Opel nochmal …

„Ach, mein Freund wollte unbedingt mal wieder Opel fahren. Es war hoffentlich ok, dass wir Sie an zweiter Position genommen haben …“

Glücklicherweise bot die Tour ein bisschen Zeit, um uns über die Freie Taxiwahl am Stand zu unterhalten. Und die 72. Nebenbei dann sogar noch über ein paar unkomplizierte Nebenkriegsschauplätze im Taxigewerbe wie den Verdienst, den Mindestlohn, die Tarifbindung, die UberPop-Problematik, und und und …

Als wir dann vor ihrer Haustüre standen, hatte ich nämlich sage und schreibe 57,80 € auf der Uhr und nur noch sehr grob eine Ahnung, wo ich genau war. Für so eine Tour extra des Autos wegen von hinten aus der Schlange gepickt werden, ist mir meines Wissens nach bisher wirklich noch nie passiert. 0.0

Reicht! Los geht’s!

Besonders die dritte Fahrt nach dem Flitzer im gestrigen Artikel hat mich schnell wieder aufgebaut. Ich war im Wedding – etwas außerhalb der akuten Partyzone – gelandet und hab mich vorsichtig eher in Richtung Prenzlauer Berg orientiert. Eben gerade nicht in die Stadt zu kommen, war mein Plan.

Nun, der ging dann auch besonders ausführlich auf, denn die drei Jungs, die ich fast verpasst hätte, weil zwischen mir und ihnen eigentlich ein Lieferwagen stand und … ach, egal. Ganz kurz:

„Hennigsdorf? Bringste uns dahin?“

„Sicher.“

„Was kost’n det? Reicht’n Fuffi?“

„Sicher.“

Ich war mir ziemlich sicher, dass dreißig reichen sollten, aber wir haben die Fahrt so oder so auf Uhr gemacht. Und? Dreißig wäre zu knapp gewesen und dank einer Fahrt noch ein Dorf weiter standen dann am Ende unglaublich gut zum 50er passende 47,40 € im Innenspiegel. Da ich natürlich leer zurück musste und nur einmal Trinkgeld bekam, wären in der selben Zeit drei kurze Touren in der Stadt sicher lukrativer gewesen. Aber irgendwie freut man sich dann halt doch, wenn man so einen Haufen Geld gleich mal sicher hat.

Und wenn’s heute abend wieder auf die Piste geht, wird mir der Ausfall vom Sonntag endgültig egal sein. 🙂

Wer von Euch war das?

Manchmal kommen die tollsten Fahrten ziemlich ungewöhnlich daher.

„Wo soll’s hingehen?“

„Nach Mahlow.“

Uff. Ich hab’s schon oft erklärt: das Umland ist am allerwenigsten meine Stärke. Ich kenne es wirklich nur von den paar Fahrten nach außerhalb und entsprechend unsicher bin ich da immer wieder. Wenn man sein Leben lang in einer Stadt wohnt, kennt man im Umland Leute, hat mal einen Schulausflug hier- und dahin gemacht. Ich musste das lernen. Bzw. eben gerade nicht: ich musste den Berliner Stadtplan auswendig lernen und war froh, alles ab 2 cm jenseits der Stadtgrenze ignorieren zu können, weil es auch so schon umfangreich genug war. Und in Mahlow selbst bin ich meines Wissens nach auch wirklich noch kein einziges Mal in den letzten fünfeinhalb Jahren gelandet.

„OK, da muss ich jetzt selbst nachsehen, wie man da am besten …“

„Oh, wie man von hier fährt? Ich würde sagen: am Besten außenrum. Also das Adlergestell runter.“

Ähm. Nun ja. Kann man machen – und wir sind auch angekommen. Und dem Kunden hat das so gepasst und er hat ein gutes Trinkgeld gegeben. Aber ohne es am Anfang einschätzen zu können, bin ich mit dieser Tour heute Nacht den größten Umweg gefahren, seit ich im Taxi sitze.

Hier die Karte.

Der direkte Weg wäre satte 10 von 30 km kürzer gewesen. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob mich da ein unbekannter Leser veräppeln wollte …

Vorhersagen

Insbesondere, dass die Karfreitagsschicht noch gut wird, war nicht von Beginn an abzusehen. Im Gegensatz zu mir haben ohnehin viele Kollegen gejammert, vielleicht war ich ja sogar ein ausgesprochen einsamer Glückspilz. Lustig war das Gespräch, das ich anlässlich dieses Themas mit @chris87de auf Twitter führte:

 

 

 

 

… und dann nahm die Nacht ihren Lauf. Als sie so langsam zu Ende war, stellte ich mich noch einmal an den Ostbahnhof, wo mir nach kurzer Wartezeit bereits drei Kunden einstiegen und einer von ihnen sagte:

„Wir müssten zwei Stops einlegen. Der erste wäre in Friedrichshagen …“

Der erste … und das sind ja bald schon 30 € bis dort. Am Ende musste ich morgens noch einen Tweet raushauen:

 

 

Weite Strecke?

So fragte er mich:

„Weite Strecke?“

„Wie meinen Sie: weite Strecke?“

„Na hier, mit dem Coupon. Ist ’ne etwas längere Fahrt …“

Na und ob das OK ist! 😀

Eine Ahnung davon, wie weit es gehen würde, hatte ich nicht, aber es war früh am Abend und ein Fuffi extra hätte umgehend Feierabend bedeutet. Der Name seines Dorfes sagte mir nichts, aber er nannte mir gleich mal die Autobahn, woraufhin ich losfuhr und beschloss, das Navi erst irgendwann unterwegs zu programmieren.

„Und wie weit ist das etwa?“

fragte ich, was ungewohnt war, weil ja meist ich den Kunden sage, wie weit ihr Weg ist.

„Das kann ich ihnen ziemlich genau sagen: Das sind so 125 Kilometer.“

Ja, fick doch die Henne! finde mal einen Satz ohne Ausdrücke für so einen Glücksfall!

Ich hab dann gleich eingewandt, dass ich bei so einer Distanz durchaus noch was auf den Taxameterpreis aufschlagen müsste, weil überhaupt und sowieso.

„Ja, das wird schon kein Problem sein. Da machen die nicht rum bei sowas. Personenunfall. Hab einen totgefahr’n.“

BÄM. Ich hatte schon viele Sätze im Taxi, die wie ein Schlag ins Gesicht waren, aber das war wirklich einer der ganz besonderen. Wobei ich das nicht negativ meine. Wie oft denkt man bei diesen Verspätungen wegen „Personenschaden“ über das nach, was passiert ist! Und wie sprichwörtlich ist der Lokführer, der dann am meisten darunter zu leiden hat, wenn man auf diese Art seinem Leben ein Ende setzt!

Und ich hatte einen im Auto, mit dem ich mich mehr als eine Stunde unterhalten konnte.

Ich habe viel gelernt dabei. Über die Bahn, über das südliche Berliner Umland und auch über das, was da wohl passiert ist. Ich werde nicht ins Detail gehen, das geht in diesem Fall nicht. Werther-Effekt* und so. Nicht wegen der Person meines Fahrgastes. Der hat das alles zumindest scheinbar gut weggesteckt. Ein Pragmatiker, wie ich es auch gerne mal bin.

„Der wollte das.“

„Hmm, da kann man nix machen, oder?“

„Ach was!“

Ich weiß bis jetzt nicht, ob ich mich mehr über das äußerst interessante Gespräch oder die Tatsache, dass die Schicht damit 300% des erwarteten Umsatzes gebracht hat, freue. Oder gar darüber, dass auch mein beim Verlassen des Hauses am Abend spontan beschlossenes Schichtziel unerwartet in Erfüllung gegangen ist. Da hatte ich nämlich festgestellt, dass es eine herrlich sternenklare Nacht werden würde und ich wollte unbedingt mal wieder einen nicht-Berliner Sternenhimmel betrachten. Also einen ohne (allzu viel) Lichtverschmutzung. Und ich bin ein paar Kilometer vom Fahrtziel entfernt dazu gekommen, bei einer Kippen- und Pinkelpause.

So traurig der Anlass der Fahrt und damit des Blogeintrages war, so angenehm war es für mich gestern. Selbst das, wenn sonst alles gut geht obligatorische, 20-minütige Frieren an der Bahnhaltestelle hat mir die Laune nicht verderben können.

Das Leben ist zu schön, um sich vor Züge zu schmeißen, ehrlich!

*Falls jemand jetzt nach dem Lesen das Gefühl hat, Suizid könnte eine Lösung sein: Ich bin mir sicher, dass es das nicht ist! Mal davon abgesehen, dass auch der o.g. zusammengerechnet ein Vierteljahr Lebenszeit anderer Menschen gekostet hat, die nichts damit zu tun hatten, gibt es doch andere Möglichkeiten. Hier findet sich ein reichhaltiges Angebot an Hilfe, noch dazu im lustigen 90er-Jahre-Webdesign. Sollte man sich schon deswegen mal angesehen haben. 😉

So sollte es immer laufen …

Das denkt man sich natürlich öfter mal. Und wenn ich eines sagen kann, dann, dass z.B. die Freitagsschicht dieses Wochenende total unwahrscheinlich verlief. Ich war mit Unterbrechungen nur kurz draußen und hab verdammt wenige Touren gehabt. Die waren allerdings dermaßen überdurchschnittlich …

Vom Ostbahnhof hab ich in jener Nacht genau 3 Touren gefahren:

1.  Über Friedrichshain in den Wedding: 22,00 € + 3,00 € Trinkgeld.

2. Nach Teltow:  34,20 € + 5,80 € Trinkgeld.

3. Nach Petershagen: 40,20 € + 4, 80 € Trinkgeld.

Und ja: Das waren wirklich alle! Ich hab da keine der üblichen 6,80€-Fahrten unterschlagen. Dafür musste ich halt jedes einzelne Mal leer in die Stadt zurückgondeln. Der Kilometerschnitt blieb mit 0,73 € über die ganze Schicht sehr bescheiden. Aber irgendwas ist ja immer …

Ja, wow und so, ne?

Ich stand so mit einem Kollegen aus meiner Firma am Ostbahnhof. Er hatte nur kurz auf der Durchfahrt angehalten, ein kleiner Luxus der Nachtschicht. Da bleiben die Taxifahrer schon mal in zweiter Reihe stehen, um zu quatschen. Ich selbst stand auf Position vier, hatte also noch ein wenig Wartezeit vor mir. Dachte ich zumindest. Denn unser Gespräch wurde recht jäh unterbrochen von einem jugendlichen Kerl, der mich mit folgenden liebenswerten Worten anquatschte:

„Was‘ los, bisse frei? Machnwer Erkner?“

Ja, scheiß doch die Wand an! Prima Tour ins Umland, auf dem berüchtigten Silbertablett serviert. Die Verabschiedung des Kollegen fiel quasi komplett aus – auch etwas, das man lernt als Taxifahrer. Wir haben unglaublich viel Zeit, „während der Arbeit“ miteinander zu quatschen, dann aber kommt wer und das Gespräch endet schonmal so in etwa:

„Nee, und ganz interessant bezüglich des neuen Navis ist, oh Kundschaft, man sieht sich!“

Und die ganz große Herausforderung für uns alle ist, unseren Freunden und Partnern zu erklären, dass wir auch Telefongespräche mal derart beenden müssen. 🙂

Aber man will so eine Tour ja auch nicht verlieren, nur weil man sich noch ausquatschen muss. In dem Fall hat das gut geklappt und ich hatte den Fang bei mir im Auto sitzen. Also Erkner. Schon ein paar Mal war ich da, aber ehrlich gesagt trotz Nähe zur Stadtgrenze immer mit Navi. Das ist jetzt echt kein tolles Eingeständnis, aber ich bin halt Zugewanderter. Ich hab wie blöde auf die Ortskundeprüfung gelernt, die aber ist mit komplett Berlin schon umfangreich genug. All mein Wissen übers Umland habe ich nur (!) aus den Fahrten dorthin. Und die sind einfach mal selten. Deswegen schätze ich da heute noch vieles falsch ein. So viel im Vorfeld dazu, dass ich erst darüber nachdachte, über die Autobahn zu fahren. Schließlich gibt es doch auf dem Weg nach Frankfurt einen Abzweig nach Erkner …
Ja, ist Bullshit. Der Umweg ist so groß, dass man keine Zeit spart – das hab ich erst während der Tour von meinem Navi erfahren. Das dadurch anfänglich etwas blöde Umhergegurke beendete ich dann immerhin halbwegs rechtzeitig und der Umweg hielt sich in Grenzen. Aber so ganz ohne Grund war das auch nicht, denn der junge und sehr relaxte Kerl hatte es eilig. Richtig eilig!

Er wollte einen Zug erwischen, für den wir die Strecke in irgendwas knapp über einer halben Stunde hätten schaffen müssen. Deswegen die verzweifelte Suche nach einer schnellen Route.

Hektische Fahrten sind immer mies. Denn hier geraten die eigenen und die Kundeninteressen ganz massiv aneinander. Sicher, die Tour schnell rumbringen wollen wir auch, aber keine einzige Fahrt, die einem durchschnittlich auch nur einmal passiert als Taxifahrer, ist auch nur einen einzigen Monat Fahrverbot wert. Selbst eine Fahrt in meine Heimatstadt Stuttgart ersetzt mir nicht den Lohn eines Monats Arbeit. Und die Fahrt nach Erkner wäre schon für’n Arsch gewesen, wenn auch nur 20 € Bußgeld anfallen würden – was bei einem Blitzer und 11 km/h Übertretung der erlaubten Geschwindigkeit schon der Fall wäre …

Das kann man sich ruhig mal vor Augen halten, wenn man der Meinung ist, der Taxifahrer da fahre doch ein bisschen lahm.
(Und ja: Ich weiß, dass viele Kollegen trotzdem rasen wie die Irren. Dafür, dass nicht alle ganz knusper sind, kann ich auch nix.)

Auf der anderen Seite will man ja auch ein guter Dienstleister und/oder einfach nett sein. Auch mal locker sein. Ein bisschen mehr geben, als es jetzt notwendig gewesen wäre, einen besonders guten Eindruck hinterlassen. Oder dafür Sorge tragen, dass ein Kunde nicht nachts stundenlang auf einem Provinzbahnhof stehen muss.

Ich hab mein Kistchen also unter Einbeziehung aller notwendiger Vorsichtsmaßnahmen so gut befeuert, wie es nur ging. Straßenrand und Tacho im Auge behalten, bei bekannten Abkürzungen kurzen Prozess gemacht, die Gelbphasen bis aufs Letzte genutzt. Und mein Kunde war ein Guter. Ehrlich. Er hat mich nicht zum Rasen gezwungen. Ich hab versucht, es ihm recht zu machen, mehr nicht. Wir haben uns viel unterhalten und er hat sogar ausdrücklich klargemacht, dass es ihm leid tue, dass er mir das jetzt indirekt so stressig machen würde. Sein Onkel Harry sei ja auch Taxifahrer, bei ihm im Dorf, er kenne ja die Geschichten. Aber mehr als den Fuffi jetzt hätte er halt nicht, sonst hätte ich ihn gerne bis ganz nach Frankfurt bringen können, dann wäre die Zeit auch egal …

Traumkunde. Also wenn man vom Zeitplan absieht.

Und hey: Der Onkel ist Taxifahrer, er hat einen Fuffi und die Fahrt wird nur knapp über 40 kosten … ja, man denkt bei solchen Touren auch mal übers Trinkgeld nach. 😉

Diesen Teil hat der Kollege Harry aus einem Kaff bei Oldenburg aber offenbar eher stiefmütterlich behandelt. Denn obwohl die Fahrt stressfrei verlief und wir am Ende unter Ausnutzung einiger wirklich nur sehr schwer noch als grau definierbarer StVO-Grenzbereiche 5 Minuten vor dem Zug am Bahnhof Erkner ankamen, ergab sich folgender Dialog:

„Tja, bitte! Das hätten wir. Gerade so, aber immerhin. Dann wären wir bei 41,80 €.“

„Ja, hier. Mach einfach 42.“

Ja, wow und so, ne? 🙁

Aber gut, der Umsatz war klasse, es ist mal wieder alles gut gegangen, da wollen wir wohl besser nicht meckern.

Kleiner Link am Rande: Eine der tollen Touren nach Erkner war diese hier: Teil 1 | Teil 2 | Teil 3