Winter vs. Januar

„Alles hat Vor- und Nachteile!“, sagt man so schön und es trifft auf kaum was besser zu als auf die Schicht gestern. Es war immer noch eine sehr überschaubar erfolgreiche Schicht aus finanzieller Sicht; andererseits hatten wir schönstes Schneetreiben und ohne allzu viel Kundschaft hat man ja Zeit zum gepflegten Cruisen, während die Anlage der Hauptstadt den Beat vorgibt.

Sicher, ich muss das Auto nach der heutigen Schicht ziemlich ordentlich putzen, das ist echt unwitzig mit all dem Schneematsch. Andererseits passiert sowas halt, wenn man acht Stunden lang mit dem Taxi Luftkissenboot spielt. Im Gegensatz zu vorgestern war’s mit -4°C fast schon angenehm warm, aber ich hab trotzdem mehrfach das Auto quer zur Fahrtrichtung bewegt – was im Übrigen keineswegs ausschließlich zum Lustgewinn geschieht. Es ist einfach saupraktisch, dank Handbremse in engen Straßen quasi auf der Stelle wenden zu können. 😉

Es gibt tagein, tagaus so viel zu meckern. Könnte ich wie gesagt auch. Umsatz, Trinkgeld … aber hey, ich hatte heute Nacht einfach mal wieder richtig Spaß. Das ist nicht alles, aber es tut auch mal gut. 😀

Nicht auf’m Kieker

Bin gemütlich mit 40 km/h eine nur in der Nacht geltende Dreißigerzone entlang gefahren. Alltag. So ehrlich wollen wir mal sein.

Dann einer hinter mir. Die Lichter kommen näher, näher, näher … ein Bisschen sehr nah, selbst für dieses Tempo. Es regnet, die Sicht ist schlecht, ich kann nicht einschätzen, was das Arschloch hinter mir will. An der Scheinwerferform erkenne ich einen Zafira Tourer, aber mehr ist nicht drin.  Und er kommt immer noch näher. Also beschleunige ich etwas. 45, 50 … ich will ja nicht sagen, dass mir mehr Geschwindigkeit nicht auch gefallen hätte, aber abgesehen von der Geschwindigkeitsbegrenzung: Mir klebte immer noch der andere Wagen geradezu am Arsch. Und sowas ist einfach unangenehm. Dieses Personal-Space-Dings existiert ja auch im Verkehr.

Und dann wird plötzlich das Blaulicht hinter mir angeschaltet.

Für einen kurzen Moment war ich sauer. Ja, sicher, ich war auch vorher schon etwas zu schnell. Aber haben die mich jetzt nicht echt erst gedrängt zu heizen?

Aber was will man machen. Ich setze den Blinker rechts, bremse behutsam … und dann zieht der Streifenwagen vorbei auf Nimmerwiedersehen.

Ist mir zweifelsohne lieber gewesen als ein Strafzettel. Aber wenn dort Blaulicht trotz aller Sneakiness noch ok war: Warum dann nicht früher?

Winken, aber richtig!

Ich denke, ich kann ausnahmsweise mal für alle Taxifahrer da draußen sprechen, wenn ich sage, dass wir uns über ausnahmslos jeden zusätzlichen Fahrgast freuen. Zahlungsbereitschaft und mangelndes Brockenlachen mal vorausgesetzt. Also winkt uns ruhig ran, das ist immer super!

Aber keine Regel ohne Ausnahmen. Und letztes Wochenende hatte ich so eine mal wieder: Ich war auf der Frankfurter Allee stadteinwärts unterwegs. Frisch in die Schicht gestartet, das Auto trotzdem so langsam warm, ich war bereit. Sowas von bereit!

Und dann stand da – das hatte ich natürlich lange realisiert – eine Dreiergruppe an einer Ampel und starrte den Verkehr an. Das muss nix heißen, aber es könnte doch … aber ich kam näher und näher und näher … naja, dann wollten Sie wohl doch einfach hinter der Autokolonne bei Rot über die Straße gehen.

Aber als ich noch 10 Meter entfernt war, hob einer den Arm und winkte mir zu.

WTF? Leute, ich war mit 50 bis 60 km/h unterwegs, 10 Meter hinter mir war das nächste Auto! Ich KANN so nicht anhalten.

Und ich will ehrlich sein: Schon aufgrund dessen, dass mir in dem Moment immer benötigter Umsatz unnötig flöten geht, vollzieht mein Gehirn da einen sehr schnellen Spurwechsel und ordnet die Winkende Person flugs aus der Schublade „nette Kunden“ in die mit der Aufschrift „Merkbefreite Vollpfosten, die ihrer Umwelt absichtlich schlechte Laune schenken“ um. Ein Fall für den nächsten Nachfolgeartikel von „Die 5 besten Methoden, ein Taxi heranzuwinken„. 🙁

Wahnsinnige Kühlerfiguren

Kurze Fahrt, Winkerinnen, immerhin zwei Euro Trinkgeld. Und dann der Dialog, als vor uns ein Fußgänger auf die Straße lief:

„Boah, da würde ich mich ja wieder aufregen!“

„Ach, ignorieren ist weit stressfreier …“

„Mag sein. Aber ich will die immer gerne gleich umnieten. Wer meinen Fahrstil behindert, muss leiden! Dann hängen die da vorne als Kühlerfigur rum, das wäre schön.“

Ich hab fortan die Klappe gehalten und den Kelch an die zweite Kundin weitergereicht:

„Sieht dann ja aber auch nicht immer toll aus …“

„Der Trick ist: So schnell fahren, dass sie wegen des Fahrtwindes immer aussehen, als würden sie grinsen!“

Ich muss zugeben: Psychopathen hab ich öfter im Fond, aber die beiden Ladies haben das Spektrum spürbar erweitert. 0.0

Hey, Autofahrer! Macht mal Platz!

Ich bin jetzt nicht oft auf der Autobahn unterwegs und erlebe da oft, wie sehr Rettungskräfte behindert werden, weil keine Rettungsgasse gebildet wird. Aber schon in der Stadt frage ich mich manchmal, wie betriebsblind die Leute so unterwegs sind. Ein gestern wieder-, aber insgesamt schon oft so erlebter Fall:

Man rollt an eine große Kreuzung ran. Die hat mit Abbiegeoptionen drei bis vielleicht fünf Fahrspuren. Und obwohl hinter einem bereits das Blaulicht zuckt, findet sich immer ein Idiot, der sich auf die einzige gerade noch freie Spur stellt. Die zweite Linksabbiegerspur war es gestern, aber im Grunde kann es jede treffen, denn anstatt in den Rückspiegel zu schauen, weil man sich vielleicht wundert, woher die seltsamen Lichtsignale kommen, scheinen einige Fahrer da draußen lieber erst einmal dafür sorgen zu wollen, dass sie auch ja optimal positioniert sind, wenn die Ampel grün wird.

Um dann natürlich bei Ankunft des Rettungswagens erschreckt festzustellen, dass sie diejenigen sind, die blöd im Weg stehen und nun durch ihr Ausweichmanöver zögerlich drei Spuren und einen Fußgängerüberweg dicht machen müssen. Von der trotzdem entstandenen Verzögerung für Einsatzkräfte mal ganz zu schweigen.

Ehrlich, Leute: Ich begreif’s nicht! Ich bin mit den Rettungskräften auch nicht immer einer Meinung und zudem sehe ich ein, dass jeder mal Fehler macht. Aber das ist dieses „vorrausschauende Fahren“, das so oft erwähnt wird. Das ist kein schlechter Scherz von Fahrlehrern und ungeachtet der Bezeichnung bedeutet es eben auch mal „zurückschauendes Fahren„, gemeint ist damit einfach Umsicht, ein Blick auf das, was demnächst in der aktuellen Verkehrssituation passieren könnte.

Man muss keine besondere Schulung machen, um das Prinzip zu verstehen, man muss auch nicht hauptberuflich fahren. Ich würde als kleinen Tipp aber anmerken: Blaulicht ist deshalb so aufdringlich nervig, weil’s unter Umständen wirklich dazu führt, dass man als normaler Autofahrer mal seine gewohnte Spur verlassen muss.

PS: Grüße an die Blaulichtfraktion unter meinen Lesern! I feel you!

„Auf der Rückseite“

Keine Panik, ich hatte nicht wieder den RückseitenTypen im Auto. Ich hab nur nach der allgemeinen Unwissenheit bezüglich des Brilleneintrags im P-Schein mal direkt ans LABO geschrieben. Die werden schon wissen, was sie nun wo hinschreiben. Und siehe da, das war die Antwort:

Sehr geehrter Herr Bors,

die Sehhilfe wird auf der Rückseite des P-Scheins vermerkt. Sollte das vergessen worden sein bitte ich Sie nochmals in der Führerscheinstelle vorzusprechen.

Mit freundlichen Grüßen

XYZ

Das hatte ich zwar schon vermutet, aber dank vieler Zwischenrufe war ich mir eben auch nicht mehr sicher. Rein vom gesunden Menschenverstand hätte es natürlich auch in meinem „normalen“ Klasse-B-Führerschein eingetragen werden können, aber eine Änderung desselben war nunmal nicht vorgesehen. Den darf ich wie so viele da draußen vermutlich behalten, bis ich komplett erblindet eine halbe Schulklasse im Alleingang auslösche – und zudem ist der für diesen Schein vorgeschriebene Sehtest ohnehin viel einfacher. Dass ich die Kriterien für den P-Schein ohne Brille nicht mehr erfülle, sagt ja eben nicht, dass ich nicht ohne Brille Auto fahren kann, sondern nur, dass ich keine Personen befördern darf. Den anderen Test würde ich möglicherweise ja auch heute noch bestehen.

Ob ich der netten Bitte des LABO jetzt aber gleich folgen werde, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Wie Ihr wisst, trage ich die Brille jetzt ohnehin schon, also darum geht’s nicht. Fakt ist aber auch, dass der Eintrag keinerlei positive Konsequenzen für mich hat und ich deswegen während meiner Schlafenszeit zu einer Behörde fahren und dort darauf warten muss. Das erscheint mir in Anbetracht der Tatsache, dass ich mich ohnehin an die Auflagen halten will, ein bisschen zu masochistisch.

Zumal auf der handfesten Folgenseite z.B. stehen würde, dass das Vergessen einer Ersatzbrille von übereifrigen Cops geahndet werden könnte, und das traue ich mir durchaus zu. Wo ich ja ohnehin sagen würde: Hey, ich darf ohne Brille Auto fahren, also wenn mir die Brille im Dienst mal versehentlich explodiert, besteht immer die Option „Fackel aus und heim“. Eine Taktik, die ich heute schon bei gesundheitlichen Anomalien wie spontaner Müdigkeit, Faulenzia Vulgaris oder schwerem Brechdurchfall erfolgreich anwende.

Mal schauen, vielleicht bin ich ja irgendwann sowieso mal dort oder die melden sich nochmal etwas verbindlicher. Dann bin ich ja für jeden Spaß zu haben. 🙂

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Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Dringende Dates

Am Ostbahnhof nach ein paar Minuten einen Kunden kriegen, der wirklich zum völlig anderen Ende der Stadt will, ist ja schon mal schön. Der Nebenaspekt war leider:

„Machen Sie bitte so schnell wie möglich!“

Ich hab den potenziellen Zeithorizont abgefragt und „in time“ war keine Option. Das hinzugezogene Navi (Einkaufszentren in Spandau sind nicht wirklich mein Steckenpferd, ich geb’s ja zu!) vermeldete satte 20 Kilometer Anfahrt und die gewünschte Ankunftszeit lag nur 20 Minuten entfernt. Durch die im gesamten politischen Berlin stark vernachlässigten Autobahnpläne zwischen dem Ostbahnhof und Spandau sind 60 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit einfach immer utopisch, da kann man noch so guten Willen zeigen als aufgeschlossener und kundenorientierter Taxifahrer.

Nun muss ich aber gestehen, dass mein Fahrgast es zwar eilig hatte, mich aber keinesfalls irgendwie zu Regelverstößen angestachelt hat. Er war nett und lachte notgedrungen aber ehrlich über meine Anmerkungen zum stockenden Verkehrsfluss. Ich auf der anderen Seite hab an den Stellen, an denen es mir persönlich machbar erschien, durchaus erkennen lassen, dass im Falle eines Falles die StVO ohne Dehnungsstreifen nicht das wäre, was sie heute ist.

Warum das alles? Ich hatte lange keine Ahnung. Jemanden abholen. OK. Mit der Zeit wurde dann immer mehr bekannt. Es ging um eine Sie, sie hatte jetzt Feierabend, sie erwartete ihn eigentlich nicht und könnte einfach weg sein, wenn wir zu spät kämen. So ganz geschäftlich klang das jedenfalls nicht. 😉

Ich hatte seit Beginn der Fahrt gesagt, dass wir mindestens 10 Minuten zu spät kommen würden, später hab ich ihn dann darin bekräftigt, sie wenigstens zu erreichen zu versuchen.

Und dann wurde ich Zeuge eines Telefongesprächs, bei dem er in der Verwaltung eines Einkaufscenters anrief und bat, in Laden XY doch die Zeitarbeiterin aus Land ABC, deren Nachnamen er leider nicht so genau wisse, zu informieren, er würde sie abholen. Also so frisch in der Mache erlebt man Beziehungen dann ja auch selten. 😀

Ich habe die nur 10 Minuten Verspätung am Ende eingehalten. Trotz teilweise beschissenster Ampelphasen. Was für ein Opfer ich der StVO dafür beizeiten bringen werde, muss ich mal sehen. Ein unfreiwilliges habe ich wohl nicht zu vermelden, so gesehen ist alles absolut bestens gelaufen.

Stressig war’s trotzdem, ich halte mich ja aus dem Hektik-Business nicht ohne Grund gerne raus. Also hab ich mich nach der Tour erst einmal auf die hinterste Ecke des großflächigen Parkplatzes verzogen, mich über mehr als 35 € Umsatz gefreut und eine geraucht. Ich hatte dank der Tour binnen anderthalb Stunden einen Fuffi Umsatz gehabt, man muss ja auch mal wertschätzen, was man kriegt.

Nennt mich ruhig kitschig, aber wirklich zufrieden war ich erst, als ich die Rückfahrt in die Zivilisation angetreten habe und dabei kurz nach dem Start noch weit draußen in der Westberliner Prärie ein Pärchen überholt habe, das gemütlich palavernd den Weg entlanggeschlendert ist: Sie in großen Gesten erzählend, mein Fahrgast andächtig lauschend.

Der Zweck heiligt keinesfalls immer die Mittel. Aber wenn’s mal passt, lasse ich mir die Freude daran auch nicht nehmen!