Der Frosch

Der gleichzeitig glücklichste und erfolgloseste Zechpreller aller Zeiten

Bahnhof Marzahn, zwei Taxen, zwei volltrunkene Russen. Ich war erster, sie kamen zu mir. Der Hinüberste sollte mitkommen, sein etwas wenig praller Kumpel half ihm ins Auto. Nur wollte er da nicht hin. Vielleicht war ich ihm unsympathisch, man hat ja besoffen die seltsamsten Macken. Der Kollege hinter mir hat gleich das Auto verriegelt und dankbar den nächsten Funkauftrag angenommen. Deswegen hat sich der Fahrgast auf den Gehsteig gelegt und eine Runde schlafen wollen. Die Logik gibt’s mit der zweiten Flasche Wodka gratis dazu.

Aber sein Freund hat ihn überredet und ich bekam keinen Funkauftrag. Natürlich war meine Freude nur so mittel, aber ich hatte auch schon so gute Fahrten mit fast schon verflüssigten Russen, da war alles drin. Der Freund versicherte mir, dass der Fahrgast Geld hätte und bat mich, ihn in die Möllendorffstraße, Ecke Herzbergstraße zu bringen. 15 Euro, nur Hauptstraßen, das schaffe ich selbst mit dem noch.

Das war auch eine richtige Einschätzung, denn der Typ war selbst zum Kotzen schon zu blau. Der war kurz vor Koma, das sollte die gute Tat des Abends werden, passt schon.

Am Ziel angekommen hat er natürlich längst gepennt, also hab ich das Auto schon mal artig eingeparkt, denn dass das nun dauern könnte, war mir klar. Ich hab den bis dahin vorbildlichen Fahrgast also wachgerüttelt, ihm mitgeteilt, wo wir sind und ihm das Taxameter mit dem Betrag gezeigt. Er kündigte an, erst einmal auszuschlafen. Da das streng genommen nicht ganz mit meinem Beförderungsauftrag übereinstimmte, habe ich ihn abermals aufgeweckt, woraufhin er sich ans Aussteigen machte. Ich hab ihn sachte zurückgehalten und auf mein Geld bestanden, woraufhin er mich sehr langsam und gewissenhaft versuchte zu beschimpfen.

Da er in seinem Zustand ungefährlicher war als ein Rudel durchgeimpfter Stubenfliegen, hab ich ihm in aller Deutlichkeit, aber scheißfreundlich zu verstehen gegeben, dass es jetzt wirklich sehr sehr unnötiger Stress sei, den er sich da einhandeln würde. Aber – und da sprach der Übermut der dritten Flasche aus ihm – er lallte mir zu, ich solle doch die Polizei rufen, das sei jetzt mein Problem.

Ich hab ihn an dieser Stelle erst einmal aussteigen lassen und es geschah mit nahezu perfekter Übereinstimmung, das was ich erwartet hatte: Er verlor nach einem kurzen Ausfallschritt das Gleichgewicht, fiel neben dem Auto um, landete am Ende zwischen Fahrzeug und Bordstein mit dem Gesicht unter der Beifahrertüre und blieb liegen. Er schaffte es noch, diese zu schließen und dann hatte ich wieder Ruhe im Auto und konnte die Kavallerie anrufen.

„Nur damit ich Sie richtig verstehe: Rufen Sie uns jetzt an, weil er sie nicht bezahlt hat, oder weil er da liegt?“

„Eigentlich wegen beidem.“

Nachdem das erledigt war, hab ich die Uhr wieder angestellt, denn wie der Fahrgast richtig bemerkt hat, bin ich ein Arschloch und als solches bestehe ich aber sowas von zu 100% auf den korrekten Wartezeittarif.

Kurz darauf wollte der Typ nochmal aufstehen, was ich verhindert hab, indem ich ihm die Hand auf die Schulter gelegt hab und meinte, er solle doch einfach noch kurz warten. Er hat kurz überlegt, die Idee für gut befunden und es sich auf dem Gehsteig so richtig bequem gemacht. Ich hatte fortan ein paar nette Passantengespräche und dabei festgestellt, dass ein komatöser Russe auf dem Gehweg so eine Art bester Wingman zu sein scheint: Wenn Du mit sowas umgehen kannst, finden das alle super cool!

Als die Polizei kam, hab ich das Taxameter gestoppt, nun war es ein Zwanni. Das passte schon.

Die Staatsmacht kam in Form einer Good-Cop-Bad-Cop-Combo und der gute hat meinen süß träumenden Fahrgast auch nur rund viermal wecken müssen, bis der das mit der Polizeisache verstanden hat. Weiter nicht verstanden hat er, dass er das Taxi bezahlen müsste und hat die Cops mehrfach gefragt, weswegen sie Geld von ihm haben wollen.

Dabei war das selbstverständlich bereits Teil des Deals zwischen mir und der Polizei: Wir hatten alle keinen Bock aufs ganz große Tara und die beiden sollten ihn überreden, mir das Geld zu geben und fertig. Keine Nacht auf der Wache, keine Anzeige. Und ohne wirklich Widerstand zu leisten hat mein Kunde wirklich alles getan, um die Geduld der beiden Staatsdiener zu strapazieren. Was „Bad Cop“ dann irgendwann auch mit dem Ausspruch

„Es reicht jetzt langsam, du Frosch!“

quittierte. Der andere hielt sich ans Protokoll und wollte dem Typen den inzwischen gefundenen Fuffi nicht einmal gewaltsam abnehmen, sondern ihn überreden. Aber mein Kunde kam mit so viel Mathe noch nicht klar und hat nicht so wirklich eingesehen, warum er seinen Fuffi gegen lächerliche dreißig Euro tauschen sollte. Am Ende hat’s dann doch der Bad Cop erledigt.

„Hörma! Hier sind drei Leute, die dir eigentlich nur Stress ersparen wollen und Du machst hier rum! Knallt glei!“

Zu guter Letzt waren bis auf den Frosch alle zufrieden. Der hat sich eine teure Nacht erspart, die 120 Euro fürs Revier waren ihm längst mehrfach angedroht worden. Ein bisschen panne für seinen Abendverlauf war vielleicht, dass sich rausgestellt hat, dass er eigentlich in Adlershof wohnt. Ich hab kurz überlegt, ob ich ihm die Fahrt dorthin für 30 Euro anbieten sollte, bin dann aber doch lieber schnell weg.

Warum, Leute?

Ein Auftrag an definitiv nicht meiner Lieblingskneipe in Marzahn. Aber ich hatte schon zu lange gewartet und ein zwei schöne Touren hatte ich da auch schon. Die vier Kunden waren im Durchschnitt noch unter 2 Promille, immerhin. Eine allerdings war furchtbar laut und blökte Ihre Adresse in die Runde, das komplette Gegenstück zu ihr saß auf dem Beifahrersitz, eine ruhige und gelassene Frau vielleicht zwei Jahrzehnte über mir.

„Die 457?“

fragte ich.

„Die liegt doch bei der Raoul-Wallenberg im Karree, oder?“

Meine Beifahrerin nickte. Ich fuhr auf dem ziemlich kürzesten Weg hin, bekam aber von hinten schon eine Minute vor der Ankunft regelrecht ins Ohr geschrieen, dass wir hier falsch wären, wie ich sie hier abzocken würde, etc. pp.
Und zwar so heftig, dass ich das vielleicht sechste Mal in bald 10 Jahren laut geworden bin und sie gebeten habe, doch endlich mal die Fresse zu halten, weil wir gleich da seien.

Tja, nun. Das Dumme war, dass sie an sich recht hatte. Sie wollte 100 Hausnummern weiter und da war das, was ich zusammengefahren habe, grottenfalsch. Ob sie die Nummer falsch angesagt hat oder nicht, kann ich nicht mehr sagen. Zu meinen Gunsten sagen die zwei Promille weniger und meine Nachfrage an die Beifahrerin aus, aber die hatte offenbar eh von nix einen Plan und wollte mir offenbar nur lieb zustimmen.

Wie ich halt so bin, hab ich das auf meine Kappe genommen, mich fürs Missverstehen entschuldigt und entsprechend die Uhr auch sehr früh ausgemacht. Aber die weiteren zwei Minuten haben alle drei aus dem Fond auf mich eingelabert, dass ich sie abzocken wollte, sogar der Verkehrsminister sollte angerufen werden.

Versteht mich nicht falsch, sowas ist ärgerlich. Aber wie viel mehr als den Umweg nicht berechnen und mich entschuldigen soll ich denn bitte machen? Dass die krakeelende Vollsufftante am Ende wutschnaubend ausgestiegen ist, war mir im Grunde nur recht. Wer mit einer Entschuldigung und einer Entschädigung noch immer nicht in der Lage ist, seinen Hass zu kanalisieren, darf meinetwegen auch schlecht schlafen deswegen. Der Verkehrsminister freut sich sicher über den Anruf.

Vermutlich haben sie aber meine Entschuldigung einfach nicht mitbekommen, denn der junge Mann hinten in der Mitte bat mich noch ganz am Ende der Tour (es waren drei Ziele, auf ungefähr 250 Meter verteilt), dass ich doch wenigstens meinen Fehler einsehen sollte. Das war mir völlig egal. Ich hab nur noch automatisch irgendwelche Floskeln abgegeben, um sie loszuwerden.

Und was soll ich sagen? Alle Kunden stinksauer, alle Berliner Taxifahrer Arschlöcher und ich hab 2,50 € Trinkgeld bekommen.

Jaja, ihr lest richtig. 2,50 €. Bei einer sehr kurzen Tour. Bei 7,50 hatte ich die Uhr ausgemacht, ohne Umweg wäre die Fahrt vielleicht noch günstiger geworden, aber ich hab einen Zehner bekommen. 33,33%!

Also nehme ich an, dass denen eigentlich alles scheißegal war, anders kriegt man das ja nicht mehr stimmig erklärt. Was von mir aus ja sogar ok ist, aber ich hätte das Ganze dann gerne wenigstens ohne Rumgebrülle …

Mehr als Du!

Kneipenauftrag in Marzahn. Aber keine der ganz schlimmen Kneipen. Und siehe da: Eine Familie. Gut angetrunken, allesamt, aber immerhin ohne Minderjährige. Der Start gestaltet sich schwierig, weil sich die Tochter noch einen Döner ums Eck holen will, dann doch lieber auf dem Weg, dann kurz vor zuhause und außerdem ist sie so blau, dass sie sich erst einmal im Fond quer über ihre Eltern legt und Papa fragt, ob er ihr die Beine massieren möchte.

Wenn ich mit meiner WG-Vergangenheit auf eines nicht gefasst war, dann dass mir als Taxifahrer noch so viele Ausprägungen von alkoholinduzierter Verpeiltheit aufgezeigt würden, die ich bis dato nicht kannte.

Statt die Tochter zu massieren erklärte mir der Vater dann, dass die Tochter heute ihr erstes Gehalt erhalten habe.

„Na, das ist doch mal ein Grund!“,

warf ich mitfühlend in die Runde.

„Erss Jehaaald. Un‘ mehr als Du in ein Jaaah mach’s!“

Sympathie von hundert auf null. Wie so ein sich outender AfD-Wähler.

Und nicht falsch verstehen. Ich mach schon ein paar Jahre lang Jobs im Niedriglohnbereich, ich komme irgendwie ziemlich gut damit klar, dass andere Leute mehr verdienen als ich. Mir ist es erschreckend egal, wie offen die Möglichkeiten des Geldverdienens nach oben hin sind, all meine ach so „neidische“ Kapitalismuskritik hat sich immer daran aufgehangen, dass es vielerorts am unteren Ende nicht reicht. Weswegen ich ganz ganz besonders so herablassendes Verhalten eklig finde.

Und ratet mal!

Jepp. Genau 50 Cent Trinkgeld. Nach Rechenspielen, ob ich nicht gerade 1,50 € draus gemacht hätte.

Die gute Tat für heute

Manche Dinge sind für Taxifahrer unschön, aber besonders unschön werden sie dann, wenn sie in der falschen Reihenfolge erzählt werden. So war ich nicht wirklich begeistert von meinem Fahrgast, der um die 60 war, stank wie ein Gullideckel im Hochsommer und sich gleich attestierte, er sei „viel zu besoffen“.

Auf meine Nachfrage, wohin es gehen sollte, presste er neben vielen unverständlichen Satzteilen die Worte „Wohnheim“ und „um die Ecke“ heraus.

„Sie meinen das Wohnheim in der Otto-Rosenberg-Straße?“

„Ja, sicher.“

Na denn. Eine kurze Tour, also bringen wir den armen Kauz mal nach Hause!

Er hat sich dann beim Einsteigen noch sehr schwer getan, über dies und jenes gejammert und am Ende hab ich dann doch gefragt, was ich mir zu fragen eigentlich lange abgewöhnt hatte:

„Aber nur mal so: Den Zehner für die Fahrt haben Sie noch, oder?“

„Sicher doch!“

Im Grunde war es mir egal. Für die paar Meter. Als ob ich in dem Moment derjenige war, der ernsthaft Probleme hatte. Dennoch schön, so schnell eine Bestätigung zu bekommen. Aber dann waren wir drei Minuten später am Wohnheim und mein Fahrgast meinte nur, dass das falsch sei. Dass ich ihn explizit nach der Straße gefragt hatte, hab ich mal ignoriert, irgendwo musste ich ihn ja nun abliefern. Aber er verblieb mit völlig untauglichen Hinweisen wie „gleich da hinten“ oder „an der Kreuzung rechts“. Wir standen ja nun in einer Sackgasse, von der aus Kreuzungen und Abzweigungen eher wenig erwartbar waren.

Und dann kam der zweite Hinweis, den ich gerne schon vorher gehört hätte:

„Tut mir ja auch leid, aber weisste, ich hab ja Alzheimer.“

Ich meine, da kann er ja nix für, aber es ist für mich halt auch unschön, wenn ich erst am Ziel erfahre, dass der Kunde keine Ahnung hat, wo er hin muss. Er gab dann eine weitere Straße als Anhaltspunkt, wo ich dann hingefahren bin, als er dort nicht weiter wusste, hab ich die Uhr gestoppt und ihn mal gefragt, wie er sich das eigentlich jetzt vorstellen würde.

„Weiß ich auch nicht. Lass mich doch hier einfach raus.“

„Hier? Mal ganz im Ernst: Würde ich gerne tun. Aber dann? Hier in der Prärie? Wie kommen Sie denn dann heim?“

„Keine Ahnung.“

„Eben. Und jetzt mal ‚besoffen‘ und ‚tut mir leid‘ beiseite: Haben Sie einen Ausweis mit Adresse dabei?“

„Naja, glaube schon.“

„Dann her damit!“

Natürlich dauerte das alles. Er musste zigmal alle Taschen von neuem durchsuchen und das schöne gepflegte Auto roch von Sekunde zu Sekunde mehr wie eine Gemischtwarenabteilung von Tabak und Urin. Aber so wenig ich in dem Moment Bock drauf hatte, so sehr hab ich mich am Riemen gerissen. Erstens wollte ich, dass das wenigstens für den Kauz gut endet, zweitens hatte ich keine Lust auf die Polizei und noch eine verschwendete Stunde.

Ich hab die Adresse aus dem Ausweis ins Navi eingegeben und mir mit viel Mühe verkniffen, ihm an den Kopf zu werfen, wie viel Schmerzensgeld ich eigentlich für die Aktion gerne haben würde. Ich meine, ich trauerte da maximal einem Zehner hinterher und der Typ im Gegenzug konnte in einer Minute kaum 20 Meter Weg zurücklegen.

Ja, am Ende hätte ich mir den Mehrbetrag, der mir eigentlich zugestanden hätte, sogar nehmen können. Er hatte wirklich noch einen heiligen Fuffi in der Tasche und ich war ja sogar drei bis vier Kilometer für umme gefahren. Aber abgesehen vom netten Trinkgeld auf den Betrag, den ich zuletzt auf der Uhr stehen hatte: Mir ist schon klar, dass er die paar Euro eher brauchen können wird als ich. Schlechtes Taxi-Wochenende hin oder her. Und er hat sich auch tausendfach entschuldigt und bedankt und selbst das Auto roch nach drei Minuten auslüften wieder ok.

Und ja, es fühlt sich im Nachhinein völlig ok an, dass es so gelaufen ist.

Vorbildlicher Nicht-Räuber

Auch nach bald 10 Jahren tue ich mich schwer damit, was ich Kunden antworten soll, die mich hart bemitleiden, weil mein Job ja so gefährlich ist. Denn das ist so ein klassisches Feld, wo Gefühle und Meinungen auf Statistiken und Fakten treffen und eindeutig ist dann nicht einmal letzteres. Natürlich haben wir Fahrer ein zusätzliches Risiko durch Raubüberfälle und es gibt keinen Grund, das kleinzureden. Andererseits liegt aber die Hochzeit der Taximorde vier bis sechs Jahrzehnte (!) zurück und wer wirklich dauernd Panik schiebt, vielleicht mal eine Tageskasse zu verlieren, hat echt noch zu wenig gerafft, wie wenig Geld das eigentlich jeweils ist.

Nun hatte ich einen Winker im Auto, der mich behutsam versuchte darauf vorzubereiten, dass er am Zielort das Geld aus der Wohnung holen würde. Was ich mit einem „Kein Problem!“ abgetan hab. Er versprach mir, sein Handy dazulassen, „auch anjeschaltet, keine Sorge!“, wo ich mich dann trotz der überwiegend korrekten Kollegen wieder frage, wie wenig vorsichtig unsere Kundschaft eigentlich ist.

Aber es ging weiter:

„Ich muss Dich warnen: Ich komme gleich wieder runter und ich hab dann meinen Hund dabei. Keine Panik, ich mach den auch gleich am Geländer fest, ich will das dann nur nutzen, um noch eine Runde mit ihm zu drehen.“

„OK.“

Auf die Idee, dass jemand seinen Hund mitbringt, um mich zu bedrohen, bin ich in 10 Jahren noch nicht einmal im Ansatz gekommen. Zumal das grenzwertig blöd wäre, da so ein handelsübliches Taxi ziemlich hundesicher ist, wenn man sich darin verschanzt.

Aber er erwähnte auch gleich, dass er das nur sage, weil er von Taxifahrern ja schon üble Stories gehört hätte. Und eine davon wäre eben, dass z.B. mal ein Kunde statt mit Geld mit einem Messer wieder am Taxi stand, obwohl er das Taxi mit seinem Namen bestellt und zu seiner Haustüre hat fahren lassen.

Der Idiotie-Faktor dieser Aktion bewegt sich vermutlich auf mittlerem Berliner Niveau, aber ich stutzte doch etwas, denn ich hab so eine Geschichte nicht zum ersten Mal gehört, sondern erstmalig um das Jahr 2004 herum. Ja genau, lange bevor ich im Taxi gelandet bin. Es war in meiner WG in Stuttgart, als ich anlässlich einer Party den Bruder einer späteren Mitbewohnerin kennengelernt habe, der dann im weiteren Verlauf des sehr feucht-fröhlichen Abends gebeichtet hat, dass die dümmste Aktion seines Lebens war, zugedröhnt einen Taxifahrer mit einem Messer bedroht zu haben, nachdem er zuhause die Kohle, die er eigentlich dort erwartet hat, nicht mehr auffinden konnte.

Sicher, das wird auf der Welt schon ein paar Mal passiert sein, aber ratet mal, woher er kam … genau: Berlin.

Mit meinem Fahrgast hat dann natürlich alles gut geklappt. Und er hat den Hund tatsächlich angeleint, obwohl ich ihm gesagt habe, dass er ihn ruhig mit zum Auto bringen kann.

Geldsorgen

Funkauftrag an einen Imbiss. Ich halte an der Hauptstraße, der Kunde aber war bereits auf den Nebenarm gelaufen. Der lag näher und er lief an Krücken. Ich hab den Nebenarm der Straße nicht angesteuert, weil es von dort aus in die Hauptrichtungen immer 300 bis 400 Meter Umweg sind. Plattenbauviertel, so schön.

„Ich stehe da drüben, soll ich rüberfahren? Ich wusste nicht, dass sie eingeschränkt sind, sorry.“

„Ja bitte, dit wär nett. Fragst Dich sicher: WAT, WIESO GEHT WER MIT KRÜCKEN INNE KNEIPE?“

„Ähm, nö. Wieso sollten Sie bitte nicht mit Krücken in eine Kneipe gehen?“

Anderthalb Minuten später sitzt er im Auto.

„Ick wohn da hier drüben inna, Mensch wie heißt die … in dit Wohnheim, kennste?“

„Ja. Und mir fällt der Straßenname gerade auch nicht ein. Über die Brücke, am Mac links.“

„Ja, ja, ditte!“

Der Weg war alles andere als weit. Mit Anfangsumweg kamen nur 7,70 € zusammen. Obwohl er die 50 Meter zum Taxi nicht laufen konnte, erwähnte er immer wieder, dass er ja „andersrum, durch den Tunnel“ hätte gehen können, aber das wäre ihm „nüscht jewesen mit meene Kohle“. Denn deswegen hatte ich die Fahrt überhaupt nur. Er hatte seinen einen Tag im Monat  an dem er zum nächstgelegenen Kneipenersatz humpelt, um „bisschen zu trinken, zocken und mit anderen Leuten Blödsinn quatschen“. Um „nich immer in mein Zimma zu versauern, verstehste?“. Und heute hatte er gewonnen und sein Reichtum war ihm dann doch etwas unheimlich. Alleine mit Krücken durch den Tunnel, nee!

„Wat krichste jetze?“

„Sieben Euro und siebzig Cent.“

„Du has‘ ja wohl’n Aasch offen! Is dit ok, wenn ick Dir dit so jebe?“

Ein Zehner.

„Sicher.“

„Na denn nimm ma‘! Rest is‘ deins!“

Und er zog den Zehner aus einem „Haufen“ Geld, der – ich hab ja auch gelegentlich mit Bargeldsummen zu tun – vielleicht so 150 bis 200 Euro umfasste. Für uns beide jetzt nicht wirklich wenig Geld, für ihn sicher noch einmal mehr als für mich, aber wenn er am Automaten spielt, wird er auch schon mal mehr verloren als heute gewonnen haben, seien wir mal ganz ehrlich. Und dass er dann einen Zehner in seine Security investiert … ich habe mich artig bedankt.

„Ick wünsch da noch’n schön’n Ahmd!“

„Danke, gleichfalls.“

„Abba bitte: Sei zu den andern auch so nett, wie de bei mir warst, ok?“

Uff. Immer diese Hürden. 😉

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Der erste Fahrgast

*Trommelwirbel*

SCHBIN WIEDER DA!

So. Zurück aus der Elternzeit. Oder besser gesagt so halb, denn seit drei Tagen bin ich offiziell nur in Teilzeit beschäftigt wegen Elterngeld+. Aber das ist hier jetzt ja auch egal. Da die Fragen kommen werden: Es geht der ganzen Familie gut und dem kleinen Spatz fehlen keine 130 cm mehr, bis er größer ist als ich. Guter Start.

Gut war der Start auch gestern Abend, zumindest wenn man etwas Vorgeplänkel mit vergessenem Portemonnaie und so abzieht. Ja, ich weiß – aber man kommt halt echt nicht oft erst nach vier Monaten wieder zurück zur Arbeit und ich bin ehrlich gesagt schon ein bisschen stolz, dass ich keine Anleitung fürs Taxameter gebraucht habe.

Ja, gleich der erste Fahrgast vom Bahnhof Friedrichsfelde Ost zur Metro war in gewisser Weise etwas speziell:

Ein „Fahrgast“. Quelle: Sash

Jepp. Ein Schlüsselbund.

Und der Typ, der mich gebeten hat, den Schlüssel zu transportieren, war sich seiner Sache deutlich unsicherer als ich. Für mich war klar, dass ich selten so eine stressfreie Fahrt haben werde. Aber ich wurde später nochmal angerufen, mein Nummernschild wurde fotografiert, das ganze Programm. Und am Ende wurde mir versprochen, dass das nächste Mal gleich ich angerufen werde. 🙂

Da der Schlüssel zu einem Lieferwagen gehörte, war das halt wohl schon alles recht wichtig, aber mal im Ernst: Das sind Menschen ja auch immer. Für mich war’s wirklich nur ein „OK, dem kann ich wohl nix von meiner Elternzeit erzählen“. Das Geld gab’s im Voraus und das mit dem Trinkgeld hat dann der glückliche Schlüsselempfänger übernommen. Und natürlich war’s schneller und günstiger als wenn der Typ mitgefahren wäre und dann wieder zurück.

Und ich finde es auch ok, wenn Leute bei so Randbereichen der Taxidienstleistung etwas unsicher sind. Ich glaube, ich bin gar nicht so schlecht darin, Dinge zu erklären. Manchmal mache ich das ja sogar schriftlich. 😉