Geduldprobe (1)

Da war er also: Der Launenvermieser vom Dienst.

Nein, um mal sachlich zu bleiben: Er war ein (zumindest vermutlich) netter Kerl. Er hat mit seinem weißen, schon stark in Mitleidenschaft gezogenen, Poloshirt ganz artig gewartet, bis ich ihm die Tür geöffnet hatte und mich den Umständen entsprechend höflich gefragt, ob ich ihn mitnehmen würde. Die Bierflasche hielt er sicher, ein Markenzeichen derer, die zwar zu blau sind, um sich sonstwie auf sie zu verlassen, aber noch im Besitz elementarer Grundtechniken, die die Zivilisation uns abverlangt. Zum Beispiel, um nicht in ein Taxi zu kotzen.

Die Umstände wären damit aber allenfalls halb beschrieben, denn ein bezeichnendes Element unserer Kurzzeitbeziehung sollte werden, dass sich unsere Sprachkenntnisse nur äußerst marginal überschnitten haben. Er konnte offenbar fließend Polnisch und ungefähr 50 Worte Deutsch, ich Deutsch fließend und ungefähr 0 Worte Polnisch. Die Mathematiker unter Euch haben das mit den 50 Worten Überschneidung sicher schon im Kopf ausgerechnet.

Nun sind 50 Worte viel, wenn es denn die richtigen sind. Die waren es natürlich nicht. Es bedurfte einiger nonverbaler Gesten, bis ich verstanden hatte, dass „Straße machen“ bedeutete, er wolle in einen Puff. Und das auch nur, weil letztlich „Puff“ auch zu seinen 50 Worten Deutsch gehörte …

Nach kaum fünf Minuten am Stand – noch ohne laufende Uhr, so unklar wie das war, hatten wir also eine Art Übereinstimmung: Er suchte einen Puff und wollte wissen, wie viel das kostet bis dahin. Ich überschlug den komplizierten Weg zum nächsten Etablissement seiner Wahl kurz im Kopf und kam auf beruhigend niedrige sieben Euro. Zugegeben: So kompliziert war der Weg nicht. 😉

Natürlich hätte ich ihn liebend gern in einen Laden gebracht, der mir einen Fuffi für einen Kunden in die Hand drückt, der Typ war aber so verstrahlt, dass ich mir recht sicher war, dass die ihn ohnehin nirgends mehr reinlassen würden. Außerdem hatte er gerade ein paar Münzen abgezählt – weswegen ich ihn auch fragte, ob ihm bewusst sei, dass ein Puff gemeinhin sogar mehr Geld als die Taxifahrt dorthin koste. Er murmelte eine Zustimmung, die ich nur insofern verstand, als dass sie „Kollege ein“, „Kollege swei“ und „Kollege dei“ beinhaltete. Naja, alles schon gehabt. Motor an, auf zum Puff!

Auf dem Weg dorthin versuchte er, mich zu überreden, mitzukommen. Aha. Ich kann den Job des Taxifahrers insgesamt wieder mal vor allem den Leuten empfehlen, die gerne umsonst ins Bordell wollen: DA sind Kunden großzügig. Zumindest behaupten sie das …

Ich hielt zwanzig Meter entfernt von dem Laden, da mir klar war, dass der Typ besser erst noch ein bisschen Training beim aufrechten Gang einlegen sollte, dabei die Bierflasche loswerden, um überhaupt eine Chance am Einlass zu haben. Was bin ich fürsorglich, Leute!

Als er nach ungefähr zwei Minuten erkannt hatte, wo sein Ziel liegt, wollte er wieder, dass ich mitkomme. Also so ungefähr. Sein Deutsch war wirklich so erbärmlich, dass mir keine Transkription dafür einfallen würde. Dabei wäre das praktisch. Denn der Hauptteil unserer Unterhaltung wurde vor seinem Ziel geführt. Aus mir zunächst unerfindlichen Gründen warf er inzwischen neben „susamm“ mehrere Male „Straße Paris Kommun“ ein.
Mit der Zeit dämmerte mir, dass er gar nicht genug Geld zum Bezahlen hatte, sondern er das von seinen „Kollege“ bekommen würde. In der Straße der Pariser Kommune. WTF? Ich meine, wir waren durch diese Straße durchgefahren!

Als die Uhr dann letztlich neun Euro zeigte, glaubte ich, begriffen zu haben:

Er wollte jetzt kurz sozusagen testen, ob der Puff ok sei. „Fün Minut susamm“ in seiner Sprache. Dann sollte ich mit ihm zu seinen „Kollege“ wieder zurück in die Straße der Pariser Kommune fahren, dort die verbleibenden „Kollege“ einsammeln und zum nun (auf was?) gecheckten Puff. Und von „Kollege eins und Kollege swei und Kollege dei“ würde ich dann bezahlt werden.

Ja nee, is klar! Ich lass den in den Puff rennen, der pennt, vögelt, macht dort sonstwas – und ich warte vergeblich …

Ich hab ihm klar zu verstehen gegeben, dass ich die Kohle für die Fahrt jetzt gerne haben würde. Danach könnte ich schon kurz warten – und wenn er nicht kommt ggf. weiterfahren. Ansonsten aber gerne auch noch mit „Kollege“ hin und her. Er schien ein gewisses Verständnis dafür zu entwickeln, leerte seine Taschen und gab mir das komplette Geld. 2,50 €.

Fortsetzung folgt heute Nachmittag um 14 Uhr.

5 Kommentare bis “Geduldprobe (1)”

  1. Knut sagt:

    Was ich nicht verstehe: warum nimmst du nicht einfach die zweifuffzig und fährst weg? Bei der Vorgeschichte ist doch klar, dass da nix mehr zu erwarten ist was die 6,50 Euro Verlust noch aufwiegen könnte.

  2. Hannes sagt:

    Selten so auf eine Fortsetzung neugierig.

    Punkt 14:00 wir das Gerät wieder angworfen…

    Gruß, Hannes

  3. radfahrerin sagt:

    Ist die Ankündigung eines Cliffhängers eig weniger fies als der Cliffhänger selbst?

    @Knut Echt? Ich muss nur verpeilt etwas Kleingeld aus den Taschen holen und dann geben die Taxifahrer auf? Dann kann ich mir das ja doch öfter leisten *freu*

  4. Sash sagt:

    @Knut:
    Logo. Bis auf die paar Mal, wo’s gut ausgegangen ist, ne? -.-

    @Hannes:
    Kommt auch pünktlich. 🙂

    @radfahrerin:
    Ich weiß es nicht. Aber ich finde, es ist eigentlich recht nett, wenigstens zu sagen, wann man bis zum Schluss lesen kann. Ich mach’s jedenfalls nicht, um irgendwen zu ärgern. 🙂

  5. radfahrerin sagt:

    Vermutlich 😉 Meine Neugier stachelt es so oder so an^^ Ich bin mir da einfach ausgeliefert^^

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: