Osama und Lisa (1)

Abend oder Morgen? Die Sonne hatte den Horizont bereits überschritten, aber mir fehlten noch ein paar Euro auf der Uhr, um beruhigt Feierabend machen zu können. Die Frage nach einer angemessenen Tageszeitbeschreibung kam aber gar nicht auf, als mir der junge Mann bedeutete, ich solle einsteigen, um ihn zu fahren. Begrüßt hatte er mich eine Sekunde zuvor mit dem vielsagenden Laut: „Hsslssmmmhah!“ Oder so ähnlich.

Ich war etwa das zehnte Taxi von zwanzig in der Schlange und sonderlich großraumbedürftig sah er nicht aus. Etwas irritiert und überrascht war ich also nicht ganz ohne Grund. Ich musterte den Typen vorsichtig und konnte nicht viel aus ihm herauslesen, außer dass er blau war wie Picassos Periode. Er wollte wohl so um die 30 sein, eher kleinerer Wuchs, aber sportlich. Oberhalb des enganliegenden T-Shirts bestand der Typ aus einem Grinsen mit abenteuerlich großen Zähnen und einer hellbraunen Glatze. Er verfiel umgehend in eine Art Wühltätigkeit, die seine Taschen betraf.

„Wo soll es denn hingehen?“

„Haha, Alter! Keine Ahnung! Feiern!? Ich hab kein Plan. Wo sind wir hier überhaupt?“

„Wir sind am Berghain.“

„Berghain? Oh nee. Hat noch ein anderer Club offen?“

„Sicher, so spät ist es ja nicht. Das Watergate z.B.“

„Watergate. Das is gut! Bringste mich dahin?“

„Klar.“

Während ich startete, förderte sein ständiges Wühlen einen Batzen Fuffis zum Vorschein. Die 6€-Tour mit einem solchen beglichen zu bekommen, stand jetzt nicht unbedingt oben auf meiner Wunschliste, aber es war dennoch angenehm zu sehen, dass der Kerl Kohle hatte. Er selbst jedoch sah das anders und bemängelte den Verlust von viel Geld. Ich entwickelte eine Ahnung davon, wie es dazu kommen konnte, denn er verteilte seinen noch verbleibenden Reichtum, grob geschätzt 500 €, beim weiteren Suchen hemmungslos in meinem Auto. Dass kein Schein aus dem Fenster geweht wurde, war auch alles.

Plötzlich bat er mich an der Eastside-Gallery anzuhalten. Ich blickte etwas mitleidig zu einer potenziellen Winkerin hinüber, befürchtete gar, er würde jetzt auch noch mit Bagger-Versuchen während einer Zwei-Kilometer-Tour anfangen wollen. Andeutungen in die Richtung hatte er davor durchaus durchscheinen lassen. Aber ich hatte Glück. Ich ließ die junge Dame am Straßenrand stehen und hielt mit meinem kuriosen Fang ein paar hundert Meter weiter. Und – das sei erwähnt – lediglich 400 Meter vor dem eigentlichen Ziel.

Fast panisch sprang mein Fahrgast aus dem Wagen, um an seinem Körper und im Auto weiter nach Geld zu suchen. Einen Fuffi legte er mir gleich aufs Armaturenbrett, als Vorschuss quasi.

Fortsetzung folgt …

18 Kommentare bis “Osama und Lisa (1)”

  1. David sagt:

    Ohh nää, schon wieder ein Cliffhanger 😉
    Fängt schon mal spannend an

  2. Caron sagt:

    Ich frag mich ja immer, wo diese Leute, die so mit Geld umgehen … soviel Geld haben … Ich meine, ernsthaft: Soviel ehrliche Jobs, bei denen für ein Wochenende 500€ zum im Taxi rumschmeißen bleiben, gibts nicht und die gehen gewöhnlich nciht an solche Typen.

  3. Sash sagt:

    @David:
    Du hast damals in der Schule auch die Sommerferien gehasst, weil Du wissen wolltest, wie es weitergeht, oder? 😉

    @Caron:
    Manchmal frage ich mich das auch. Aber ich glaube ehrlich gesagt, dass das oftmals wirklich die Töffel sind, die sich ihr Monatsgehalt am ersten abheben und dann den Rest der Zeit verzweifelt sind. Würde dieses Mal auch vom Datum her passen. Und egal, was für einen Job man macht: ein paar hundert Euro sind es dann am Ende ja doch.

  4. Zero the Hero sagt:

    Solche Jobs gibts schon. Man denke nur an Verkäufer auf Provisionsbasis oder Agenten, da kann gut was rumkommen.
    Und wenn man ausreichend verdient, dann schleppt man zwar gerne mal paar Hundert Euletten mit (sozusagen als „Grundlast“), gibt aber als Mann (wenn ledig) eben nicht unbedingt soviel mehr aus, weil irgendwo der Zeitpunkt kommt, wo man praktisch alles hat (und mehr als 10 Bier kann man auch nicht im Club zischen, irgendwann geht einfach nichts mehr in den Hals hinein). Irgendwann macht einem Mann das gewaltsame Geldausgeben eben auch einfach keinen Spaß mehr.

    Als Frau…da würden paar Hunderter als ständiger Sockel nicht funktionieren, die Versuchungen IKEA, Leiser oder KdW wären zu stark 😉

    btw: ein Batzen Fuffis klingt wirklich nach „bei der Bank abgehoben“, Kohle aus anderen Quellen ist meist anders gestückelt.

  5. ednong sagt:

    @Zero …
    Ja, ich mußte bei Frauen auch gerade ans Schuhe kaufen denken – das GEld würde wahrlich nicht lang halten … ,)

  6. Bernd K. sagt:

    @Caron+Sash
    Die gleichen Gedanken hab ich auch gehabt.
    @Zero
    Auch als Kerl kannst du doch ziemlich schnell eine Menge Geld ausgeben und das auch wiederholt:
    Statt Bier dann Wein, Schampus oder irgendwelche Shakes von der Bar. Bei den Klamotten gibt es Edelmarken, wo du locker ein Mehrfaches des „normalen“ zahlst. Und wenn du dann noch ein wenig modebewusst bist, vielleicht gerade als lediger…

    Ansonsten jetzt gespanntes Warten auf die Fortsetzung!

  7. Zero the Hero sagt:

    Wenn man mit Bier sozialisiert wurde, dann steigt man eher nicht auf Schampus oder Longdrinks (*urglärks*) um.
    Und Nobelmarken: das ist Geldausgeben um des Geldausgebens Willen.
    Wir sind Männer! Die einzige Mode, die wir kennen ist eine alte löchrige Jeans, an die wir uns seit zig Jahren schon gewöhnt haben und die aus Erfahrung nicht im Schritt kneift 😉
    Sonstiges Geldausgeben: jeden Tag in den Puff macht irgendwann auch keinen Spaß mehr, weil es in Arbeit ausartet.
    Irgendwann ist man so saturiert, daß man selbst durch den Pornoladen an der Urania (der mit dem blauen C) latschen kann, ohne irgendwas zu kaufen.

  8. Rosa sagt:

    Also, mir als Frau geht es auch so, dass ich mehr verdiene, als ich ausgebe und da kommt es auch mal vor, dass ich mehrere Hundert Euro im Geldbeutel habe, wenn ich grad abheben war. Aber nicht, wenn ich weggeh, weil da weiss ich schon, dass ich das nicht ausgeben werde. Und die Kreditkarte im Geldbeutel führt auch nicht dazu, dass das Geld auf dem Konto weniger wesentlich wird, auch wenn ich sie ab und zu mal nutze.

  9. Bernd K. sagt:

    @Zero
    Ganz klar, falsche Sozialisation 😉
    Ich merke schon, wir beide hätten Schwierigkeiten so zu werden wie der erwähnte Fahrgast.

  10. ednong sagt:

    @ Rosa
    Also, für dein Geldproblem hätte ich da ein Konto für dich …

    @ Sash
    Und bei Cliffhängern fällt mir grad Jan so ein …

  11. David sagt:

    @Sash Nee, ehrlich gesagt find ich deine Geschichten dann doch ein wenig spannender als Schule 😉

  12. Sash sagt:

    @ednong:
    Na, das sich das erledigt hat, ist doch offensichtlich …

    @David:
    Das freut mich! 🙂

  13. ednong sagt:

    @ Sash
    Was? Wie? Der kommt nicht wieder? So kannst du doch nciht einfach eine Story beenden!

  14. Fahrgast sagt:

    […]
    einen Batzen Fuffis zum Vorschein. Die 6€-Tour mit einem solchen beglichen zu bekommen, stand jetzt nicht unbedingt oben auf meiner Wunschliste
    […]

    Wieso ist das so? Wegen Wechselgeld? Oder Überfallgefahr? Sorry für die Frage 🙂

  15. Sash sagt:

    @Fahrgast:
    Ja, beides sozusagen. Wir haben wegen der Überfallsgefahr meist nur recht wenig Wechselgeld dabei. Und deswegen sind wir immer froh im kleinere Scheine und Münzgeld.

  16. […] empfehlen, aber in der Realität kostet es mich als Taxifahrer dann doch manchmal Nerven (siehe Osama und Lisa ff.). Hier […]

  17. […] Link am Rande: Eine der tollen Touren nach Erkner war diese hier: Teil 1 | Teil 2 | Teil […]

  18. […] bin ich bei zusammengewürfelten Fahrten immer etwas skeptisch. Am Ende packt man sich wie mit Osama und Lisa (ff) noch ein kleines Halbdrama mitten in die glückliche Tour […]

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