Der harte Achtzehnte

Dass das mitgeschleifte Elend noch ein Mensch war, war schwer zu erkennen. Ich schätze, dass selbst eingefleischte Mediziner dem an den Taxistand geschleiften Kerl keine allzu hohe Überlebenschance mehr attestiert hätten. Aber als Taxifahrer hat man halt auch so seine Erfahrungen …

Ich hab die Tour kein Bisschen gerne angenommen. Der von zwei Helfern angeschleifte Typ war wirklich völlig sturzbesoffen. Konnte nicht alleine stehen, die Augen öffnen oder sich koordiniert bewegen. Weit mehr als ein Drink zu viel. Aber was willste machen? Haben nicht auch Leute, die sich beim Alkohol verschätzt haben, ein Anrecht darauf, heimgebracht zu werden?

Für die drei Kollegen vor mir war klar: nein!

Auch ich haderte mit dem Gedanken der Ablehnung, aber eine zweite abgelehnte Tour in nur 5 Jahren hätte mir meine Statistik dann doch arg versaut. Weit mehr ausschlaggebend war dann aber der leider nicht immer anwesende gute Freund des Opfers, der augenscheinlich nüchtern, anbei verständnisvoll und liebenswert versichert hat, dass das schon klappen würde und das alles ja zudem nicht so geplant war.

Ich will den unbotmäßigen Alkoholkonsum nicht schönreden, aber zumindest in der Rolle jenes Freundes war ich auch schon und zudem bin ich Fahrer des öffentlichen Personennahverkehrs und hab auch meine Ehre. Wenn da wer in Not ist und mich anfragt, dann will ich den auch sicher zu Hause wissen, wenn ich gemütlich Feierabend mache!

Das Fahrtziel lag natürlich nicht direkt ums Eck, sondern gut 7 km entfernt. Insofern half es leider nur bedingt, dass das Spiel 3 km lang problemlos gut ging. Ich hatte meine Ansprache gehalten, dass es hässlich wird, wenn er ins Auto kotzt – und etwa 4 Sekunden vor seinem Versuch aus dem Fenster zu kotzen habe ich auch gesagt, dass er alles tun sollte, bloß nicht versuchen, aus dem Fenster zu kotzen. Nun ja.

Da sprudelte der Fahrgast also vor sich hin, der gute Freund war entsetzt und ich entsprechend unbegeistert. Der junge Mann hat sich sichtbar Mühe gegeben, aber das half natürlich wenig. Zwischen innen und außen liegt die Scheibe und was da reinläuft …

„Scheiße! Und was kostet jetzt so eine Reinigung in dem Fall?“

fragte mich der gute Freund mit Brille und Kurzhaarfrisur.

„Hier, nimm‘ das Papier!“

hab ich geantwortet. Denn was „das in so einem Fall“ kostet, kann keiner sagen. Wenn ich es alleine putzen muss und nichts allzu dramatisches passiert, dann kostet das 200 €. Ein netter Kollege hat aber vor Gericht auch schon mal 1.600 € erstritten. Da ging es zwar auch um kompliziertere Probleme (Lüftung, Radio etc.), dennoch sollte man das im Hinterkopf behalten, wenn einem im Taxi schlecht wird. Anhalten ist IMMER die bessere Option! Und jeder Taxifahrer mit Verstand kommt der Bitte auch nach.
In dem Fall aber waren wir schnell. Während unser Opfer auf dem Gehsteig kotzend umhertorkelte, haben sein Freund und ich umgehend die Scheibe in Angriff genommen und das Schlimmste verhindert. Und scheißegal, ob mich die Kollegen deswegen für bekloppt halten: in so einem Fall kostet das bei mir das, was auf der Uhr steht.

5 Minuten Putzen waren ausreichend, danach war das Auto wieder sauber und wohlriechend. So lange das so ist: Wayne?

Nun war die Frage, wie es weitergehen sollte. Das Geld der Fahrgäste war knapp, mein Vertrauen hinüber – und bei der Problematik, wie der Kerl heimkommt, waren wir nicht wirklich weiter. Also ja, 3 Kilometer, aber das hilft auch nicht viel, wenn der Kunde nur mit Mühe und Not 5 Meter bis zur nächsten Hauswand schafft.

Ich hab im Auto noch eine Tüte gefunden, die unsere gemeinsame Entscheidung dann beeinflusst hat. Der Kotzer selbst schwor, sie sich immer vors Gesicht zu halten – und der Freund schwor, das zu überwachen. Das hat die nächsten 3 Kilometer nicht unstressig gemacht, da dem Kerl immer noch schlecht war – aber ich hatte Hoffnung.

Und einmal mehr: ohne den begleitenden Freund hätte ich die Tour abgebrochen. Der nämlich wusste nicht nur, diese Überwachung ernsthaft durchzuführen, er war auch über alle Maßen dankbar und hat zudem wohlwollend meine Arbeit wie auch meinen Einsatz kommentiert. Es war ihm peinlich, ganz offensichtlich. Aber er konnte seinen Kumpel ja nicht hängenlassen. Und das verstehe ich durchaus.

Nach weiteren 3 km kam es aber trotzdem zu einem erneuten Stopp. Unser Spezialkandidat hatte nicht nur in die Tüte gereihert, sondern seinen Auftrag, selbige vor den Mund zu halten, auch dahingehend übererfüllt, als er auch nur durch selbige atmete. Dass er folglich noch mehr kotzte und zudem einen Ausweg suchte, kann ich eigentloch gut verstehen. Ich fuhr also abermals rechts ran und der Spezialkunde setzte sich ins Gebüsch. Ehrlich. Er saß in der Hocke da und reiherte weiter in die Tüte. Warum auch immer er sie auch dort so wichtig nahm …

„Der 18. Geburtstag ist echt der mieseste von allen!“

brachte er zwischendurch raus, dann plätscherte es wieder ins geduldige Plastik. Ach je, der wird sich wundern, wenn er noch älter wird.

Da wir nur noch rund einen Kilometer vom Ziel entfernt waren, stellte sich die Frage, ob ich überhaupt weiterfahren sollte. Zumal die Finanzen der Fahrgäste langsam knapp wurden. Zuletzt habe ich aber auch das noch gemacht. Der erleichterte Freund überzog mich mit Dankesworten und schüttete den Restinhalt seines Portemonnaies in meines. Was am Ende auch kaum mehr als 2 € Trinkgeld waren, ich aber in Anbetracht der Lage zu schätzen wusste. Für mich war die Aktion damit zu Ende und es ist nicht mehr mein Problem, wie es weiterging. Reichlich Wasser vor dem Einschlafen und eine Aspirin habe ich vorher schon empfohlen. Hoffen wir das Beste.

Wie die Kollegen hätte ich die Jungs nicht mitnehmen müssen. Und ich hab mir unterwegs oft genug gewünscht, ich hätte es nicht getan. Jetzt aber bin ich froh darüber, es doch gemacht zu haben. Obwohl ich die 12 €, die ich damit verdient habe, sicher ein paar Minuten später leichter hätte verdienen können. Und da geht es nicht darum, der Arsch vom Dienst zu sein; ehrlich nicht. Manchmal ist es auch einfach schön, jemandem geholfen zu haben mit der Arbeit, die man (mehr oder weniger) sowieso erbracht hätte.

Wie die Kollegen so fahren

Den Kollegen vom Taxistand klaue ich nur selten ihre Geschichten, dieses Mal aber wollte der Kollege es ausdrücklich. Internet ist eh nicht so sein Ding, aber Fahrgäste hat er halt wie ich auch. Die Tage ließ er mich dann eine dieser Stories hören, die man nicht mal mit meinem äußerst robusten Magen hören will. Zart beseitete wechseln jetzt vielleicht wieder zu ingenfeld.de und trösten sich mit dem friedlichen Internet von vor 15 Jahren. (Achtung: lastet manche Rechner ganz gut aus!)

Der Rest möge sich vorstellen, wie es sich wohl angefühlt hat, als laut dem Kollegen bei einer Fahrt mit einer dezent alkoholisierten Dame folgendes geschah:

„Auf einmal kotzt die mir von hinten in den Nacken! So richtig mit Soße bis in den Hemdkragen. Und anstatt sich wenigstens zu entschuldigen, hat sie dann zu mir gemeint, ich wäre – Achtung! – ja auch ZIEMLICH KURVIG GEFAHREN.“

Dass diese Taxifahrer aber auch immer den Straßen folgen müssen …

PS: Ich bin wie gesagt hart im Nehmen. Was ich in so einer Situation jedoch tun würde … hoffe ich nie rausfinden zu müssen.

Letzte Tour in Reinform

Gut, eigentlich hatte ich vor Jahren schon mal eine „Feierabendtour wie aus dem Lehrbuch„. Die heute kann aber durchaus mithalten.

Ich war mehr oder weniger satt. Mir fehlte noch ein Zehner zum Wunschumsatz und ich hatte vor, in einer Dreiviertelstunde Feierabend zu machen, aber es war mir recht egal. Ich hatte mich nochmal an den Bahnhof gestellt, weil dort nur ein Taxi stand. Hätte ich gewusst, was für ein gruseliger Kollege darin saß, wäre ich geflüchtet. Aber gut, so hatte ich drei Minuten Smalltalk from Hell. Dann kam er endlich weg und ich kurz darauf.

Heute lag mein Abstellplatz ein bisschen weiter weg als sonst, denn da das neue Getriebe für die 72 erst spät geliefert wurde, hatte ich wieder mal einen Ersatzwagen. Die 2223, die ich beim letzten Getriebeschaden auch schon mal hatte. Dank der wirklich grotesken Fehlentwicklung des Navis werde ich sie wohl nie endgültig lieb gewinnen – aber für die meisten Fahrten braucht man ja sowieso keines. Die 2223 hab ich jedenfalls an der Firma holen müssen, bei der letzten Tour wäre es mir also recht gewesen, wäre es etwas in den Südosten gegangen.

Kam natürlich anders: Steglitz. Zumindest mal ein um 120° abweichender Kurs.

Eine Dreierbesatzung aus einem vollkommen abgefüllten Schluck(auf)specht auf dem Beifahrersitz, seiner stark genervten Freundin hinten rechts und einem Tiefschläfer hinten links. Aber hey – immerhin eine Tour, bei der ich übers Ziel hinausschießen würde!

Schlucki von nebenan versuchte die ganze Zeit das zu tun, was er am wenigsten konnte: reden. Das war soweit ganz lustig, zumindest für mich. Seine Freundin sah das etwas anders und verweigerte ihm auch den Wunsch „an jeder fucking McDonald’s-Filiale unterwegs“ anzuhalten. Schnell nach Hause, dann is‘ gut!
Da ich ihre Straße nur so vom Hörensagen aus Zeiten der Ortskundeprüfung im Kopf hatte, fragte ich sie nach einem Anhaltspunkt und bekam im Gegenzug eine ausführliche Routenbeschreibung, die die beiden Kunden-Echtheitssiegel „so würde ich fahren“ und „3 km Umweg“ trug. Ich nehme geschenktes Geld zwar gerne an, hab dann aber doch abgekürzt und ein ehrliches Danke dafür erhalten. Ist ja auch mal was! 🙂

An diesem Punkt meldete das Murmeltier hinter mir, dass es mal eben eine kurze Pause wünschen würde.

„Wieso? Ist Dir schlecht?“

„Ja.“

Dieses Mal war es glücklicherweise kein Problem, dass der Kotzkandidat (wie gefühlt immer) an der Türe mit der Kindersicherung saß. Alle verließen in geordneter Formation ruhig das Taxi. Auch ich, denn ich ging gleich an die Heckklappe, um dem Auswurfaspiranten ein wenig Küchenrolle zum Abwischen zu reichen. Dass ich noch Bonbons gegen den Geschmack dabeihätte, ließ ich ihn auch wissen und setzte mich wieder ins Auto. Sollten die Jungs ruhig alleine durch Hicksen und Kotzen die Schöneberger Nacht bereichern.

Die sie begleitende Dame saß inzwischen hinter mir und staunte:

„Wow, Sie sind gut ausgerüstet!“

„Naja, eigentlich hab ich das Papier ja, um das Auto sauberzuhalten.“

Da es sonst nichts zu tun gab, erzählte sie mir auch, weswegen sie eigentlich so sauer war. Nicht wegen dem Schluckauf – um Gottes Willen! Nein, die beiden hätten sie angerufen, woraufhin sie bereit zum feiern für 30 € mit dem Taxi angereist war. Schon das Treffen war schwierig, weil die beiden ihre Handys nicht bedienen konnten und am Ende waren die Jungs schon voll wie zwei Eimer als die Freundin ankam. Keine Chance mehr, feiern zu gehen. Als ob das nicht reicht, ist der Schlaf-und-Kotz-Kumpel wohl auch noch für anderthalb Stunden unaufweckbar weggetreten, die sie stoisch ertragen hat, bis sie alle dann – mit mir – den Heimweg antraten. Eine Stunde nervige Hinfahrt, anderthalb Stunden den Kumpel wachklopfen und jetzt auf dem Rückweg auch noch ein Stopp zum Reihern. Ich konnte ihre Stimmung irgendwie nachvollziehen. Arg viel sinnloser kann man seine Zeit ja kaum verschwenden.

Mich hat das an diese Jungs hier erinnert.

Im weiteren Verlauf war die Tour an sich problemlos, nur wird sich ein Mensch aus Steglitz morgen wohl von seiner Freundin anhören dürfen, weswegen sie auf ihn sauer ist. Bis dahin wird es ihm selbstverständlich wie all meinen Fahrgästen, die ich unter widrigen Umständen nach Hause verfrachtet habe, gut gehen. Die letzten Worte, die ich von ihm vernahm, waren:

„Und jetzt, Schatz, jetzt mache ich mir alle Fischstäbchen, die wir noch zu Hause haben!“

Die Kotztütenfrage

Hier in den Kommentaren kommt das Thema nach jeder Geschichte mit reihernden Fahrgästen hoch, heute hat aber auch Udo Vetter in seinem nach wie vor immer lesenswerten law blog auf einen Fall aufmerksam gemacht, bei dem es um einen Taxifahrer – und Kotztüten – ging. Also schreibe ich mal was dazu.

Zunächst der Fall:

Vor Gericht war der Kollege aus Bamberg gelandet, weil er auf der Autobahn 64 km/h zu schnell war. Nix, was man sich als Fahrer so einfach erlauben sollte. Seine Begründung war nun, dass sein Fahrgast so betrunken war, dass er eventuell hätte kotzen können und er als Taxifahrer deswegen möglichst schnell ans Ziel kommen wollte.

Er ist damit in erster Instanz tatsächlich durchgekommen. Was mich schon verwundert, aber gut. Im nächsten Durchlauf am Oberlandesgericht dann wurde allerdings zurückgerudert und klargestellt, dass das Interesse an der Einhaltung der Verkehrsregeln höher zu bewerten ist als die Sorge um die Verschmutzungen eines Taxis. Zumal sich diese z.B. mit Kotztüten vermeiden ließen. Im Großen und Ganzen ein verständliches Urteil, zumal ich mir die Frage stelle, ob schnelles Fahren nicht auch zusätzlich eher ein Risiko in so einem Fall darstellt.

Nun grundsätzlich:

Ich hab nix gegen Kotztüten und sie werden ja auch in verschiedensten Situationen sinnvoll eingesetzt. Sie sind billig und je nach Ausführung platzsparend. Und zweimal hat eine Tüte – in diesen Fällen zwar keine dafür vorgesehene, aber wayne? – tatsächlich schlimmeres verhindert. Vielfach bringen sie aber gar nix.

Ich weiß nicht, wie Eure Erfahrungen mit Leuten sind, die vom Alkohol kotzen mussten (und das sind bei mir im Auto natürlich alle Fälle), aber meiner Einschätzung nach gibt es zwei nennenswerte Gruppen:

Die einen sind soweit in Ordnung und meist recht heiter drauf. Sie wissen, dass sie einen über den Durst getrunken haben und haben selbst Angst davor, Kotzen zu müssen und sagen das mitunter auch ganz offen.

Die zweite Gruppe unterteilt sich in die, die schon so hinüber sind, dass sie mit offenem Mund im Halbkoma vor sich hinsabbern – und in die, die bis ganz ganz zum Schluss der Meinung sind, sie halten das schon aus und keinen Bock haben, zwei Euro mehr fürs Taxi zu zahlen, wenn man anhält. Oder es ist ihnen peinlich vor ihren Freunden.

Die aus Gruppe eins sind problemlos. Die sagen Bescheid. Manchmal etwas sehr kurz vorher, aber ich fahre in solchen Situationen auch meist so, dass ich auf ein schnelles Anhalten vorbereitet bin. Das geht also auch schnell.

Gruppe zwei sind die, die ich die ganze Zeit im Auge behalten muss und die dann in der Regel bei stehendem Auto noch zu besoffen sind, die Tür zu öffnen oder aus dem Nichts und ohne Vorankündigung 10 Meter vor Ende der Fahrt einen dicken Strahl direkt auf die ungünstigste Stelle richten.

Und Gruppe eins beinhaltet die absolute Mehrheit der Leute, die Kotztüten noch benutzen können oder wollen. Und wenn ich dann noch miteinbeziehe, dass ich die Tüten irgendwo griffbereit haben muss … und ja: Ich! Nicht die Kunden. Denn ansonsten sind sie eh geklaut, bis der erste Kotzkandidat auftaucht.

Ich glaube, für jemanden, der all die Problemkandidaten einlädt, habe ich eine recht brauchbare Kotzerstatistik auch ohne Tüten – und sie wird immer besser. Direkte Ansprache des Themas, Ausräumung der Angst vor den Wartezeitkosten, gleichermaßen Angst machen vor den Kosten beim Kotzen ins Auto, umsichtiges Fahren … ist ja nicht so, dass man nicht viel machen kann. Wie gesagt: ich hab nix gegen Kotztüten und hab eine Zeit lang (bis sie eben geklaut waren) auch welche spazieren gefahren. Im auf sie zugeschnittenen Fall können sie prima sein. Aber ich glaube, dass sie ihrem Ruf, die Problematik der Kotzer einfach zu lösen, in der Praxis nicht gerecht werden. Die Menschen sind zu unterschiedlich als das ein so simples Hilfsmittel alle Probleme lösen könnte.

Die Ruhe weg …

Der ein oder andere hat sich vielleicht nach dem gestrigen Eintrag gefragt, ob es künftig überhaupt noch Kotzgeschichten auf GNIT gibt, wenn ich der Ablehnung von Betrunkenen zustimme.

Na klar! 😀

„Mann Mann, Du hast ja echt die Ruhe weg!“

„Hey, mein Job ist es, die Leute heimzubringen. Und so lange ich und das Auto das überleben, versuche ich, meinen Job gut zu machen!“

Der junge Mann, der sich noch mehrmals bei mir entschuldigen sollte, musste in diesem Moment wieder zu seinem Kumpel eilen, da der gerade erneut auf den Gehweg kotzte. Kurz darauf kam Jenny über die Straße gewetzt, eine frische Tüte hochhaltend. Dabei verlor sie fast ihre Hose, was sie mir schnell mit einem kaputten Reißverschluss erklärte.

Was war geschehen?

Matze und Jenny, offenbar ein Pärchen („Wir ficken nicht, bei uns heißt das anders!“), haben im Club den armen Stefan gefunden, der sich nun die Seele aus dem Leib kotzte. Sie kannten ihn gut, er war allerdings unabhängig von ihnen dort. Er war mit ein paar Kumpels einen heben und wurde von eben jenen auch einfach liegengelassen, als er sich das berühmte Glas zu viel eingeschenkt hatte. Er lag im Eck, war nicht mehr wirklich feiertauglich, also was soll’s? The Show must go on, nicht wahr?

Glücklicherweise hatte er mit Jenny und Matze aber ein paar wirkliche Freunde. Die haben ihn nämlich aufgelesen und beschlossen, ihn heimzubringen. An Laufen war freilich nicht zu denken, seine Wohnung lag immerhin rund zwei Kilometer entfernt.

Als ich an der Kulturbrauerei vorfuhr, war kein Kollege in Sicht. Jenny bemerkte mich als erstes und rannte auf mich zu, einen sorgenvollen Blick im Gesicht:

„Wir, ähm, also mein Freund ist schon ziemlich betrunken … aber der packt das!“

Na sicher! -.-

„Ich glaub Dir gerne, aber zur Sicherheit kommt er hier an die Tür. Da ist keine Kindersicherung drin, falls es also doch nicht reichen sollte …“

Stefan wurde artgerecht im Taxi plaziert und gab sogar erste Anweisungen zur Wegfindung. War nur eine kleine Straße, und dank nicht ganz klarer Schreibweise tat ich mich zunächst trotz Navi schwer.

„Im Notfall ham‘ wir auch ’ne Tüte!“

meinte Matze noch. Bis zu deren Einsatz waren es etwa hundert Meter Wegstrecke. Am Ende standen wir genau auf der anderen Straßenseite, da wir zuvor wenden mussten. Nachdem Stefan die von Matze gehaltene Tüte unter Zuhilfenahme der bestmöglichen Kotzgeräusche zu einem Teil zu füllen, erbat er sich dann doch einen Stopp und reiherte vor dem Auto hemmungslos alles voll, was ihm in die Quere kam. Immerhin waren keine Menschen dabei.
Den beiden Begleitern war das sichtlich unangenehm, aber ich wollte sie wirklich nicht noch weiter runterbringen. Ich mag Leute, die ihre eigene Party abbrechen, um einen angeschlagenen Freund sicher ins Bett zu bringen. Sicher war es Stefans Schuld, aber wieso hätte ich bei zwei so engagierten Helfern noch das Arschloch raushängen lassen sollen?
Mir und meinem Auto ging es gut, und während Stefan noch kotzte, ist Jenny bereits ein zweites Mal zum Dönerladen geflitzt, um eine neue Notfalltüte zu holen. Stress lag mir wirklich fern, zumal die Uhr natürlich mitlief, während wir da standen.

Am Ende war es wie so oft keine große Sache. Die Fahrt hat mit Anhalten und einer Reihe kleinerer Umwege dank mir unbekannter Baustellen nicht einmal zehn Euro gebracht. Und das ist ok, ich hatte immerhin eine bezahlte Kippenpause zwischendrin. So lange es außerhalb des Autos passiert, ist mir doch eigentlich egal, ob ein Fahrgast kotzt oder Sehenswürdigkeiten fotografiert.

Endlich vor der Haustüre angekommen – Stefan hat ab da Wort dicht gehalten und nicht nochmal kotzen müssen – stand die Uhr bei 9,20 €.

„Machste auf jeden Fall zehn, quatsch: elf. Ach, mach zwölf, Hauptsache wir sind da!“

meinte Jenny.

Sicher, man könnte ein Schmerzensgeld höher ansetzen. Aber mein Magen ist da sowas von schmerzresistent, das glaubt ihr gar nicht. Und das viele Lob für meine Besonnenheit hab ich ja auch noch obenauf gekriegt. Ja, manchmal braucht es halt doch mehr als einen Satz, um zum „nettesten Taxifahrer“ zu werden – aber das ist ok. Außerdem hatten meine Passagiere schon sehr lange nicht mehr „Ein Hoch auf unsern Taxifahrer“ gesungen, das musste wohl auch mal wieder sein. 🙂

Stefan wird’s inzwischen wieder gut gehen. Seine beiden Freunde haben sogar versprochen dafür zu sorgen, dass er noch ordentlich Wasser trinkt, wenn er daheim ist.
Wenn man schon feiert, so lange man noch jung ist, sollte man Freunde haben, die einen heimbringen – nicht nur welche, die einen beim Saufen anfeuern …

Und einen Taxifahrer, der die Ruhe weg hat, klar. 😀

„Danke!“

Ich kam am Ostbahnhof an und hätte mich an dritter Stelle einreihen können. Das heißt: Ich konnte es tatsächlich, stand aber eine Weile lang ziemlich schief auf der Straße, weil der Kollege auf Platz zwei gerade mit einem nicht mehr ganz taufrisch wirkenden jungen Mann beschäftigt war, der sich heftig schwankend ins Beifahrerfenster seiner Taxe lehnte. Ich wartete geduldig, und siehe da: Der junge Mann zieht seinen Kopf zurück und der Kollege rückt vor.

Ich rücke gleich nach, und auch hinter mir fährt bereits ein weiteres Taxi an den Stand. Da der Kollege vor mir sofort aussteigt – ganz offensichtlich, weil er seine Scheiben noch wischen will – tue ich es ihm gleich und frage, was der Kerl denn wollte. Der Kollege antwortete mit einem Hauch Besorgnis:

„Wenn ich das wüsste! Ich hab ihn ja hergebracht. Vom Watergate. Der is‘ unterwegs eingepennt, hier dann ausgestiegen, dreimal um den Stand getorkelt und will jetzt irgendwo anders hin. Aber wohin, das blick ich nicht. Der ist total besoffen und deutsch kann er auch nicht wirklich.“

Mit so einem hatte ich ja letzte Woche schon das Vergnügen. 🙁

Ich sehe mich also mal um – und siehe da: Der junge Mann saß bereits im Wagen hinter mir. Der Kollege dort am Steuer sah alles andere als glücklich aus, fuhr aber letztlich los. Warum auch immer er diesen wirklich stark nach Kotzen aussehenden Kerl mit der unklaren Zielangabe hat einsteigen lassen. Dass ihm das nicht geheuer war, sah man ihm an – und ich nehme es ihm kein bisschen übel.

Was allerdings wirklich daneben war, war dass er neben mir und dem Fahrer an Position zwei anhielt und dem Kollegen ein verächtliches „Na Danke auch!“ an den Kopf warf. Denn der hatte den Fahrgast nicht ohne Grund abgelehnt und das hätten wir alle tun können. Da werden tagtäglich kurze Fahrten widerrechtlich abgelehnt – aber in so einem Fall kann man sich wirklich mal darauf berufen, dass der Mann die betriebliche Ordnung und Sicherheit gefährdet.

Der verbleibende Kollege und ich haben uns zwar kurz ein wenig sparsam angesehen, haben uns dann aber entschieden, das nicht weiter mit Beachtung zu belohnen. Was soll man auch machen? Wir waren uns beide einig, dass wir gerne helfen, wenn es geht. Aber ohne Fahrtziel und dann noch zusätzlich kurz vor Auswurf ist eben was, wo auch wir Taxifahrer mal nein sagen können. Glücklicherweise.

Gewitzt

„Geht’s Dir auch wirklich gut?“

„Keene Sorje, Meista! Noch is‘ allet jut. Und ick bin ja ’n janz jewitzta! In’n Notfall bin ick hier so schnell draußen, so schnell kannste nich‘ kieken, wie ick hier rausjeflitzt bin.“

„Das werden wir sehen, wenn Du merkst, dass Du an der Tür mit der Kindersicherung sitzt …“

Es ging alles gut, er hat nicht gekotzt. Und alle anderen Fahrgäste hatten von da an ohnehin erst einmal zwei Minuten gut was zu lachen. 🙂

PS: Wer gerne wegen Cliffhängern rumheult, sollte erst morgen um etwa 14 Uhr wieder hier vorbeischauen!