefahren ist. Ob da jetzt der Taxifahrer nicht ordentlich auf den Verkehr geachtet hat oder der hinter ihm eine fragwürdige Auslegung von 30 km/h und Sicherheitsabstand hatte – man weiß es nicht.

Was ich aber sicher weiß, ist: Ich bin froh, dass ich die 18€-Tour und nicht den Crash hatte.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Wären alle Touren so, würde ich hinschmeißen (3)

Nun waren wir also auf dem Weg nach Spandau. Darüber gab es immerhin keine Diskussion. Es hat sogar für das ein oder andere nette Gespräch gereicht – und dass ich die Uhr ausmachen solle, hat auch niemand mehr verlangt. Und das, obwohl sich der Preis durch die Eskapaden bisher natürlich deutlich erhöhte.

“O Gott, mir bekommt das Hintensitzen gar nicht! Mir ist so schlecht! Aber keine Sorge, ich kotz’ nicht!”

Wie oft ich das im Laufe der Zeit gehört habe, weiß ich nicht mehr. Man darf bei einer Tour wie dieser ja auch nicht vergessen, dass sie ihre Zeit braucht. Nach insgesamt über einer halben Stunde hatten wir dann auch ausführlichst erörtert, dass meine Sitze nicht geeignet wären, um mal eben draufzupinkeln. Denn auch die Blase drückte bei zwei Mitreisenden bereits gewaltig. Aber nein, anhalten musste ich dafür ebensowenig wie für die Dame, der vom Hintensitzen schlecht war. Obwohl sie einfach auf den Beifahrersitz hätte wechseln können.

Die Zeit eilte also vorbei und als wir am Bahnhof Spandau waren, hatte ich die Truppe satte 40 Minuten im Auto. Bis zu ihrem Ziel war es nicht mehr weit, aber bei über 38 € fing die Dame hinten in der Mitte an zu sagen, dass sie nicht mehr sicher wüsste, ob sie nicht doch kotzen müsse.

“Ach, wir sind doch gleich da!”,

warf einer der Begleiter immer wieder ein, während mir das nicht mehr geheuer war. Am Ende stoppten wir 500 Meter vor dem Ziel und gleich drei Fahrgäste entledigten sich außerhalb des Taxis ihrer Körperflüssigkeiten. Zwei stellten sich pinkelnd an einen Verteilerkasten und Madame Miristsoschlecht kotzte mit beeindruckendem Strahl vor eine Bankfiliale. Wie bei allem im Leben gilt wohl auch bei Taxifahrten, dass man genau wissen sollte, wann Schluss ist. Und – bei allem Gezeter – immerhin das wussten sie alle. Ich hab die 39,10 € “großzügig” auf 40 € aufgerundet bekommen und war am Ende gleichermaßen einfach nur froh, dass es vorbei war, als auch, dass ich die Tour bekommen hatte. So isses halt manchmal.