Rezension: Idiotentest

„Ich war ein Idiot, das mußte nicht mehr ertestet werden. Fehlte nur noch ein entsprechendes Tattoo auf der Stirn.“

– Henry

Idiotentest, soso. Ich hab ja im Nachhinein schon grinsen müssen, weil mir mein Chef im Büro noch sagte, ich solle den Titel des Buches nicht zu ernst nehmen. Das Buch war das diesjährige Geburtstagsgeschenk von meiner Firma und ich muss sagen, sie haben damit einen echten Volltreffer gelandet.

Sollte ich jemals eine komplett fiktive Geschichte schreiben, dann würde ich mir wünschen, sie würde genau so werden.

Und es ist auch kein Zufall, dass ich die Rezension hier bei GNIT blogge. Es ist zwar kein explizites Taxi-Buch, der Held der Geschichte, ein ziemlich heruntergekommener Bursche namens Henry, ist aber Taxifahrer. Man erfährt nichts wirklich aus dem Taxi, aber der Autor Tom Liehr hat mit Henry tatsächlich den Prototypen des kaputten freakigen und von seinem Chef abgezockten Taxlers erschaffen:

Henry wohnt in einer WG mit seinen Kumpels Gonzo und Walter, die wie er ganz besonders charmant dödelige Charaktere sind. Abgesehen davon, dass sie alle drei ziemlich ziellos und ständig blau durchs Leben treiben und sich hauptsächlich von Buchstabensuppe ernähren, haben sie auch sonst nicht viel Ahnung von allem. Henry selbst ist nach seiner schweren Kindheit mehr oder weniger beziehungsunfähig; Walter ist ein stets in Musik vertiefter, wenig erfolgreicher Fachjournalist, der einen heimlichen Traum hegt und Gonzo ein Nerd, der so nerdig ist, dass er nicht einmal blickt, dass die Mädels alle auf ihn stehen. Leben kommt in die Bude, als Henry eines morgens verkatert erwacht und feststellt, dass er was mit Andrea hatte – der Wirtin ihrer Stammkneipe, von der so ziemlich jeder im Buch was will. Da selbst das noch nicht reicht, um Henrys Leben eine andere Richtung zu verleihen, setzt er sich nach einem schweren Verlust auch noch besoffen hinters Steuer seines Taxis. Was natürlich nicht folgenlos bleibt …

Die Geschichte des Romans ist nicht kompliziert, sie ließe sich in maximal 3 Sätzen erzählen. Liehrs Begabung liegt darin, die Personen in Kürze und Prägnanz zu schildern, absurd komische Situationen und Gegebenheiten in Bilder zu packen, ohne dabei platt zu wirken. Wer gerne einen Ausflug ins kuriose Leben Neuköllns machen möchte, wer gerne auf flache Witze verzichtet, um im Gegenzug liebevoll komische Soziogramme zu finden, der ist bei diesem Buch aber sowas von richtig! Ohne mich mit Liehr vergleichen zu wollen, würde ich sogar sagen, dass alle, die hier bei GNIT gerne lesen, dieses Buch lieben müssten.

Ich empfehle es wirklich von ganzem Herzen, es ist seine läppischen 7,95 € zweifelsohne wert!

Erschienen ist es schon 2005 im Aufbau Taschenbuch Verlag und man kriegt es natürlich auch über Amazon:

Tom Liehr – Idiotentest

11 Kommentare bis “Rezension: Idiotentest”

  1. Ralf E sagt:

    … bliebe noch zu ergänzen dass es das Buch auch als Amazon Kindle eBook-Edition gibt.
    Gekauft 😉

  2. a.-n. sagt:

    Ähm, ja… ist hier jemand alt genug der mir jetzt erklären kann, wie die Kinderschokolade früher aussah? Kinderschokolade ohne Milchkammern? Das geht doch praktisch gar nicht.

  3. Andrea0966 sagt:

    @a.-n.: Die Oberfläche von Kinderschokolade war früher nicht wellenförmig, sondern fast glatt mit nur einer kleinen Kerbe in der Mitte. Später gab es dann mehrere „Abteilungen“ aber weiter mit flachen Kerben, danach dann die noch heute gebräuchliche Form.

  4. a.-n. sagt:

    @ Andrea0966: Danke für die Erklärung :).

  5. Will Sagen sagt:

    Als Sash das Buch erwähnte, habe ich es mir auch gleich gekauft und schnell weiter geklickt, als hier die Rezension erschien. Ich wollte doch erst mal selbst zu Ende lesen. Gestern Abend war es soweit.

    Was mich ein bisschen gestört hat, ist der sprunghafte Zeitverlauf. Da bin ich schon mal ins Schleudern gekommen. Mal ein paar Jahre zurück, dann ein paar Wochen vor, wieder ein paar Tage zurück. Das liegt aber auch eher an mir und daran, wenn man eben immer nur abends ein paar Seiten liest.

    In erster Linie bietet das Buch einen schönen Einblick, wie man sich das Leben in Neukölln vor 10, 20 oder mehr Jahren vorstellen könnte. Trashig, lässig, abgefahren, ein bisschen trostlos, aber im Kern doch kraftvoll liebenswert. Besonders die Beschreibungen der Gefühle, Mimik und Gestik der Protagonisten und die Beschreibung der Umgebungen, in denen sich Henry bewegt, sind einfach ganz große Klasse! Absolut lesenswert.

  6. Sash sagt:

    @Will Sagen:
    Danke für deinen Bericht. Und ich gebe Dir Recht: die Zeitsprünge waren teils etwas fies. Ich hab das Buch auch sehr fragmentiert im Taxi gelesen und war manchmal etwas verwirrt. Im Großen und Ganzen hat’s dann aber doch irgendwie geklappt. 😉

  7. Tom Liehr sagt:

    Schöne Besprechung, die mich so sehr gefreut hat, dass ich ein altes Prinzip in den Wind schlage und mich kommentierend äußere. Also. Danke. Und übrigens. Lässiges Blog!

    Herzlich,
    Tom Liehr

  8. Sash sagt:

    @Tom Liehr:
    Eine Rezension also, die dem Autor gefällt. Wow, das schreibe ich auch nicht alle Tage. Und vielen Dank fürs Überbordwerfen der Prinzipien.

  9. Beatrix Alfs sagt:

    Sein neuestes Buch „Leichtmatrosen“ kann ich auch nur von ganzem Herzen empfehlen. Es hat von allem die richtige Mischung und ist einfach klasse!

  10. Sash sagt:

    @Beatrix Alfs:
    Glaube ich gerne. Ich lese gerade aber noch „Pauschaltourist“. 🙂

  11. […] ich bin noch dran – aber wie bislang eigentlich alle Bücher von ihm (Ich verweise hier gerne auf meine Rezension zu Idiotentest) kann ich es jetzt schon guten Gewissens […]

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