Stammkunden … oder so

Wenn ich hier schon Endspurt mache, dann doch richtig!

Ich hab gerade, rein aus Sentimentalitätsgründen, nochmal ein paar Tage zurückgelesen und festgestellt, dass ich ausgerechnet diesen Kerl vor ein paar Wochen ein zweites Mal im Auto hatte: Einen sehr runtergekommenen Wohnheimbewohner, der nicht wusste, wo er wohnt und leider immer noch so erbärmlich gerochen hat wie bei der ersten Fahrt.

Aber dieses Mal wusste ich ja, wo es hinging und da er wie beim letzten Mal auch bezahlen konnte, war es dann eigentlich gar nicht so eine schlechte Tour. Es war ja dieses Jahr noch lange warm genug, um das Auto problemlos auszulüften nach der Fahrt, im Grunde ist es das ja immer noch.

Was seinen Geisteszustand angeht, scheint’s aber wirklich nicht zum besten gestanden zu haben. Er hat mir eine Reihe Stories aufgetischt, wie er Profiboxer und Agent war und es ist schwer zu sagen, ob das alte Erinnerungen oder das RTL-Nachmittagsprogramm der letzten zwei Wochen war. Und sie waren nicht einmal dergestalt, dass er einem danach sympatischer war.

Aber ich hab ihn noch einmal heimgebracht, ihm nocheinmal den Abend gerettet und meinen fairen Lohn dafür bekommen. Was will man eigentlich mehr?

Warum, Leute?

Ein Auftrag an definitiv nicht meiner Lieblingskneipe in Marzahn. Aber ich hatte schon zu lange gewartet und ein zwei schöne Touren hatte ich da auch schon. Die vier Kunden waren im Durchschnitt noch unter 2 Promille, immerhin. Eine allerdings war furchtbar laut und blökte Ihre Adresse in die Runde, das komplette Gegenstück zu ihr saß auf dem Beifahrersitz, eine ruhige und gelassene Frau vielleicht zwei Jahrzehnte über mir.

„Die 457?“

fragte ich.

„Die liegt doch bei der Raoul-Wallenberg im Karree, oder?“

Meine Beifahrerin nickte. Ich fuhr auf dem ziemlich kürzesten Weg hin, bekam aber von hinten schon eine Minute vor der Ankunft regelrecht ins Ohr geschrieen, dass wir hier falsch wären, wie ich sie hier abzocken würde, etc. pp.
Und zwar so heftig, dass ich das vielleicht sechste Mal in bald 10 Jahren laut geworden bin und sie gebeten habe, doch endlich mal die Fresse zu halten, weil wir gleich da seien.

Tja, nun. Das Dumme war, dass sie an sich recht hatte. Sie wollte 100 Hausnummern weiter und da war das, was ich zusammengefahren habe, grottenfalsch. Ob sie die Nummer falsch angesagt hat oder nicht, kann ich nicht mehr sagen. Zu meinen Gunsten sagen die zwei Promille weniger und meine Nachfrage an die Beifahrerin aus, aber die hatte offenbar eh von nix einen Plan und wollte mir offenbar nur lieb zustimmen.

Wie ich halt so bin, hab ich das auf meine Kappe genommen, mich fürs Missverstehen entschuldigt und entsprechend die Uhr auch sehr früh ausgemacht. Aber die weiteren zwei Minuten haben alle drei aus dem Fond auf mich eingelabert, dass ich sie abzocken wollte, sogar der Verkehrsminister sollte angerufen werden.

Versteht mich nicht falsch, sowas ist ärgerlich. Aber wie viel mehr als den Umweg nicht berechnen und mich entschuldigen soll ich denn bitte machen? Dass die krakeelende Vollsufftante am Ende wutschnaubend ausgestiegen ist, war mir im Grunde nur recht. Wer mit einer Entschuldigung und einer Entschädigung noch immer nicht in der Lage ist, seinen Hass zu kanalisieren, darf meinetwegen auch schlecht schlafen deswegen. Der Verkehrsminister freut sich sicher über den Anruf.

Vermutlich haben sie aber meine Entschuldigung einfach nicht mitbekommen, denn der junge Mann hinten in der Mitte bat mich noch ganz am Ende der Tour (es waren drei Ziele, auf ungefähr 250 Meter verteilt), dass ich doch wenigstens meinen Fehler einsehen sollte. Das war mir völlig egal. Ich hab nur noch automatisch irgendwelche Floskeln abgegeben, um sie loszuwerden.

Und was soll ich sagen? Alle Kunden stinksauer, alle Berliner Taxifahrer Arschlöcher und ich hab 2,50 € Trinkgeld bekommen.

Jaja, ihr lest richtig. 2,50 €. Bei einer sehr kurzen Tour. Bei 7,50 hatte ich die Uhr ausgemacht, ohne Umweg wäre die Fahrt vielleicht noch günstiger geworden, aber ich hab einen Zehner bekommen. 33,33%!

Also nehme ich an, dass denen eigentlich alles scheißegal war, anders kriegt man das ja nicht mehr stimmig erklärt. Was von mir aus ja sogar ok ist, aber ich hätte das Ganze dann gerne wenigstens ohne Rumgebrülle …

Zu früh aufgegeben

Manchmal ermüdet der Konkurrenzkampf im Taxi. Aber ein Fahrer gestern Abend hätte vielleicht mal mehr Vertrauen in die Kollegenschaft haben sollen.

Als ich den Bahnhof Friedrichsfelde-Ost angesteuert habe, war ein Kollege vor Ort, aber es stand bereits Kundschaft an seiner Tür. Gute Ausgangslage. Als ich dann heranfuhr, kamen die Kunden zu mir gelaufen, obwohl der Kollege noch dastand.

OK?

Ich ließ das Fenster runter.

„Schelling?“

„Wie bitte?“

„Kommen Sie für Schelling? Wir haben bestellt.“

„Oh. Nein, sorry. Der Kollege kommt sicher gleich.“

Und sie haben gewartet. Sehr nett. Nach vielleicht drei Minuten kam auch ein Taxi. Aber es fuhr nur kurz die Seddiner Straße ab, hat kurz 50 Meter entfernt gestoppt und ist dann wieder weggefahren.

Ich gebe ja zu: Wenn ich an einen schwach frequentierten Bahnhof wie diesen bestellt werde, dort erst einmal keine Kundschaft, dafür aber zwei Kollegen sehen würde … ich würde wohl auch davon ausgehen, dass sich da jemand die Tour gemopst hat. In dem Fall hat das halt leider nicht gestimmt und wenn der Fahrer wenigstens mal zu uns geschaut hätte, hätten wir ihm die Kundschaft auf dem Silbertablett serviert. Aber da er das gelassen hat, kam der Kollege an Position 1 aus seinem Auto und hat den Leuten gesagt, dass sie jetzt besser nicht weiter warten, sondern mit ihm mitfahren sollten.

Und er hatte recht. Bis ich 10 Minuten später eine Tour hatte, ist kein anderes Taxi vorbeigekommen.

Mehr als Du!

Kneipenauftrag in Marzahn. Aber keine der ganz schlimmen Kneipen. Und siehe da: Eine Familie. Gut angetrunken, allesamt, aber immerhin ohne Minderjährige. Der Start gestaltet sich schwierig, weil sich die Tochter noch einen Döner ums Eck holen will, dann doch lieber auf dem Weg, dann kurz vor zuhause und außerdem ist sie so blau, dass sie sich erst einmal im Fond quer über ihre Eltern legt und Papa fragt, ob er ihr die Beine massieren möchte.

Wenn ich mit meiner WG-Vergangenheit auf eines nicht gefasst war, dann dass mir als Taxifahrer noch so viele Ausprägungen von alkoholinduzierter Verpeiltheit aufgezeigt würden, die ich bis dato nicht kannte.

Statt die Tochter zu massieren erklärte mir der Vater dann, dass die Tochter heute ihr erstes Gehalt erhalten habe.

„Na, das ist doch mal ein Grund!“,

warf ich mitfühlend in die Runde.

„Erss Jehaaald. Un‘ mehr als Du in ein Jaaah mach’s!“

Sympathie von hundert auf null. Wie so ein sich outender AfD-Wähler.

Und nicht falsch verstehen. Ich mach schon ein paar Jahre lang Jobs im Niedriglohnbereich, ich komme irgendwie ziemlich gut damit klar, dass andere Leute mehr verdienen als ich. Mir ist es erschreckend egal, wie offen die Möglichkeiten des Geldverdienens nach oben hin sind, all meine ach so „neidische“ Kapitalismuskritik hat sich immer daran aufgehangen, dass es vielerorts am unteren Ende nicht reicht. Weswegen ich ganz ganz besonders so herablassendes Verhalten eklig finde.

Und ratet mal!

Jepp. Genau 50 Cent Trinkgeld. Nach Rechenspielen, ob ich nicht gerade 1,50 € draus gemacht hätte.

Ajehoa!

Ich bin mir sicher, dass ich mich nicht grundlos damit rühme, die meisten Sprachbarrieren im Taxi auch ohne die moderne Technik aus dem Weg räumen zu können. Die hilft manchmal, natürlich – aber im Eifer des Gefechts verlässt man sich dann doch schnell mal aufs Gefühl und es ist schön zu sehen, wenn das immer wieder gut geht.

Isses in diesem Fall nicht. Oder nicht wirklich zumindest.

Ich hatte einen Auftrag in Lichtenberg, aber ein Ziel war nicht angegeben. Wie in 75% aller Fälle, das war also nix besonderes. Die Kunden rannten mir auf der Straße schon entgegen, junge Vietnamesen, ausgelassene Stimmung, alles super. Und nun? Wohin?

„Ajehoa-ahe!“

Na klar. 🙁

„Ajehoa-ahe Osöaus.“

Na bitte, geht doch. 🙂

Eine Nummer hatten sie auch noch parat und weit war es auch nicht, also hab ich sie in die Altenhofer Straße in Hohenschönhausen gebracht. Kinderspiel!

Denkste. In Hohenschönhausen gibt’s leider auch noch die Ahrenshooper Straße. Und in die wollten sie eigentlich.

Kleiner Vorteil: Dank der Sprachbarriere hab ich auch nicht mitkriegen müssen, für wie doof sie mich hielten. Am Ende lag der Umweg im 2€-Bereich und die Kunden kannten trotz alledem auch diese nette (und für mich eigentlich unnötige) Tradition mit dem Trinkgeld, das man gibt, obwohl man unzufrieden ist. So will ich mich am Ende mal nicht beschweren, ich hatte schon schlimmere Fahrten. 😉

 

Dreunundneißig

Ein Auftrag in Marzahn. Nach einiger Wartezeit. Nummer 39 in einer mir bekannten Straße. Das Finden war nicht schwer, aber ich war gleich etwas verwundert, denn das Haus war komplett dunkel. Aber gut, vielleicht lag die Wohnung hinten raus …

Dem war nicht so. Ich hab fünf Minuten gewartet und nebenbei nachgesehen, wo der Name an der Klingel steht. Nicht dass ich um ein Uhr nachts vorhatte zu klingeln*, aber mal nachsehen schadet ja nicht. Aber nope. Ohne das dunkle Haus wäre das auch kein Ausschlusskriterium gewesen, aber so hab ich nach zwei Gnadenminuten eine Fehlfahrt eingegeben und war weg.

Dann kam ungelogen 30 Sekunden später ein neuer Auftrag für die selbe Straße rein. Nummer 93. Na klar. 😉

Und als ich ankam, erwarteten mich bereits auf der Straße zwei völlig pralle Russen. Ich hab nicht nachgefragt, aber ich bin mir sicher, ich kann in etwa abschätzen, wie das passiert ist. 😀

Ach ja: Ab da war’s eine vergnügliche Tour mit gutem Trinkgeld. Passt schon.

*ich kann natürlich klingeln, aber was wenn ich einen Freund der Familie heimfahren soll und die Kinder schlafen schon seit vier Stunden?

Handy zurückgegeben. Und wie!

Als ich gestern schrieb, dass ich mir bezüglich des gefundenen Handys auch weiterhin einen interessanten Verlauf vorstellen könnte, hatte ich mit viel gerechnet, aber nicht mit Oleg. Oleg war der Besitzer des Handys, der mich im Laufe des Morgens noch vor dem Weckerklingeln ungefähr 30-mal angerufen hat. Was ich 29-mal ignorieren konnte, aber irgendwann ist halt Schluss. Aber ich will nicht lügen: So nervig ich es in dem Moment fand, war ich froh drum. Denn übers Fundamt hätte das alles viel länger gedauert. Außerdem hatte ich bei unserer Fahrt herausgehört, dass Oleg wohl nur zu Besuch in Deutschland war und das alles sonst vielleicht nur über viele weitere Umwege geklappt hätte, ihm das Telefon zukommen zu lassen. Und wenn ich mir den ganzen Mist aufbürde, den ja selbst die Zentrale als „immerhin sehr nett“ bezeichnet, dann ja wohl, um jemandem eine Freude zu machen.

Mein Gehirn ist da altmodisch: Es schüttet Endorphine aus, wenn ich Leuten helfe.

Am Telefon stellte sich schnell raus, das Oleg noch weniger deutsch oder englisch konnte, als ich es im Gedächtnis hatte. Mit Mühe und Not schafften wir es, uns auf die Straße, in der ich ihn und seinen Kumpel (allerdings an einem Imbiss mit anderer Nummer) eingeladen hatte, eine Hausnummer und eine Zeit – 11 Uhr – zu einigen.

Und dann bin ich hingefahren.

Seinen Namen hab ich an der Klingel nicht gefunden, also hab ich erst einmal abgecheckt, ob es nicht ein Zahlendreher gewesen sein könnte. Aber die Nummer gab es gar nicht erst. Dann hab ich in der Not tatsächlich geschafft, auf einem auf moldawisch gestellten Telefon mittels der Kontaktliste eine Nummer zu finden, unter der ich Oleg erreichte.

Juhu?

Nein.

Den meisten unter uns passiert das selten, selbst mir, aber nun hatte ich diesen ganz seltenen Fall, dass unsere Sprachkenntnisse sich so wenig deckten, dass wir es einfach nicht geschafft haben, miteinander zu kommunizieren. Oleg konnte seine Adresse fehlerfrei auf deutsch sagen, verstand im Gegenzug aber nicht, dass ich bereits vor Ort war und nur wissen musste, wo ich klingeln soll. Und natürlich handelte es sich um ein Hochhaus mit drölfzig Namen, die ich wirklich nicht verdachtsweise durchprobieren wollte.

Natürlich sanken mit der Zeit zwischen unseren fruchtlosen Telefonaten meine Hemmungen, aber am Ende hatte ich nur ein paar der offensichtlich osteuropäisch klingenden Namen auf dem Klingelbrett gedrückt. Mit Rumsuchen nach der eventuell anderen Hausnummer und all den Verzögerungen zwischen unseren Telefonaten und SMS summierte sich das auf atemberaubende anderthalb Stunden auf, während er in der Wohnung seines Cousins saß und ich im Grunde meist vor seiner Haustüre.

Natürlich hab ich zigmal überlegt, wieder heimzufahren und das Handy einfach ans Fundamt zu schicken. Aber Oleg war halt nur ein fucking Berlin-Besucher, der kein Deutsch konnte (abgesehen von beinahe ausnahmslos Stücken wie „Vielen Dank“, „sehr nett“, „freue mich“, „gut“ und „schön“), der sein Handy mit Bildern seiner Tochter verloren und mir 15 Stunden zuvor das beste Trinkgeld der Woche gegeben hatte.

Ich weiß nicht einmal mehr, welche Kombination aus meinen Worten (jetzt, hier, waiting, öffnen, Tür, door, open, now, please) am Ende den Ausschlag gegeben hat, dass er mit Schamesröte im Gesicht runterkam. Aber ich weiß noch, was seine ersten Worte waren:

„Tschuljung, tschuljung, Sascha! Wieviel? Wieviel Geld?“

Er reichte mir direkt einen Zehner und ich gebe zu, dass ich in dem Moment noch etwas angepisst war, weil ich über eine Stunde telefonierend in der Hellersdorfer Prärie rumgesessen war. Aber ich habe gesagt:

„Komm, passt schon. Ist ok!“

Und er hat sichtlich zerknirscht einen weiteren Zehner gezückt und „Bijette, bijette, ok!?“ gesagt.

Auch wenn ich für die Chose am Ende alleine 5,60 € Fahrtkosten hatte … ich hab’s dankend angenommen und ihm auf die Schulter geklopft. Manche Dinge passieren eben, wenn auch glücklicherweise nicht jede Woche. 😉