Ein Jahr weg…

“Kannste mich zum Maria bringen?”

“Klar – also wenn du das Ex-Maria meinst.”

“Ja nee, also das hier, das Maria am…”

“Ostbahnhof!?”

“Genau. Wieso Ex?”

“Naja, das heißt ja nicht mehr Maria. Erst ADS und jetzt hat es glaub ich schon wieder einen neuen Namen, bin mir aber nicht sicher.”

“Scheiße Alter, ich war ein Jahr im Knast! Hab ich nicht mitbekommen!”

Unter seinen leicht fettigen lockigen Haaren sah er mich recht lieb an, ein wenig auf der Suche nach Zustimmung oder dergleichen. Probleme mit Knackis hab ich keine. Ich wüsste auch nicht, wieso ich welche haben sollte.

Im vorliegenden Fall war ich mir nur unsicher, ob ich es mit einem Spinner zu tun hab. Zum einen hat er es tatsächlich mit einem Verkehrsdelikt und dem anschließenden Versemmeln / Verweigern der Sozialstunden in den Knast geschafft, andererseits hat er auf mich nicht ganz auf der Höhe seiner geistigen Schaffenskraft gewirkt. Aber er war ja auch seine Freilassung feiern.

Viel später als für den direkten Weg notwendig kündigte er an, noch eine bestimmte Bank aufsuchen zu wollen. Den Zehner fürs Taxi hatte er zwar locker einstecken, aber ganz für einen sorgenfreien Abend reichte es eben nicht. Schon gar nicht in einem Club. Und er wollte sich immerhin gepflegt einen hinter die Binde kippen, ein bisschen Koksen, vielleicht noch ein Mädel auf einen Drink einladen, bla keks… das Übliche. Nicht billig. Ich weiß, warum ich mein Bier im Supermarkt kaufe, keine anderen Drogen nehme und meine bessere Hälfte vertraglich an mich gebunden habe ;)

Mein Kunde indes freute sich geradezu auf die Bank und erzählte mir stolz, dass er im Bau auch regelmäßig gearbeitet hätte und deswegen jetzt ein paar Euro auf der hohen Kante hätte. Die Vorfreude auf den ersten Abend in Freiheit war ihm wirklich sehr direkt anzumerken. Die bis dato getrunkenen Bier allerdings auch. An der Bank war dann die Frage, was er als Pfand dalassen könnte. Da er weitgehend ohne sinnvolles Gepäck reiste, schlug ich seine Jacke vor. Ich machte ihn allerdings auch darauf aufmerksam, dass ich – auch wenn es nicht erlaubt ist – einen Ausweis dennoch akzeptieren würde. Bekommen habe ich beides. Na gut.

Der Bankbesuch war an sich auch kurz, allerdings kam mein Fahrgast staunend wieder heraus:

“Mensch, die ha’m die janze Bank umjebaut in dit Jahr!”

Ich stelle mir das dazugehörige Gefühl wirklich sehr seltsam vor…

Im Auto angekommen schnappte er sich seinen Ausweis und pfrimelte sich etwas unbeholfen in seine Jacke. Er biss dabei die Lippen aufeinander, ächzte und zerrte, stöhnte und fummelte. Aus Gewohnheit fragte ich einfach:

“Kann ich losfahren?”

Die Uhr lief, es war als nette Geste gedacht.

“Nee! Sach mal, du kannst doch nich…”

“Was? Was ist los?”

“Ey, Alter!!! Ick bin noch nicht anjeschnallt!”

So sehr ich das zu schätzen weiß, so sehr hat es mich bei einem verurteilten Verkehrssünder amüsiert :)

Die Fahrt zum Maria verlief dann unspektakulär und ich hab zu den 16,80 € Fahrpreis (ohne Umweg über die Bank vielleicht ein Zehner!) auch lockere 3,20 € Trinkgeld bekommen. Und ihm viel Spaß gewünscht. Auf die ein oder andere Art hatte er das sicher verdient.

Brücken-Dings

Der Kollege Rob hat sich vor Lachen schon nicht mehr halten können, als ich mich auf ein Gespräch mit dem Typen eingelassen habe. Ich teile Robs Einstellung zu diesen und jenen Fahrgästen nicht unbedingt, aber in dem Fall hab ich mich auch zurückhalten müssen. Der Kerl, der mich da hinten in der Schlange angequatscht hat, war breit wie ein Luftschiffhangar.

Er fragte mich, ob ich ihn auch für eine kurze Tour mitnehmen würde. Den Satz allerdings hat er auf so abenteuerliche Weise entstellt, vernuschelt, wiederholt verschachtelt und durch Schluckauf-Geräusche ergänzt, dass er am Ende länger gedauert hat als die nachfolgende Fahrt selbst. Sein Ziel war von besonderer Qualität:

“Hier dieses Marchlewski-Hicks-Brücken-Dings! Da an der Ecke gleich.”

Aha.

Nun liegt die Marchlewskistraße unweit des Ostbahnhofs und Brücken haben wir auch ein paar. Nur dummerweise passen diese beiden Informationen schlecht zusammen. Mit sehr viel Humor könnte man die Warschauer Brücke vermuten, sein Finger zielte indes auf die gesamte Südhemisphäre von Mitte bis Neukölln. Ja nu?

“Ich kann dich leiden!?”

Na dann mach mal! Oder danke, du bist auch ein Netter? Keine Ahnung. Ich hab es riskiert. Ich war mal wieder erst ein paar Minuten da und da sind mal eben 5 € auch in Ordnung.

Und? Wer glaubt zu wissen, wo es hin ging?

Ruhig ist nicht zwingend still

Eine recht häufig gestellte Frage von neuen Lesern ist die, ob ich im Taxi auch so eine nervige Quasselstrippe bin. Oder umgekehrt, ob ich wenigstens rede und nicht so schweigend und brummig am Lenkrad sitze. Ja.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich Nachtfahrer bin, jedenfalls komme ich mit grob geschätzt 98% meiner Kundschaft ins Gespräch. Ich zwinge es niemandem auf, aber ich versuche es eigentlich immer. Wer seine Ruhe will, bekommt sie natürlich – aber das sind nachts nicht viele. Und mein Job, mein Leben, mein Blog – wäre alles viel langweiliger ohne das Ganze. Sicher, manchmal quält man sich durch an sich lächerlichen Smalltalk, manchmal ist man auch gegensätzlicher Meinung, es ist nicht immer nur alles toll. Aber Kommunikation hilft, sich einzuschätzen, Vertrauen aufzubauen, Sympathien zu wecken und dergleichen mehr. Meistens haben am Ende beide Seiten was davon. Man erfährt was neues, kann irgendwas loswerden, das ewige Spielchen eben.

Das geht sicher bei einigen Kollegen nach hinten los, die die Fahrgäste einfach aus dem Stand weg damit nerven, wie scheiße das Geschäft läuft oder noch schlimmer: Wie sehr einen jetzt die Tour selbst nervt – wenn man es richtig anstellt, gibt es aber eigentlich nichts, was dagegen spricht, die paar Minuten im Taxi nicht zu schweigen.

So gesehen kann ich einen Kollegen gut verstehen, der mir erzählt hat, dass er bei einem Kunden erstmal “drauf los geplappert” hat. “Wie immer halt…”
Der Fahrgast hatte eine längere Tour für ihn, es ging einige Kilometer aus der Stadt raus. Aber reden wollte er nicht. Drogen waren scheinbar reichlich im Spiel und die Contenance war allerhöchstens… nein, die war gar nicht mehr da:

“Ey, wenn du weiterquatschst, kriegste auf’s Maul!”

Der Kollege hat beschwichtigend gemeint, er hätte das doch nicht böse gemeint und er könne gerne auch schweigen. Das taten sie dann. Eine halbe Stunde lang. Und? Was war das Ende vom Lied? Leider kein schweigsames: Der Kunde ist kurz vor Ankunft völlig ausgetickt, hat dem Kollegen weiterhin Schläge angedroht, so dass er den Fahrgast letztlich zum Schutz seiner eigenen körperlichen Unversehrtheit ohne Bezahlung hat gehen lassen müssen. Von Freiwilligkeit kann keine Rede sein, aber er hat in dem Moment keine andere Möglichkeit gesehen…
Die unsägliche Diskussion über Bewaffnung von uns Fahrern sind am Stand hochgekocht, das kann ich euch sagen. :(
Soweit ich weiß, hat die Polizei den randalierenden Typen natürlich nicht auftreiben können.

Ich hingegen hatte neulich die wahrscheinlich wortkärgste Tour ever, was aber schlicht an Sprachdifferenzen lag. Der Kunde kam an und zeigte mir mit irgendeinem osteuropäischen Wort einen Zettel, auf dem die Adresse eines Hotels stand. Ich hab ihm zugenickt und “OK, no problem!” gesagt. In der Hoffnung, er würde vielleicht einen Hauch Englisch verstehen. Nichts. Gegenüber des Hotels hat er dann “Here” gesagt. Oder “Hier”, ist ja egal :)
Bezahlung klappte dann inklusive Trinkgeld nonverbal. Muss man auch gelegentlich trainieren. Zumindest als Quasselstrippe…

Feilschen wie beim Bäcker

Achtung! Dieser Artikel enthält 5% Bäckervergleiche.

Taxifahren zum Festpreis? Billiger als zum Taxitarif? In dem meisten Städten und Landkreisen in Deutschland ist das illegal. Gemacht wird es trotzdem immer wieder – und zwar mit folgenden total schlüssigen Begründungen. Zur Erklärung sind vergleichbare Anliegen in der Kundenbeziehung zwischen Bäcker und Brotkäufer angefügt. Diese sind im Einzelfall nicht 100%ig identisch, aber wenigstens völlig legal. Eine Möglichkeit, sich das Geld fürs Taxi zusammenzusparen?

Kommen wir zu den Begründungen, warum ich den Kunden teilweise bis zu 50% des Fahrpreises erlassen soll:

1. Du fährst doch eh in die Richtung!
(Das Brot ist doch eh schon gebacken!)

Ja, zugegeben: Es würde mir keine direkten Mehrkosten verursachen, einen Kunden mal so mitzunehmen. Zwei Gegenargumente gibt es dennoch: Zum einen wäre ich dann besetzt und müsste (den Normalpreis be-) zahlende Kundschaft ggf. stehenlassen. Zum anderen bin ich nicht zufällig vor Ort. Ein Teil meiner Arbeit besteht darin, zu gewissen Zeiten an gewissen Orten zu sein und diese Leistung ist in dem Moment schon erbracht. Das muss nicht immer viel sein, vielleicht bin ich nach dem letzten Kunden nur einmal ums Eck gefahren – aber diese Schwankungen des Arbeitsaufwandes pro Kunden sind normal. Dafür können wir am nächsten Tag 10 Kilometer Anfahrt für eine Fahrt in Kauf nehmen…

2. Aber letzte Woche hab ich das auch gemacht…
(Ich hab letzte Woche in der Bäckerei gegenüber aber Brötchen gefunden, die eigentlich…)

Ob etwas in Ordnung oder machbar ist, richtet sich (manchmal durchaus leider!) nicht danach, was irgendwann irgendwo mal irgendwie geklappt hat. Nur weil ein Kollege das Gesetz bricht, bin ich nicht auch dazu verpflichtet.

3. Fährste halt ohne Uhr. Der Chef merkt das nicht, dann haste sogar mehr davon!
(Back halt ein paar Brötchen nach, dann fällt das nicht auf!)

Vielleicht geht das im Trubel tatsächlich mal unter. Aber das geht einfach nicht dauernd. Vom moralischen Dilemma mal ganz abgesehen: Bei 100 Kilometern mehr oder bei 20 Kilogramm Mehl wird es dann eben doch auffällig. Denn die Kosten entstehen trotzdem, die Einnahmen entgehen uns ebenso in Realität und das Spielchen lässt sich nirgends ewig spielen.

4. Wenn du mich fährst, haste wenigstens was. Mehr verdienste so jetzt auch nicht…
(Den Kuchen kauft doch jetzt niemand mehr, ist schon 14 Uhr. Lieber halber Preis als gar kein Geld!)

Ja, aber wenn es schon so schlecht läuft, dann warte ich doch lieber auf eine richtige Tour, die mir vernünftige Umsätze beschert! Es ist ein Glückspiel für uns, das ist wahr. Aber nicht ohne Grund darf ich eine kurze Fahrt nicht ablehnen, nur weil ich auf eine lange Tour hoffe. Es läuft mal so und mal so – und vor allem: Es weiß keiner. Ja, vielleicht hat man durch so eine Tour wirklich mehr Geld am Ende. Vielleicht aber auch erheblich weniger. Ein Argument ist das nicht wirklich.

5. Aber ich bin doch nur armer Student…
(Aber ich bin doch nur armer Student…)

Ja, traurig. Und nichts gegen eine Erhöhnung des BaFöG, mehr Kindergeld usw. usf. Weswegen ich als armer Taxifahrer jetzt mein Einkommen deswegen schmälern soll, entzieht sich mir. Ich geb gerne was an Bedürftige ab, aber an manchen Stellen kann nicht groß gespart werden. Hey, dafür ist die Monatskarte für die BVG günstiger als meine und vielleicht gibt es beim Bäcker ja doch das Mittagsmenü zum Schülerpreis mit Studentenausweis. Und was zur Hölle machen wir, wenn ich nebenher studieren sollte?

6. Der Abend war schon so teuer, der Eintritt und der Alk – ich hab nur noch 10 Euro!
(Sorry, ich hab beim Metzger und im Supermarkt so viel eingekauft, kann ich die Brötchen billiger haben?)

Nö, zahl mir den Zwanni und zieh’ es deinem Vermieter von der Miete ab!

7. Wenn du mich nicht für 10 fährst, nehm’ ich einen anderen!
(Dann geh ich halt zum Bäcker um die Ecke!)

Das ist jetzt sicher nicht schön für uns. Aber mal ehrlich: Da kommt eine Anfrage nach einer Tour für 50 – 75% des Normalpreises. Laut meinem Chef bleiben am Ende des Monats rund 5 – 10 % Gewinn übrig bei einem Taxiunternehmen. Irgendwas sagt mir, dass ich auf den Kollegen kein bisschen neidisch sein sollte…

8. Mach mal billiger, weil wenn ich die Bahn nehme, kostet die auch nur 2,30 €!
(Warum soll ich für ein Käsebrötchen so viel zahlen? Ohne Käse kostet das nur 30 Cent?)

Muss ich das eigentlich ernst nehmen? Aber gut: Wir fahren dann in einer halben Stunde los, solange wartest du draußen. Dann nehmen wir noch diese 5 Typen nach Wannsee mit und ich lasse dich in anderthalb Stunden 1,2 km von deiner Haustüre entfernt raus. Deal? Man muss den Mehrwert einer Taxifahrt nicht schätzen. Ich fahre selbst oft genug Straßenbahn in Berlin. Aber Taxifahren ist ein Gesamtpaket. Da kann man nicht mal eben ein paar Dinge außen vorlassen. Wenn man keinen Fahrer braucht, ist Carsharing oder ein Mietwagen eine Lösung. Scheißt man auf Komfort, tut es ein Fahrrad. Hat man Zeit und ist noch fit, kommt man mit der Bahn fast überall hin. Kurze Strecken kann man laufen und der beste Kumpel trägt einen vielleicht umsonst sogar ein paar Meter. Aber gerade weil es das alles gibt, ist es doch nicht meine Aufgabe als Taxifahrer, alles anders zu machen…

Abschließende Worte

Ich weiß, dass das Gejammer über Festpreise bei vielen Taxikunden auf taube Ohren stößt. Und dass die Bäckervergleiche nicht immer zu 100% passen ;)
Aber es ist für mich als Nachtfahrer wirklich ein ständiges Ärgernis. Keine Nacht, in der ich nicht wenigstens eine Anfrage hätte! Taxifahren ist teuer, ja. Ein Teil der Kosten und ein Teil der Arbeit bleibt für Kunden dabei meist unsichtbar – aber das ist wie in jeder anderen Branche. Der Weizen und ein bisschen Strom für den Ofen lassen ein Brötchen auch keine 50 Cent kosten. Genausowenig wie Benzin für 5 Kilometer und ein Fahrerlohn für 10 Minuten eine Taxifahrt 11 € kosten lassen. Es hat sich eingebürgert, im Taxi zu handeln, ok finde ich das kein bisschen. Wir sind Teil des öffentlichen Nahverkehrs und unser Tarif wird alle paar Jahre aufs Neue mit der Stadt ausgehandelt. Meines Erachtens nach wird dabei auch mal zu viel draufgeschlagen, aber letztlich sind die jammernden Berichte der Fahrer, die kaum von dem Geld leben können, nicht erfunden. Der Bäcker kann viel freier und spontaner seine Preise anpassen oder Produkte die sich nicht lohnen wieder vom Markt nehmen. Wir können das nicht. Wir dürfen das nicht! Ich darf mir die Preise nicht aussuchen, rein rechtlich nicht einmal die Kundschaft.
Die Tarifbindung ist nicht immer schön – auch für uns Fahrer nicht. Wo es hinführt, wenn man sie nicht beachtet, kann man in Ansätzen auch hier sehen: Natürlich sind es dieselben Fahrer, die einerseits mal für 5 € schwarz ein paar Kilometer weiter fahren und am anderen Ende der Stadt einem Touristen 20 € für eine Zehner-Tour aus der Tasche ziehen! Anders lohnt es sich für die nämlich auch nicht. Ich bevorzuge da lieber faire und transparente Preise für alle – auch wenn das im Einzelfall mal ärgerlich sein kann.

Beschleunigung

“Haben sie einen Automatik?”

Äh… mal gucken. Vielleicht parkt ums Eck einer. Muss ich mal suchen… wieso?

Entschuldigt die frechen Worte, aber so eine Frage ist schlicht bekloppt, wenn man bereits anderthalb Kilometer miteinander auf der Piste ist. Wenn einen das wirklich interessiert, dann hat man das entweder beim Einstieg oder aber nach den ersten 100 Metern mitbekommen. Denn – große Überraschung – schaltet der Fahrer, fährt er einen… Schaltwagen! Richtig!

Noch dazu sagte ein ehemaliger Kollege – damals noch im Behindertenfahrdienst – über mich:

“Ich kenne keinen Menschen, der so viel schaltet wie du!”

Man sollte es also bemerken. Was die Frage also viel mehr impliziert hat: Die Frage entbehrte jeden Wissens und es ist im Grunde egal. Ich hab natürlich trotzdem höflich gesagt, dass ich Schaltwagen fahre und gleich noch angefügt, dass ich das tue, weil Opel es nicht auf den Plan kriegt, in den Erdgas-Zafira ein Automatikgetriebe einzubauen.

“Naja, weil die junge Dame hier, die verträgt Beschleunigung nicht so gut…”

OK, mal ein ganz seriöser Einschub: Es ist natürlich so, dass die meisten Automatikwagen ein sehr sehr angenehmes Beschleunigungsverhalten an den Tag legen. Die ruckeligen Pausen beim Schalten entfallen weitgehend, dennoch ist das alles andere als eine pure Technikfrage, sondern auch eine Frage des Umgangs damit. Wenn man einen Automatikwagen gerne sportlich ausreizt und es versteht, mittels Kick-Down das Maximum aus dem Wagen rauszuholen, dann kann einem ebenso schlecht werden als Beifahrer. Aber gut, ich will ehrlich sein: Ich hab mit solchen Aussagen so oder so meine Sorgen.
Ich weiß, dass viele Leute empfindlich auf Bewegungen reagieren. Ozie beispielsweise wird es schlecht, wenn sie in ruckeligen Bahnen zu lesen versucht, noch verbreiteter ist z.B. die Übelkeit, wenn man gegen die Fahrtrichtung sitzt. Und so bieten Beschleunigungen in alle erdenkliche Richtungen natürlich immer das Potenzial, die Magentätigkeit anzuregen.

Da bin ich gerne eine Hilfe, ich bin jedoch auch vorbelastet durch eine ehemalige Kundin beim Behindertenfahrdienst. Diese hat mir damals sehr deutlich gemacht, dass das ein Feld ist, in dem sich Hypochonder alle Freiheiten dieser Welt nehmen können. Im Wissen, dass sie schnelles Fahren nicht verträgt, habe ich damals die alte Möhre mit 40, in den Kurven mit 20 km/h eine Straße entlangbefördert, die ich sonst durchgehend mit 60 befahren habe. Ich hab berechtigtes Gehupe, Gebrülle und jede Menge Schweiß auf mich genommen, nur um am Ende der Fahrt statt einem Trinkgeld Verachtung zu kassieren und den Hinweis darauf, wie sehr sich die alte Vettel an ihrem Stuhl habe festkrallen müssen. Auf dem Rückweg bin ich gefahren wie immer und das Ergebnis war dasselbe. Sowas prägt, tut mir leid. Ich spreche mich gerne gegen sinnlose Raserei aus, aber dass der motorisierte Straßenverkehr nunmal gewisse Geschwindigkeiten hat, sollte man eben miteinbeziehen, wenn man beschließt, an ihm teilzunehmen. Da bin ich auch so dreist und sage:

“Wer bei 25 km/h schon kotzen muss, sollte eben lieber Fahrrad fahren, das ist dann echt nicht mehr mein Problem.”

Insbesondere, wenn es wie bei dieser Tour bis nach Marzahn geht.

Es wurden keine gesonderten Anmerkungen mehr gemacht und ich bin ganz normal dem Verkehrsfluss folgend die Landsberger entlanggeschaukelt. Kurz vor dem Ziel kam dann die Frage:

“Ich hoffe, es war nicht schlimm für sie, dass sie so langsam gefahren sind. Haben sie sich jetzt arg am Riemen reissen müssen?”

“Nö, ich bin gefahren wie immer.”

Und siehe da: Alles kein Problem. :)

Das soll sich jetzt auch nicht so lesen, als würde ich den Kunden nicht ihre Marotten gönnen und mich darauf einstellen. Das ist ok und gehört dazu. Manchmal aber ist es schon gut, ein Gespür dafür zu haben, wann jemand einfach keine Ahnung hat und irgendwelche Ängste auf Umstände wie mein Fahrverhalten projeziert. Wie ist es bei euch? Kennt ihr solche Probleme von euch selbst?

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Routine

Manchmal hilft vor allem eines: Coolness. Die hatte ich bei einer meiner letzten Fahrten am Wochenende durchaus. Weit mehr aber muss ich sie meinen Mitreisenden zugestehen.

Es war eine dieser typischen schichtverlängernden Touren – wie die polnische Frau und die Festpreisverhandler neulich auch. Eine Tour, die ich eigentlich nicht machen wollte, dann aber doch irgendwie. Mein Feierabend zum Wochenende fällt nun mal gerade auf jene Stunden, in denen sich die meisten potenziellen Taxikunden auf der Straße befinden: In den frühen Morgenstunden. In der Regel fasse ich um 5 Uhr etwa den Entschluss, Feierabend zu machen. Meist hab ich dann beim Versuch, zur Tankstelle zu kommen, schon mindestens eine Winkertour – auf dem Weg zum Abstellplatz kommen meist auch noch welche dazu. Und dann mache ich zwischen 6 Uhr und 6.30 Uhr “wie geplant” Schluss.

Nun hatte mich eine Fahrt zum Golden Gate getrieben.  Das Auto war betankt und saubergemacht, so langsam wollte ich ernst machen. Ich fuhr die Dircksenstraße Richtung Alex hoch, um dann über die Landsberger schnellstmöglich Richtung Heimat zu kommen. Aber, siehe da: Auch auf der Rückseite des Alexas lassen sich Kunden finden zu dieser Zeit. Ein junges asiatisch aussehendes Pärchen, er eigentlich ganz lässig und cool, sie nur aufrecht, weil er sie mitschleifte. Das Fahrtziel war die Martin-Luther-Straße weit im Westen, also so ziemlich genau in die entgegengesetzte Richtung. War ja klar.

Die Coolness, die Kunden nicht merken zu lassen, dass ich eigentlich anderes geplant hatte, hab ich ohnehin. Das war aber bei weitem nicht das Spannende an der Fahrt. Die beiden waren recht schweigsam. Sie rollte sich mehr oder minder zum Schlafen hinter meinem Sitz zusammen, er lümmelte mit seiner Lederjacke betont cool auf dem rechten Sitz und sah schweigend aus dem Fenster.

Irgendwann dann hörte ich Flaschengeklimper und Raschelgeräusche von der mitgebrachten Plastiktüte. Die letzten Alk-Einkäufe. Ein kleines Bissen hektische Betriebsamkeit auf der Rückbank und plötzlich das schlimmste Geräusch (wenn man explodierende Motoren mal ausnimmt): Würgen!

Mein Blick in den Rückspiegel vermochte mir nicht viel an Aufschluss zu geben – außer eben, dass alles ganz gelassen war. Er blickte desinteressiert aus dem Fenster und sie kotzte in die Tüte, aus der sie eben ein Bier und eine angebrochene Tequila-Flasche befreit hatte. Aha. Natürlich hatte ich “ein wenig” Sorge, aber ich hab mir gedacht:

“Gut, spielen wir das eben so: Ihr sagt nix, ich sage nix. Am Ende sehen wir dann mal…”

Irgendwann hab ich dann mal kurz eine Nachfrage an die beiden gerichtet, die eher nichtssagend beantwortet wurde:

“Glaubt ihr, das klappt mit der Tüte?”

“Ja, wir haben ja extra eine Tüte.”

Äh!? Ja. Gut.

Als wir am Ziel waren, bin ich natürlich ausgestiegen, weil ich sichergehen wollte, dass auch wirklich nichts passiert ist, aber die lässige Routine der beiden hat sich als beste Umgangsform erwiesen. Sie hielt die Tüte sicher in der Hand, er die Flaschen und das Auto war sauber. Komische Umgangsform mit der Problematik “Kotzen im Taxi”, aber zur Zufriedenheit aller Beteiligter gelöst. Wenn das immer so laufen würde, fände ich Kotzer auch wirklich nicht schlimm. Leider tut es das ja eben gerade nicht