Geduld

Auch wenn es dieses Jahr etwas gemäßigter zu sein schien: man braucht an Silvester manchmal einfach Geduld, wenn man auf ein Taxi wartet. Ein wenig leidgetan hat mir eine ältere Frau, die in den doch schon recht fortgeschrittenen Morgenstunden zaghaft die Hand am Bahnhof Friedrichsfelde-Ost gereckt hat. Denn ich war besetzt und konnte sie schlecht mitnehmen. Dachte ich zumindest.

Mein Fahrgast war ein ausgesprochen netter, etwas jünger als ich und ziemlicher Taxineuling. Eigentlich wollte er auch mit der Bahn fahren, dann fuhr die aber an diesem Morgen falsch oder er hatte es verpeilt – er ließ sich jedenfalls jetzt doch lieber für einen Zehner vom Springpfuhl nach Friedrichsfelde bringen. Weit vom Bahnhof Friedrichsfelde-Ost war das nicht wirklich, ein Kilometer vielleicht. Also hab ich bei ihm direkt gedreht und das Gaspedal durchgetreten. An der riesigen Kreuzung Alt-Friedrichsfelde/Rhinstraße war bereits tote Hose, ein Ladenbesitzer hatte dort vor Stunden bereits vor seinem Laden die letzten Raketenreste weggekehrt. Von dort zu o.g. Bahnhof ist es nur noch ein Katzensprung und ich hatte freie Bahn. Als ich in die Seddiner Straße einbog, sah ich sie auch sofort – ihr wurde gerade auf der anderen Straßenseite ein Großraumtaxi von einer Gruppe Jugendlicher weggeschnappt.

Ich zog gleich links rüber, hielt gegen alle Verkehrsregeln auf sie zu und blieb quer zum (um diese Uhrzeit nicht stattfindenen) Verkehr an der Ausfahrt des Busbahnhofs stehen. Von innen öffnete ich die Tür und sie fühlte sich veranlasst, mich selbst dann noch zu fragen, ob ich frei sei. Gut, dass ich nochmal zurückgefahren bin – mit der Einstellung hätte sie sonst noch übermorgen dort gestanden.

„Ja, sicher. JETZT bin ich frei. Sie stehen ja wirklich noch hier …“

„Ach, Sie … Sie haben …“

„Ja, ich hatte Sie schon gesehen, war aber besetzt.“

Ihr glückliches Lächeln war die Sache eindeutig wert. Weit hätte sie es nicht, meinte sie, konnte aber bei der Straße – deren Namen ich noch nie gehört hatte – nur eine völlig falsche Richtungsangabe machen. Ich hab kurz gedreht und bin fortan meinem Navi gefolgt. Durchaus mit gemischten Gefühlen, denn sie kannte sich gar nicht aus und vermutete nach wie vor eine andere Ecke. Kurz darauf passierten wir den Wohnort meines vorherigen Fahrgastes und ich musste daran denken, dass das bei der Lockerheit desselben nicht einmal ein Problem gewesen wäre, sie auch noch einzusacken – das aber nur aufgrund fehlender Infos gescheitert ist.

Am Ende hatte ich jedenfalls eine jubilierende Seniorin im Auto, die zu Fuß den Weg nie gefunden hätte, ein für die kurze Strecke großzügiges Trinkgeld und vor allem das Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

9 Kommentare bis “Geduld”

  1. SpinatVogel sagt:

    Das glaube ich, dass die gute Dame sich gefreut hat.
    Daumen Hoch für dich Sash!

  2. Sash sagt:

    @SpinatVogel:
    Danke für die Blumen. Aber es hat sich auch einfach angeboten.

  3. Ana sagt:

    Ich such noch die Heldentat in dieser Geschichte.
    Du hast besetzt einen Fahrgast gesehen und den mitgenommen, als du wieder frei warst. Gehört das nicht dazu?

  4. Sash sagt:

    @Ana:
    Eine Heldentat wirste da vermutlich dauerhaft vergeblich suchen. Allerdings gab es definitiv bessere Richtungen, die ich hätte einschlagen können. An Silvester davon auszugehen, dass Fahrgäste nach 10 Minuten noch irgendwo sind und dann auch noch nachzuschauen – ich hätte ja von mir auch gesagt, dass ich das nicht unbedingt mache. An jedem anderen Tag wäre das natürlich das Naheliegendste gewesen.

  5. Volker sagt:

    Ach, da kenne ich noch eine Geschichte, – aus der Fahrgastseite-

    Habe mir neulich eine lange Leiter bei BAUHAUS gekauft. Ich wollte sie mir liefern lassen aber der Verkäufer meinte: Ich kann ihnen auch eine große Taxe rufen, sie wohnen ja nicht weit, das wird bestimmt billiger. ich wollte zur Dominicusstr./Hauptstr.
    OK. Taxi kam, Leiter rein und ich auch.
    Aus dem Parkplatz raus in die Dominicusstr. rein und da stand ein Winker.
    Der Fahrer fragte mich ob wir den mitnehmen können. „Na klar.“
    Es ist dort eine ziemlich dünn besiedelte Gegend und es ging ja ohnehin nur gerade aus.

    Ich finde, dass das sehr pfiffig von dem Fahrer war.
    Er hat den Winker froh gemacht weil er dadurch 2-3 Euro gespart hat.
    Ich habe meinen Fahrpreis (plus Tip) bezahlt und habe meine gute Tat für diesen Tag vollbracht.
    Und Fahrer war auch froh, dass er gleich eine Anschlussfahrt hatte.

    So geht es also auch 🙂

    Freundliche Grüße
    Volker

  6. Volker sagt:

    Sachsendamm natürlich. ich bitte um Entschuldigung 🙁

  7. Sash sagt:

    @Volker:
    Wenn es so läuft, dann passt das ja. Es sind aber nicht alle Fahrgäste so drauf. Manche bezahlen den Mehrpreis fürs Taxi ja auch der Privatsphäre wegen …

  8. Mailyn sagt:

    Also hier muss ich nun doch mal etwas zu schreiben!
    Das war wirklich süß und hat mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Für mich und bestimmt auch für die Dame bist du der/ein Held der Silvesternacht.

  9. Sash sagt:

    @Mailyn:
    Ach, wie gesagt: es hat sich ja auch für mich angeboten. Es ist schön, dass alles geklappt hat – aber solche Dinge passieren halt. Gar nicht mal so selten … 😉

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