„Echt netter Kollege“

Eine eher anstrengende Truppe. Wusste den kürzesten Weg, nur dass es halt ein anderer kürzester Weg war. Alternative Fakten, ich sollte mich dran gewöhnen, schließlich will ich wie jeder hier mal Präsident der USA werden.

Nein, ok, das war übertrieben. Die Kunden waren sehr nett und sie bemängelten meine Route nicht ernsthaft, sie haben mir sogar wirklich geholfen. Ein, zwei Mißverständnisse, nix wildes, ehrlich. Anstatt mich umständlich abbiegen, wenden und dann anhalten zu lassen, haben sie mich rechts rangewunken mit dem Vermerk, so könne ich leichter wieder in die City kommen. Also am Ende dann halt doch nicht anstrengend, man verschätzt sich unterwegs ja öfter mal.

Und just wo sie ausstiegen, blickten ein paar Passanten unsicher in meine Richtung. Auch die Kunden haben das bemerkt. Und anstatt sich auf den schnellen Zahlungsverkehr zu versteifen, haben sie sie hergebeten:

„Hier, das Taxi wird frei! Ist ein echt netter Kollege!“

Hach. <3

Und so hatte ich nach einer guten 20€-Tour noch eine in der gleichen Größenordnung. Ich musste der Adresse wegen nachfragen, am Ende  haben sie mir den Weg gewiesen. Ein Gespräch darüber alleine wäre keine Erwähnung hier wert, aber als ich am Ende nach dem Aussteigen noch beiläufig mitbekommen habe, wie die Kundin am Ende zu ihrem Mann sagte, dass das ja jetzt mal wirklich ein netter Taxifahrer gewesen sei, da hab ich mich dann doch gefreut.

Man will ja nach der Ansage, ein „echt netter Kollege“ zu sein, doch nicht alle Erwartungen enttäuschen. 😉

Wenn man Kunden doch hauen sollte

Ein Winker, na super! Kurz hinterm Ostkreuz, vermutlich zum Sisyphos. Und da wollte ich eh hin.

„Moin.“

„Hi. Samma, hauste mich nich, wenn ick frag, ob wir bis da vorne ’ne Kurzstrecke machen?“

„Wieso sollte ich? Gerne doch.“

„Ick muss aba mit Karte zahlen.“

„Auch kein Problem, aber die 1,50€ Zuschlag für unbares Zahlen kommen dann halt noch drauf.“

„Ach, das‘ ejal!“

Finanziell war das sowieso eine der absurdesten Touren aller Zeiten. Er wäre ohne Kurzstrecke günstiger weggekommen, denn es waren wirklich nur 500 Meter. Als Kurzstrecke mit Karte 6,50€. Aber er war voll wie Eimer, vielleicht hätte er es wirklich nicht mehr zu Fuß geschafft.

Dann kam, was wirklich nicht hätte kommen müssen: Der Kartenleser hat sich verabschiedet, ich musste also nach zwei Versuchen das Funkgerät neu starten. Und das dauert. Das Problem war auch nicht, dass der Kunde ungeduldig war, im Gegenteil: Das mit der Bezahlung war ihm völlig egal. Nur war er eben voll wie Eimer und hat die Zeit genutzt, besonders unterhaltsam zu sein.

Zum Beispiel, indem er meinen Bart bewunderte, mir gleichzeitig aber erklärte, wie viel Sport ich noch machen müsse, um „die heißen Miezen aus dem Sisyphos klarzumachen“. Dann versuchte er mehrfach, am Scheibenwischerhebel den Warnblinker zu deaktivieren, weil ihn das Geräusch nervte, um andererseits aber bei einem kurzen Hinweis meines Autos, dass der Ölstand niedrig sei, eine Art Notruf-Arie aufzuführen, während der er mehrfach eine Feuerwehrsirene imitierte und mich anbrüllte, dass das Auto gleich explodieren würde. Und als ob das noch nicht genug sei:

„Ups, Digger, jetzt hab ick mir so uffjerecht, dass ick jefurzt hab.“

Und als ob auch das noch nicht genug sei:

Ups, nochmal, Digger. Jajaja, mach ma besser die Fenster runter, die sind scheiße fies heute …“

Nicht, dass ich Eure Bestätigung bräuchte, aber mal im Ernst: So ein kleines Bisschen Körperverletzung müsste doch hier und da auch mal erlaubt sein, oder?

Einsacken wie ein Profi

Morgens halb vier im Osten Berlins. Zwei Menschen auf der Heimreise trafen sich. Einer davon war ich.

„Moin, wo darf’s hingehen?“

„Bringst mich zum Bahnhof Friedrichsfelde-Ost?“

„Klar. Direkt zum Bahnhof?“

„Ja, ich muss noch nach Fredersdorf. Aber bis dahin ist mir Taxi zu teuer.“

„Verstehe ich. Da kommen wir locker über 30€.“

„Ach, 30 oder 40 würde ich Dir ja gleich geben, aber das sind eher 70 bis 80 …“

„Wir reden aber beide über das Fredersdorf hinter Neuenhagen, ja?“

„Sicher.“

„Und 40€ wären ok?“

„Auf jeden!“

„Na dann …“

Nach Uhr waren es keine 35. Mit Trinkgeld 40. Und sooo weit ist der Heimweg nach Marzahn dann auch nicht gewesen. 😉

PS: Ein bisschen mehr  zu nehmen wäre an sich besser gewesen. Aber das hat jetzt der Kollege, der ihm damals 80€ von Prenzl’berg aus berechnet hat und wegen dem er seitdem kein Taxi mehr genommen hat.

Zwei Vollidioten oder zwei Obervollidioten?

Am Sisyphos schlägt inzwischen eine Menge dieser Arschloch-Kollegen auf, die keine Touren zum Ostkreuz fahren wollen. Ich hab schon oft genug geschrieben, warum ich das Ablehnen kurzer Touren dumm finde, sogar schon, warum das am Sisyphos erst recht keinen Sinn macht (man wartet selten lange und kriegt oft sogar noch eine Kurzstrecke zurück).

Und dann kommen da zwei junge Frauen und zeigen den Fahrern vor mir ihr Handy und diese lehnen ab. Da hab ich mir meinen Teil schon gedacht. Als die Kundinnen dann bei mir waren, musste ich innerlich fast schon laut loslachen, aber zunächst einmal hab ich die 20€-Tour professionell eingesackt. Die beiden wussten nicht, warum sie abgelehnt wurden. Da sie aber nicht betrunken waren und die Fahrer sich das Handy zeigen ließen, hatte ich einen Verdacht:

„Wie Sie vielleicht wissen, lehnen einige Kollegen leider kurze Touren ab. Und nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Ihre Tour ist keineswegs kurz. Vielleicht haben die Kollegen in ihrer Panik vor ungewollter Kundschaft allerdings einfach nur ungenau geschaut. Sehen Sie, Ihr Hotel liegt in der Markgrafenstraße. Und, nun ja, ein paar hundert Meter vor uns liegt der Markgrafendamm, vielleicht haben die Idioten das einfach verwechselt.“

Mal abgesehen von der Beförderungspflicht und der Tatsache, dass beide diese Straßen mehr oder weniger vorausgesetzt werden können bei Taxifahrern: Dass das Hotel den Namen „Checkpoint Charlie“ im Namen hatte, hätte echt ein Hinweis sein können …

Mein Mitleid hält sich entsprechend in Grenzen. 😉

Sonst noch was?

Dass der junge Mann in Eile war, war schon eine eher fragwürdige Geschichte. Ich meine, ich halte es auch für eine faire Sache, zum Sex pünktlich zu sein. Dass ich als Taxifahrer wiederum Raser spielen muss, weil die Holde früher zu Bett geht als erwartet … ähm, nein, nicht wirklich!

Auch in so einem Fall: Es geht ja nicht darum, dass ich extra stur bin, wenn es jemand eilig hat. Ich helfe, wo ich irgendwie kann, ich bin ja auch kein Engel, der noch nie irgendwo 10km/h zu schnell war.

Aber als der Typ auf der Warschauer Brücke ins Telefon flehte, dass sie sich auch bei ihr treffen könnten …

„Kein Problem, Sandra, machen wir Wannsee! In 20 Minuten?“

… hab ich ihn dann doch noch mal dran erinnert, dass mein Führerschein etwas mehr wert ist als der popelige Zwanni, den ich an der Tour verdienen würde. Das hat er dann eingesehen und am Ende waren 20 Minuten bis Schöneberg auch in Ordnung. Da träumt der Tagverkehr immer noch von.

„Klassisch“

Was ich gerne sage, wenn Kunden mich fragen, wie stressig der Job als Nacht-Taxifahrer sei, ist:

„Er hat natürlich positive und negative Seiten. Aber ehrlich gesagt: Die Momente, in denen ich mir denke, dass die letzte Tour jetzt die paar Euro nicht wert war, halten sich in Grenzen. Ein-, zweimal im Monat, das passt schon!“

Und natürlich denke ich dabei nicht an die vielen Wartezeiten mit anschließender Kurztour, sondern an die Stresser, Stänkerer, Kotzer, Arschlöcher etc.
Und die kommen halt nicht so oft vor, wie selbst ich zu Beginn befürchtet hatte. Und dann das:

Drei Winker auf der Frankfurter Allee kurz vor dem Frankfurter Tor. Tolle Sache an und für sich, aber ich fuhr schon links, weil ich in die Warschauer abbiegen wollte. Es war zu Schichtbeginn, der Verkehr war noch dicht, ein Rüberziehen und Stoppen wirklich unmöglich. Ich hab’s mit netten Gesten versucht, aber die Typen waren natürlich voll am rumflippen. Kein verficktes Scheiß-Taxi will sie mitnehmen. Da hab ich auch noch mal nachgedacht, wollte sie eigentlich ignorieren, hab dann aber doch am Frankfurter Tor gewendet. Eine Winker-Tour zu Beginn nimmt man dann halt doch gerne mit.

Nach dem Wenden nahmen sie mich abermals wahr (vermutlich hatten sie mich wirklich bereits vergessen) und gestikulierten nun von der anderen Seite aus noch wilder herum. Ich gab ihnen Handzeichen, dass ich wenden würde. Musste halt trotzdem nochmal bis zur Proskauer und da abermals wenden. Aber hey: Kundschaft! \o/

Als ich dann ranfuhr, waren sie immer noch wie bekloppt dabei zu winken, Handzeichen zu geben und zu rufen. Als ob wir uns noch nie gesehen hätten. 😉

„Where to go?“

„Klassik-Hotel, Revaler Straße.“

Ehrlich? -.-

Da hatte nun wirklich das Einladen doppelt so lange gedauert wie die Fahrt. Keiner von Euch wird den Text hier schneller lesen als ich gebraucht habe, um die Tour abzuschließen. Dabei bin ich noch versöhnlich bezüglich der oben erwähnten Frage, ob es mir den Stress wert war … aber als die Kunden erst feststellten, dass sie von der Grünberger Straße aus in die falsche Richtung losgelaufen waren und es nur deshalb so lange gedauert hat … sagen wir mal, dass das ein Monolog für die Ab18-Abteilung war.

Mit anderen Worten: Eigentlich war an der Fahrt so ziemlich alles unnötig.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Ich bin sein Taxifahrer!

Direkte Übergabe: Der kommende Kunde öffnete der gehenden Kundin die Tür. Dürfte ruhig öfter passieren.

„Guten Abend, wo darf’s hingehen?“

„Brings mich zu … da bei die … die großen, wo die großen und viel.“

„Tut mir leid, das bringt mir jetzt nicht viel.“

„Na, mach ersma die Uhr an!“

Kompliment, SO überzeugt man Taxifahrer! 😉

„Also gut, noch einmal: Wohin soll’s gehen?“

„Da wo die Leute … viele Leute! Die nichmehr weil neu, aber groß!“

„Haben Sie vielleicht zunächst mal eine grobe Richtung?“

„Sicher, einmal saaauuuuber ums Eck!“

„Vielleicht einen Stadtteil? Ich kann Ihnen sonst nur schwer helfen.“

„Ersma muss ich mich entschuldigen! Glaub mir, ich bin ein ganz normaler Mann und Sie sind mein Taxifahrer! Vielen Dank für die Geduld!“

„Kein Ding, also: wohin? Versuchen Sie’s nochmal!“

„Ich muss da bei … glb …sss … im bbb … fuck, das ist mir jetzt peinlich!“

Und mir war’s auch unangenehm. Ich kenne den Zustand. Und das waren nicht wirklich die besten Partys. Wenn man betrunkener ist als man eigentlich sein will und als es sich eigentlich anfühlt. Man kann stellenweise – und in Gedanken grenzenlos! – eloquent daherreden und will den Gesprächspartner davon überzeugen, dass man ein intelligentes Individuum ist und eigentlich alles im Griff hat, aber in dem Moment sackt der Körper zusammen, man sagt nicht mehr als „Mümmmelfümmel!“ und rutscht sabbernd mit heraushängender Zunge an der Wand runter. Bei vollem Bewusstsein. Und genau an dem Punkt war er. Konnte sich höflich entschuldigen, hatte eine Menge Sätze parat, aber sein Wohnort war derzeit ein Haufen Grütze mit unscharfen Flecken.

Ein bisschen gedauert hat’s also, aber irgendwann hat er einen Platz im Westen rausgepresst.

„Na also, das kriegen wir hin!“

Obwohl ich ihm glaubte, dass das nicht nötig war, hab ich ihn ermahnt, im Falle von Unwohlsein Bescheid zu geben und bei der weiteren Konversation öfter mal abgeblockt. Zum Beispiel, als er wissen wollte, was ich den für eine Idee hätte von den Großen. Aber er war wirklich ein netter Typ und das ist bei so beachtlichem Alkoholeinschlag ja schon mal viel wert. Er hat als einer der wenigen wirklich betrunken was von viel Trinkgeld geredet und sein Versprechen gehalten und sich immer wieder für meine Geduld mit ihm bedankt, obwohl er nach der ersten Ortsangabe im wesentlichen nicht nerviger war als ein etwas zu laut gestelltes Navi, das einen bestätigt, das man richtig fährt. Es hat sogar funktioniert, den Zielort etwas zu verlegen, weil er abgeholt wurde (was auch geklappt hat).

Eines wollte ich vor dem Ende der 20€-Tour dann aber doch noch wissen:

„Was verschlägt einen von der City West in eine so abgelegene Ecke in Prenzl’berg?“

„Sagen wir mal so: Der Papi hat sich heute so richtig verirrt.“

Da hatte der Papi aber Glück, dass genau sein Taxifahrer auch vor Ort war. 🙂