Die letzte Tour

Es ist gefühlt ewig her, dass ich über die erste Tour (eher die erste Schicht) gebloggt habe. Damals konnte ich noch nicht einmal schreiben. 😉

Naja, es ist wie es ist, heute ist die letzte Tour dran.

Ich stand am Bahnhof Friedrichsfelde-Ost und zwar nicht zu kurz. Nicht dass mich  die Rentabilität meiner letzten Schicht groß interessiert hätte, aber man wird das ja nicht los als Taxifahrer. Ich hätte vielleicht eine 30€-Fahrt brauchen können, um das noch hinzubiegen.

So sah es bei meiner Kundin dann auch fast aus, denn sie hielt mir mit sehr wenig deutschen Worten ein Handy mit einem Foto darauf hin, wo drei verschiedene Adressen notiert waren. Eine in Leipzig, eine in Zeuthen und eine in Marzahn. Naja, ich sollte zu letzterer fahren. Menno, war ja klar!

Es ging darum, ihren Mann mit dem Firmenwagen aufzuspüren. Oder so. Ich hab in den zehn Jahren im Taxi leider nicht so gut vietnamesisch gelernt, um ihr in ihrer Heimatsprache entgegenzukommen. Aber ich hatte eine Adressem wir waren sechs Minuten und 13 Euro später dort. Und dort war alles dunkel, kein Auto weit und breit und meine Kundin war zwar nicht erfreut, aber es schien sie auch nicht zu wundern. Sie checkte ihr Handy erfolglos und bat mich zurück zu fahren. OK.

Kurz bevor wir wieder am Bahnhof waren, erhielt sie eine Nachricht. Eine neue Adresse. Allee der Kosmonauten. Ohne Nummer. Ich hab dann versucht, ihr zu erklären, dass die AdK witzigerweise von dort wo wir nun standen bis zum letzten Punkt unserer Reise reichen würde und dass das als Ortsangaben ungefähr so sinnig wie „im Nordosten“ war. Aber dann war da noch ein Restaurant angegeben, das sich nach einer kurzen Google-Suche an der Landsberger Allee befinden sollte. Nicht wirklich weit weg und die Adressen lagen wirklich so, als würde da jemand immer wieder seinen Standort posten.

Also sind wir nun auch noch zur Landsberger gefahren, haben Ausschau gehalten (auch wenn ich nicht genau wusste, nach was oder wem) und am Ende sind wir von dort wieder zum Bahnhof zurück, wo das Auto meiner Kundin stand. 36,30€ für eine Fahrt vom Bahnhof Friedrichsfelde-Ost zum Bahnhof Friedrichsfelde-Ost. Mit Trinkgeld 40.

Ich hätte nicht gedacht, dass meine letzte Tour so lang sein würde, aber jetzt im Nachhinein finde ich sie fast ein schönes Sinnbild für die vergangenen Jahre: Irgendwo starten, auf Verdacht und gegen Bezahlung mal hierhin, mal dorthin fahren und am Ende landet man dann doch wieder da, wo man gestartet war. Und zwar ohne dass ich damit irgendwas reinphilosophieren möchte. So war’s halt – und wie die letzte Fahrt jetzt war es am Ende ok.

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Ich möchte mich an dieser Stelle vor dem Publikum verneigen, Euch für all die Jahre Unterstützung, die vielen Kommentare, aber auch Geschenke und sonstige Hilfe danken. Ihr wart großartig und ich bin sehr stolz, dass wir hier gemeinsam eine sehr sehr gemütliche Ecke im Internet hatten!

GNIT selbst wird bleiben, aber ich werde nicht viel Zeit haben, in die Kommentare reinzuschauen und Dinge zu fixen – und neue Artikel wird’s bis auf weiteres natürlich sowieso nicht geben. Vielleicht verblogge ich in einem Jahr mal eine Taxifahrt, die ich als Kunde mache oder bewerbe mal irgendein anderes Projekt. Ich sag’s ungern, aber der Fairness wegen trotzdem ganz deutlich: Jetzt, nach diesem Eintrag, ist der Zeitpunkt, wo man GNIT getrost aus dem Feedreader werfen kann. 🙁

Ich hoffe, ich lese in den Kommentaren drüben in meinem neuen Blog kässpätzle-jwd.de künftig viele vertraute Namen. Gebt mir ein paar Tage, da drüben die richtige Form zu finden, aber ab heute ist das mein neues Herzensprojekt.

Gut gelaunter Abgang

Ja, es ist nun vorbei. Ich hab die letzte Schicht hinter mir, hab die ersten Minuten meines 37. Geburtstages mit der Parkplatzsuche in Niederschöneweide verbracht und werde zumindest in absehbarer Zukunft nicht mehr hinter dem Steuer eines Taxis auftauchen. Aber diese letzte „Schicht“hat immerhin noch zwei zumindest erwähnenswerte Fahrten hinterlassen und ich will GNIT ja nicht beenden, bevor es Zeit ist. 🙂

Deswegen hier sofort die erste der beiden.

Ich hab einen Auftrag in Friedrichsfelde angenommen, gar nicht weit vom Bahnhof, wo ich geraume Zeit gewartet hatte. Wie der Name des Bestellers schon vermuten ließ, erwartete mich am Ort des Geschehens ein Vietnamese nebst zweier Kumpels. Die Fahrt sollte nur so mittel weit nach Lichtenberg gehen, in die Landsberger Allee. eine Nummer gab es auch noch dazu, aber als ich sie ins Navi eintippen wollte, hielt mich der Kunde auf dem Beifahrersitz davon ab und sagte mir, er zeige mir den Weg.

So weit, so normal. Etwas komisch war dann, dass er mir auf halber Strecke erzählte, dass er nur so ungefähr zu wissen glaubte, wo die Nummer genau ist und hat sich vor Lachen ausgeschüttet, als er mir erzählte, dass er das letzte Mal eine Dreiviertelstunde mit Suchen verbracht hätte. Eine Dreiviertelstunde, haha!

Mein nächster Marker auf dieser knapp 10 km langen Straße war ein Hotel, 70 Hausnummern entfernt. Ich hatte also wirklich nur so mittel eine Ahnung.

Es kam, wie es kommen musste: Er sagte mir irgendwann, dass er glaube, es sei an der nächsten Ampel, und als wir diese passiert hatten, stellte er fest, dass es doch schon die davor gewesen sei und ich hier halten könne. Und wie ein Kifferklischee fand er es sauwitzig, dass er es auch dieses Mal vergeigt hatte und gab mir auf die aufgelaufenen 17 € einen glatten Zwanni und bedankte sich dafür, dass es so nett war mit mir.

Wenn alle Kunden so gewesen wären, hätte ich mich all die Jahre nicht so sehr über ungenaue Navis beschweren müssen.

„Der hat Auspuff!“

An der Tour konnte mir nachdem ich es hingekriegt hatte, die Seniorin samt Rollator an der einzigen einspurigen Stelle in Friedrichsfelde einzuladen, eigentlich alles nur gefallen:

Sie war mittellang, ich kannte die Straße, sogar ihre Seniorenresidenz, einen guten Weg dorthin und der Verkehr war abgesehen von den hupenden Leuten hinter mir kaum noch vorhanden. Und so startete ich gelöst und wir hatten schnell ein Gespräch am Laufen.

Thema: Früher war alles besser!

Hat man in Berlin in unterschiedlichster Ausprägung öfter. Von „Als sie im Sisyphos noch nicht so viele Touris reingelassen haben, das war noch Berlin!“ bis hin zu „Vor’m Krieg war das mal’n ganz ruhiges Viertel hier!“.

Meine Kundin mäkelte an Jugendstilfassaden rum, dass sie jetzt überall diese hässlichen Häuser hinbauen. Es war wirklich schwer einzuordnen, wie fern jenes „Alt-Berlin“ war, das sie sich gerade zurückwünschte.

Aber sie wandte sich auch aktuellen Problemen zu und bemerkte:

„Was se da mit die Autos machen, ganz schlimm! Geht immer um Geld! Darfste ja nüscht mehr fahrn! Kiek ma, er hier!“

Sie deutete auf einen BMW vor uns. Ein Dreier.

„Der dürfte hier gar nicht fahrn! Is illegal, weil der hat Auspuff!“

Immerhin: Offenbar konnte sie auch in die Zukunft sehen. Wobei das außerhalb der Umweltzone noch eine reichlich ferne Zukunft sein dürfte. Ich hab artig verschwiegen, dass mein Auto auch Auspuff hat, aber ich bin ja auch bald weg. 😉

Andere Fahrer

Ich bin gerade von einem miserablen Wochenende heimgekommen und hätte durchaus noch zwei Taxigeschichten, aber der Heimweg machte mir einen Strich durch die Rechnung, denn dort habe ich mir ansehen können, wie die busfahrende Kollegenschaft mit Unannehmlichkeiten umgeht. Oder zumindest mein Ersatzverkehr-Busfahrer. Und ich bin nicht ganz überzeugt.

Passiert ist folgendes:

Der Busfahrer hatte seine letzte Tour diesen Abend auf der S7-Ersatzstrecke. Offenbar begleitete ihn sein vielleicht 13-jähriger Sohn an diesem Abend, zumindest war da ein Kind, dass dauernd mit dem Fahrer sprach und schon 20 Sekunden nach dem Start dem Fahrer mitteilte, dass einer der Fahrgäste offenbar etwas von seinem Bier verschüttet hat.

Als jemand, der Berlin nachts kennt, hatte ich nicht damit gerechnet, was dann passierte. Der Busfahrer hielt unmittelbar am rechten Straßenrand, ging nach hinten und forderte den Typen auf, auszusteigen. Der entschuldigte sich und stellte sein Bier nach draußen.

„Nee, aussteigen!“

Da mischte sich der Kumpel des Biertrinkers ein und meinte, er hätte doch das Bier rausgestellt.

„Aussteigen, ick diskutier nich!“

Die nächsten 5 Minuten vergingen damit, dass der Biertrinker bat, doch bitte weiterfahren zu können, da das Bier jetzt draußen sei, der Busfahrer ihn anging, dass er wegen dem Scheiß jetzt noch eine halbe Stunde putzen müsse und bekam zum Ausgleich das Angebot des Fahrgastes, er wische das gerne auf. Daraufhin drohte der Fahrer mit der Polizei, wenn er nicht aussteige, was dessen Kumpel leicht genervt, aber sehr ruhig mit einem „Nee, bleib drin, dit is nich ok!“ gewissermaßen eskalierte. Der Busfahrer bestand auf seinem Hausrecht, der Kumpel darauf, dass sie doch wirklich keinen Ärger machen wollten und schließlich wurde der Motor abgestellt und die Polizei gerufen. Nach dem Anruf sagte der Fahrer noch einmal, dass sie mit einem Aussteigen weiteren Ärger verhindern könnten, er würde dann die Polizei abbestellen – ein Angebot, das die beiden letztlich annahmen. Daraufhin wurde auch die Polizei abbestellt und die Fahrt ging nach den 5 Minuten weiter.

Dann hörte ich, wie sich der Fahrer mit seinem Sohn darüber unterhielt, wie schlimm er es gefunden hätte, dass kein Anderer eingegriffen habe und machte eine ironische Durchsage durchs Mikrofon, dass er heute wieder gelernt hätte, wie sich jeder selbst der nächste sei, obwohl doch wir es wären, die gerne nach Hause wollten.

Tja, puh.

Ich war im ersten Moment rein berufsbedingt schnell auf der Seite des Busfahrers. Ich meine, es ist nicht ok, das Fahrzeug zu verdrecken. Auch wenn mir die halbe Stunde Putzaufwand bei ebenem Boden und einer 100ml-Bierlache etwas übertrieben erschien. Aber ja, er hat die Kiste wahrscheinlich vor der letzten Fahrt durchgecheckt, um schnell Feierabend machen zu können. Wenn das schief geht, isses ärgerlich, kenne ich ja auch.

Aber die Dynamik der Situation war weit komplexer. Denn der Fahrgast war super kooperativ, hat sich entschuldigt und man sollte an der Stelle durchaus miterwähnen, dass es nunmal die letzte Fahrt in die Außenbezirke war. Vor allem aber schien mir das ein sehr ungesundes Beispiel dafür zu sein, wie Männer ihren Söhnen zeigen, wie man mal ordentlich durchgreift. Denn gerade das theatralische Gejammer am Ende, wie er der einzige Held war … also ich persönlich hatte zum Beispiel keine große Lust, mich einzumischen, weil ich das Angebot, sauberzumachen, ziemlich fair fand, aber wieso sollte ich so blöd sein, mir meine Heimfahrt zu versauen, indem ich mit jemandem diskutiere, der mehrfach laut und aggressiv „Ick diskutiere nich!“ durch den Bus ruft? Zumal die beiden anderen wirklich null gefährlich waren oder so. Und wie hätte ich, wenn ich eine andere Meinung gehabt hätte, dem Busfahrer helfen sollen. Er hat mit der Polizei gedroht, sie sogar angerufen, was hat er erwartet? Dass wir die Jungs gewaltsam rausschmeißen? Was er ja offenbar selbst nicht vorhatte …

Im Endeffekt fand ich das dann nur noch ziemlich trauriges Mackergeprolle, weil dem Fahrer kurz vor Feierabend wohl die Lust gefehlt hat, ein kleines Problem vielleicht einfach zu lösen, ohne einmal über den Tellerrand zu schauen. Mir war es leidlich egal, aber wir können hier durchaus mal festhalten, dass er (die beiden Läufer mal ganz außen vor gelassen) dem Rest der Fahrgäste zusammengezählt schnell mal zwei bis drei Stunden Lebenszeit geklaut hat. Nur um hart rüberzukommen. Putzen musste er ja trotzdem noch, es hat sich ja nix geändert dadurch.

*slow clap*

Ich meine, ich hab’s auch hundert mal geschafft, in Bus und Bahn Bier zu trinken, ohne es zu verschütten, das war schon doof von dem Typen. Aber ich bin irgendwie auch der Meinung, dass Scheiße passieren kann und dass es ab da um eine Lösungsfindung gehen sollte. Das hat auch bei mir Grenzen und ich bin da natürlich auch nicht immer perfekt in der Einschätzung gewesen, aber ein bisschen unnötig fand ich das vorhin dann schon. Hey, ich hab in meinem Taxi auch schon Leute putzen lassen. Und das war meist völlig ok und befriedigt das Ego wirklich ausreichend.

Der Frosch

Der gleichzeitig glücklichste und erfolgloseste Zechpreller aller Zeiten

Bahnhof Marzahn, zwei Taxen, zwei volltrunkene Russen. Ich war erster, sie kamen zu mir. Der Hinüberste sollte mitkommen, sein etwas wenig praller Kumpel half ihm ins Auto. Nur wollte er da nicht hin. Vielleicht war ich ihm unsympathisch, man hat ja besoffen die seltsamsten Macken. Der Kollege hinter mir hat gleich das Auto verriegelt und dankbar den nächsten Funkauftrag angenommen. Deswegen hat sich der Fahrgast auf den Gehsteig gelegt und eine Runde schlafen wollen. Die Logik gibt’s mit der zweiten Flasche Wodka gratis dazu.

Aber sein Freund hat ihn überredet und ich bekam keinen Funkauftrag. Natürlich war meine Freude nur so mittel, aber ich hatte auch schon so gute Fahrten mit fast schon verflüssigten Russen, da war alles drin. Der Freund versicherte mir, dass der Fahrgast Geld hätte und bat mich, ihn in die Möllendorffstraße, Ecke Herzbergstraße zu bringen. 15 Euro, nur Hauptstraßen, das schaffe ich selbst mit dem noch.

Das war auch eine richtige Einschätzung, denn der Typ war selbst zum Kotzen schon zu blau. Der war kurz vor Koma, das sollte die gute Tat des Abends werden, passt schon.

Am Ziel angekommen hat er natürlich längst gepennt, also hab ich das Auto schon mal artig eingeparkt, denn dass das nun dauern könnte, war mir klar. Ich hab den bis dahin vorbildlichen Fahrgast also wachgerüttelt, ihm mitgeteilt, wo wir sind und ihm das Taxameter mit dem Betrag gezeigt. Er kündigte an, erst einmal auszuschlafen. Da das streng genommen nicht ganz mit meinem Beförderungsauftrag übereinstimmte, habe ich ihn abermals aufgeweckt, woraufhin er sich ans Aussteigen machte. Ich hab ihn sachte zurückgehalten und auf mein Geld bestanden, woraufhin er mich sehr langsam und gewissenhaft versuchte zu beschimpfen.

Da er in seinem Zustand ungefährlicher war als ein Rudel durchgeimpfter Stubenfliegen, hab ich ihm in aller Deutlichkeit, aber scheißfreundlich zu verstehen gegeben, dass es jetzt wirklich sehr sehr unnötiger Stress sei, den er sich da einhandeln würde. Aber – und da sprach der Übermut der dritten Flasche aus ihm – er lallte mir zu, ich solle doch die Polizei rufen, das sei jetzt mein Problem.

Ich hab ihn an dieser Stelle erst einmal aussteigen lassen und es geschah mit nahezu perfekter Übereinstimmung, das was ich erwartet hatte: Er verlor nach einem kurzen Ausfallschritt das Gleichgewicht, fiel neben dem Auto um, landete am Ende zwischen Fahrzeug und Bordstein mit dem Gesicht unter der Beifahrertüre und blieb liegen. Er schaffte es noch, diese zu schließen und dann hatte ich wieder Ruhe im Auto und konnte die Kavallerie anrufen.

„Nur damit ich Sie richtig verstehe: Rufen Sie uns jetzt an, weil er sie nicht bezahlt hat, oder weil er da liegt?“

„Eigentlich wegen beidem.“

Nachdem das erledigt war, hab ich die Uhr wieder angestellt, denn wie der Fahrgast richtig bemerkt hat, bin ich ein Arschloch und als solches bestehe ich aber sowas von zu 100% auf den korrekten Wartezeittarif.

Kurz darauf wollte der Typ nochmal aufstehen, was ich verhindert hab, indem ich ihm die Hand auf die Schulter gelegt hab und meinte, er solle doch einfach noch kurz warten. Er hat kurz überlegt, die Idee für gut befunden und es sich auf dem Gehsteig so richtig bequem gemacht. Ich hatte fortan ein paar nette Passantengespräche und dabei festgestellt, dass ein komatöser Russe auf dem Gehweg so eine Art bester Wingman zu sein scheint: Wenn Du mit sowas umgehen kannst, finden das alle super cool!

Als die Polizei kam, hab ich das Taxameter gestoppt, nun war es ein Zwanni. Das passte schon.

Die Staatsmacht kam in Form einer Good-Cop-Bad-Cop-Combo und der gute hat meinen süß träumenden Fahrgast auch nur rund viermal wecken müssen, bis der das mit der Polizeisache verstanden hat. Weiter nicht verstanden hat er, dass er das Taxi bezahlen müsste und hat die Cops mehrfach gefragt, weswegen sie Geld von ihm haben wollen.

Dabei war das selbstverständlich bereits Teil des Deals zwischen mir und der Polizei: Wir hatten alle keinen Bock aufs ganz große Tara und die beiden sollten ihn überreden, mir das Geld zu geben und fertig. Keine Nacht auf der Wache, keine Anzeige. Und ohne wirklich Widerstand zu leisten hat mein Kunde wirklich alles getan, um die Geduld der beiden Staatsdiener zu strapazieren. Was „Bad Cop“ dann irgendwann auch mit dem Ausspruch

„Es reicht jetzt langsam, du Frosch!“

quittierte. Der andere hielt sich ans Protokoll und wollte dem Typen den inzwischen gefundenen Fuffi nicht einmal gewaltsam abnehmen, sondern ihn überreden. Aber mein Kunde kam mit so viel Mathe noch nicht klar und hat nicht so wirklich eingesehen, warum er seinen Fuffi gegen lächerliche dreißig Euro tauschen sollte. Am Ende hat’s dann doch der Bad Cop erledigt.

„Hörma! Hier sind drei Leute, die dir eigentlich nur Stress ersparen wollen und Du machst hier rum! Knallt glei!“

Zu guter Letzt waren bis auf den Frosch alle zufrieden. Der hat sich eine teure Nacht erspart, die 120 Euro fürs Revier waren ihm längst mehrfach angedroht worden. Ein bisschen panne für seinen Abendverlauf war vielleicht, dass sich rausgestellt hat, dass er eigentlich in Adlershof wohnt. Ich hab kurz überlegt, ob ich ihm die Fahrt dorthin für 30 Euro anbieten sollte, bin dann aber doch lieber schnell weg.

„Dit vagisste gleich wieda, ok?“

Manchmal muss man mich wieder erinnern, warum ich gerne in der Stadt fahre. Das hätten wir heute dann wieder einmal erledigt.

Ich mache selten Umlandabholungen, denn meistens ist das nicht so wirklich kilometerschnittförderlich. Dachte ich schon vor der Tour. Aber ich war am Bahnhof Ahrensfelde, also quasi direkt an der Stadtgrenze, gelandet. Und dann sagt der Funk, er hätte eine Fahrt von Blumberg nach Ahrensfelde anzubieten. Ich hab mal eingewilligt, auch wenn ich das zwischenzeitlich noch sehr bereuen sollte.

Die Entfernung betrug glatte sechs Kilometer, da ist man mit nur einer bezahlten Strecke beim Schnitt gut bedient.

Dann sagte mir das Navi, dass ich das vergessen könne, da wäre eine Sperrung. Womit es 20 Kilometer Anfahrt wären. Nun weiß ich, dass man Navis da trauen sollte, aber bei so einem grotesken Umweg schien es mir den Versuch wert zu sein, mal hinzufahren und zu gucken, ob die da die Bundesstraße nachts um ein Uhr WIRKLICH komplett gesperrt haben, oder ob man da nicht mal eben unbemerkt vorbeifahren kann. Hybris? Vielleicht. Aber erfahrungsuntermauert. Außerdem gab es kurz vor der Sperrung eine weitere Umfahrungsmöglichkeit, die „nur“ nochmal zwei Kilometer länger gewesen wäre. Also 22 insgesamt, das war den Versuch ehrlich wert.

Leider hatte ich meinen Versuch gestartet, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, was die da draußen nachts anstellen, wenn sie der Großstadt entflohen sind. Ich landete nämlich noch zwei Kilometer vor der bekannten Sperrung an einem Stauende, das nicht nur viel zu weit von der Sperrung entfernt lag, sondern auch noch vor einem Hügel, so dass man nicht sehen konnte, was dahinter den Stau verursachte. Ich zuckelte mich etliche Minuten langsam vor, aber dann stiegen die ersten anderen Fahrer aus, Leute versuchten, auf der engen Straße mit Sprintern zu wenden und hin und wieder kamen ganz kluge Autofahrer an, die meinten, dass ein Warnblinker es ihnen erlaube, die Gegenfahrbahn zu benutzen. Ich überlegte also hart, was ich tun sollte und währenddessen verstrich dann die Zeit, die die Zentrale für meine Ankunft festgelegt hatte. Bis ich zwischen den anderen Tollwütigen wenden konnte, verging also eine Weile und am Ende wollte ich die Fahrt abbrechen. Allerdings: Wenn das schon so ein Horror da auf den Straßen ist: Als ob jemand anders je diese Tour machen würde!

Also hab ich gewendet und mich auf den 20km-Umweg gemacht.

Unterwegs – immerhin erst nach 15 Kilometern – rief dann die Zentrale an und fragte vorwurfsvoll, was ich da bitte machen würde, die Kunden hätten schon nachgefragt. Ich hab mich kurz erklärt und das wurde den Kunden offenbar auch mitgeteilt, denn die empfingen mich an einer Stelle, von wo aus man den Arsch der Welt beeindruckend groß vor sich sehen konnte, ausgesprochen gut gelaunt. Natürlich kannten sie die eigentliche planmäßige Sperrung und versprachen mir, wir würden da schon durchkommen.

„Zeig’n wa dia! Fahr hier mal links!“

Es bräuchte nicht viel Übertreibung um zu sagen, dass links ein Gebüsch war. Wir waren ohnehin auf einem Feldweg, aber links ging es ab auf einen Feldweg, den das Navi nicht einmal als Fußweg kannte. Zu Recht. Nach zwei Regentagen ist der Weg vermutlich eine Schifffahrtsroute.

„Dit vagisste gleich wieda, ok?“

„…“

„Den Weg.“

„Sehr gerne. Ich wollte ohnehin gerade fragen, ob man hier legal mit dem Auto …“

„Nee. Wir fahr’n jetzt durch’n Park.“

Ach so.

Die Schlaglöcher/Bodenwellen waren selten tiefer als 20 Zentimeter, wir kamen also gut voran.

„Jaja, kannste versuchen, zu umkurven, bringt abba nix. Der Weg is nich top.“

Als wir dann wieder auf der Hauptstraße waren, folgte natürlich, was folgen musste: Die andere „Sperrung“ von vorhin gab es weiterhin. Es war nicht, wie ich vermutet hatte, ein Unfall, sondern eher Straßenbauarbeiten oder so.

„Kannste wenden?“

„Sicher.“

„Na mach mal, besser als stehen. Ick kenn’n Weg, aber der is übel. Is nich top!“

Nach den Erfahrungen von vor drei Minuten hab ich angefügt, dass mein Auto technisch aber wenigstens in der Lage sein sollte, ihn zu bewältigen. Das wurde mir versichert.

„Naja, jetzt hab ich schon akzeptiert, dass das eine Abenteuer-Tour wird. Inzwischen bin ich dabei, mich zu ärgern, dass wir hier kein Glatteis haben …“

„Immahin lernste jetzt noch wat.“

„Da haben Sie recht, aber ich vermute, dass davon allenfalls hängenbleibt, dass ich in den nächsten paar Stunden keinen Auftrag mehr in Blumberg annehmen werde.“

Ach, was hat er gelacht. Die folgende Route war so absurd wie die davor. Selbst der Superauskenner musste sich dreimal vergewissern, dass wir auf den richtigen Feldweg fahren und mir wurde abermals vermittelt, dass ich das bitte bitte alles vergessen solle, während die Bundespolizisten von ihren Hubschrauberlandeplätzen aus argwöhnisch mit Blicken das Taxi verfolgten, das da mit Fernlicht an ihrem Zaun langkurvte.

Am Ende hatten wir acht Euro mehr auf der Uhr, als der direkte Weg gekostet hätte. Also 11 statt 6 Kilometer. Das hat immer noch nicht gereicht, um einen guten Schnitt zu machen und das Trinkgeld blieb (wie leider während der ganzen Schicht) weit hinter den Erwartungen zurück. Aber ohne mich stünden die morgen noch dort und lustig war’s dann ja doch. 😀

Die Zentrale nutzt die Technik voll aus

Freitag abend. Ich hatte eben meinen ersten Kunden heimgebracht. So gegen 19:30 Uhr. Schichtbeginn, Wochenbeginn. Ich bin ja noch zur Hälfte in Elternzeit. Dann ein Anruf mit unterdrückter Nummer. Ich hab mir überlegt, ihn wegzudrücken, aber wer weiß, vielleicht wäre es ja einer von Euch gewesen.

„Taxe 2140?“

„Ja?“

„Gut, dass ich Sie erreiche. Ihr Kunde hat vorher sein Handy verloren.“

„Aha.“

„Ja, hat es auf dem Beifahrersitz liegen lassen.“

„Wann war das denn?“

„Na, so gegen 13 Uhr.“

„Da muss ich leider passen, denn das war dann wohl mein Tagfahrer.“

Es ist ehrlich gesagt unglaublich. Ich bin ja trotz meiner Bloggertätigkeit ein Freund des Datenschutzes. Ihr Leser könnt mein Taxi zu meinen Arbeitszeiten tracken, aber mir war es immer ein wenig suspekt, dass das auch andere können. Aber gut, es ist die Zentrale, das kann man akzeptieren, die brauchen das, um unsere Geschäfte abzuwickeln. Aber wieso bitte melde ich mich mit meiner persönlichen PIN am Funk an und werde dann trotzdem anstelle des Kollegen angerufen? Ich verstehe es nicht, denn selbst in meinem Display im Auto wird mein Name angezeigt. Die müssen meine Arbeitszeiten oder die des Kollegen nicht kennen, die kriegen die automatisch mitgeteilt.

Aber hey, sie fanden es gut, das ich geantwortet habe (unterdrückte Nummer, da verstehe ich die Ausfallquote) und haben sich entschuldigt.

Mal ganz ehrlich: So wird das mit der Digitalisierung hier immer ein Märchen bleiben …