Nicht auf’m Kieker

Bin gemütlich mit 40 km/h eine nur in der Nacht geltende Dreißigerzone entlang gefahren. Alltag. So ehrlich wollen wir mal sein.

Dann einer hinter mir. Die Lichter kommen näher, näher, näher … ein Bisschen sehr nah, selbst für dieses Tempo. Es regnet, die Sicht ist schlecht, ich kann nicht einschätzen, was das Arschloch hinter mir will. An der Scheinwerferform erkenne ich einen Zafira Tourer, aber mehr ist nicht drin.  Und er kommt immer noch näher. Also beschleunige ich etwas. 45, 50 … ich will ja nicht sagen, dass mir mehr Geschwindigkeit nicht auch gefallen hätte, aber abgesehen von der Geschwindigkeitsbegrenzung: Mir klebte immer noch der andere Wagen geradezu am Arsch. Und sowas ist einfach unangenehm. Dieses Personal-Space-Dings existiert ja auch im Verkehr.

Und dann wird plötzlich das Blaulicht hinter mir angeschaltet.

Für einen kurzen Moment war ich sauer. Ja, sicher, ich war auch vorher schon etwas zu schnell. Aber haben die mich jetzt nicht echt erst gedrängt zu heizen?

Aber was will man machen. Ich setze den Blinker rechts, bremse behutsam … und dann zieht der Streifenwagen vorbei auf Nimmerwiedersehen.

Ist mir zweifelsohne lieber gewesen als ein Strafzettel. Aber wenn dort Blaulicht trotz aller Sneakiness noch ok war: Warum dann nicht früher?

Hey, Autofahrer! Macht mal Platz!

Ich bin jetzt nicht oft auf der Autobahn unterwegs und erlebe da oft, wie sehr Rettungskräfte behindert werden, weil keine Rettungsgasse gebildet wird. Aber schon in der Stadt frage ich mich manchmal, wie betriebsblind die Leute so unterwegs sind. Ein gestern wieder-, aber insgesamt schon oft so erlebter Fall:

Man rollt an eine große Kreuzung ran. Die hat mit Abbiegeoptionen drei bis vielleicht fünf Fahrspuren. Und obwohl hinter einem bereits das Blaulicht zuckt, findet sich immer ein Idiot, der sich auf die einzige gerade noch freie Spur stellt. Die zweite Linksabbiegerspur war es gestern, aber im Grunde kann es jede treffen, denn anstatt in den Rückspiegel zu schauen, weil man sich vielleicht wundert, woher die seltsamen Lichtsignale kommen, scheinen einige Fahrer da draußen lieber erst einmal dafür sorgen zu wollen, dass sie auch ja optimal positioniert sind, wenn die Ampel grün wird.

Um dann natürlich bei Ankunft des Rettungswagens erschreckt festzustellen, dass sie diejenigen sind, die blöd im Weg stehen und nun durch ihr Ausweichmanöver zögerlich drei Spuren und einen Fußgängerüberweg dicht machen müssen. Von der trotzdem entstandenen Verzögerung für Einsatzkräfte mal ganz zu schweigen.

Ehrlich, Leute: Ich begreif’s nicht! Ich bin mit den Rettungskräften auch nicht immer einer Meinung und zudem sehe ich ein, dass jeder mal Fehler macht. Aber das ist dieses „vorrausschauende Fahren“, das so oft erwähnt wird. Das ist kein schlechter Scherz von Fahrlehrern und ungeachtet der Bezeichnung bedeutet es eben auch mal „zurückschauendes Fahren„, gemeint ist damit einfach Umsicht, ein Blick auf das, was demnächst in der aktuellen Verkehrssituation passieren könnte.

Man muss keine besondere Schulung machen, um das Prinzip zu verstehen, man muss auch nicht hauptberuflich fahren. Ich würde als kleinen Tipp aber anmerken: Blaulicht ist deshalb so aufdringlich nervig, weil’s unter Umständen wirklich dazu führt, dass man als normaler Autofahrer mal seine gewohnte Spur verlassen muss.

PS: Grüße an die Blaulichtfraktion unter meinen Lesern! I feel you!

Die Verkehrsteilnehmer der Woche

Gleich vorweg: An diese Liste wird nie wieder jemand rankommen, wir müssen uns also auch diese Woche mit etwas weniger Glamour zufrieden geben.

Nummer drei: Nostalgiebeschriftung

Damals, als ich noch jung war … so fange ich nicht viele Texte an. Aber in dem Fall muss ich es, denn ich hab seit Jahren das erste Mal wieder eine A-Klasse gesehen, die statt der Typenbezeichnung einfach „ELK“ am Heck kleben hatte. Da hab ich mich doch gleich mal wieder alt und jung zugleich gefühlt.

Platz zwei: Der Extrem-Twitterer

Bei Twitter besteht die große Kunst ja, seine Texte in höchstens 140 Zeichen zu pressen. Noch weniger Platz bieten andere öffentliche Plattformen, zum Beispiel die Textfelder an Bussen, die im Normalfall für Linienbezeichnung und Fahrtziel verwendet werden. Gestern kam mir einer  der zahlreichen Ersatzbusse für die S-Bahn entgegen, dessen Schild „S7 Ich habe fertig“ verkündete. Chapeau!

Number One: Der gewitzte Schleicher

Als ich hinter ihm her bin, hab ich noch überlegt, Lichthupe zu geben. Selbst auf der Darßer Straße nachts um zwei Uhr ist eine vollkommen uneingeschaltete Beleuchtung nämlich ein bisschen arg wenig. Andererseits war’s ein Streifenwagen und weder weiß ich, wie undercover die Beamten glaubten, unterwegs zu sein, noch, ob sie mit Kritik angemessen umgehen würden. Als sie aber an der Falkenberger Chaussee/Hansastraße kurz stoppten, dann aber beschlossen, die menschenleere Kreuzung mit Blaulicht zu überqueren, war mir auch klar, dass die fehlende Gefechtsfeldbeleuchtung eher ein Versehen war. War jetzt halt blöd, ich konnte ihnen ja schlecht bei rot über die Ampel folgen, um ihnen das mitzuteilen.

Übergabe

Mal eben für eine nahezu 30 € Umsatz bringende Fahrt rausgewunken zu werden, ist immer schön. Noch dazu, wenn der Fahrgast nett ist und am Ende sogar das Trinkgeld stimmt. Das trifft ja selbst an gut laufenden Wochenendschichten nicht auf alle Fahrten zu.

So, und nun hat mein Fahrgast sich also verabschiedet und ist leicht angetrunken zu seinem Häuschen in einer kleinen Stadtrandsiedlung getorkelt. Ich hab die Daten der Tour kurz notiert, als plötzlich 30 Meter hinter mir eine dunkle S-Klasse heranrollt und Lichthupe gibt.

Ich wollte erst losfahren, aber als es nochmal blinkte, bin ich ausgestiegen. Ein junger Mann, groß und kräftigt, aber am Ende doch sehr nett, fragt mich, ob ich ihn gleich nach Neukölln mitnehmen könne. Er hätte nur eben seinen Chef heimgefahren und bräuchte jetzt selbst ein Taxi. Was halt so passiert.

Unnötig zu erwähnen, dass die Fahrt genauso viel brachte wie die erste und nicht weniger nett war. Manchmal hat man dann halt auch Glück.

Klischeefahrten, linke

Der letzte Samstagabend war spannend in Friedrichshain. Dank der Demo zur Unterstützung der Rigaer 94 war der Stadtteil völlig unberechenbar für Verkehrsteilnehmer. Was allerdings weniger an den Demonstranten lag, sondern mehr an der kreativen Umsetzung der Straßensperrungen seitens der Polizei. Ich bin im Wesentlichen gut durchgekommen an dem Abend, ich hab nur einmal ein paar Inder 500 Meter vor ihrem Hotel versichern müssen, dass ich ohne 10€-Umweg nicht weiterkomme und einmal einen alteingesessenen Kreuzberger mit etwa 400 Meter Umweg anstatt der kürzesten Route abspeisen.

Im Gegenzug hab ich dank meines grotesken Jobs (wo antikapitalistische Demos die Einnahmen steigern) eine kurze Zeit Ersatz für die „Szene-Bahn“ M10 übernehmen können.

Da Demos nun ja irgendwie an der Tagesordnung in Berlin sind, fand ich das noch relativ normal, obwohl ich meine Sympathien für die Rigaer 94 nicht verschweigen will und gestern zudem festgestellt wurde, dass die Anlass gebende Räumung vor kurzem rechtswidrig war.

Aber gut, ich war an dem Abend also viel dort in der Gegend unterwegs. Eine Fahrt mit Demoteilnehmern, Cops oder beteiligten Journalisten hab ich nicht gehabt. Leider. Eine hätte ich haben können: Einen Funkauftrag für eine Großraumfahrt. Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich in der Nähe, aber Großraumfahrten werden bisweilen in ziemlich großem Umkreis ausgeschrieben. Egal. Als Start- und Zielpunkt standen da jedoch tatsächlich „Rigaer Straße“ und „Wedekindstraße“. Ich kann da natürlich nicht sicher sein, aber wieviel wollen wir wetten, dass es von ungefähr der Rigaer 94 (das besetzte Haus) zur Wedekind 10 (Polizeirevier) gegangen ist? 😉

PS: Fahrten in die andere Richtung hab ich vor meinem Job als Taxifahrer auch gelegentlich gemacht. In Erinnerung geblieben ist mir vor allem der entsetzte Kerl, der unweit einer Anti-Nazi-Demo festgesetzt wurde, weil er von seinem eben beendeten Urlaub ein ausgeblasenes Straußenei dabei hatte und ihm das als potenzielle Waffe ausgelegt wurde. Lacht nicht, sowas passiert wirklich!

PPS: Nein, mit „Szene-Bahn“ meine ich nicht die linke Szene!

Wortklaubereien

Ich hatte überraschend einen Winker, der weit in den Westen wollte. Juhu! \o/

Mein gar nicht so uncleverer Weg führte unter anderem über die Tiergartenstraße, die insbesondere dank dem für die Fanmeile gesperrten 17. Juni ganz gut befahren war. Aber das natürlich nur im Nachtschichtsinne. Tatsächlich sind wir da locker mit 50 langgegurkt und im Gegenverkehr lief es ähnlich. Als wir kurz vor der Hofjägerallee waren, hielt es auf der Gegenspur aber ein Porsche-Fahrer nicht mehr aus, überholte den Wagen vor sich und kam uns ein bisschen arg schnell auf unserer Spur entgegen.

Grund zur Sorge hatte ich nicht, denn es war genug Platz zur Seite vorhanden. Ich konnte etwas weiter rechts fahren und der Typ hat sich sowieso nicht drum geschert, den vor sich am Ende noch zu schneiden, um ihm mal zu zeigen, wie gefährlich verkehrsregelkonformes Fahren so ist.

Da ich also nicht hektisch reagiert habe, dachte ich gar nicht, dass mein in sein Smartphone vertiefter und hinten sitzender Kunde das überhaupt mitkriegen würde. Aber Fehlanzeige:

„Ui, das hätte fast gescheppert!“

„Ja, das war schon mutig.“

„Nein, das war strunzdumm!“

Ich möchte mich hiermit für meine unangebrachte Wortwahl entschuldigen. Der Fahrgast hatte natürlich recht. 🙂

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Freie Taxiwahl in Kaputt

Ich hab schon oft gesagt, dass ich es gut finde, dass die Kunden sich das Taxi am Stand aussuchen dürfen. Ebenfalls oft gesagt habe ich aber auch, wie sehr ich mich manchmal wundere, wie diese Wahl dann getroffen wird.

Im aktuellen Fall stand ich auf einer Nachrücke an letzter Stelle. Wie so oft kam dann eine Kundin und fragte, ob sie bis zum ersten Taxi vorlaufen muss. Da sie schon so gequält geguckt hat, habe ich mir den „Nett wäre es natürlich“-Teil gespart und ihr einfach nur gesagt, sie könne sich ein Taxi aussuchen.

Mich wollte sie offenbar nicht, aber ich war dann etwas irritiert, weil sie umgehend nach unserem Dialog am Auto direkt vor mir stoppte. Der Kollege las gerade Zeitung und fuhr die älteste Möhre am Stand. Ist alles kein Thema, aber nach einer wirklich geplanten Wahl sah das alles nicht aus. Aber vielleicht war der Wunsch auch, „so einen richtigen Taxifahrer wie früher“ zu bekommen, wer weiß es schon.

Der Kollege sprang auch sofort auf und hat freundlich das Gepäck verladen, das soll jetzt echt nicht böse klingen. Ich kannte ihn zwar nicht bewusst, aber ich hab ihm die Fahrt schon gegönnt, alles ok.

Warum ich das hier schreibe? Weil ich ab diesem Punkt noch nie eine Taxifahrt so habe starten sehen.

Zunächst rührte sich nix. Das ist normal. Kunden müssen oft erst was erklären, als Taxifahrer muss man vielleicht das Navi programmieren oder nochmal nachfragen, der problemlose Blitzstart 3 Sekunden nach Einstieg ist zweifellos das Ideal, aber im Alltag passiert oft was anderes.

Nach einer halben Minute startete der Kollege den Motor und selbst ich als Fahrer von gerne mal sehr alten Opel hab noch nie ein Auto mit so einer Geräuschkulisse erlebt. Es klang wie eine Kakophonie aus unrund laufendem Motor, fehlendem Auspuff, quietschender Lenkung und einem durchgeknallten Rudel defekter Keilriemen. WTF?

Der Kollege hat den Motor umgehend wieder ausgestellt.

Da hat er mir dann echt leidgetan, denn was ist bitte schlimmer, als sich in Erwartung einer Tour irgendwo anzustellen und bei Fahrtantritt feststellen, dass das Auto kaputt ist?

Ich erwartete nun eigentlich fast schon, dass beide wieder aussteigen. Stattdessen passierte nix. Nach einer weiteren halben Minute, bei der ich mir nicht vorstellen wollte, was die beiden im Auto besprochen haben, wiederholte das Auto das Drama von eben und der Kollege rollte drei Meter aus der Lücke auf die Straße, um dort erneut stehenzubleiben. Oder stoppte gar das Auto selbst?

Nun, in zweiter Reihe, wiederholte sich eine mir selbst endlos erscheinende Pause, ich würde schätzen, dass sie wirklich noch weit über eine Minute dort standen. Ich habe mir mehrfach überlegt, mal an die Scheibe zu klopfen und zu fragen, was los sei. Dann aber gewannen sie doch noch Land und ich muss der Vollständigkeit halber noch anmerken, dass das Auto nach wenigen Metern zumindest die Hälfte der ungewöhnlichen Geräusche ablegte.

Über die Zufriedenheit der Kundin mit ihrer Wahl kann ich leider nur spekulieren.