Die Konkurrenz untereinander

oder 2:1

Es gibt zwar wahrlich aufregendere Themen am Taxistand, aber natürlich unterhält man sich über gute Fahrten, die Umsätze, das Geschäft. Und man neckt sich auch mal.

Da ist zum Beispiel Kollege Rolf, der unter uns Nachtfahrern einen Ruf wegen dauernder Fernfahrten weg hat. Er war es, der beim Sturm Niklas nach Hamburg weggekommen ist – und als ich einmal nach Cottbus gefahren bin, hatte er denselben Fahrgast am nächsten Abend auch nochmal.

Und dann bin ich am Samstag an den Ostbahnhof rangefahren und der Kollege steht da und erzählt einem anderen, dass er vorher eben vom Ostbahnhof bis nach Zehlendorf gekommen sei.

„Na Rolf“,

warf ich ein,

„Da biste heute aber nicht der mit der weitesten Tour gewesen. Ich komm‘ grad aus Fürstenwalde.“

Das war nicht gelogen. Ich hatte aus heiterem Himmel einen Bahn-Coupon bekommen. Letzter Abend des Streiks und so.

Nun ist die Glückspilzeritis bei Rolf aber derart akut, dass er 10 Minuten später vor meinem Auto steht, einen Bahncoupon hinhält, auf dem „Ostbhf – Fürstenwalde“ steht und meint:

„Na Kollege, haste so einen bekommen vorher?“

„Ja. Und äh … der jetzt?“

„Der is‘ von meinem Kunden. Der raucht gerade noch eine …“

Der Kerl ist nicht zu toppen! Keine Ahnung, wie er das macht.

Kaum dass Rolf weg war, kam ein anderer Kollege und fragte mich, wie’s an der Halte laufen würde. Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass es so mittel sei, aber Coupons nach Fürstenwalde im Spiel seien. Also hat er sich angestellt und wir haben gequatscht. Er meinte, dass er so eine Fahrt auch noch brauchen könnte jetzt, der Umsatz war bis dato nicht so dolle; während ich darüber sinnierte, ob irgendwer schon mal zwei lange Umlandstouren in einer Schicht hatte. Und als den Kollegen ein potenzieller Fahrgast etwas fragt, erscheint wie aus dem Nichts plötzlich eine junge Frau neben mir, hält einen Coupon hoch und fragt:

„Fürstenwalde?“

Die Frau hat die einstündige Fahrt gemütlich schlafend auf dem Beifahrersitz verbracht und ich hab mich, so langsam kurz vor Feierabend, auf die dunklen Landstraßen im Wald konzentriert. Einmal musste ich allerdings grinsen – und das war, als Rolf mir entgegengefahren kam. Ich kann es kaum erwarten, ihn am Donnerstag wiederzusehen … 😀

Langes Warten, heute mal die schöne Form

Langes Warten ist immer doof. Allem voran wegen des Umsatzes, aber nach einer gewissen Zeit nervt’s auch einfach. Und so stand ich am Freitagabend schon ziemlich mismutig am Ostbahnhof, als nach einer Stunde ein Paar an mich herantrat und mich fragte, was es nach Nauen kosten würde. Sie konnten die Entfernung mit rund 50 Kilometern sehr akkurat angeben, während ich mich noch fragte, wo zur Hölle dieses Nest liegen soll. Umland – und dann auch noch das westliche – ist jetzt ja nicht so meine Stärke.

Als ich ihnen mal 80 € als Preis genannt hatte, zögerten sie zwar, winkten dann aber ab und sagten, dass sie den Zug nehmen würden. Na klar, wenn’s scheiße läuft, läuft’s auch gleich richtig scheiße. Und so stand ich dann weiter da, jetzt auch noch frustriert. Davor hätte ich eine kurze Tour ok gefunden, jetzt, nachdem ich Blut geleckt hatte, wusste ich, dass ich mich über alles was nicht mindestens so weit wie Nauen wäre, ärgern würde.

Und dann kamen sie nach 10 Minuten einfach zurück, sagten, sie wollen doch mit mir fahren und baten sich nur noch kurz eine Kippenpause aus. 0.0

Und dann sind wir nach Nauen gefahren. Flott, ruhig, super Tour. Noch schöner wäre allerdings, wenn ich irgendeine Ahnung hätte, wieso ich am Ende der Fahrt nur noch 70 € als Fahrtpreis angesagt habe. Aber was soll’s, es hat schon gepasst so. 🙂

Die „guten“ Touren immer zuletzt

So hatte ich mir das heute morgen jedenfalls gedacht. Die Schicht war neun, abzüglich der Zeitumstellung acht Stunden alt. Nicht komplett vorbei, aber auf gutem Wege. Und die Tour war super, wenn auch noch einiges an Weg zum Abstellplatz zurückzulegen war. Noch ein oder zwei Winker hätten ja gut gepasst.

Stattdessen stieg mir nach dieser netten Plauderrunde mit fantastischem Trinkgeld sogar umgehend eine weitere Gruppe zu. An der Kulturbrauerei, direkt nach dem Absetzen des wohl besten Fahrgastes. Ich wollte schon weiterfahren, weil ein paar Kollegen dort an der Halte standen – dann aber sah ich, dass es eine Großraumtour werden würde, die keiner der Kollegen machen konnte: Der besoffenen Honks waren es fünfe. Ich möchte die Ausdrucksweise über meine zahlende Kundschaft nicht einreißen lassen, aber es waren Honks. Alles Männer zwischen 40 und 50, voll bis Oberkante Unterlippe und rumnervend wie es mir mit 17 nicht eingefallen wäre.

Aber gut, Zusatzsitz raus, gute Miene zum bösen Spiel, die rocken wir jetzt auch noch weg!

„Wo soll’s hingehen?“

„Dallgow-Döberitz.“

Fuck!

30 Kilometer, 50 Minuten. Und ich hätte sie ablehnen dürfen. Aber klar, das Geld … und sie saßen nun ja schon drin …

Aber was war das für eine Tortur. Bitten, die Uhr auszumachen – wegen 100 Meter baustellenbedingtem Umweg. Lautes Rumbrüllen, langweilige Stories … aber das steckt man als Nachtfahrer ja noch locker weg. Die waren eh so druff, die hätten nach 10 Minuten alle pennen müssen. Aber nein: Stattdessen haben sie in abwechselnder Besetzung jeden Kumpel gepiesackt, der eingeschlafen ist. Laut, mit Ohrfeigen und dummen Sprüchen. Der hinter mir trat mir gelegentlich ins Kreuz, der in der letzten Sitzreihe beschwerte sich andauernd. Dauernd Nachfragen, wann wir endlich da wären, unterbrochen durchs Brüllen derer, die wachgeohrfeigt wurden … alter Schwede. Und dafür hab ich meinen Feierabend um eine ganze Stunde verschoben.

Ich bin wirklich NICHT zu alt für den Scheiß. Ich mag die chaotischen Truppen auf eine gewisse Art ja auch ganz gerne. Aber die Kombination aus unlustig, laut, lang und nervig im Zusammenspiel mit meiner Müdigkeit, der falschen Richtung … das fällt so eben auch selten zusammen.

Aber man sollte ja auch die positiven Seiten nicht vergessen: Ich hätte sonst nicht mehr so viel Umsatz gemacht – und außerdem fühlt sich der Feierabend nach so einer Fahrt auch WIRKLICH gut an. 🙂

Nur ein Beispiel

oder

warum ich das mit der Tarifbindung für eine gute Sache halte

Dass wir Taxifahrer uns im Pflichtfahrgebiet an die jeweiligen örtlichen Taxitarife halten müssen, ist immer wieder Grund für Ärger. Wie immer, wenn’s um Geld geht. Da haben wir einmal die Kunden, die natürlich gerne weniger zahlen wollen und auf der anderen Seite die Fahrer, die mehr verdienen wollen.

Aber wär’s so schlimm, wenn beide das bekämen, was sie wollen?

Grundsätzlich natürlich nicht. Preisfindungsprozesse bei Waren und Dienstleistungen sind abgesehen von einfachen Grundregeln komplex und natürlich kann der Taxitarif wie jeder andere Preis in bestimmten Fällen falsch im Sinne von „nicht optimal“ sein. Für mich hat eine Fahrt mit 6 pöbelnden Jugendlichen auch einen anderen Wert als eine mit einem netten Rentnerpärchen. Selbst wenn sie am Ende ähnlich lang dauern und laut Taxameter gleich viel kosten. Und für den durchgefrorenen Kunden an Silvester ist das Taxi für die 8 Kilometer Heimweg sicher auch mehr wert als Samstag Abends, wenn man sowieso noch zu dritt unterwegs ist und die Bahn alle 15 Minuten fährt.

Andererseits finde ich es auch schön, dass mich die Fahrkarte der BVG nicht ausgerechnet im Berufsverkehr mehr Geld kostet, weil der Platz da besonders knapp ist und man nunmal zur Arbeit muss …

Kommen wir nun zum aktuellen Beispiel. Das betraf zwar nicht das Pflichtfahrgebiet und ist damit keine illegale Abweichung vom Tarif gewesen – aber der angesprochene Kollege hat ganz gut gezeigt, wie absurd eine freie Preisverhandlung unter Umständen laufen kann.

Er stand am Ostbahnhof und unterhielt sich mit einem anderen Taxifahrer, der beim Funk eine Vorbestellung erwischt hatte. Es stellte sich raus, dass es wirklich um eine gute Tour ging, nämlich eine bis nach Cottbus. Der wartende Fahrer schien schon sehr glücklich darüber zu sein, aber besagter Kollege redete ihm ins Gewissen:

„Du musst unbedingt mit denen reden. Sag denen, dass Du die Uhr hin und zurück anlassen musst. Da ist Spielraum, da kannst Du immer mehr rausholen als ausgemacht. Ich bin einmal für 500 € nach Cottbus gefahren, das lohnt sich, glaub mir!“

500 €. Das kann natürlich die übliche Angeberei unter Kollegen gewesen sein, aber selbst wenn es übertrieben war: An die 180 €, die ich vor geraumer Zeit mit gutem Gewissen für diese Tour genommen hab, scheint der Kollege wirklich nicht gedacht zu haben.

Das für sich ist ja wie gesagt nicht unbedingt dramatisch. Obwohl es mir in den Fingern juckt zu schreiben, dass eine bessere Bezahlung von uns Taxifahrern zwar Not tut, 500 € aber zumindest gefühlt die Grenze zum Wucher überschreiten. Wirklich bescheuert wurde es, als in diesem Moment drei junge Männer auf mich zutraten, da ich nicht ins Gespräch involviert war und mir ein „Angebot“ machten:

„Hey Digger, wir ham’n Deal für Dich: Wir geben dir 60 € und Du bringst uns nach Fürstenwalde. OK?“

„Hmm. Nö. Das ist zu wenig.“

Die Irritation der Jungs dauerte nur kurz, denn der Kollege von eben bedeutete ihnen umgehend, bei ihm einzusteigen. Er mache das schon.

Mich hat das nur bedingt gestört. Es war Samstag und ich hab in den drei Stunden, die mich die Fahrt gekostet hätte, eher so um die 80 € Umsatz gemacht. Bei einem Drittel der Kilometer und sicher mindestens dem Doppelten an Trinkgeld. 60 € waren schlicht zu wenig.

Ich glaube, ich bin halbwegs vernünftig bei der Preisermittlung, wenn ich sie ins Umland mal selbst bestimmen kann. Ich versuche darauf zu achten, dass sich der Deal für mich und meine Firma zumindest halbwegs lohnt, mache darüber hinaus aber auch möglichst niedrige Preise für die Kunden. Da kommen dann für Cottbus eben 180 € und für Fürstenwalde 100, oder ausnahmsweise auch mal 80 € raus. Und natürlich akzeptieren das manche Kunden, manche auch nicht. Den freien Markt beschwörend hat der Kollege zweifelsohne mehr rausgeholt. Er hat irgendwem 500 € für Cottbus aus dem Rücken geleiert und im Gegenzug die Jungs für 60 € nach Fürstenwalde mitgenommen. Kann man gut finden, hat ja jeder bekommen, was er will.

Auf der anderen Seite hat der Kollege jetzt zwei nicht sonderlich gute Kunden hinterlassen:

Der eine greift vermutlich nächstes Mal auf einen Hubschrauber zurück. Ich hab auf die Schnelle keine Preise gefunden, aber ich könnte mir vorstellen, dass man es mit ein wenig Glück schafft, 500 € für diese Strecke zu unterbieten. Wenn nicht, bleibt das Taxi als absurd teuer im Gedächtnis – was es im Vergleich zur Bahn auch mit mir gewesen wäre, nur halt wenigstens um die Hälfte günstiger. Auf jeden Fall aber ist das jetzt als total unberechenbar abgespeichert.

Und die drei Jungs werden in den nächsten Jahren nicht vom Glauben abfallen, dass 60 € nach Fürstenwalde für uns lohnend genug sind und alle anderen sie nur abzocken wollen. Cottbus wäre zu dem Tarif übrigens mit 120 bis 140 € erreichbar.

Und was außerhalb des Pflichtfahrgebietes legal möglich ist, trifft stellenweise eben auch für innerhalb zu. Natürlich könnte ich die ein oder andere Fahrt deutlich günstiger machen. Andere müsste ich dann halt teurer machen, denn mit den bisherigen Tarifen komme ich etwa auf Mindestlohnniveau, das abzusenken ist also keine Option. Ich könnte am Wochenende in der City Rabatte anbieten, das Pech mit teureren Fahrten hätten halt die Leute, die in den Randbezirken wohnen. Oder zur falschen Uhrzeit fahren müssen. Wenn ich mir die zugehörigen Szenarien ausmale, gewinne ich jedenfalls nicht den Eindruck, dass eine freie Preisgestaltung am Ende z.B. sozial schwache Menschen besserstellen würde und damit insgesamt fairer wäre. Denn ebenso wie die Kunden hätten auch wir Taxifahrer mehr Einfluss auf die Preise – und ein Wegfall der Beförderungspflicht würde damit zudem wohl auch einhergehen, denn was soll sonst passieren, wenn man handelt, sich aber nicht einigen kann?

Nicht alle Taxitarife sind super hierzulande. Ob für Fahrer oder Kunden. Und selbst für die besten Tarife gibt es natürlich irgendwelche Fahrten, für die selbst sie unsinnig sind. Die einen Tarife schwächeln dank politischer Interessen, die anderen dank ungenauer Datenlage. Irgendwas ist immer, wenn man sowas festlegt. Grundsätzlich halte ich die Idee aber für richtig.
Und – das darf man nicht vergessen – sie betrifft „nur“ Taxis, die öffentlichen Verkehrsmittel. Unserer Konkurrenz wird diese Preisbindung nicht auferlegt, auch wenn Spinner wie die Gesellen von Uber z.B. das bisweilen implizieren. Dass andere Fahrdienstanbieter meist nicht oder nur wenig günstiger sind, liegt schlicht an der Wirtschaftlichkeit und hat mit der Tarifbindung überhaupt nix zu tun.

Das tägliche Lotto

„Jungs, nehmt Ihr uns mit?“

Ich hab gerade mit einem Kollegen geplaudert, den ich nicht wirklich kannte, hab mich entsprechend schnell aus dem Gespräch gelöst und der Dreiertruppe zugesagt:

„Logo.“

Ich stand ganz vorne, der Kollege war der einzig weitere. Die Kunden konnten sich nicht gleich entscheiden:

„Wo stei’n wir ein? Opel, Daimler, Daimler, Opel?“

„Mir egal, aber mach hinne! Es ist kalt!“

Ich hab auch gleich gesagt, dass sie sich’s aussuchen können – angetrunkene Jungs, die rummeckern, braucht ja niemand. Sie haben sich dann aber spontan doch für mich entschieden und sind zügig eingestiegen.

„Du weißt aber schon …“

begann der erste fast schon bedrohlich irgendwas einzuwerfen, so dass ich vorsichtshalber gleich das Schlimmste erwartet hab. Aber nee:

„… dass Du jetzt ’ne ganz schöne Strecke vor Dir hast?“

Und wo ging’s hin? Tatsächlich bis nach Falkensee – und der kürzeste Weg war auch nicht ihr Ding:

„Ach, fahr ruhig Heerstraße.“

Und auch sonst war das die definitiv beste Fahrt der letzten Wochen. Sie hatten einen im Tee, und einem war sogar schlecht. Aber das Verantwortungsbewusstsein in Person. Man kann sich immer mal vertun, aber der hat mich umgehend überzeugt, dass er sich eher eine Tasche zum Reinreihern häkeln würde, bevor er das Auto in Mitleidenschaft zieht. Er hat mir gesagt, dass er sich nur gerne an die Scheibe lehnen würde, aber eine Mütze aufhätte, und sie deshalb nicht verschmieren würde. Die Scheibe nicht verschmieren! Der Kerl hat mit dem einen Satz 80% der Normalkundschaft hinter sich gelassen. Aus irgendeinem Grund sind Taxischeiben ja besonders anziehend für die Fahrgäste. Würde man die Scheiben mal ein Jahr nicht waschen, würde man die Fingerabdrücke und DNA-Spuren einer mittleren Kleinstadt mit sich rumfahren. Und ausgerechnet einer, der mit „Mir ist schlecht!“ das Gespräch beginnt, achtet darauf. Noch dazu Dorfis, die zum Feiern in der Stadt waren …

Am Ende hab ich mit den dreien großzügig scherzend übers Ins-Taxi-kotzen gelästert, tatsächlich vernünftigen Gesprächen gelauscht und zuletzt einen Fünfziger bekommen, auf den ich nicht einmal mehr etwas rausgeben musste.

Was der Kollege für eine Tour bekommen hat, weiß ich natürlich nicht. Aber ich hab arge Zweifel an der Theorie, dass sie besser war.

Sehr passend

Die gestrige Schicht war langweilig. Extrem langweilig. Wenn ich meinen Kollegen Glauben schenken darf, dann hatte ich rein von der Auftragslage her noch Glück – aber bei genauem Hinsehen waren es nicht etwa viele Touren, sondern ein paar lange, die den Unterschied gemacht haben.

Lange Touren wären ja prima gewesen für lustige Geschichten, aber alles in allem war es wirklich eine trübe Sammlung an Kundschaft. Ein Italiener, mit dem ich mich wegen Sprachproblemen kaum unterhalten konnte oder ein paar Mädels, die so in ihr eigenes Gespräch vertieft waren, dass ich völlig außen vor blieb – so zog sich das durch die Schicht. Fast alle waren müde, maulfaul oder wenigstens uninteressant. Das kommt vor, ich hab dann halt auch eher Dienst nach Vorschrift gemacht.

Nachdem ich dann wirklich eine Stunde mal sinnlos rumstand, verging auch mir die Lust. 27,30 € fehlten mir noch auf mein selbstgestecktes Minimalziel, maximal anderthalb Stunden wollte ich noch auf der Straße sein. Dann wieder Flaute. Ein Kollege am Ostbahnhof murrte über seine Umsätze, bekam dann sogar vor mir seine Tour und war auch wieder da, bevor ich wegkam. Ganze 6,60 € hat er eingefahren – ich erwartete ähnliches.

Als ich zweites unter insgesamt vier Taxen war, näherte sich eine illustere Dreiergruppe und blieb vor meinem Auto stehen. Sie unterhielten sich, ich hab’s aber kaum hören können. Dann traten sie tatsächlich heran und einer der beiden Herren ließ die Dame wissen:

„Wir nehmen jetzt dieses Taxi!“

Mir sollte es recht sein. Wobei ich mich immer noch frage, weswegen sie genau mich ausgewählt haben. Ich hatte mit Abstand das älteste Auto am Stand und zu dem Zeitpunkt vermutlich noch nicht einmal besonders niedlich geguckt. Vor und hinter mir nagelneue E-Klassen, ganz zuletzt dann der Kollege mit einem Touran. Vielleicht waren es ja Blogleser, die sich nicht outen wollten.

Was überhaupt eine gute Erklärung wäre, denn die Fahrt passte wie Faust aufs Auge. Ich hatte vor, schnell meine 27 € einzufahren – und sie hatten eine 27€-Fahrt nach Eiche. Für die Nicht-Berliner: Eiche liegt außerhalb der Stadt direkt hinter Marzahn, wo ich wohne. Eine absolut perfekte Abschlusstour für mich.

(Aber manchmal wird man ja auch einfach so für absurd gute Touren ausgewählt …)

Schon zu Beginn ging es um die Fahrtstrecke. Ich hätte sie auf einer Route ans Ziel bringen dürfen, die zwei oder drei Euro mehr gebracht hätte. Mit den Makeln, dass das meinem inneren Perfektionisten nicht so recht passt (ein schweigsamer Geselle, aber immer wenn er mich ärgern kann, meldet er sich!) und dass sie nicht besser zu fahren war. Also hab ich nochmal nachgehakt und wir sind am Ende zumindest weitgehend meinen Weg gefahren.

„Ach, was macht das am Ende? Einen Fuffi?“

„Da würde ich gerne ja sagen, aber es sind wohl eher um die dreißig Euro …“

Ja, ich hätte den Preis frei vereinbaren können, bzw. sogar müssen. Aber bei Touren knapp jenseits der Stadtgrenze nehme ich gerne den Taxameterpreis, wenn es die Verhandlungen erspart. Hier hätte es sich offenbar gelohnt, doch zu verhandeln. Naja, kleiner „Fehler“ zugunsten der Kunden. Vielleicht bin ich zu gut für diese Welt. Wenn Ihr der Meinung seid, kauft zum Ausgleich eure Weihnachtsgeschenke über meinen Amazon-Link. 😉

Aber ich hatte mich sogar verschätzt. Wie das eben manchmal passiert. Die Fahrt brachte gar nicht mehr als 27 €, sondern nur so ganz knapp. Dann geschah etwas, das ich so von Nicht-Lesern (deswegen mein Verdacht) auch noch nie gehört habe: Ich sollte am Ende nicht einfach auf Höhe des Hauses halten, sondern ruhig noch bis zum Ende der Sackgasse fahren, wenden und dann erst anhalten:

„Das nehmen wir noch mit!“

Ganz harte Liebe, werte Fahrgäste! Aber: WTF?

Am Ende hat es trotzdem nicht gereicht. Die Uhr blieb bei 27,20 € stehen, ich blieb 10 Cent im Minus. Damn! 🙂

Im Ernst: Natürlich mache ich mir nix aus 10 Cent (also 4,5 Cent brutto). Aber wenn man schon Statistiken führt, dann gibt es halt die harte Grenze zwischen „erreicht“ und „nicht erreicht“. Andererseits wäre von dort aus wieder bis weit in die Innenstadt hineinzufahren wirklich nur sinnvoll gewesen, wenn ich noch ein oder zwei Stunden mindestens hätte ranhängen wollen. Also hab ich es gelassen. Und bin trotz der Verwunderung, warum ich die Fahrt bekam und wie man ein Schichtziel so zielsicher treffen kann, einfach nur zufrieden. Und heute gibt es dann hoffentlich ein paar interessante Touren mehr!

Preiskämpfe am Taxistand

Ein kleines Sorry an den Kollegen, dessen Fahrt ich vorhin übernommen habe, wäre wohl angebracht. Ja, ich hab die Tour vom Ostbahnhof nach Erkner für 45 € gemacht – aber ich find’s ok.

Ich hatte mich zusammen mit einem Kollegen aus meiner Firma noch darüber gewundert, was in dem Taxi vor mir wohl vorging. Die dort eingestiegene Kundin saß schon seit drei Minuten im Auto und selbiges ist nicht losgefahren.

„Ist vielleicht was komplizierteres …“,

meinte ich noch. Und dann stieg sie aus und kam zu mir. Ich hatte durchaus Sorge, dass es irgendein ernstes Problem gab, aber es war nur, dass der Kollege für die Fahrt 70 € haben wollte. Nun, nach außerhalb sind die Preise frei vereinbar und ich wusste, dass 45 € kein Problem wären. Zumindest für mich nicht. Ich weiß nämlich auch, dass einige Chefs da draußen wohl ziemlich streng auf den Schnitt schauen und zwei Euro pro Kilometer geradezu vorschreiben. Wie bei so vielen Dingen geht meine Firma uns Fahrern mit sowas nicht auf die Nerven. Natürlich kann ich nicht mal eben für einen Zwanni nach Hamburg gurken – aber so lange ich (mehr oder weniger) am Monatsende auf einen Euro pro Kilometer komme, fragt niemand nach, ob ich für eine Fahrt einen Fünfer „zu wenig“ genommen hab.

Ich hab die Fahrt also angetreten, meinen Umsatz für die Schicht damit komplettiert, mit einer netten und absolut unproblematischen Kundin eine halbe Stunde Zeit verbracht und am Ende einen Fünfer Trinkgeld einstecken dürfen. Ich bin zufrieden. 🙂

Dass das dumm gelaufen ist für den Kollegen, tut mir leid. Ehrlich. Und ich will hier auch keine Werbung für Niedrigstpreise machen. Ich hab selbst oft genug Fahrten abgelehnt, die sich für mich selbst zwar gelohnt hätten, die ich aber meinen Chefs nicht zumuten hätte können. Und mehr zu verlangen ist ja auch legal. Hätte die Kundin mir 70 € geboten, hätte ich ihr sicher nicht gesagt, dass weniger auch reicht. Und ich ärgere mich heute noch über den Deppen, der beim Innungsfunk den Kurs gehalten und damit angegeben hat, dass er auch für 130 € nach Leipzig fahren würde, weil er ja sonst „in der ganzen Schicht nicht so viel verdienen“ würde. Dem Kunden entgegenkommen ist das eine, sich oder die Firma ruinieren das andere. Mein Schnitt stimmt am Monats- und damit meist auch am Tagesende – im Rahmen dessen allerdings freue ich mich trotzdem gerne über Touren wie die heutige. 😀