Drängler

Gut, wahrscheinlich war es wirklich ein Missverständnis. Aber wie man in den Wald hineinruft …

Ich war am Neujahrsmorgen dank Pauls Kumpel in Mariendorf gelandet. Dann eine Kurzstrecke, direkt danach winkte es in Tempelhof. Im Grunde wie erwartet. Ich hab die Leute am anderen Ende der Kreuzung gesehen und nur im Augenwinkel ganz kurz hinter einem geparkten Auto eine Bewegung. War mir egal, ich hatte die Winker anvisiert und hielt nun neben ihnen an.

Ein freundlicher junger Mann drückte sich etwas umständlich aus, wollte aber nur wissen, ob ich bereit wäre, einen Hund mitzunehmen. Er hatte diesen Wunsch noch nicht ganz ausgesprochen, da schob sich eine korpulente Dame im Hosenanzug ins Auto und ein mit einem altmodischen Mantel bewaffneter Brillenträger verkündete dem jungen Kerl, dass das sein Taxi sei.

WTF?

Mal ganz abgesehen davon, dass mir die Truppe rund um den Typen mit Hund und Dreadlocks sympathischer war, fragte ich mich doch auch so, was das jetzt bitte sollte. Der Brillenträger erklärte in strengem Lehrer-Tonfall:

„Das ist unser Taxi! Wir haben es vor der Kreuzung schon herausgewunken und der Fahrer konnte leider erst hier halten.“

Während mich mein Fahrgast ein wenig entgeistert ansah, schob sich der Kerl mit dem Mantel ins Auto. Ernsthafte Proteste kamen keine, also war es offensichtlich an mir, die Lage klarzustellen:

„Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass es reichlich unverschämt ist, hier einfach im Nachhinein aufzukreuzen und meine Fahrgäste davon abzuhalten, hier ins Taxi zu steigen!“

Schien mir angebrachter als ein „Verpisst Euch, ihr Arschgeigen!“

Dass sie wahrscheinlich wirklich die Bewegung am Rand waren und somit zuvor gewunken hatten, ist mir erst später in den Sinn gekommen, aber nichtsdestotrotz: am Ende ist es ja wohl meine Sache, wen ich befördere! Und da haben Leute, die andere Fahrgäste einfach zur Seite schieben und einen Anspruch bekunden zweifelsohne schlechte Karten. Ich sollte damit richtig liegen. Nicht nur, dass die Tour lang war und im Grunde mein guter weiterer Silverster-Umsatz letzten Endes auch dieser Entscheidung geschuldet war – nein, die Dame des sicher edlen Hauses sah mich gleich an, als wäre ich irgendein widerlicher Schleimpilz oder dergleichen. Igittigitt, ein Taxifahrer, der eine Meinung hat! Dass ich auf diese Schnösel verzichtet habe, war sicher meine eigentliche Glanzleistung an Silvester!

Mit den nun dann doch einsteigenden Fahrgästen hatte ich eine nette, unterhaltsame und spaßige Tour. Mit Späßen durchaus auch auf Kosten der beiden Wichtigtuer – was ich aber ehrlich gesagt für völlig legitim halte.

Januar

Ihr kennt mich ja ganz gut. Ihr wisst, dass ich mich nicht immer und überall beschwere und gerade in Puncto Job und den damit einhergehenden Finanzen durchaus mit meiner Entscheidung, Taxi zu fahren, leben kann. Über den Januar beschwere ich mich trotzdem ständig. Und das auch noch ausführlich.

Ich wollte euch nur mal kurz erklären, wie krass das wirklich ist. Den Schnitt von Silvester zum Vergleich ranzuziehen, wäre nicht hilfreich – dass das ein Extrem ist, weiß man ja. Schlimm genug, dass der Dezember mir wegen weniger Arbeitstage (inkl. Silvester) als Alltime-Rekord 10,05 € Bruttostundenlohn ausspuckt. Da würden mir die meisten Kollegen aber schon an die Gurgel springen, wenn ich das als Normalfall beschreiben würde. Selbst die 9,01 € im November sind relativ gut, denn da waren ein paar wirklich fette und kaum schlechte Tage dabei. Nein, als Taxifahrer muss man sich in der Regel mit einem Verdienst zwischen vielleicht 6 und 8 € begnügen. Dass uns das nicht in Scharen aus dem Job treibt, liegt am Trinkgeld und vor allem daran, dass es bis zum Tagesende immer irgendwie nach oben offen erscheint und dass wir während der Zeit viel Lesen oder fernsehen können, reden oder im Netz umhergeistern.

Und jetzt ist Januar. Ich habe eine halbe Donnerstags- und eine fast vollständige Freitagsschicht (Freitag = Wochenende = gut!) hinter mir. Auf der Uhr stehen 133,80 €. Ja, insgesamt. Und das ist der Umsatz! Davon krieg ich 45% – 60,21 €. Und dafür hab ich 13,75 Stunden gearbeitet. Das sind brutto 4,38 € die Stunde. Und die Kundschaft ist nicht nur rar, sondern auch wenig spendabel. Ganze 8,89% Trinkgeld gab es dazu, also 11,90 €. Die sind wenigstens abgabenfrei …

Denkt daran, wenn euer Taxifahrer in nächster Zeit mal genervt erscheint. Ich halte nicht viel davon, das an Kunden auszulassen, aber vielleicht ist das ja ein Erklärungsansatz. Und wer denkt, das sei schon ganz unten: Kollege Yusuf hat es gestern dank mehrmaliger Fehlfahrten auf ganze 40 € in 10 Stunden gebracht. Umsatz! Ich weiß nicht, wie viel er in seinem Unternehmen kriegt, aber Pi mal Daumen war der für einen Zwanni eine ganze Nacht weg – und der Kerl hat 5 Kinder und eine arbeitslose Frau zuhause sitzen.

Kommen wir zu den versöhnlichen Punkten.

1. Hier in Berlin wird es bald wieder besser! Die zweite Monatshälfte ist komplett mit Fashion Week und Grüner Woche belegt, da kommen ein paar Extra-Touren zustande. Bei so einem niedrigem Niveau geht es ja auch rasant wieder aufwärts …

2. Ich hab viel über Space-Shuttles gelernt. 🙂
Wenn ich mal lange am Stand stehe, lese ich gerne und ich hab mir in nur einer Schicht inzwischen fast komplett Richard Feynmans „Kümmert Sie, was andere Leute denken?“ einverleibt. Was ich nur empfehlen kann – auch wenn die erschreckende Erkenntnis dabei irgendwie ist, dass auch sehr sympathische Leute an der Atombombe der USA gearbeitet haben. Aber die Stories zu diesem Lebensabschnitt des Nobelpreisträgers findet man eher in seinem anderen Buch.

Und jetzt hoffen wir einfach, dass der Januar schnell vorbeigeht!

Der Stresser

Silvester ist wirklich geil. Viele Fahrten, ja oft sogar gute Laune und nicht nur Verzweiflung, Depression und Wut, weil kein Taxi kommt. Aber die Stresser bleiben nicht aus und ironischerweise stören sie an Silvester immer mehr als an anderen Tagen. Das ist nicht verwunderlich, denn der Auftragslage nach könnten wir an diesem Tag ausnahmsweise mal die Kunden aussuchen anstatt umgekehrt. Da schleicht sich bei Ärger eben schnell das Gefühl ein, man könne seine Zeit auch mit Leuten verbringen, die nicht so nervig sind. Dass ich die diesjährige Schicht zum Jahreswechsel so positiv bewerte, liegt vor allem daran, dass der eine Stresser in der Schicht nicht irgendwie wirklich ein Arschloch war, sondern einfach zu betrunken, ein wenig zu vorlaut und ansonsten nur ein bisschen nervig – aber nie bösartig.

Wie das geht? Das geht so:

Am Tierpark winkte er mich heran, ließ dann zunächst seine Familie einsteigen und flackte sich auf den Beifahrersitz.

„Guten Abend, frohes Neues! Wo darf’s hingehen?“

„Herzbergstraße 2.“

„OK, Herzbergstraße ist klar. Die ist ja unterbrochen. Von welcher Seite aus können wir da ranfahren? Wissen Sie das zufällig?“

„Kannst so oder so ranfahren.“

„Wirklich? Das wundert mich. Also jetzt über die Rhinstraße ist kein Problem? Ich kann auch mein Navi …“

„Nee nee, kein Problem. Fahr mal, wie Du denkst!“

„Ich würde gerne über die Rhinstraße, aber wenn das weiter westlich liegt, dann dürfte das schwierig …“

„Rhinstraße! Kannst auch über Frankfurter Allee …“

So recht einig sind wir uns nicht geworden. Also ja, irgendwie schon: Er meinte, es gehe von beiden Seiten aus und hat das auch mit Nachdruck betont. Ich war mir unsicher, hab das auch gesagt und immer wieder gefragt, ob das mit der Rhinstraße stimme. Während er mich ermunterte, ruhig so zu fahren, wie ich dachte, begann er, Taxifahrer per se in Frage zu stellen. Nicht mich natürlich! Klar. Aber dass wir uns heute offenbar nicht mehr auskennen müssten, das wäre schon – also hoppla! Und ich sei ja außerdem garantiert kein Taxifahrer. Also höchstens als Aushilfe oder so. Student, natürlich! (Wie alle Taxifahrer unter 105 Jahren etwa)

Die alles entscheidende Kreuzung passierten wir mit seinem Hinweis, wir hätten jetzt ja auch links fahren können. Aha. Dann meinte er immer wieder, dass das schon ok sei so, wir jetzt halt einen kleinen Haken fahren würden, es ihm an Silvester aber auch nicht um einen, drei oder fünf Euro gehen würde. Na, immerhin!

Man braucht nun wohl kaum mehr Fantasie, um zu wissen, was kam. Natürlich liegt die Nummer 2 der Herzbergstraße nicht am östlichen, sondern am westlichen Ende. Die Durchfahrt ist wie ich ja wusste und gesagt hatte nicht möglich. Als ich das dann – natürlich erst vor Ort – feststellte, beschwerte sich seine Frau schon. Nicht über mich, über seine Ansagen. Er erwiderte ganz gelassen:

„Jetzt lass doch den Jungen mal fahren wie er denkt. Der wird das schon wissen!“

Das war einer der seltenen Punkte im Taxi, an denen es mir zuviel wurde. Ich bin trotz anwesendem Kind ein kleines Bisschen lauter geworden und hab klargestellt, dass ich IHN gefragt hätte, wo die Nummer liegt und SEINETWEGEN das Navi nicht benutzt hätte. Das war ihm so egal wie nur irgend möglich. Er meinte ganz ruhig, dass wir ja auch ohne weiteres über die Landsberger fahren könnten, hier rechts, dann wäre alles kein Problem …

„Die Landsberger ist hier links!“

„Was? Nein nein, ich meine die Landsberger!“

„Die ist hier links!“

„Nee nee, fahr mal rechts!“

Sein Sohn (etwa 8 Jahre alt) hat dann für mich Partei ergriffen und gesagt, dass die Landsberger Allee links von uns liegt. Papi gab dann zu, dass er ja auch gar nicht wüsste, wo dieser komische Taxifahrer ihn hingefahren hätte und Mutti ärgerte sich über Papi. Fantastisch! Nächstes Jahr nehme ich nur noch Kinder mit!

Wir sind also auf Anweisung des Sohnes hin links gefahren, aber natürlich hätte ich selbst diese Hilfe nicht gebraucht. Landsberger, Herzbergstraße, bitte!

„Da oben is Pyramide!“

meinte seine Frau. Korrekt. Außer für ihn. Das sei sie nicht, das wisse er. Und wo wir jetzt wohl wären? Sicher im tiefsten Marzahn oder so. Noch zwei Minuten zuvor hatte ich darüber nachgedacht, dem Typen einen Preisnachlass für den Umweg zu gewähren. So langsam aber war es auch mir zuviel. Als hätte ich irgendeinen Fehler gemacht, außer auf ihn zu hören – und das muss ich als Taxifahrer nun einmal in gewisser Weise. Also lief die Uhr weiter und am Ende standen 17,20 € darauf. An Silvester: hart verdiente 17,20 €.

Er bemühte sich noch zu sagen, dass ich selbstverständlich nicht direkt vors Haus fahren müsste – das sei da so schwierig mit dem Rausfinden. Ob das nur nett gemeint oder eine weitere Frechheit war, kann ich nicht einmal mehr sagen. Ich war einfach nur froh, als der Typ ausgestiegen ist. Aber immerhin durfte ich den Zwanziger behalten und die Fahrt war ja so schon teurer als normal. Also hab ich Gnade vor Recht walten lassen und nichts mehr gesagt. Seine Frau indes war sehr froh, lobte mich und hat mir noch beizubringen versucht, was „Gute Nacht“ auf Russisch heißt. Zugegeben etwas erfolglos, aber ich hatte diese gute Nacht ja noch, also was soll’s?

Geduld

Auch wenn es dieses Jahr etwas gemäßigter zu sein schien: man braucht an Silvester manchmal einfach Geduld, wenn man auf ein Taxi wartet. Ein wenig leidgetan hat mir eine ältere Frau, die in den doch schon recht fortgeschrittenen Morgenstunden zaghaft die Hand am Bahnhof Friedrichsfelde-Ost gereckt hat. Denn ich war besetzt und konnte sie schlecht mitnehmen. Dachte ich zumindest.

Mein Fahrgast war ein ausgesprochen netter, etwas jünger als ich und ziemlicher Taxineuling. Eigentlich wollte er auch mit der Bahn fahren, dann fuhr die aber an diesem Morgen falsch oder er hatte es verpeilt – er ließ sich jedenfalls jetzt doch lieber für einen Zehner vom Springpfuhl nach Friedrichsfelde bringen. Weit vom Bahnhof Friedrichsfelde-Ost war das nicht wirklich, ein Kilometer vielleicht. Also hab ich bei ihm direkt gedreht und das Gaspedal durchgetreten. An der riesigen Kreuzung Alt-Friedrichsfelde/Rhinstraße war bereits tote Hose, ein Ladenbesitzer hatte dort vor Stunden bereits vor seinem Laden die letzten Raketenreste weggekehrt. Von dort zu o.g. Bahnhof ist es nur noch ein Katzensprung und ich hatte freie Bahn. Als ich in die Seddiner Straße einbog, sah ich sie auch sofort – ihr wurde gerade auf der anderen Straßenseite ein Großraumtaxi von einer Gruppe Jugendlicher weggeschnappt.

Ich zog gleich links rüber, hielt gegen alle Verkehrsregeln auf sie zu und blieb quer zum (um diese Uhrzeit nicht stattfindenen) Verkehr an der Ausfahrt des Busbahnhofs stehen. Von innen öffnete ich die Tür und sie fühlte sich veranlasst, mich selbst dann noch zu fragen, ob ich frei sei. Gut, dass ich nochmal zurückgefahren bin – mit der Einstellung hätte sie sonst noch übermorgen dort gestanden.

„Ja, sicher. JETZT bin ich frei. Sie stehen ja wirklich noch hier …“

„Ach, Sie … Sie haben …“

„Ja, ich hatte Sie schon gesehen, war aber besetzt.“

Ihr glückliches Lächeln war die Sache eindeutig wert. Weit hätte sie es nicht, meinte sie, konnte aber bei der Straße – deren Namen ich noch nie gehört hatte – nur eine völlig falsche Richtungsangabe machen. Ich hab kurz gedreht und bin fortan meinem Navi gefolgt. Durchaus mit gemischten Gefühlen, denn sie kannte sich gar nicht aus und vermutete nach wie vor eine andere Ecke. Kurz darauf passierten wir den Wohnort meines vorherigen Fahrgastes und ich musste daran denken, dass das bei der Lockerheit desselben nicht einmal ein Problem gewesen wäre, sie auch noch einzusacken – das aber nur aufgrund fehlender Infos gescheitert ist.

Am Ende hatte ich jedenfalls eine jubilierende Seniorin im Auto, die zu Fuß den Weg nie gefunden hätte, ein für die kurze Strecke großzügiges Trinkgeld und vor allem das Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Fahrt 1

Die Woche wird ein wenig im Zeichen der Silvesterschicht stehen, die hat schließlich wie zu erwarten einige erwähnenswerte Fahrten mit sich gebracht. Auf die erste durfte ich eine Weile warten. Seltsamerweise. Mich hat es gleich kurz nach 1 Uhr von Marzahn bis weit nach Lichtenberg reingetragen, ohne dass ein Winker am Straßenrand stand. An jedem anderen Tag hätte mich das Gegenteil überrascht, aber man ist ja verwöhnt von Silvester.

Als es dann zwischen zwei geparkten Autos winkte, war ich zunächst geschockt. Der recht frisch wirkende Winker rannte nämlich nicht freudig auf mein Auto zu, sondern wuselte in der Parklücke zu zwei anderen Personen, von denen eine am Boden saß. Na herzlich willkommen in 2013! Eine Kotzertour gleich zu Beginn? Wäre ja mal was neues. Nein, nicht!

Die am Boden sitzende Person stellte sich als leider nicht mehr sehr rüstige Seniorin heraus, dass sie überdies tatsächlich ordentlich einen im Tee hatte, wurde mir erst später erklärt. Nach den obligatorischen Wünschen fürs neue Jahr hab ich dann erfahren, was Ziel der ganzen Tour war: kurz die Schwiegermutter ins Bett bringen und dann die beiden Herren wieder zurück zur kleinen Feier zu Hause.
Das gestaltete sich auch problemlos, die beiden konnten mir sogar den Weg ansagen. Mich hat die Fahrt ehrlich gesagt rein umsatztechnisch ein wenig zurückgeworfen. Denn anstatt nun schnell viel Land zu gewinnen, stand ich in Folge der Aktion etliche Minuten vor dem Haus der Schwiegermutter herum, die mit knapp über 80 Jahren und ein paar Sekt intus auch noch 5 Stockwerke Höhenunterschied zu bewältigen hatte. Normalerweise passt mir sowas ja blendend, an Silvester ist der Wartezeittarif dann halt doch weniger als das, was ich auf der Straße verdiene.

Aber ich will nicht meckern. Die Schwiegermutter hat es gut ins Bett geschafft – was sich laut dem im Wagen verbliebenen Trauerkloßes im Grunde eh nicht so recht lohnte, weil er ihr nicht mehr allzu lange gibt. Dann aber war die Stimmung wieder gut und die beiden turtelnden Typen da abgesetzt, wo sie sich wieder wohlfühlten. Was will man auch machen?

Alle Jahre wieder …

Nee, das mit Weihnachten haben wir hinter uns!

Aber da war doch noch was, stimmt’s? Genau. Wir schreiben den 28. Dezember. Zumindest, so wir einen Grund haben, das Datum irgendwo niederzuschreiben. Aber vielleicht sollten wir, denn wie uns die Beklopptenwelle um den 21.12.2012 gezeigt hat, kann es noch tausende Jahre später Idioten geben, die den Fakt missbrauchen, dass man über ein Datum nichts geschrieben hat. Ich will also meiner Chronistenpflicht nachkommen und nicht nur den heutigen 28. Dezember, sondern gleich auch noch das diesjährige Silvester erwähnen. Die Weltuntergangsfanatiker können sich zurücklehnen, die Apokalypse bleibt auch an diesem Tag aus. Zumindest als globales Ereignis. Im Taxigewerbe weiß man das jedes Jahr aufs Neue nicht und deswegen schreibe ich auch immer etwas dazu.

Meine Stammleser können sich zurücklehnen, ich schreibe diesen Text wirklich jedes Jahr, seit ich an Silvester ins Taxi steige. Seitdem hat sich nichts geändert. (Falls jemand will: hier die Texte zu Silvester 2011 und 2010 )

Aber schon alleine der BOBs wegen hat GNIT auch 2012 zahlreiche Neuleser und von denen ist nicht jeder so liebenswert bekloppt (ich meine das ernst, ich liebe euch dafür!), diesen Blog komplett durchzulesen und damit schon auf dem Laufenden.

Ausnahmezustand!

In manchen Städten kennt man das auch von verschiedenen Großveranstaltungen, in Berlin ist die Silvesternacht eher eine Ausnahme: es ist die Nacht, in der das Taxigewerbe scheinbar zusammenbricht. Silvester wird von einem Großteil der Menschen hierzulande gefeiert, in dieser Nacht ist in fast jeder Bude eine Party. Nicht nur in den Clubs wie sonst auch. Das heißt, dass etliche Leute betrunken sind, die es sonst nie sind und etliche Leute Taxi fahren, die uns sonst nur mit dem Arsch ansehen. Dazu kommt, dass Silvester recht zuverlässig während einer kalten Nacht stattfindet und das Feiern auch unter Taxifahrern recht verbreitet ist. Kurzum: In dieser Nacht gibt es zahllose Kunden und im Vergleich nur wenige Taxen!

Toll und Scheiße – zwei Seiten einer Medaille.

Für uns Taxifahrer bedeutet das zwei Dinge: Zum einen ist die Nacht lukrativ wie sonst keine und einige Kollegen fahren deshalb freiwillig Schichten, deren Dauer nicht ohne Grund seit etwa 20 v. Chr. nicht mehr legal ist. Die Umsätze sind von Abends bis fast Mittags bombig, je nach Glück verdient man hier in Berlin als Taxifahrer das zwei- bis dreifache einer guten (!) Wochenend(!)-Schicht. Auf der anderen Seite hat man es mit überdurchschnittlich schwierigen Kunden zu tun. Fast alle haben lange auf ein Taxi gewartet, fast alle sind betrunken und oftmals führt das dann dazu, dass sich die Fahrgäste streiten oder allgemein nicht gut auf uns Taxifahrer zu sprechen sind. (Hier kann man lesen, weswegen man sich als Taxifahrer in der Nacht gerne mal das Superman-Hemd anlegt)

Und zu all jenen Fahrten gesellen sich dann noch diejenigen mit Menschen, die an Silvester todunglücklich sind, realisiert haben, dass das Jahr scheiße war, akut vom derzeitigen Tag enttäuscht sind oder einfach Bock auf eine Depri-Phase haben. Ebenso das ganze Glas und die Böller auf den Straßen und die laut Murphy erhöhte Chance auf eine Autopanne. Von ganz absurden Geschichten mal abgesehen.

Keep cool!

Deswegen muss ich einmal mehr sagen: Bleibt ruhig an Silvester und erwartet nicht zu viel von uns!
Die Taxifahrer, die sich in dieser Nacht auf die Straße schmeißen, anstatt angemessen besoffen ins Bett zu fallen, können nichts dafür, dass sie zu spät sind, dass eine Bestellung nicht funktioniert oder dass es vielleicht gar nicht geht.

Wie immer möchte ich euch keineswegs vom Taxifahren abhalten, aber in dieser einen Nacht geraten wir an unsere Grenzen und ebenso wie ich werden wahrscheinlich alle Fahrer keinerlei Bestellungen annehmen. Und das ist gut so!
Am effektivsten arbeiten wir nämlich, indem wir einfach an jedem Eck jeden Kunden mitnehmen und so insgesamt für möglichst wenige Leerkilometer sorgen – sprich: mehr Leute in kürzester Zeit befördern. Das ist für den einzelnen vielleicht mal scheiße, aber wir tun unser Bestes, versprochen! Wir haben zu keinem Tag im Jahr mehr Stress, aber genau deswegen haben es auch an keinem Tag des Jahres Arschlöcher schwerer, ein Taxi zu bekommen. Wer also glaubt, sich seinen Platz mit Gewalt und Hass sichern zu müssen, wird eher in die Röhre gucken als die vernünftigen Leute!
Und wenn ihr es eilig haben solltet, kümmert euch privat um einen Fahrer!

Ich bettele sonst nicht darum, aber bitte shared, retweetet und verbreitet diesen Artikel in jeder Form! Mein Umsatz in dieser Nacht wird ok sein, dafür muss ich nichts tun. Aber es wäre mir ein Anliegen, wenn wir alle bis zuletzt – also der Taxifahrt nach Hause – ein schönes Silvester hätten! Plant die Wartezeit ein, seid nett und denkt daran, dass wir Taxifahrer trotz all dem Stress selbst in den besten Stunden kaum über 20 € Stundelohn kommen werden – beileibe also kein Betrag, für den man sich alles antun muss!

Mein Silvester

Obwohl meine mal wieder ausgeprägte Geldknappheit durchaus fordern würde, mich ebenso wie viele Kollegen 12, 14 oder sogar 16 Stunden in den Kampf zu werfen, werde ich voraussichtlich wieder ab etwa 1.00 Uhr im neuen Jahr starten, wenn die Luft wirklich brennt – nachdem ich mir einen schönen Abend mit Ozie gemacht habe. Und ich hoffe, ihr gleicht mein fehlendes Engagement mittels Lesen, Einkaufen und Schenken schon aus 😉

Ich freue mich auf Silvester und hoffe, ihr tut es auch. Es ist eine schöne Nacht und sie wird hoffentlich ein würdiger Abschied fürs Jahr 2012. Ich wünsche mir nur, dass ihr gerade wenn ihr betrunken seid noch zu schätzen wisst, was wir Taxifahrer für euch tun!

Rock on und ein frohes Jahr 2013!

Wieder zurück!

So, herzlich willkommen zum Ende der kurzen Winterpause! Es war zwar ziemlich hart, ganze drei Tage nicht zu bloggen, aber es war eine gute Idee. Zwischen Wohnungsentschmandung und Weihnachtskochen blieb nicht sonderlich viel Zeit. Und selbst wenn die Zeit dann mal gereicht hat, ein paar Minuten an den Rechner zu gehen, ein paar Minuten zu lesen, so war es für mich einfach wunderschön, seit langem einmal wieder nicht das Gefühl zu haben, ich müsse da noch schnell was bloggen. Und mal ganz ehrlich: das plötzliche Auftauchen von Familie ist wahrscheinlich der weltbeste aller Gründe, mal spontan nicht nur im Erst-, sondern auch im Zweitjob eine Pause einzulegen. 🙂

Ich möchte vorweg auch schon einmal danke sagen für die ganzen netten Weihnachtswünsche, Likes und die auch dieses Mal nicht ausgebliebenen Geschenke von euch. So ist Weihnachten immer noch einmal eine Spur schöner und es hat mich ebenso erfreut, dass der ein oder die andere meinen wirklich ernst gemeinten Links der letzten Tage gefolgt ist. Ich mache das ja nicht ohne Grund.

So, jetzt haben wir aber dieses ganze Christmas-Gedöns abgehakt und steigen mal wieder ein ins Blogleben. Das tue ich vorerst mit einer kleinen Kurzanekdote ohne besondere weihnachtliche Moral:

Die letzten Tage vor Weihnachten zogen gerade so ins Land und ich stand wieder einmal an meinem Lieblingsbahnhof. Wie immer nicht alleine, wie immer aber auch einer der wenigen, die sich für ein paar Euro fuffzig auch mal aus ihrem Auto rausbewegen. Der Kollege hinter mir war einer der Sorte, dem es zu viel war, nachzufragen in welches A&O-Hostel die Kundschaft wollte – wahrscheinlich weil er sich vor der Antwort fürchtete. Natürlich mussten sie in die Köpenicker Straße. Fün Euro glatt – ist auch nach 20 eigentlich erträglichen Minuten nicht gerade der Stich, den man sich erhofft.

Aber mal abgesehen davon, dass ich bei kurzen Touren ohnehin kein Nörgler bin, war der Beweggrund der beiden vorsprechenden Damen, für diese kurze Strecke ein Taxi zu nehmen, auch recht offensichtlich: eine von ihnen saß im Rollstuhl und man braucht keinen Hochschulabschluss um sich auszumalen, dass das die Wegstrecke zumindest gefühlt schnell verlängert. Und die Tour gestaltete sich auch allenfalls mittelaufwändig. Nach fünf Jahren Behindertenfahrdienst hab ich keine großen Sorgen mehr, die Abmessungen von Rollis einzuschätzen, die eingeschränkte junge Dame kam ohnehin selbständig ins Auto, es war wieder ein typisches Beispiel dafür, wie wenig Panik man sich eigentlich machen muss.
Wie gesagt: ich hab 5 Jahre damit verbracht, täglich zigfach Rollis festzugurten, Leute umherzutragen, umzusetzen und Hilfestellungen zu geben. Da verweichlicht man nach 4 Jahren Taxi durchaus ein bisschen, aber als ich den Faltrollstuhl mit einem recht geübt aussehenden Handgriff in den Kofferraum bugsiert hatte, stellte ich abermals fest, dass das eigentlich die Touren waren, auf die ich mich damals immer gefreut hatte, weil sie so stressfrei waren.

Ganz so easy war es leider nicht wirklich. Meine Beifahrerin erwies sich als so ironieresistent, dass sie nicht einmal bemerkte, dass ich gar keine ironischen Sprüche brachte. Ihre schlechte Laune wollte ich ihr gerne nachsehen, aber die zackige Ansage, dass ich gefälligst zum Nebeneingang fahren sollte (natürlich nachdem wir daran vorbeigefahren sind) fand ich dann doch, gelinde gesagt, unsportlich. Ich hab die Uhr dann trotz Wendevorgang gleich ausgemacht, ein paar aufmunternde Worte bezüglich des laut rufenden Bettes gemacht, um eine Minute später fünf Euro wortlos in die Hand gedrückt zu bekommen, nur noch gefolgt von der Aufforderung, ja das Kissen nicht im Kofferraum zu vergessen.

Nee, angenehm geht anders. Aber im Vergleich zu meinem Job damals hab ich inzwischen ja ein paar Touren mehr pro Tag, so dass ich eine etwas nervige Tour viel schneller vergessen kann. 😉