Terminliches und räumliches

Ob ich heute am Ostbahnhof sein würde, fragte mich der Kollege, es ginge um die Halterung für sein Navi. Das habe er wohl in „meinem“ Auto liegen gelassen. Was halt mal passiert, wenn man öfter unterschiedliche Autos fährt. Es war nicht super-dringend, also hab ich einfach gesagt, dass ich vielleicht mal da bin, ab 0 Uhr aber eher am Berghain – wohlwissend, dass besagter Kollege dort auch öfter aufschlägt.

Und was soll man sagen: Wir haben uns nicht einmal gesehen an diesem Abend.

Am nächsten Tag haben wir uns dann konkret verabredet und das hat auch ganz gut gepasst. Aber eine komplette Schicht aneinander vorbeizufahren (obwohl wir uns sonst mehrmals täglich treffen) ist schon so eine Sache für sich. Was ebenso in diesen Bereich der Arbeit gehört, sind die vielen Anfragen von Kunden:

„Haste ’ne Karte?“

„Nee, gerade nicht. Ich kann Dir meine Nummer geben, aber …“

Über das dann folgende Aber haben sich die wenigsten offenbar vorher Gedanken gemacht, denn die meisten reagieren zwar verständig, aber doch überrascht, wenn ich dann sage:

“ …die Wahrscheinlichkeit, dass das mit der Rücktour nachher klappt, ist gering. Vielleicht bin ich gerade am anderen Ende der Stadt.“

Ja, so banal, schon klar. Aber – siehe mich und den Kollegen – man vergisst schon mal, dass es nahezu ein Ding der Unmöglichkeit ist, bei einem fast 900 km² großen Pflichtfahrgebiet vorherzusagen, wo sich ein bestimmter Taxifahrer zu einem bestimmten Zeitpunkt x aufhalten wird. Selbst wenn man wie ich gerne eine bestimmte Halte ansteuert oder bestimmte Lieblingsgebiete zum Durchkämmen hat. Schade ist das natürlich immer. Ich freue mich ja auch darüber, nette Leute wiederzusehen, bzw. eine Tour sicher zu haben. Aber wer will schon 20 Minuten auf ein Taxi warten, wenn die Auswahl groß und die Strecke klein ist. Und ich selbst: Will ich ggf. von Hellersdorf nach Mitte fahren für eine Tour von 7,80 €?

Die meisten verzichten nach einem kurzen Nachdenken darauf, sich die Nummer geben zu lassen. Und selbst ich kann damit leben, so schön Stammkunden auch sind.

Ja, wow und so, ne?

Ich stand so mit einem Kollegen aus meiner Firma am Ostbahnhof. Er hatte nur kurz auf der Durchfahrt angehalten, ein kleiner Luxus der Nachtschicht. Da bleiben die Taxifahrer schon mal in zweiter Reihe stehen, um zu quatschen. Ich selbst stand auf Position vier, hatte also noch ein wenig Wartezeit vor mir. Dachte ich zumindest. Denn unser Gespräch wurde recht jäh unterbrochen von einem jugendlichen Kerl, der mich mit folgenden liebenswerten Worten anquatschte:

„Was‘ los, bisse frei? Machnwer Erkner?“

Ja, scheiß doch die Wand an! Prima Tour ins Umland, auf dem berüchtigten Silbertablett serviert. Die Verabschiedung des Kollegen fiel quasi komplett aus – auch etwas, das man lernt als Taxifahrer. Wir haben unglaublich viel Zeit, „während der Arbeit“ miteinander zu quatschen, dann aber kommt wer und das Gespräch endet schonmal so in etwa:

„Nee, und ganz interessant bezüglich des neuen Navis ist, oh Kundschaft, man sieht sich!“

Und die ganz große Herausforderung für uns alle ist, unseren Freunden und Partnern zu erklären, dass wir auch Telefongespräche mal derart beenden müssen. 🙂

Aber man will so eine Tour ja auch nicht verlieren, nur weil man sich noch ausquatschen muss. In dem Fall hat das gut geklappt und ich hatte den Fang bei mir im Auto sitzen. Also Erkner. Schon ein paar Mal war ich da, aber ehrlich gesagt trotz Nähe zur Stadtgrenze immer mit Navi. Das ist jetzt echt kein tolles Eingeständnis, aber ich bin halt Zugewanderter. Ich hab wie blöde auf die Ortskundeprüfung gelernt, die aber ist mit komplett Berlin schon umfangreich genug. All mein Wissen übers Umland habe ich nur (!) aus den Fahrten dorthin. Und die sind einfach mal selten. Deswegen schätze ich da heute noch vieles falsch ein. So viel im Vorfeld dazu, dass ich erst darüber nachdachte, über die Autobahn zu fahren. Schließlich gibt es doch auf dem Weg nach Frankfurt einen Abzweig nach Erkner …
Ja, ist Bullshit. Der Umweg ist so groß, dass man keine Zeit spart – das hab ich erst während der Tour von meinem Navi erfahren. Das dadurch anfänglich etwas blöde Umhergegurke beendete ich dann immerhin halbwegs rechtzeitig und der Umweg hielt sich in Grenzen. Aber so ganz ohne Grund war das auch nicht, denn der junge und sehr relaxte Kerl hatte es eilig. Richtig eilig!

Er wollte einen Zug erwischen, für den wir die Strecke in irgendwas knapp über einer halben Stunde hätten schaffen müssen. Deswegen die verzweifelte Suche nach einer schnellen Route.

Hektische Fahrten sind immer mies. Denn hier geraten die eigenen und die Kundeninteressen ganz massiv aneinander. Sicher, die Tour schnell rumbringen wollen wir auch, aber keine einzige Fahrt, die einem durchschnittlich auch nur einmal passiert als Taxifahrer, ist auch nur einen einzigen Monat Fahrverbot wert. Selbst eine Fahrt in meine Heimatstadt Stuttgart ersetzt mir nicht den Lohn eines Monats Arbeit. Und die Fahrt nach Erkner wäre schon für’n Arsch gewesen, wenn auch nur 20 € Bußgeld anfallen würden – was bei einem Blitzer und 11 km/h Übertretung der erlaubten Geschwindigkeit schon der Fall wäre …

Das kann man sich ruhig mal vor Augen halten, wenn man der Meinung ist, der Taxifahrer da fahre doch ein bisschen lahm.
(Und ja: Ich weiß, dass viele Kollegen trotzdem rasen wie die Irren. Dafür, dass nicht alle ganz knusper sind, kann ich auch nix.)

Auf der anderen Seite will man ja auch ein guter Dienstleister und/oder einfach nett sein. Auch mal locker sein. Ein bisschen mehr geben, als es jetzt notwendig gewesen wäre, einen besonders guten Eindruck hinterlassen. Oder dafür Sorge tragen, dass ein Kunde nicht nachts stundenlang auf einem Provinzbahnhof stehen muss.

Ich hab mein Kistchen also unter Einbeziehung aller notwendiger Vorsichtsmaßnahmen so gut befeuert, wie es nur ging. Straßenrand und Tacho im Auge behalten, bei bekannten Abkürzungen kurzen Prozess gemacht, die Gelbphasen bis aufs Letzte genutzt. Und mein Kunde war ein Guter. Ehrlich. Er hat mich nicht zum Rasen gezwungen. Ich hab versucht, es ihm recht zu machen, mehr nicht. Wir haben uns viel unterhalten und er hat sogar ausdrücklich klargemacht, dass es ihm leid tue, dass er mir das jetzt indirekt so stressig machen würde. Sein Onkel Harry sei ja auch Taxifahrer, bei ihm im Dorf, er kenne ja die Geschichten. Aber mehr als den Fuffi jetzt hätte er halt nicht, sonst hätte ich ihn gerne bis ganz nach Frankfurt bringen können, dann wäre die Zeit auch egal …

Traumkunde. Also wenn man vom Zeitplan absieht.

Und hey: Der Onkel ist Taxifahrer, er hat einen Fuffi und die Fahrt wird nur knapp über 40 kosten … ja, man denkt bei solchen Touren auch mal übers Trinkgeld nach. 😉

Diesen Teil hat der Kollege Harry aus einem Kaff bei Oldenburg aber offenbar eher stiefmütterlich behandelt. Denn obwohl die Fahrt stressfrei verlief und wir am Ende unter Ausnutzung einiger wirklich nur sehr schwer noch als grau definierbarer StVO-Grenzbereiche 5 Minuten vor dem Zug am Bahnhof Erkner ankamen, ergab sich folgender Dialog:

„Tja, bitte! Das hätten wir. Gerade so, aber immerhin. Dann wären wir bei 41,80 €.“

„Ja, hier. Mach einfach 42.“

Ja, wow und so, ne? 🙁

Aber gut, der Umsatz war klasse, es ist mal wieder alles gut gegangen, da wollen wir wohl besser nicht meckern.

Kleiner Link am Rande: Eine der tollen Touren nach Erkner war diese hier: Teil 1 | Teil 2 | Teil 3

Die Lösung ist Schlaf.

Ganz offensichtlich zumindest.

Wie beschissen mein gestriger Abend war, ist schwer zu beschreiben, weil er auf sehr subtile Art beschissen war. Dass ich vor allem wegen der Kinder unserer Nachbarn nicht so richtig schlafen konnte: Sei es drum, das passiert als Nachtarbeiter halt auch mal. Dafür zahle ich weniger Steuern. Kann in ganz blöden Fällen aber trotzdem nerven. Ich bin dann mit vielleicht vier Stunden Schlaf zu wenig pünktlich aufgebrochen und es wollte einfach nix passen. Mir lag das Essen unnötig schwer im Magen, ich hatte meine Bonbons vergessen und einen miesen Geschmack auf der Zunge. Das Auto machte komische Geräusche und völlig furchtbarerweise weigerte sich der CD-Player bei ungefähr 80% aller Lieder, sie bis zum Ende zu spielen. Und nach einer halben Stunde hätte ich umfallen können, wäre es am Steuer nur möglich. Dazu langweilige Kundschaft und quasi nicht existentes Trinkgeld.

Das sind die seltenen Momente, in denen auch ich mich frage, ob ich jetzt wirklich für die paar Kröten noch die Nacht durchziehen will. Scheiß auf Freitag, scheiß auf alles!

Entsprechend luxuriös war meine Laune, als ich um 21.30 Uhr mit viel zu vielen Kilometern und zu wenigen Euros auf der Uhr wieder zu Hause aufgeschlagen bin, um mich ins Bett zu schmeißen. Ich hab mir nicht einmal einen Wecker gestellt. Schlaf, so viel eben nötig ist. Der Rest war mir egal.

Und was soll ich sagen …

Um 0.25 Uhr bin ich aufgewacht. Schnell auf eine Kippe und eine Cola an den Rechner, die CD neu gebrannt und dann langsam in die Klamotten geschlüpft. Zwischenrein meine bessere Hälfte ins Bett gebracht und dann volles Rohr Richtung Innenstadt. Das Auto hatte sich beruhigt, Green Day brezelten ohne Unterbrechung die ersten drei Minuten der Fahrt aus dem Radio, danach hatte ich schon einen Winker. Auf diesen einen folgte eine Dreier-, danach noch eine Zweiergruppe. Das erste Mal am Ostbahnhof aufgeschlagen bin ich nach einer Stunde und 10 Minuten mit 48 € mehr auf der Uhr. Und hab mich als Dritter (!) angestellt.

Kurz darauf rollte Kollege Thorsten an den Stand und meinte:

„Scheiße, ist das tot heute!“

Das war es bei mir nur, bis ich ins Bett bin. Danach war heute, vorsichtig ausgedrückt, einfach alles perfekt.* So dürfen Monate immer anfangen. Dafür verkrafte ich auch zwei Stunden schlechte Laune zu Schichtbeginn.

*Das Trinkgeld ist miserabel geblieben. Aber das stört nicht so arg, wenn sonst echt alles passt.

Wiedereingewöhnung

Ich war in der vergangenen Nacht nicht lange draußen. Ich wäre es gerne gewesen, aber das hat alles nicht gepasst. Ich musste unbedingt zum Onkel Doktor, damit der mir Medikamente verschreibt. Da der jedoch nur zu meinen Schlafenszeiten offen hat, musste ich selbige verschieben. Da ich den Schlaf verschoben hatte, konnte ich nicht pünktlich anfangen – und am Ende gab es auch einfach finanziell mehr Sinn, bis 0 Uhr zu warten, damit ich den Freitag noch als Kranktag abrechnen kann.

Aber gut, irgendwann um die Geisterstunde war ich dann tatsächlich auf dem Weg zum Auto und in einem Anflug wahnwitzigen Timings hat Jo es dann geschafft, mich 5 Meter vor meinem fahrbaren Untersatz anzurufen und mich für eine Tour zu bestellen. Das war insgesamt relativ kompliziert, denn die Kneipe kannte ihre eigene Hausnummer nicht, Jo vergaß einfach so mal das Zahlen und ich war ohnehin noch etwas durch. Alles in allem aber eine gute Einstimmung aufs wieder einkehrende Arbeitsleben. 🙂

Nach nicht einmal vier Stunden hab ich allerdings wieder den Rückzug angetreten. So ganz für Vollzeit bin ich nicht zu haben bisher.

Wer meine laxe Arbeitsmoral gleich im Vorfeld zu verdammen weiß, sollte bitte bedenken: Ja, ich scherze gerne rum, dass ich eigentlich nur faul bin. Aber ich hab ’ne ordentliche Asthma-Bronchitis und könnte locker bis nächste Woche zu Hause chillen. Ich will’s halt dieses Mal nicht, ich mag meine Arbeit ja. Und ich hab zudem einen Job, in dem ich es ohne Probleme auch „langsam angehen“ lassen kann. Deswegen: Heute wird es dann wieder ein bisschen länger!

… oder eben nicht.

„Wird schön werden“ hab ich gestern geschrieben. Himmel hilf! So wirklich zu getroffen hat das nämlich nicht.

Ich will nicht allzu viel jammern, da sind die Kollegen meist besser drin. Aber es lief gestern nicht. Nach dem Start in die Schicht meine Lieblingsumwege abgeklappert und doch keine Winker gefunden, danach über einstündiges Warten auf eine Tour von sage und schreibe 7,60 €. Die war für sich genau genommen schon in Ordnung, auch wenn der Fahrgast ein eher ruhiger Zeitgenosse war. Wir sind gut miteinander ausgekommen, alles lief prächtig und Trinkgeld gab’s ganz ordentliche 1,40 €. War halt jetzt mit fünfeinhalb Minuten Beschäftigung nicht gerade der große Motivator nach so langem Warten.

Meine Planung für gestern war locker und völlig stressfrei. Ich wollte zwar gerne nur etwa 5 Stunden rausfahren, aber finanziell war es mir eigentlich egal. Ich freu mich ja auf meine Wochenendschichten heute und morgen, wahrscheinlich reichen die für das, was ich mir vorgenommen hab ohnehin. Und den Sonntag hab ich ja auch noch …
Als eine Art Wunschtraum hatte ich rund 90 € Umsatz im Kopf, dann wären die Zahlen für den Monat und die kommenden Schichten fast alle ziemlich rund gewesen. Stattdessen stand ich nach der hälfte der eigentlich veranschlagten Zeit zwar auf Position 1 am Stand, aber immer noch bei 7,60 €. Fünf Stunden zuvor hatte ich in einer nur Minuten andauernden Aktion 3,45 € durch Pfandwegbringen verdient. Mein Zimmer war also lukrativer als Taxifahren – und es ist nicht so, dass ich da nicht noch ein paarmal 3,45 € zusammenbekommen würde … 😉

Natürlich dauerte das nicht ewig. Kurz darauf hatte ich eine Tour für 17 €, noch dazu mit einem zwar gestressten, dafür aber umso humorvolleren Typen. Ganz anders als der erste hat er gleich über den ersten blöden Spruch meinerseits schmunzeln können und wir haben es am Ende geschafft, einen sinnfreien Wetter-Smalltalk so unterhaltsam zu machen, dass die Zeit weniger verloren schien, als mir das manchmal nach Gesprächen mit Kollegen am Stand vorkommt. (Wobei ich da gestern immerhin Glück hatte!)

Naja, hat aber nicht gereicht, mich zu motivieren. Das Wetter war ja zudem nasskalt und ich schleppe immer noch einen ganzen Korb Müdigkeit mit mir rum, vielleicht Nachwirkungen der Erkältung neulich, im Zweifelsfall sogar mit freundlicher Unterstützung seitens des Besäufnisses am Wochenende. Man weiß es ja nicht.
Jedenfalls bin ich dann heim, wo ich meine bessere Hälfte vier Stunden mit dem Wohnungsputz wegen anstehendem Familienbesuch alleine gelassen hatte, um rund 13 € zu verdienen …

„Man muss schon Überlebenskünstler sein, wenn man Taxifahrer ist …“

meinte ein netter Kollege gestern am Stand. Da hat er wohl recht. Ich hab mich trotz Müdigkeit foglich in meine Zweitbeschäftigung gestürzt, wobei ich immerhin bei der Korrektur und Überarbeitung der Leseprobe für meine Literaturagentur sowas wie einen kleinen Durchbruch hatte. Und dieser Text hier ist ja auch in jener soeben ausklingenden Nacht geschrieben (allerdings eher, hüstel, weniger korrigiert) worden.

Müde bin ich allerdings immer noch. Das kuriere ich jetzt durch lesen im Bett ein wenig aus. Vielen Dank hierbei übrigens an meinen treuen Literaturlieferanten elder taxidriver: Gestern habe ich erst den Bennett beendet, momentan lasse ich mich von Ditfurths Der Geist fiel nicht vom Himmel unterhalten und bilden. Und richtig los geht es dann halt wieder heute Abend.

Doppelte Straßen in Berlin

Ja gut, mein Artikel über die verwechselte Hauptstraße war ganz witzig. Ehrlich! Was sind schon 30 € für ein paar Jungs, die ohnehin noch feiern wollen.  Aro hat in den Kommentaren auf einen seiner Einträge hingewiesen, in dem zu lesen ist, dass das nicht immer so glimpflich ausgeht. Das sollte man gelesen haben, wenn man sich über die mehrfach gleiche Benennung von Straßen in Berlin unterhält. Auch als Nicht-Taxifahrer.

Und zwar hier: Berlin Street: Welche Berliner Straße?

Unfall! Panik!

Und nochmal zum Mitschreiben: PANIK!

Unfälle sind eine Scheiß-Geschichte. Immer wieder. Das Dumme an ihnen ist: Sie passieren. Nicht jedem, nicht dauernd, aber eben doch ausreichend oft, um irgendwann eingestehen zu müssen, sie gehören zum Verkehr dazu. Das soll nicht fatalistisch klingen, man sollte immer das Möglichste tun um jeden einzelnen Unfall zu vermeiden. Aber es ist auch nicht so, dass man bloß aus der Tatsache, dass zwei Verkehrsteilnehmer mal wortwörtlich aneinandergeraten, zum Drama aufspielen sollte.

Aber sag das mal jemand meinem Herz!

Bei Twitter wurde mir die Frage gleich gestellt: Ob das bei mir auch noch so einen Adrenalinstoß verursachen würde.

Na holy fucking shit! Aber ja doch! Ich fahre zwar viel durch die Gegend, aber meine Liste an Unfällen ist immer noch ziemlich klein. In erster Linie sind das Parkrempler gewesen. Noch in Stuttgart. Aber selbst wenn mal keine Menschenleben in Gefahr sind: Bei Unfällen geht es immer um Geldbeträge, die im Gegensatz zu meinem Einkommen horrend erscheinen.

Und jetzt am Samstag? Da ging es nicht ums Geld. Nicht den Bruchteil einer Sekunde lang. Sondern – ein wenig dramatisch überhöht – tatsächlich um Menschenleben. Genauer gesagt um das eines Fahrradfahrers. Ich selbst war gerade mit einem müden aber glücklichen Kunden losgefahren, um eine unübertreffliche 5,20€-Tour anzutreten. Was für ein Irrwitz, dass ausgerechnet so eine Tour mal kritisch wird!
Beim Abbiegen von Am Ostbahnhof in die Andreasstraße hab ich einen Radler übersehen. Ich hab keine Ahnung, wie. Er war als geradezu mustergültige Ausnahme sogar beleuchtet. Rückblickend betrachtet war er wohl im Moment meines zu spärlichen Blickens hinter der A-Säule verborgen, danach habe ich mich sogar zu meinem Fahrgast umgedreht. Der schrie plötzlich wie am Spieß:

„ACHTUNG!!!“

Bei aller Gewöhnung an teils hypernervöse Beifahrer hab ich meinen Blick auf die Straße geschmissen und umgehend die Bremse durchgetreten. Ich bin in vielem nur Mittelmaß oder gar schlecht, im Reagieren war ich bislang immer gut genug. Ich sah den Radfahrer quasi direkt an meinem linken vorderen Kotflügel das erste Mal. Während ich noch das Steuer herumriss, stieß ich ihn seitlich von hinten an, wodurch er bedrohlich ins Schlingern gerieht. Das Auto stand nach anderthalb Sekunden, das Fahrrad vielleicht nach dreien. Holy fucking Shit!
Der Radfahrer kehrte augenblicklich um und fuhr, sich drohend aufblasend, auf mich zu. Ich ließ das Seitenfenster gleich runter und versuchte, mit meiner Gestik so deeskalierend wie möglich zu wirken für einen Irren, der gerade ein Leben riskiert hatte, indem er eine anderthalb Tonnen schwere Blechkiste gegen einen schmächtigen Radler eingesetzt hatte. Nicht lange danach blickte durch das Beifahrerfensters das Gesicht eines jungen Mannes herein, dunkle Hautfarbe, den Schreck ebenfalls noch im Gesicht stehen habend. In mäßigem Deutsch fragte er:

„Was ist? Du mich nicht gesehen hast?“

„Nein. Ganz ehrlich: nein! Tut mir wirklich leid, mein Fehler. Ist irgendwas passiert?“

Eine einfache und im Grunde unzureichende Entschuldigung. Meinen Fehler in Worte zu fassen war schlicht nicht besser möglich. Aber ich traf dieses Mal glücklicherweise auf einen verständigen Menschen. Während ich spürte, wie mir das Herz bis zum Hals oder darüber hinaus schlug, wurde der junge Mann lockerer. Der erste Stress war verflogen und wir haben glücklicherweise beide die Meinung geteilt, dass das mit dem Verkehr hier kein Krieg ist. Scheiße ja, Fehler passieren. Auch mir. Ihm sicher auch.

Mein Unfall-„Gegner“ nahm meinen wirklich aufrichtig gemeinten Handschlag zur Entschuldigung an und seufzte erleichtert:

„Alta, is‘ meine letzte Tag bei die Urlaub. Jetzt so glücklich ich feiern Geburtstag nochmal!“

„Is‘ ok. Feier für mich mit! Gott sei Dank ist Dir nix passiert!“

Währenddessen fiel uns mein Fahrgast dauernd ins Wort, weil er unglaublich stolz darauf war, dem jungen Mann das Leben gerettet zu haben. Wir wollen da über Details nicht streiten, schließlich hat er wirklich geholfen, auch wenn das alles bei sehr niedrigen Geschwindigkeiten passiert ist.

Am Ende war mit dem kurzen Stopp alles geklärt. Weder Fahrrad noch Auto hatten Macken. Ich hatte ihn ja direkt am Bein erwischt. Insofern hab ich da die Polizei aus dem Spiel gelassen, obwohl das bei Unfällen mit Firmenwagen natürlich eigentlich unerlässlich wäre. Ich war umgehend sehr froh, dass die restliche Tour kaum noch einen Kilometer lang war. Nicht wegen meines Fahrgastes. Der gab immerhin sogar Trinkgeld, was in Anbetracht des Fahrtverlaufes schon beachtlich war. Nein, ich brauchte die abermalige Pause an der Halte! Ja, ich hatte sogar überlegt, heimzufahren. Denn auch wenn Unfälle nunmal vorkommen: Ich bin danach erst einmal eine Weile am Zittern, ganz ehrlich. Ich hab’s sonst nicht so mit Aufregung und Action, so ist es nunmal.

PS: Ich würde den Eintrag eigentlich gerne so stehen lassen. Ohne erhobenen Zeigefinger oder dergleichen. Kann ich aber nicht. Sicher: Die Geschichte jetzt war Pillepalle. Trotzdem: Wir alle machen Fehler. Zum einen muss ich natürlich zerknirscht zugeben, dass ich trotz meiner doch recht umfangreichen Fahrerfahrung dieses Mal zu nachlässig war. Und es würde mich freuen, wenn der oder die ein oder andere auch nochmal darüber nachdenkt, wie er/sie im Verkehr agiert. Zum anderen: „Die da“, ob jetzt Rad-, Auto- oder LKW-Fahrer, sind nicht in erster Linie Feinde! Und wenn mal was passiert zwischen Euch, dann denkt bitte ehrlich darüber nach, inwiefern Ihr selbst auch einen Teil zum Geschehen beigetragen habt. Versucht wenigstens, ehrlich zu sein. Und wenn es nur Euch selbst gegenüber ist.

Ich jedenfalls werde in den nächsten Monaten (und hoffenrlich auf Dauer) wieder noch mehr Aufmerksamkeit auf Radwege in entsprechender Umgebung legen. Und ich bin froh, dass ich das jetzt nicht mache, weil es Tote gab. Dann ist es nämlich zu spät.

(Und teilt das ruhig, ich kann kleine Shitstorms aushalten. 😉 )