„Danke!“

Ich kam am Ostbahnhof an und hätte mich an dritter Stelle einreihen können. Das heißt: Ich konnte es tatsächlich, stand aber eine Weile lang ziemlich schief auf der Straße, weil der Kollege auf Platz zwei gerade mit einem nicht mehr ganz taufrisch wirkenden jungen Mann beschäftigt war, der sich heftig schwankend ins Beifahrerfenster seiner Taxe lehnte. Ich wartete geduldig, und siehe da: Der junge Mann zieht seinen Kopf zurück und der Kollege rückt vor.

Ich rücke gleich nach, und auch hinter mir fährt bereits ein weiteres Taxi an den Stand. Da der Kollege vor mir sofort aussteigt – ganz offensichtlich, weil er seine Scheiben noch wischen will – tue ich es ihm gleich und frage, was der Kerl denn wollte. Der Kollege antwortete mit einem Hauch Besorgnis:

„Wenn ich das wüsste! Ich hab ihn ja hergebracht. Vom Watergate. Der is‘ unterwegs eingepennt, hier dann ausgestiegen, dreimal um den Stand getorkelt und will jetzt irgendwo anders hin. Aber wohin, das blick ich nicht. Der ist total besoffen und deutsch kann er auch nicht wirklich.“

Mit so einem hatte ich ja letzte Woche schon das Vergnügen. 🙁

Ich sehe mich also mal um – und siehe da: Der junge Mann saß bereits im Wagen hinter mir. Der Kollege dort am Steuer sah alles andere als glücklich aus, fuhr aber letztlich los. Warum auch immer er diesen wirklich stark nach Kotzen aussehenden Kerl mit der unklaren Zielangabe hat einsteigen lassen. Dass ihm das nicht geheuer war, sah man ihm an – und ich nehme es ihm kein bisschen übel.

Was allerdings wirklich daneben war, war dass er neben mir und dem Fahrer an Position zwei anhielt und dem Kollegen ein verächtliches „Na Danke auch!“ an den Kopf warf. Denn der hatte den Fahrgast nicht ohne Grund abgelehnt und das hätten wir alle tun können. Da werden tagtäglich kurze Fahrten widerrechtlich abgelehnt – aber in so einem Fall kann man sich wirklich mal darauf berufen, dass der Mann die betriebliche Ordnung und Sicherheit gefährdet.

Der verbleibende Kollege und ich haben uns zwar kurz ein wenig sparsam angesehen, haben uns dann aber entschieden, das nicht weiter mit Beachtung zu belohnen. Was soll man auch machen? Wir waren uns beide einig, dass wir gerne helfen, wenn es geht. Aber ohne Fahrtziel und dann noch zusätzlich kurz vor Auswurf ist eben was, wo auch wir Taxifahrer mal nein sagen können. Glücklicherweise.

5 Kommentare bis “„Danke!“”

  1. nickel sagt:

    LOL, wie er euch dafür verantwortlich machen wollte, dass ER nicht nein sagen konnte. Bei Fastkotzern, deren Ziel man auch noch erraten muss und die vielleicht beim Zahlen auch so einen Hickhack veranstalten, ist man doch schon ein bisschen leichtsinnig, das mitzumachen, oder?
    Ich hätte vermutlich breit gelächelt und gesagt „Gerne doch!“ Denn ich bin ja gut erzogen und habe gelernt, danke und bitte zu sagen 😀

  2. Daniel sagt:

    So einen lehnt man doch nicht so forsch ab – dem erklärt man mit triefendstem Bedauern, dass man leider leider in wenigen Minuten bestellt ist und deshalb mit dem Ausdruck tiefster Unglücklichkeit nicht in der Lage ist, die Fahrt durchzuführen 🙂
    (zumindest kenne ich einen Kehler Taxifahrer, der jemanden kennt, der glaubt, dass ein Kollege so etwas tun würde *unschuldigguck*)

  3. leserin sagt:

    immer die gleiche schwierigkeit mit totalabstürzern:
    zu besoffen für normale öffis,
    zu kaputt für taxen,
    aber nicht am arsch genug für nen krankenwagen.

    punkt 2 muss sich der kollege noch besser einprägen.

  4. […] ein oder andere hat sich vielleicht nach dem gestrigen Eintrag gefragt, ob es künftig überhaupt noch Kotzgeschichten auf GNIT gibt, wenn ich der Ablehnung von […]

  5. Sash sagt:

    @nickel:
    Das war echt total bescheuert. Ob er ihn mitnimmt oder nicht … geschenkt. Ich hätte es mir je nach Schwierigkeitslevel auch überlegt. Die Grenze zur Leichtsinnigkeit ist unscharf und ich find’s ok, sie gelegentlich mal zu übertreten. Ist ja schön, wenn die Leute heimkommen (siehe nächsten Artikel).

    @Daniel:
    Es gibt tausend Möglichkeiten. Den Kollegen anzuschnauzen halte ich für eine der dümmst denkbaren.

    @leserin:
    So in etwa. Müsste ich auch manchmal. 😉

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