Profi-Tipps

Völlig vergurkte Schicht, ein klarer Fall von „immer zur falschen Zeit am falschen Ort“. So war es dann fast schon passend, dass der Kunde, der mich nach einer halben Stunde am S-Bahnhof Friedrichsfelde-Ost nach einer Kurzstrecke fragte, auch wirklich nur bis zum U-Bahnhof Friedrichsfelde wollte (was weiter entfernt klingt als es ist), mir windige Tricksereien mit der Quittung abringen wollte und sich mehr oder minder offensichtlich am teuren Einstiegspreis von 3,90€ rieb.

Dass ich letzteres dann noch erschreckend gut gelaunt damit erklärte, dass das natürlich mal bei einem direkt folgenden Kunden zu hoch erscheinen kann, aber an Tagen wie heute, wo ich auf jede Tour lange warten würde, nicht mal mehr lohnend wäre für den Aufwand, quittierte er mit einem Comedy-Preis-verdächtigen Tipp vom Profi:

„Ja, Alter,  da hätteste dich wohl besser Ostbahnhof hinstellen sollen …“

Wo waren in all den Jahren die Kollegen und Leser, die mir gesagt haben, dass ich mich des Umsatzes wegen doch besser an den Ostbahnhof stellen sollte? Wozu hab ich Euch eigentlich?

😉

Ein bisschen Umsicht (2)

Da dachte ich schon, ich sei unaufmerksam bezüglich meiner Umgebung. Etwas übler hat es allerdings einen anderen Autofahrer in Friedrichsfelde erwischt. Gut, der war da nicht schon 10 Minuten rumgestanden und hat die Polizei irgendwas mit Blaulicht überprüfen sehen. Allerdings hätte er vielleicht beim Rechtsabbiegen auch einen kurzen Blick nach links werfen sollen. Denn dort, keine drei Meter von ihm entfernt, stand der Streifenwagen nun und wollte weiter.

Und „nun“ war, als der Fahrer sich offenbar dachte:

„Haha, geil, freie Straße! Erstmal Steuer rumreißen und mit quietschenden Reifen und aufheulendem Motor auf 60 beschleunigen. Das gefällt den Leuten da hinten vor der Disse sicher!“

Die haben in der Tat noch 10 Minuten später interessiert geguckt, allerdings weil er da mit seinem SUV von drei Streifenwagen eingekeilt wahrscheinlich alle erdenklichen Kontrollen auf einmal zu absolvieren hatte.

Ein bisschen Umsicht (1)

Ich staunte nicht schlecht, als ich am Bahnhof stand und plötzlich ein Streifenwagen auf mich zugerast kam, vor mir scharf bremste, quer über den Halteplatz hielt und die Beamten auf mich zukamen. WTF?

Dann ertönte plötzlich ein „Hey!“ über den Platz und der Wagen verschwand zur Bank hinter mir. Dort hatte offenbar ein Kollege Probleme mit Fahrgästen, was ich aber trotz nur 40 Metern Entfernung überhaupt nicht registriert hatte. Aber gut, es war wohl eine eher leise Auseinandersetzung um Zahlungsschwierigkeiten und der Kollege hatte auch nicht Hilfe über Funk angefordert. Ein bisschen überrascht hinterlässt einen solch eine Nähe zu Ärgernissen dann halt trotzdem.

Nicht als einziger mitgedacht

Manchmal gerät man als Taxifahrer mitten ins sehr aufregende Leben seiner Kundschaft und ist darauf nur wenig vorbereitet. In diesem Fall war ich zum Beispiel von einer netten Tour zum Potsdamer Platz zurück zum Ostbahnhof unterwegs, als ich rangewunken wurde. Wohin es gehen sollte?

„Kinderklinik, kennen Sie? Westend?“

Jein. Tatsächlich müsste das Klinikum Westend in meinem Ortskundekatalog vor bald 10 Jahren aufgetaucht sein, seitdem ist es in meinem Gehirn allenfalls würdevoll verblasst. Fluch und Segen einer 900km²-Stadt: Wir haben hier zwar alles, aber es gibt halt auch niemanden, der über alles einen Überblick hat. Außer Google natürlich.

Allein der Stadtteil war entfernt genug, um einfach blitzschnell losfahren zu können und unterwegs die wichtigsten Infos (wie z.B. von welcher Seite aus man reinfahren kann/soll/muss) unterwegs an Ampeln ausfindig zu machen.

Und mir war sehr  unwohl bei der Sache, denn die „kleine“ Patientin (vielleicht 11 Jahre) zeigte zunächst genau die Symptome, die in meiner Familie beinahe mal für ein spontanes Ableben gesorgt haben: Schlimme Bauchschmerzen, nicht nur einfach „ein Aua“, irgendwas außerhalb der Komfort-Zone. Und  ja, auch beim mir bekannten Fall wurde das als „Hysterie“ und „Übertreibung“ abgetan, am Ende war’s halt ein akuter Blinddarmdurchbruch und der Grat zwischen Leben und Tod war eine Frage von Stunden. Ich weiß, dass Ärzte zu oft mit unbegründeter Panik* zu tun haben, aber seit dieser Erfahrung bin ich auch der Meinung, dass eine schnelle Meldung nur halb so viel Schaden anrichtet, wie eine unterlassene. Dass Defizite bei der ärztlichen Versorgung existieren, ist halt eben nur eine Seite der Medaille und weder den Patienten noch den Ärzten anzulasten.

Ich war also bei der Sache auch auf 180 und am Ende sehr froh, dass das Klinikum Westend mit seinen beachtlichen Ausmaßen dennoch mal jemanden zu Gast hatte, der über die Welt nachgedacht hat und die nicht eben leichte Zufahrt zur Notaufnahme mit einer Markierung auf der Straße markiert hat. Eine durchgängige rote Linie nebst Wegweisern, ein Garant für die schnelle Ankunft. I like.

Ich würde nach wie vor gerne sagen, dass wir Taxifahrer das auch wissen können sollten, aber wir reden hier halt nicht von der einen Kurklinik im Landkreis, sondern von einem Krankenhaus in einer Metropole. Und wie es schon allgemein bei Stadtteilen der Fall ist: Die einen kennt man besser, die anderen eher weniger.

Am Ende der roten Linie war alles gut. Mutter und Tochter  haben sich bedankt und ich hatte eine weitere sehr erfolgreiche Fahrt abgeschlossen. Und mal nebenbei: Ich bin auch immer ein Freund von weniger „Schilderwald“, von weniger Regulierung. Aber manchmal merkt man dann doch, wie einem sowas den Arsch retten kann …

*Hier eine sehr interessante Erkenntnis der Mutter: Ein Arzt soll auf ihre Bedenken hin, hysterisch zu erscheinen, gesagt haben:
„Ich liebe hysterische Mütter! Ganz ehrlich! Das ist super! Die kommen nie zu spät!“

Friedrich Irgendwas der zweite

Als ob die vielen doppelten Straßennamen in Berlin nicht genug Ärgernisse für Menschen wie zum Beispiel uns Taxifahrer bereithalten würden: Man stelle sich mal vor, wie es Touristen ergehen muss, wenn denen schon die deutsche Sprache für sich schwierig genug ist. Da ist dann schon sowas wie die Ähnlichkeit vieler Dinge ein Problem.

So bei den beiden Schotten gestern Abend. Ob ich sie zu ihrem Hotel am Bahnhof Friedrichstraße bringen könne, sie hätten sich wohl irgendwie verfahren. S-Bahnhof Friedrichsfelde-Ost, ich verstehe. 😉

Und mal abgesehen davon, dass ich auch jemand bin, der ständig mit all den alten Fürsten-, Königs- und Adelsnamen durcheinanderkommt: Ich kenne das ja auch schon von den vielen Leuten, die ich vom Ostbahnhof zum Ostkreuz gefahren habe.

Lustig gestern war, dass ich ein paar Stunden später wieder am Bahnhof stand und mich dann plötzlich zwei israelische Mädels fragten, ob ich sie ebenfalls zu einem (anderen) Hotel nahe des S-Bahnhofs Friedrichstraße bringen könnte. Selbes Problem: S-Bahn in die falsche Richtung genommen und „Ah, das hier ist es doch, oder?“.

Kleiner Trost: Vom S-Bahnhof Friedrichshagen aus, an den es einen so theoretisch auch verschlagen könnte, kostet die Taxifahrt beinahe das Doppelte.

Karma-Rückzahlung

Ich war nach der Tour fast in Ahrensfelde gelandet und hab auf dem Rückweg in die City meine Lieblingsroute durch Marzahn gewählt. Kleiner Umweg, aber oft Winker. Zumindest nachts am Wochenende. Und siehe da: Es winkte. Ein junges Paar an einem Bahnhof. Was es nach Schöneweide kosten würde.

Ich hab all meine Erfahrung und Ehrlichkeit zusammengeworfen und gesagt, dass das mit einem Zwanni vermutlich nicht ganz reichen würde, 25€ aber ausreichend sein sollten.

„Hmm, könntste uns auch pauschal mitnehmen?“

Bis jetzt weiß ich nicht, wie viel sie zu bezahlen bereit waren. Ich hab trotzdem einfach nur nett gesagt, dass das nicht geht und um Verständnis gebeten. In Anbetracht der offenbar verpassten Bahn hab ich sogar angeboten, sie für einen Fünfer Kurzstrecke zu einer anderen Bahnlinie zu bringen. Wollten sie auch nicht. Wir haben uns freundlich getrennt, nachfragen darf man bei mir ja durchaus mal, ich verstehe das mit der knappen Kasse durchaus. Am Ende war ihnen das Warten das Geld wert, das ist auch für mich ok.

Aber natürlich hätte mir die Tour gut gepasst und rein finanziell wär’s mir auf zwei Euro mehr oder weniger eigentlich nicht angekommen. Dementsprechend hab ich dann doch beim Weiterfahren gezweifelt, ob’s nicht besser gewesen wäre …
Sie waren ja nicht unverschämt, vielleicht wäre es immerhin ein Zwanni gewesen …

Und dann stand 800 Meter weiter eine Winkerin, die bis nach Neukölln musste. Ja, eher Kreuzkölln, es sind auch „nur“ 24€ zusammengekommen. Aber problemlos, nett, mit passendem Trinkgeld und ohne das schlechte Gewissen, das ich Idiot mir halt immer noch machen würde, wenn ich mehr oder minder schwarz durch die Gegend fahre.

So eine Bestätigung dürfte es gerne öfter geben. 🙂

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

Abonniert doch den RSS-Feed von GNIT. Mehr von Sash gibt es außerdem bei Facebook und bei Twitter.

Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Nur kurz in die City. Quasi.

Was für ein toter Schichtanfang! Ich bin von der Halte Bahnhof wieder weggefahren, weil ich fürchtete, es könne noch ewig dauern. Und während ich so vor mich hindachte, wie mies das bisher lief, winkte es plötzlich neben mir. Ich hab die Bremse durchgetreten und der Typ kam angewackelt. Älteres Semester, der Optik nach eher ohne festen Wohnsitz. Ich wollte schon wegen der angezündeten Kippe losjammern, die er einfach mal selbstverständlich mit ins Auto gebracht hat, hab das dann aber erst einmal gelassen, denn er hatte die Tür eh noch offen und wollte offenbar erst einmal was fragen. Und ich hab mit viel gerechnet, aber nicht damit:

„Sag mal, wie weit wär’s denn bis ins Zentrum? Zürich Zentrum?“

Und auch wenn man bei sowas als Taxifahrer versucht ist, Geldscheine herabregnen zu sehen: Dass das mit dem Typen nix wird, war klar. Nicht nur sah er nach kein Geld aus, er wusste augenscheinlich nicht so genau, in welcher Stadt er überhaupt war.  Er fragte noch kurz nach, ob denn dann Sofia näherliegen würde. Ich hab der Klarheit zuliebe tatsächlich kurz Google angeschmissen und ihm gesagt wie weit es wäre. Er strahlte:

„Nur 30 km?“

„Nein. Eintausendsechshundertdreißig!“

Er hat dann beschlossen, sich das nochmal zu überlegen.