Drängler

Gut, wahrscheinlich war es wirklich ein Missverständnis. Aber wie man in den Wald hineinruft …

Ich war am Neujahrsmorgen dank Pauls Kumpel in Mariendorf gelandet. Dann eine Kurzstrecke, direkt danach winkte es in Tempelhof. Im Grunde wie erwartet. Ich hab die Leute am anderen Ende der Kreuzung gesehen und nur im Augenwinkel ganz kurz hinter einem geparkten Auto eine Bewegung. War mir egal, ich hatte die Winker anvisiert und hielt nun neben ihnen an.

Ein freundlicher junger Mann drückte sich etwas umständlich aus, wollte aber nur wissen, ob ich bereit wäre, einen Hund mitzunehmen. Er hatte diesen Wunsch noch nicht ganz ausgesprochen, da schob sich eine korpulente Dame im Hosenanzug ins Auto und ein mit einem altmodischen Mantel bewaffneter Brillenträger verkündete dem jungen Kerl, dass das sein Taxi sei.

WTF?

Mal ganz abgesehen davon, dass mir die Truppe rund um den Typen mit Hund und Dreadlocks sympathischer war, fragte ich mich doch auch so, was das jetzt bitte sollte. Der Brillenträger erklärte in strengem Lehrer-Tonfall:

„Das ist unser Taxi! Wir haben es vor der Kreuzung schon herausgewunken und der Fahrer konnte leider erst hier halten.“

Während mich mein Fahrgast ein wenig entgeistert ansah, schob sich der Kerl mit dem Mantel ins Auto. Ernsthafte Proteste kamen keine, also war es offensichtlich an mir, die Lage klarzustellen:

„Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass es reichlich unverschämt ist, hier einfach im Nachhinein aufzukreuzen und meine Fahrgäste davon abzuhalten, hier ins Taxi zu steigen!“

Schien mir angebrachter als ein „Verpisst Euch, ihr Arschgeigen!“

Dass sie wahrscheinlich wirklich die Bewegung am Rand waren und somit zuvor gewunken hatten, ist mir erst später in den Sinn gekommen, aber nichtsdestotrotz: am Ende ist es ja wohl meine Sache, wen ich befördere! Und da haben Leute, die andere Fahrgäste einfach zur Seite schieben und einen Anspruch bekunden zweifelsohne schlechte Karten. Ich sollte damit richtig liegen. Nicht nur, dass die Tour lang war und im Grunde mein guter weiterer Silverster-Umsatz letzten Endes auch dieser Entscheidung geschuldet war – nein, die Dame des sicher edlen Hauses sah mich gleich an, als wäre ich irgendein widerlicher Schleimpilz oder dergleichen. Igittigitt, ein Taxifahrer, der eine Meinung hat! Dass ich auf diese Schnösel verzichtet habe, war sicher meine eigentliche Glanzleistung an Silvester!

Mit den nun dann doch einsteigenden Fahrgästen hatte ich eine nette, unterhaltsame und spaßige Tour. Mit Späßen durchaus auch auf Kosten der beiden Wichtigtuer – was ich aber ehrlich gesagt für völlig legitim halte.

Meista!?

Dass der Typ nicht unbedingt ein Fahrgast war, war mir schnell klar.  Man kann sich mal irren, aber mit der Zeit hat man doch ein Gespür dafür, ob einen die Leute vor dem Auto nach einer Möglichkeit zur Kartenzahlung oder nach einem Euro fragen wollen. Daran denkend, dass mein Kleingeldfach gerade nicht so optimal ausgestattet ist, ließ ich die Scheibe runter. Und da stand er dann endgültig vor mir und beugte sich fast ins Auto. Das Alter irgendwo zwischen 60 und 40, zauseliger Bart, gelbliche Zähne und eine Fahne, die in den Augen brannte.

Naja, einen Euro kann ich sicher entbehren …

„Meista!?

„Was is?“

„Tschuljung! Du bis nu der Letzte, tut ma ja ooch leid. Sach mal, haste vielleicht ’n Maßband oder ’n Zollstock dabei? Ick jeb Dir auch Pfand, keen Ding!“

In dem Fall tut es mir ganz besonders leid, dass ich die Nachfrage mit „Nein“ beantworten musste. Ich hätte doch zu gerne mitgekriegt, worum es ging! 🙂

Alle Jahre wieder …

Nee, das mit Weihnachten haben wir hinter uns!

Aber da war doch noch was, stimmt’s? Genau. Wir schreiben den 28. Dezember. Zumindest, so wir einen Grund haben, das Datum irgendwo niederzuschreiben. Aber vielleicht sollten wir, denn wie uns die Beklopptenwelle um den 21.12.2012 gezeigt hat, kann es noch tausende Jahre später Idioten geben, die den Fakt missbrauchen, dass man über ein Datum nichts geschrieben hat. Ich will also meiner Chronistenpflicht nachkommen und nicht nur den heutigen 28. Dezember, sondern gleich auch noch das diesjährige Silvester erwähnen. Die Weltuntergangsfanatiker können sich zurücklehnen, die Apokalypse bleibt auch an diesem Tag aus. Zumindest als globales Ereignis. Im Taxigewerbe weiß man das jedes Jahr aufs Neue nicht und deswegen schreibe ich auch immer etwas dazu.

Meine Stammleser können sich zurücklehnen, ich schreibe diesen Text wirklich jedes Jahr, seit ich an Silvester ins Taxi steige. Seitdem hat sich nichts geändert. (Falls jemand will: hier die Texte zu Silvester 2011 und 2010 )

Aber schon alleine der BOBs wegen hat GNIT auch 2012 zahlreiche Neuleser und von denen ist nicht jeder so liebenswert bekloppt (ich meine das ernst, ich liebe euch dafür!), diesen Blog komplett durchzulesen und damit schon auf dem Laufenden.

Ausnahmezustand!

In manchen Städten kennt man das auch von verschiedenen Großveranstaltungen, in Berlin ist die Silvesternacht eher eine Ausnahme: es ist die Nacht, in der das Taxigewerbe scheinbar zusammenbricht. Silvester wird von einem Großteil der Menschen hierzulande gefeiert, in dieser Nacht ist in fast jeder Bude eine Party. Nicht nur in den Clubs wie sonst auch. Das heißt, dass etliche Leute betrunken sind, die es sonst nie sind und etliche Leute Taxi fahren, die uns sonst nur mit dem Arsch ansehen. Dazu kommt, dass Silvester recht zuverlässig während einer kalten Nacht stattfindet und das Feiern auch unter Taxifahrern recht verbreitet ist. Kurzum: In dieser Nacht gibt es zahllose Kunden und im Vergleich nur wenige Taxen!

Toll und Scheiße – zwei Seiten einer Medaille.

Für uns Taxifahrer bedeutet das zwei Dinge: Zum einen ist die Nacht lukrativ wie sonst keine und einige Kollegen fahren deshalb freiwillig Schichten, deren Dauer nicht ohne Grund seit etwa 20 v. Chr. nicht mehr legal ist. Die Umsätze sind von Abends bis fast Mittags bombig, je nach Glück verdient man hier in Berlin als Taxifahrer das zwei- bis dreifache einer guten (!) Wochenend(!)-Schicht. Auf der anderen Seite hat man es mit überdurchschnittlich schwierigen Kunden zu tun. Fast alle haben lange auf ein Taxi gewartet, fast alle sind betrunken und oftmals führt das dann dazu, dass sich die Fahrgäste streiten oder allgemein nicht gut auf uns Taxifahrer zu sprechen sind. (Hier kann man lesen, weswegen man sich als Taxifahrer in der Nacht gerne mal das Superman-Hemd anlegt)

Und zu all jenen Fahrten gesellen sich dann noch diejenigen mit Menschen, die an Silvester todunglücklich sind, realisiert haben, dass das Jahr scheiße war, akut vom derzeitigen Tag enttäuscht sind oder einfach Bock auf eine Depri-Phase haben. Ebenso das ganze Glas und die Böller auf den Straßen und die laut Murphy erhöhte Chance auf eine Autopanne. Von ganz absurden Geschichten mal abgesehen.

Keep cool!

Deswegen muss ich einmal mehr sagen: Bleibt ruhig an Silvester und erwartet nicht zu viel von uns!
Die Taxifahrer, die sich in dieser Nacht auf die Straße schmeißen, anstatt angemessen besoffen ins Bett zu fallen, können nichts dafür, dass sie zu spät sind, dass eine Bestellung nicht funktioniert oder dass es vielleicht gar nicht geht.

Wie immer möchte ich euch keineswegs vom Taxifahren abhalten, aber in dieser einen Nacht geraten wir an unsere Grenzen und ebenso wie ich werden wahrscheinlich alle Fahrer keinerlei Bestellungen annehmen. Und das ist gut so!
Am effektivsten arbeiten wir nämlich, indem wir einfach an jedem Eck jeden Kunden mitnehmen und so insgesamt für möglichst wenige Leerkilometer sorgen – sprich: mehr Leute in kürzester Zeit befördern. Das ist für den einzelnen vielleicht mal scheiße, aber wir tun unser Bestes, versprochen! Wir haben zu keinem Tag im Jahr mehr Stress, aber genau deswegen haben es auch an keinem Tag des Jahres Arschlöcher schwerer, ein Taxi zu bekommen. Wer also glaubt, sich seinen Platz mit Gewalt und Hass sichern zu müssen, wird eher in die Röhre gucken als die vernünftigen Leute!
Und wenn ihr es eilig haben solltet, kümmert euch privat um einen Fahrer!

Ich bettele sonst nicht darum, aber bitte shared, retweetet und verbreitet diesen Artikel in jeder Form! Mein Umsatz in dieser Nacht wird ok sein, dafür muss ich nichts tun. Aber es wäre mir ein Anliegen, wenn wir alle bis zuletzt – also der Taxifahrt nach Hause – ein schönes Silvester hätten! Plant die Wartezeit ein, seid nett und denkt daran, dass wir Taxifahrer trotz all dem Stress selbst in den besten Stunden kaum über 20 € Stundelohn kommen werden – beileibe also kein Betrag, für den man sich alles antun muss!

Mein Silvester

Obwohl meine mal wieder ausgeprägte Geldknappheit durchaus fordern würde, mich ebenso wie viele Kollegen 12, 14 oder sogar 16 Stunden in den Kampf zu werfen, werde ich voraussichtlich wieder ab etwa 1.00 Uhr im neuen Jahr starten, wenn die Luft wirklich brennt – nachdem ich mir einen schönen Abend mit Ozie gemacht habe. Und ich hoffe, ihr gleicht mein fehlendes Engagement mittels Lesen, Einkaufen und Schenken schon aus 😉

Ich freue mich auf Silvester und hoffe, ihr tut es auch. Es ist eine schöne Nacht und sie wird hoffentlich ein würdiger Abschied fürs Jahr 2012. Ich wünsche mir nur, dass ihr gerade wenn ihr betrunken seid noch zu schätzen wisst, was wir Taxifahrer für euch tun!

Rock on und ein frohes Jahr 2013!

Bewerberprofil mangelhaft

Zwei junge Mädels, kurze Strecke. Kaum Zeit zu reden, dennoch zwischenrein folgender Dialog:

„Taxifahren ist doch sicher auch ein entspannter Job, oder?“

„Sagen wir es so: er kann es sein, mit der richtigen Einstellung.“

„Naja, immer rumfahren, Leute kennenlernen …“

„Klar, mir macht’s auch Spaß. Dafür ist halt das Geld nicht so üppig.“

„Ach, das‘ ja nich so wild. Ich zieh ja demnächst auch nach Berlin, da könnte ich mir das auch vorstellen. Das is‘ doch voll die gute Idee, ich fahr dann einfach auch Taxi!“

„Naja und immerhin werden Fahrer gesucht!“

„Des‘ ja cool! Ja voll ey, ich werd Taxifahrerin! Aber hey, da muss man sich doch sicher auch so ’n bisschen auskennen in der Stadt und so, oder?“

„Ähm ja. Ich würde sogar sagen: mehr als ein bisschen.“

„Oh. Na dann doch nicht.“

Manchmal sind die Anforderungen an manche Jobs aber auch echt furchtbar überraschend … 🙂

Eine Frage der Höflichkeit

Ich hab echt nichts gegen den familiären Tonfall auf Berlins Straßen. Gestern allerdings ist mir aufgefallen, wie sehr ich mich daran gewöhnt habe. Da stand plötzlich am Bahnhof eine junge Frau an meinem Auto und fragte:

„Entschuldigen Sie, dürfte ich Sie um eine Auskunft bitten?“

Und das kam mir irgendwie sehr seltsam vor. Normalerweise kommt doch eher:

„Sag mal, weißte wo hier die nächste Brücke über die Spree ist?“

Antworten gibt’s nach wie vor auf beides. 🙂

Ich möchte zum …

„Das Berghain?“

„Gar kein Problem, das ist …“

„Ist nich weit, oder?“

„Nein, sie müssen da vorne …“

„Ah, ich dachte schon, das wär da hinten irgendwo!“

„Nein nein, einfach hier …“

„Soll ja gut sein dort.“

„Ja, sagt man. Also wenn sie …“

„Schon mal dagewesen?“

„Drinnen?“

„Ja, wie komme ich denn jetzt da hin?“

„Wollte ich ja gerade …“

„Ihr Kollege wollte mir das nicht sagen.“

„Naja, jetzt mach ich’s ja.“

„Was?“

„Ich erkläre ihnen jetzt kurz den Weg. Ist gar nicht schwierig. Nur hier vorne …“

„Das ist gut, ich hab so’n schlechtes Gedächtnis.“

„Ist nur zweimal ums Eck. Wenn sie hier links …“

„Ach, da wäre ich ja völlig falsch gelaufen!“

„Also links!“

„Was haben Sie gesagt?“

„Sie müssen hier vorne …“

„Ich bin ja nur dieses Wochenende hier …“

„Ja. Also passen sie auf: …“

„Kommt man da echt so schwer rein?“

„Ja, soll nicht leicht sein. Soll ich ihnen …“

„Ja, wie komme ich da jetzt hin?“

„Hier links, dann die nächste rechts …“

„Moment, ich würde mir das gerne aufschreiben. Wo hab ich denn jetzt meinen Stif … ach dann halt Handy!“

„Haben Sie’s nun? Ist doch nur hier links, nächste rechts und dann wied …“

„Warten Sie, warten Sie! So schnell kann ich auch nicht tippen!“

„…und dann wieder links.“

„Das klingt aber kompliziert.“

„Ach was: links, rechts, links, immer die erste Str …“

„Können Sie mich da vielleicht einfach hinfahren?“

Dreimal alleine während dieser Unterhaltung, dreimal. Mindestens -.-

N‘ Juter mit Pommes

„Ick bin’n Juter! Nimmste mich mit?“

„Kommt drauf an: was hattet ihr denn für ein Problem?“

Es ist nicht oft so, dass ich potenzielle Kundschaft über irgendwelchen Stress per se ausfrage. Dass der Kollege vor mir z.B. den Kunden abgelehnt hatte, wäre mir egal gewesen. Dass der „Jute“ allerdings kurz zuvor den Fahrer davor als Taxi-Lutscher beschimpft und bereits als ich ankam ein kleines Stelldichein mit Polizeibeamten hatte, hat mich skeptisch gestimmt.

So für den Moment wirkte der Kerl wirklich nett wie sonstnochwas und stand mir auch höflich Rede und Antwort. Der erste Fahrer hätte ihn nicht mitgenommen, weil er sich Pommes geholt hätte …

Aha. Das ist vielleicht nicht notwendig, aber hey – ich hatte auch schon Pommes im Auto verteilt und akzeptiere es, wenn Kollegen da nein sagen.

„Und dann war ich sauer und hab ihm Pommes auf die Scheibe geschmiert …“

Ach so, nee ist klar.

„Und dann hat der die Bullen gerufen! Echt jetzt Mann, die Bullen!“

„Ähm, dein Beitrag war jetzt aber auch nicht die feine englische, oder?“

„Naja, aber …“

Eine knappe Minute hat er sich damit zu rechtfertigen versucht, dass es auch schlimme Taxifahrer gibt. Tut ja auch voll was zur Sache in dem Moment. Wenn er jetzt irgendwas gegen den Kollegen hätte vorbringen können – aber nein: der Hinweis, dass er ihn mit Pommes nicht mitnehmen würde, war wohl wirklich alles. Als hab ich ihn weiter eher fragend und vorwurfsvoll angesehen. Und er so:

„Hey, ich bin nicht mehr ganz nüchtern – ok. Aber ich bin’n Juter. Ehrlich. Ich bezahl Dich, ist eine Fahrt mehr. Ich weiß, wo ich wohn, alles easy. Ist deine Entscheidung, ich lauf auch. Ehrlich, kein Problem. Wäre eine gute Tour für dich, aber wenn Du nicht willst … echt, ich will nur nach Hause, ich lauf auch, so ist es nicht, ich bin da nicht so, SCHEISSE, DANN LAUF ICH HALT!“

Sprach’s und knallte seine frisch erworbenen Pommes vor dem Taxistand auf den Boden. Ich hab wirklich nix gemacht bis dahin, war aber froh, dass sich die Geschichte so erledigt hat. So wie der drauf war, hätte der mir wahrscheinlich vor Hass auf eine rote Ampel demonstrativ ins Auto gekotzt oder sowas. Echt, Leute gibt es …