Was zu erwarten war: Silvester

So, Weihnachten ist vorbei. Damit sind wir nun in diesen Tagen, die gemeinhin mit „zwischen den Jahren“ betitelt werden – was einerseits ein wenig unlogisch ist, mir andererseits  auch total gefällt. Egal, es wird an dieser Stelle wie jedes Jahr Zeit, auf Silvester hinzuweisen. Das ist wie schon letztes und vorletztes Jahr ein alter Hut, aber ich tu’s immer wieder, weil ich ja auch immer wieder neue Leser habe. Und weil es auch Spaß macht, sich gedanklich auf Silvester einzustimmen, das gebe ich gerne zu. 😉
Wer den Links in diesem Artikel folgt, wird feststellen, dass ich wirklich jedes Jahr quasi dasselbe schreibe. Zusammengefasst klingt das etwa so:

Habt ein wenig Nachsicht mit den Taxifahrern an Silvester, denn wir tun, was wir können! Da das Fahrgastaufkommen an diesem Tag zigfach über dem an jedem anderen Termin liegt, kommen wir nicht hinterher. Zumindest hier in Berlin. Es wird nicht möglich sein, sich ein Taxi zu bestellen und man wird bisweilen ewig suchen, bis man ein freies findet. An diesem speziellen Tag streiten sich mal die Kunden um Taxen und nicht umgekehrt. Was aber auch heißt: Wer sich besonders nervig verhält, hat die schlechtesten Karten, mitgenommen zu werden. Silvester ist der Tag, an dem die Kunden sich freuen dürfen, dass wir an einen Tarif gebunden sind, denn in dieser Schicht könnten Taxifahrer Mondpreise diktieren und wären dennoch ausgelastet. Wir verdienen zwar überdurchschnittlich gut, aber durch die hohe Anzahl betrunkener Leute, die Scherben und Böller auf den Straßen, die Konkurrenz zwischen den Fahrgästen und die aus allerlei Gründen hohe Emotionalität des Datums ist das zeitgleich die stressigste Schicht des Jahres.
Lasst eventuell vorhandenen Frust über 2013 nicht an jenen Fahrern aus, die auch während der größten Party hierzulande noch ihre Arbeit zu machen versuchen. An allem was an diesem Tag schief läuft – selbst im Taxigewerbe – sind eben genau diese Fahrer am allerwenigsten schuld! Und jede Diskussion, jede Streiterei verschlimmert es nur. Wir rocken die Kundschaft im Akkord nach Hause und je ungestörter wir das tun können, desto schneller geht es für alle.

Ich hab dieses Jahr noch keine endgültige Bestätigung, ob ich am 31. Dezember ein Taxi habe. Dieses Jahr fällt Silvester erstmals nicht in meine offizielle Arbeitszeit (da ich inzwischen Montag bis Mittwoch nicht fahre), da muss ich ein bisschen Glück haben, damit das klappt.

Wobei: Schlimmer als vor zwei Jahren kann es ja gar nicht laufen. Da wäre ja selbst gar nicht fahren besser …

Aber wie gesagt: Bleibt ruhig und überlegt Euch, wenn Ihr es eilig haben solltet, Alternativen. Ansonsten werden wir das gemeinsam wie jedes Jahr hinkriegen, dazu sollten wir aber alle einen kühlen Kopf bewahren. OK?

Es gibt so Tage …

Ich bin ja wirklich der letzte, der auf der Straße Streit sucht. Aber es gibt so Tage, da ist man von Vollpfosten und deren nahen Verwandten umgeben. Wie am vergangenen Samstag.

Angefangen hat alles mit einem Kollegen, der mir (in der Tat sehr freundlich) vorwarf, ich hätte mich am Ostbahnhof vorgedrängelt. Das Szenario genau zu beschreiben ist etwas umständlich, aber ich kann zumindest mal sagen, dass ich nicht wenig überrascht war, weil ich schon eine halbe Stunde dort anstand und mich zu diesem Zeitpunkt ganz hinten auf der letzten Rücke brav eingereiht hatte. Wie gesagt: Der Kollege war eigentlich echt nett – aber hey: er hat sich das aufgrund des Autotyps vor ihm und nicht rechtzeitigem Nachrücken mal eben zusammengereimt. Das ist schon erstaunlich wenig nachgedacht, um aufgrund dessen Alarm zu schlagen …

Nummer zwei war dann eine Winkerin. Sie hielt mich an einer roten Ampel an und fragte mich, ob ich einen Kindersitz hätte. Der Minimensch sah eigentlich eher ein wenig ZU klein für die Sitzerhöhungen aus, aber man kann ja mal gucken. Kaum, dass ich das tun wollte, hupte es ungestüm und ein weiterer Taxifahrer fuhr heran. Schon klar, da war die Tour wohl bestellt. Ich bin also hin zum Kollegen und hab ihm gleich ein „Sorry“ entgegengeschmissen, was er mit einem „Bist ja’n Scheiß-Kollege!“ erwiderte. Sehr nett. Was glaubt dieser Vollpfosten eigentlich, wie ich ihm die Fahrt hätte klauen sollen, die er über den Datenfunk der anderen Zentrale bekommen hatte?
Ich kann ja wohl schlecht an allen Winkern vorbeifahren, weil sie theoretisch auch bestellt haben könnten. 0.o

Nummer 3 war dann der theatralische Huper (dieses Mal kein Taxifahrer) auf einer komplett leeren Landsberger Allee (3 Spuren je Richtung), der es irgendwie unverschämt fand, dass ich meinen Kunden rechts am Straßenrand rausgelassen habe. Im Übrigen, ohne ihn fies auszubremsen und artig mit Blinken und so.
Manchmal frage ich mich bei solchen Leuten, wie sie als Fahrgast wohl reagieren würden, wenn ich als Fahrer sagen würde:

„Nein, tut mir leid. Ich muss leider mit ihnen um den Block zum nächsten ausgeschilderten Parkplatz fahren, da hundert Meter hinter uns ein anderes Fahrzeug sich nähert und ich nicht ausschließen kann, dass der Fahrer desselben ungerne die Spur wechseln würde, nur weil Sie hier aussteigen wollen. Kostet aber auch nur 80 Cent extra, keine Sorge.“

Wahrscheinlich wäre ich dann das vierte Mal in einer Nacht der Idiot. Aber gut, man kann es halt nie allen recht machen …

Wenn es weh tut …

Heute ist einer von den Tagen, die weh tun. Bezüglich der Nachtschicht, meine ich.

Trotz der ein oder anderen Kleinigkeit bin ich mir recht sicher, dass ich mit der Nachtschicht grundsätzlich gut klarkomme. Ein paar Neue hier wissen das vielleicht noch gar nicht (und ein paar Alteingesessene vermuten vielleicht, es hätte sich geändert), aber es ist ja so, dass ich meinen Rhythmus inzwischen seit über 4 Jahren komplett umgestellt habe. Wirklich komplett.
Wie bei wahrscheinlich einigen da draußen bestätigen auch bei mir ein paar Ausnahmen die Regel, aber an normalen Tagen gehe ich zwischen 6 und 9 Uhr ins Bett und stehe zwischen 14 und 17 Uhr auf. Und das auch jetzt noch, wo ich manchmal nur noch zwei Tage pro Woche im Taxi sitze. Ich hab’s mir wirklich angewöhnt und ich falle in den Rhythmus auch immer zurück, wenn ich mal für ein paar Tage im Urlaub bin und es eigentlich nicht brauchen kann. Wie gesund mein Schlaf dabei ist, will ich als Laie besser nicht bewerten, aber klar ist mir bekannt, dass die Chance groß ist, dass das gesundheitlich nicht so super ist. Ich nehme das halt mit, so lange es noch angenehm ist in meinem *hüstel* beinahe jugendlichen Alter.

Womit sich dieser Schlafrhythmus leider gar nicht verträgt, ist die immer mal wieder hier aufkreuzende Frau mit der Drehorgel. Ich hab sie sicher schon mal erwähnt. Die stellt ihren Leierkasten nämlich bevorzugt fast direkt unter meinem Fenster auf und dudelt ihre sich ständig wiederholenden Hits – jetzt natürlich Weihnachtslieder –während meiner Kernschlafzeiten herunter. Und mal abgesehen davon, dass bei geschlossenem Fenster schlafen wirklich was ist, was ich nicht mag: man hört sie auch dann noch.
Als von dieser Kunst an sich schon nicht viel haltender Mensch hab ich zudem mit jedem Mal mehr den Verdacht, dass dieses Gerät auch nie dazu konzipiert wurde, dass man ihm länger zuhört. Man soll wahrscheinlich viel mehr im Vorbeigehen gleich die Melodie erkennen und es nach Möglichkeit toll finden.

Problem 1: Weder ich noch die Frau gehen aneinander vorbei.
Problem 2: Es ist nicht toll.

Und so hatte ich letzte „Nacht“ nur ungefähr 2 Stunden (noch dazu sehr unruhigen) Schlaf. Und nachdem für den frühen Abend noch ein paar Einkäufe geplant waren, war ich pünktlich zum Arbeitsbeginn wieder müde. Was doof war. Am Autochen war alles gerichtet und den Donnerstag hatte ich schon zu Gunsten eines Kollegen geopfert, der gerne fahren wollte, während ich eher so pro forma ein paar wenige Touren gemacht hätte. Und jetzt war Freitagnacht, ein toller Tag zum relaxt und dennoch nicht unterbeschäftigt Taxifahren. Und mir fielen die Augen zu.

Ein bisschen was geht immer. Viel frische Luft, dazu ein, zwei oder drei Coffees. Ein Tief kann einen immer mal erwischen, da bin ich ja vorbereitet. Aber irgendwann geht das nicht mehr weiter. Koffein überdosieren ist eine verdammt blöde Idee. Ich bin jetzt zwar nicht sonderlich empfindlich (manche kriegen da ja umgehend Herzflattern), aber ich hab mal privat völlig übermüdet eine Fahrt mit insgesamt mehr als einem Gramm Koffein intus beendet, was mir vor allem die Klamotten versaut hat, weil  ich plötzlich (das einzige Mal in den letzten 10 oder 15 Jahren) übelstes Nasenbluten bekommen habe. Abgesehen davon, dass ich das im Taxi nicht brauchen kann: Wir werden uns sicher einig sein, dass man seinen Körper nicht auf Dauer überlisten kann und sollte. Schon gar nicht, wenn man bei der Arbeit gefälligst konzentriert zu sein hat.

Das letzte Stadium im Taxi ist das, das zum sofortigen Abbruch der Schicht aufruft: Wenn man Mülltonnen winken sieht. Nicht wortwörtlich im Sinne arg abschweifender Halluzinationen (Dann ist es ein bisschen mehr als nur eigentlich zu spät), sondern im Sinne ständigen Aufschreckens, weil man glaubt, da wäre gerade ein Mensch gestanden, obwohl es eben nur eine Mülltonne, ein Verkehrsschild oder ein Dromedar war. Also beispielsweise. Briefkästen sind auch so eine ganz eigene Kundengruppe, wenn man nur müde genug ist.

Das Geld heute Nacht wäre echt nötig gewesen. Aber ich schaff es einfach nicht wie manche Kollegen wegen 50 € brutto am Monatsende mal eben die körperliche Unversehrtheit aller vielleicht auch nur zufällig Beteiligten zu gefährden. Also bin ich um halb vier dann doch heim. Obwohl die gute Zeit erst anfing. Bzw. jetzt anfängt. Denn jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, ist es halb fünf. Ich halte mich mit dem Schreiben dieses Eintrages wach. Wenn auch mehr schlecht als recht: das tue ich absichtlich. Damit ich nachher um 7 Uhr todmüde und hoffentlich selbst im Falle einer Drehorgel-Epidemie friedlich ins Bett falle.

Und im Laufe des heutigen Abends rolle ich das Feld dann frisch ausgeschlafen von hinten auf! 🙂


PS: Heute ist dann der kürzeste Tag des Jahres. Für den ich viel übrig hab, weil ich die Nacht an und für sich ja doch einfach für die bessere Zeit halte.

 

Sorgenkind 72

Vielleicht bin ich ein bisschen empfindlich beim Auto. Zumindest rede ich mir das bisweilen selbst ein. Sobald irgendwas quietscht oder klappert, nervt es mich. Aber ich hab ja leicht reden, wo doch die Reparaturen bis auf ganz extrem seltene Fälle nie in meiner Arbeitszeit liegen. Gestern Abend hab ich mich lange Zeit vor dem Schichtbeginn gedrückt. Da spielte zwar auch ein eher schwer im Magen liegendes Frühstück eine Rolle, aber ich hatte Sorge, dass mich das Auto so nervt wie am Freitag. Da ging es zwar meist noch, aber na ja …

Autos machen Geräusche und die wenigsten davon sind angenehm. Und ich hab inzwischen auch ein bisschen mehr Abstand davon gewonnen, dass alles perfekt sein muss. Aber kaum dass ich gestern vom Parkplatz gerollt bin, war es wieder da. Miepmiepmiep im Takt der Reifenumdrehungen. Macht einen kirre, wenn man das Fenster einen Spalt offen lässt. Beim Bremsen dann schlagartig Ruhe, bis das Quietschen einsetzt, das ankündigt, dass man sie auch mal überprüfen sollte. Nach rechts lenken klappt geräuschlos, links schabt irgendwas. Und was das Auto für Geräusche macht, wenn ich rückwärts mit voll eingeschlagenem Lenkrad einparke, ist zu obskur für meinen Wortschatz.

Ich begann eine Runde um den Wohnblock zu drehen. Grenzen ausloten. Wichtigste Erkenntnis, fast noch legal gewonnen: Ab Tempo 60 ist alles prima. Ein bisschen doof nur, dass ich zu 99% in der Innenstadt unterwegs bin. Ich wollte das Auto also entnervt wegstellen und meinem Chef Bescheid sagen. Meinem Tagfahrer war das Ganze bislang nicht aufgefallen, was aber verschiedenste Gründe haben könnte. Geschlossene Scheiben, Stadtverkehr am Tage, laute Musik, was weiß ich. Vielleicht auch Ignoranz, keine Ahnung.

Als ich den Testkreis zu drei Vierteln geschlossen hatte, rannte an einer Ampel doch tatsächlich wer auf mein Auto zu. Im Rahmen einer besonders großen Ironie dachte ich in dem Moment daran, wie scheiße sich das Auto wohl gerade beim Bremsen angehört haben musste, bis ich sah, dass der Kerl große Kopfhörer trug, über die er offenbar laut Musik hörte. Klassischer Fall von „Wenn sich zwei finden“. 😉

Er hatte eine Tour für rund einen Zehner für mich, alles soweit gut. Als er ausgestiegen war, dachte ich mir auch:

„Ach komm! Siehste, geht doch alles. Ist nicht so wild, mach mal nicht rum!“

Und dann hab ich gewendet …

Also doch Zettel für den Tagfahrer, SMS an den Chef und ein Tag ungeplanter Urlaub. Bisschen doof nur, dass es ausgerechnet an einem guten Wochenende sein musste. Schauen wir mal, wie lange wir die 72 noch haben.

Sooo knapp vorbei …

Die Schicht heute Nacht hat dem Gewerbe alle Ehre gemacht und war völlig durchgeknallt. Gar nicht mal wegen der Fahrgäste, nee nee! Das fing schon mit den Touren an. Während ich ja eigentlich auf 200 € Umsatz zielen wollte, lief es am Anfang zeitgleich gut und total bekloppt. Ich hatte fast in jeder Stunde gleich zwei Touren – was an und für sich mehr als ausreichend gewesen wäre – aber ausnahmslos sehr kurze. Nach den ersten vier (!) Fahrten stand mein Umsatz bei 21 € – und da war nur eine einzige Kurzstrecke dabei …
Ich hätte mich ja beinahe überzeugen lassen, dass an diesem Freitag-der-13te-Geseier irgendwas dran ist.

Aber gut, nichts währt ewig. Am Ende wurden die Fahrten länger und das Ergebnis sollte auch noch ganz passabel werden. Einen Moment nahezu unanständiger Hoffnung hatte ich, als ich am Berghain 6 Jungs im Auto verteilt hatte. Sie waren ein bisschen verärgert, nicht ins Berghain gekommen zu sein. Dabei war jetzt nicht soo viel schlimmes daran, dass der Club von einem meiner Kollegen empfohlen worden war. Wer nach einem „sehr guten Club“ fragt … aber klar ist es hart, abgewiesen zu werden. Vor allem, wenn man das aus der Heimat nicht kennt:

„Look at us, my friend! We are the best looking men in finland!“

Aber gut. Für eigentlich recht anspruchslose Touristen lässt sich im näheren Umkreis ja immer eine Alternative finden. Ich wähle da immer gerne den Tresor. Der hat (noch von der alten Location her) einen verdammt guten Ruf und ist in wenigen Minuten erreichbar. Auf der anderen Seite ist es auch nicht der allernächste, die Fahrt bringt immerhin einen Euro mehr als das Watergate oder der Kater Holzig. Beim Kater allerdings sind die Türsteher manchmal offenbar auch wählerisch, am Watergate ist die Schlange manchmal sehr lang. Beides hab ich vom Tresor noch nicht gehört, so dass ich denke, das geht schon in Ordnung.

Und während ich das so vorschlage, will einer der Jungs die anderen doch tatsächlich überreden, noch in ein Rotlicht-Etablissement zu wechseln. Hätte er das mal hingekriegt – ich hätte an der Tour mehr verdient als am ganzen Wochenende. Bei sechs Leuten!

Aber gut, hat nicht sollen sein. Also blieb es beim Tresor. 7,00 € + 3,00 € Zuschläge ohne Trinkgeld. Bis dahin die umsatzstärkste Fahrt an dem Abend. Immerhin, auch wenn’s ein bisschen schmerzt. 😉

Das einzige, was wirklich genervt hat, war das Auto. Die Bremsen, die Stabilisatoren, vielleicht auch noch irgendwas. Sollte bald mal gemacht werden. Heute Nacht hatte die Kiste für jede Lebenslage ein eigenes nicht ganz freiwilliges Geräusch parat. Meistens nicht schlimm – wenn man am Ostbahnhof durch die Schlange geht, hat immer irgendeiner gerade irgendwas am Auto – aber mich hat’s furchtbar gestresst. Vor allem, weil ich jetzt am Wochenende ja auch nicht wirklich auf Besserung hoffen kann. Ich mag es einfach nicht, wenn irgendwas nicht klingt, wie es soll. Dummerweise sind die meisten Kollegen da weit weniger empfindlich … 🙁

Fehlfahrt

Vorwort:
Heute wird es länger, heute wird es unschön. Nun seid Ihr gewarnt. Viel Spaß!

„Fehlfahrten“ habe ich sehr selten – also Fahrten, die am Ende nicht bezahlt werden. Jetzt aber hat es mich am Wochenende mal wieder erwischt und es war zum Kotzen wie eh und je. Und ja, das war die Fahrt, die ich vor ein paar Tagen so kryptisch erwähnt hatte.

Im Nachhinein bleibt mir die Szene im Gedächtnis, wie die Kundin sich vor zwei weiteren Taxiinteressierten vordrängelte, um bei mir einzusteigen. Wie viel glücklicher wäre ich jetzt, im Nachhinein, wohl über die andere Kundschaft gewesen!

Aber angefangen hat alles ganz locker. Sie wolle zum Nöldnerplatz, sagte sie mir. Nicht betrunken, alles im Griff, super. Ich fragte sie, welchen der beiden gleichlangen Wege sie bevorzugen würde, sie wählte den schnelleren und alles war gut. Zumindest bei mir. Bei ihr eher weniger, denn in den folgenden Minuten erzählte sie unter anderem, dass ihr die Wohnung gekündigt wurde, und sie nun bei einem Kumpel pennen würde. Was eine Scheiße, Bedauern usw., das Übliche.

Als ich die Nöldnerstraße befuhr, fragte ich, ob ich links zum Platz abbiegen solle.

„Nee, hier geradeaus.“

Soweit nicht verwunderlich. Erst einen bekannten Platz ansagen, dann in eine der Straßen dort wollen – das machen viele Fahrgäste. Als ich nun aber bereits mehr als einen Kilometer am Platz vorbei war, fragte ich nochmal:

„Weiter geradeaus?“

„Ja, hmm, nee. Nöldnerplatz eben. Glaub, wir sind da schon vorbei.“

Ich hab innerlich ein bisschen geflucht, mir aber gedacht: Bleib ruhig wie sie. Der Umweg scheint sie nicht zu stören, also lass‘ gut sein. Ist ja mehr Geld, also was soll’s? Also hab ich versucht,  ihr eine genaue Adresse zu entlocken. Klappte nicht wirklich:

„Ich kenn‘ die nicht genau. Aber ich war ja schon x-mal da. Ich erkenn‘ das Haus dann schon.“

Und auch im weiteren Verlauf klang das alles gut. Sie sagte hier und da mal an, ob ich rechts oder links solle, allerdings auch allzu oft nahezu apathisch, dass ich geradeaus fahren solle. Als wir das zweite Mal nach einem Fehlstich den Platz ansteuerten, klingelten natürlich auch bei mir die Alarmglocken: Diese Fahrt führt nirgends hin! Brech das ab!

Aber jedes Mal, wenn ich dachte, dass die gute Frau unzurechnungsfähig ist, wirkte sie plötzlich wieder aufgeweckt und empathisch und machte klar, wie unangenehm ihr das sei, dass sie das nicht mehr so gut im Kopf hatte. Irgendwann kam sie dann mit der Nummer 4. Das Haus sei wohl die Nummer 4. Welche Straße? Nöldnerplatz! Aber da gibt es keine Häuser …

Also sind wir im Schritttempo die angrenzenden Straßen abgefahren. Mal hier lang, mal da lang und im Zweifelsfall immer weiter. Geradeaus natürlich, ist ja klar.

Hätte die normale Fahrt zum Nöldnerplatz etwa 11 € gekostet, standen nun langsam 20 auf dem Taxameter. Zudem war klar, dass allenfalls ihr Kumpel würde zahlen können. Wir waren zwischenzeitlich bis zum Bahnhof Lichtenberg und zum Ostkreuz gekommen, überall zuerst aufgeregte Freude über die richtige Richtung, dann Ernüchterung. Beim von mir schon fest entschlossen allerletzten Versuch ging es dann auf die andere Seite der S-Bahn. Victoriastadt also …

Da gerieten die Erinnerungen der jungen Dame dann allerdings wirklich ins Rotieren und sie lotste mich einen völlig hanebüchenen Weg entlang in die Kaskelstraße. Nicht zur Nummer 4, auch nicht zu einem der denkmalgeschützten Häuser. Eher so zweistellig und hässlich. Aber offenbar richtig. Ob ich mit hochkommen möchte, fragte sie mich – was ich in Ermangelung eines brauchbaren Pfandes annahm. Im heruntergekommenen Treppenhaus erklomm sie Stufe um Stufe, Stockwerk um Stockwerk, vorbei an Türen mit über 10 Paar Schuhen davor. Im vierten Stock dann lag das Ziel, die Tür war angelehnt. Sie bat mich, eben kurz draußen zu warten und ging für eine Minute hinein.

Meine Hoffnung war wieder da. Wir waren hier an einer Wohnung mit Namensschild an der Tür und drinnen wartete ein offensichtlich großherziger Mensch, der eine Obdachlose bei sich aufnimmt. Also was soll passieren?

„Du, des is‘ jetzt voll scheiße: Der Marcel ist nicht da und von dem wollte ich doch das Geld …“

eröffnete sie mir, als sie erneut in der Tür stand. Aber um einen Plan war sie nicht verlegen:

„Komm doch kurz rein und schreib mir deine Nummer auf. Dann bezahle ich das morgen. Echt jetzt!“

Jaja, und eine der lila Locken vom Weihnachtsmann gibt es als Trinkgeld dazu, schon klar!

Aber was macht man nicht alles! Ich hatte inzwischen eine Dreiviertelstunde meiner Arbeitszeit verschenkt und zudem würde ich im Gegenzug ja auch ihren Namen notieren können. Das wird schon! Think positive!

Ich betrat die fast unbeleuchtete Altbauwohnung und fühlte mich mit dem Übertreten der Schwelle umgehend unwohl. Ich mag Altbauten nicht sonderlich, aber mit fahlem Licht und miserabel zusammengestellter Einrichtung wirkt das auf mich immer gleich wie eine Fabrikhalle oder ein Steinbruch. Beides keine Orte, in denen ich leben könnte.
Sie verschwand kurz im nur von einem Fernseher beleuchteten Wohnzimmer, einige beschwichtigende Worte flüsternd, kam dann wieder in den Flur und bat mich, die Küche zu betreten. Rissiges Linoleum am Boden, Kühlschrank aus den 80ern, ansonsten Ordnung und Sauberkeit. Eine einzelne leere Bierflasche auf der Fensterbank. Und das Licht ging nicht an. Die folgenden drei Minuten suchte meine Mitreisende in dem nur vom Flur aus notbeleuchteten Raum nach einem Stift, konnte aber keinen finden. Nicht in diesem Kästchen, nicht in jener Schublade.

„WAS IS!? WILLSTE JETZT AUCH NOCH DEN KÜHLSCHRANK LEERFRESSEN?“

polterte es in martialischer Lautstärke aus dem Wohnzimmer. Stimme, Tonfall und Genuschel ließen vor meinem inneren Auge einen voll sympathischen Kerl erscheinen: Zwei Meter groß, 50 Kilo Übergewicht, Glatze und 17 Bier intus. Na, was für eine heitere Gesellschaft!

„Nee, ich such nur’n Stift!“

„IM KÜHLSCHRANK, ODER WAS?“

Meine Fresse!

Letztlich war ich es, der zufällig einen Stift sichtete, und kurz darauf verlangte ich ihren Ausweis.

„Hab ich nicht mehr.“

„Irgendwas anderes?“

„Nix …“

Dass die Sache gelaufen ist und ich mein Geld nicht sehen würde, war klar. Von ihr konnte ich keinen überprüfbaren Namen bekommen und die Wohnung gehörte ihr ganz offensichtlich auch nicht. Obwohl ich damit drohte – für den Fall, sie rufe nicht an – stellte ich es mir erbärmlich vor, wie ich tags drauf mit den Cops vor der Tür stände und irgendein misanthropischer Hool brüllen würde:

„WAT’N WEIB? KENNICK NÜSCHT!“

Eine knappe Stunde Arbeits- und Lebenszeit waren das. Zur Entschädigung standen 25,80 € auf dem Taxameter und ich werde sie nie sehen. Denn natürlich hat sich die Frau nicht mehr gemeldet und sie wird es auch nie tun.

Ich habe gestern mit einem Kollegen am Stand gesprochen, der mir ein paar Jahre und damit ein paar Fehlfahrten voraus hat. Er hat mir gesagt, dass er das inzwischen lockerer sehe. Jeder müsse mal einstecken und den Ärger sei es eigentlich nicht wert. Und dass er nach Möglichkeit den Leuten immer folgendes mitgibt:

„Ich kann an der Situation jetzt nichts ändern. Ich bin nur ein armer Taxifahrer, der hier nachts auf der Straße versucht, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie bezahlen mich nicht für die Arbeit, die ich erbringe, also hab ich ihnen quasi Geld geschenkt. Stellen Sie sich ruhig bildlich vor, sie haben gerade mein Portemonnaie geöffnet und sich 25 € rausgenommen. Sehen Sie es als Spende von jemandem, der auch nur versucht, seine Miete zu bezahlen!“

Ein wenig theatralisch, wenn Ihr mich fragt. Aber der Kollege fügte, erstaunlich regungslos, hinzu:

„Und immerhin zweimal bisher hab ich dafür ein ‚Danke!‘ erhalten.“

Schicksal, alte Arschkrampe!

Ich liebe es so, wenn mal alles läuft, wie es soll. Ich stand auf der Danziger, Ecke Kollwitz. Fahrtrichtung Osten. Während die Ampel noch rot war, schiebt sich ein ebenfalls freier Kollege auf die linke Spur neben mir. Kaum, dass die Ampel grün wird, drückt er das Gaspedal voll durch und zieht mir davon …

Zunächst dachte ich, er will vielleicht 100 Meter weiter links ab in die Prenzlauer Allee. Aber nix da. Er hat die Ampel einfach mal genutzt, um mich überholen zu können. Was mal unter aller Sau ist. Außer egoistischem Arschlochgeprolle gibt es nichts, was dafür spricht, sich nicht an die Regel, keine freien Taxen zu überholen, wenn man selbst frei ist, zu halten. Natürlich nerven einen auch mal Kollegen, die gefühlt zu langsam vor einem herzuckeln, aber dann ist das halt so.
Die Situation dort vor Ort ist noch dazu in anderer Hinsicht doof. Zu manchen Stunden sind die Ampeln dort so scheiße geschaltet, dass man von der Ampel an der Kollwitzstraße direkt auf die an der Greifswalder trifft, wenn sie auf Rot schaltet. Man muss auf den 100 Metern schon auf 60 oder 70 hochbeschleunigen, um sie bei der Schaltung gerade noch bei Gelb zu kriegen. Das schaffe ich zugegebenermaßen mit meinem Auto gar nicht. Oder ja, vielleicht irgendwie ganz knapp gerade so … es war mir immer zu eng, um es zu versuchen.
Was, bei allem Ärgernis übers Warten, immer noch kein Grund ist, mich zu überholen. Ich bremse schließlich auch manchmal, um mich hinter einem Kollegen einzureihen. Wäre ja noch schöner, wenn künftig die Motorgröße oder die zufällige Anfangsgeschwindigkeit über die Vorfahrt entscheidet.

Und was passierte nun?

Naja. Während ich bereits wieder runterbremste, weil die Ampel vor mir auf gelb schaltete, drückte der Kollege, inzwischen gut 30 bis 40 Meter vor mir, nochmal voll das Gaspedal seiner E-Klasse durch. Fast exakt zeitgleich mit seinem Passieren der Haltelinie reckte ein erstaunter Fahrgast am Fußgängerweg der Ampel seine Hand. Ich hab für den Hauch einer Zehntelsekunde die Bremslichter des Daimlers aufleuchten sehen. Aber der „Kollege“ sah wohl ein, dass eine Vollbremsung bei dem Tempo ihn wohl nur irgendwo mitten auf der Kreuzung ins Schleudern hätte geraten lassen. Also bin ich dem über das andere Taxi etwas irritierten Kunden entgegengefahren und habe – die Ampel war ja sowieso rot 😉 – vor ihm gehalten und ihm mit seinem Gepäck geholfen. Soll das Arschloch von Taxifahrer doch Vorsprung haben, so lange ich Kundschaft habe. 😀

Es wurde eine sehr unterhaltsame Tour zum Hauptbahnhof. Nichts aufregendes, aber 11 € plus Trinkgeld, dazu ein in Österreich lebender Amsterdamer auf dem Weg nach München mit viel Reiseerfahrung und netten Berlin-Anekdoten. Hat mir finanziell zudem bis auf 2 € an mein Tagesziel herangereicht. Manchmal zahlt es sich halt doch aus, einer von den Guten und nicht einer von den Schnellen zu sein …