Burgbewohner

Nummer 1.

Nummer 2.

Bei beiden Kollegen ist er abgeblitzt. Ich, an dritter Stelle, war folglich etwas skeptisch, als er an mein Taxi trat. Man weiß ja nie. Für einen Zehner nach Karlshorts, Kartenzahlung, Fahrt gegen Sex – ist ja nicht so, dass ich nicht auch einige Dinge ablehnen würde oder müsste. Stattdessen dann was total belangloses:

„Sag mal, isses ein Problem, wenn mein Hund hier im Fußraum sitzt?“

„Nee, überhaupt nicht. Ist er das Autofahren denn gewöhnt?“

„Absolut.“

Wie so oft war das keine Lüge. Der durchaus recht üppig geratene Mischlingsrüde trollte sich auf Anweisungen in den Fußraum und sah mich nur gelegentlich interessiert an. Ein über alle Maßen friedlicher Hund, total niedlich.

„Mich ham ’se hier aus’m Bahnhof jeschmissen, weil ick keene Leine beihatte.“

Na klar. Rechtliche Bestimmungen hin oder her: Der Köter hätte wahrscheinlich noch vor Käfern Reißaus genommen …

„Wo soll’s denn hingehen?“

„Karow.“

„Wow.“

Ernstliches „wow“. Immerhin mal eben eine 25€-Tour. Der Hundebesitzer, ein nicht unbedingt gernzenlos sauberer Mittzwanziger mit Kapu und Vollbart, meinte, er zeige mir dann schon, wohin genu. Oder vielleicht würde ich die Wagenburg dort ja kennen.

Leider nicht. Aber das sollte kein Problem darstellen, mein Fahrgast war nüchtern und zurechnungsfähig. Und so haben wir uns auch unterhalten. Ich bin nach wie vor ein großer Freund von Leuten, die ihren eigenen Weg gehen, unabhängig von dem, was man gemeinhin so „seriös“ nennt. Also fragte ich, ob er sich nur aus finanziellen Gründen in die Wagenburg verzogen hätte, oder ob es doch eher aus politischer Sicht geschehen sei. Ganz eindeutig konnte er das nicht beantworten, er meinte jedoch, dass er keine Lust hätte, 50% von dem, was er bei seiner gelegentlichen Arbeit als Netzwerkadministrator verdient, in eine Wohnung zu stecken, die seines Erachtens nach Menschenrecht sei. Da konnte ich – obwohl ich dergleichen tue – nur zustimmen.

Er war wirklich kein nerviger Agitator, eher ein liebenswerter Mensch, der mir bereitwillig Auskunft erteilt hat. Ich hoffe, ich habe ihn nicht genervt. Er führte mich souverän ans Ziel, selbst ein Umweg wäre ihm egal gewesen.

Natürlich hatte ich zwischendurch kurz die Befürchtung, er würde die Fahrt nicht bezahlen können oder wollen. Aber das Risiko nehme ich bei netten Menschen in Kauf. Und ich habe es nicht zu Unrecht getan. Am Ende war sein Trinkgeld zwar nicht exorbitant, dennoch aber für diese Schicht recht hoch. Traurig war das allenfalls für die Kollegen, die sich das haben entgehen lassen.

Sicher, die TaxO schreibt nicht vor, dass man Hunde mitnehmen muss. Mir würde aber was fehlen, wenn ich die Fahrten stets verweigert hätte.

Schon länger hier …

Ostern – ih bäh!

Ich hab’s heute nicht länger als für zwei Touren auf der Straße ausgehalten. Vielleicht blöd, es könnte ja auch noch die gute Zeit kommen, aber nach rund drei Stunden am Stand wollte ich die leere Hauptstadt nicht länger mit meiner Anwesenheit nerven. Zwei Touren … unterirdisch wäre geprahlt, ich muss definitiv mehr Bücher verkaufen … 😉

Aber eine der Touren war zu schön, um nicht von ihr zu erzählen. Ein schon ziemlich alter Mann zog seinen Rollkoffer mehr und mehr in Richtung meines Taxis. Ihn schien ein wenig Skepsis zu plagen, vielleicht wegen meines Bartes oder weil ich so jung war. Ich hab ihn offensiv freundlich begrüßt, am Ende ist er mutig eingestiegen. Na also.

Zur Tiergartenstraße wollte er, genauer könnte er mir das sagen, wenn wir da wären. Normalerweise hätte ich gleich wegen der Sperrung dort gefragt, aber er hat umgehend eingeworfen:

„Wir können durch den Tunnel fahren!“

„Den Tunnel?“

„Ja, oder ist der zu?“

„Nein, aber das wäre von hier dann doch ein ziemlicher Umweg …“

Seine Aussage war offensichtlich der Gewohnheit geschuldet, er erzählte nämlich im Anschluss daran, dass er ja eigentlich verschlafen hätte. Eine freundliche junge Frau hätte ihn im Zug geweckt, da seien sie aber schon am Hauptbahnhof vorbei gewesen, wo er eigentlich ausstiegen wollte. Und ja, vom Hauptbahnhof aus wäre der Tiergartentunnel auch die beste Lösung gewesen. Ich hab ihm ein wenig dabei geholfen, sich zu orientieren, am Molkenmarkt hatte er dann wieder alles auf dem Plan:

„Ach hier! Ja, hier hab ich ja auch mal gesessen. Da ham die von der DDR mich an der Grenze erwischt und 8 Stunden verhört …“

„Na, das war sicher auch nicht der beste Tag …“

„Nein“, erwiderte er lachend. „Aber das ist schon unendlich lange her. Sind Sie Berliner?„

Wir hatten es dann über meine Herkunft und ich hatte ein wenig Sorgen, als er anfing, über „die kleinen Probleme zwischen den Ländern und Mentalitäten“ zu reden. Nicht wegen mir, aber ich weiß ja wie diese „Ich hab ja nix gegen Ausländer aber …“-Gespräche anfangen. War glücklicherweise Fehlalarm. Im Gegenteil. Nicht nur, dass sich der alte Mann prächtig mit mir über die Animositäten zwischen Schwaben und Berlinern unterhielt, er teilte einem wegen der Verspätung besorgten Anrufer mit, er sitze gerade in einem „sehr netten Taxi“. 😀

Kurz vor seiner Zieladresse informierte er mich ausführlich über die Gegend während der Nazizeit und ich war froh, dass er deutliche Worte fand über diese Epoche.

„Hab das ja mitgemacht, ich bin ja schon länger hier.“

Natürlich mussten wir dann doch hinter die Absperrung, die Tour hat sich also nochmal verlängert, was mir nicht einmal des Geldes wegen ganz gut gefallen hat. Am Ende standen 14,80 € auf der Uhr.

„Hier haben Sie zwanzig. Die dürfen Sie behalten.“

Gut, es war auch des Geldes wegen schön. Er verlor noch ein paar Worte über die umliegenden Diplomatenwohnungen und verabschiedete sich mit einem ausgesprochen weise klingenden Satz:

„Leben Sie gut.“

Ich werde es mir merken. Vielleicht werde ich ja dann auch mal so angenehme Taxi-Kundschaft im Alter …

Kaum brennt die Kippe …

schon kommt der Bus.

Ich will hier keine Werbung für Zigarettenmarken machen, aber diejenigen unter Euch, die in den Neunzigern schon offenen Auges durch dieses Land marschiert sind, werden sich wahrscheinlich an die Plakate erinnern. Und auch wenn man mal weg geht von den Drogen, man kennt das ja: Kaum hat man sich mal mit einer vermeintlich oder wirklich schlimmen Option abgefunden, ändert sich was. Ein Paradebeispiel für Selbsttäuschung, denn in Wahrheit passiert natürlich ähnlich oft einfach gar nix. Bestätigungsfehler oder Confirmation bias nennt man das in der Psychologie. Aber es macht halt Spaß, sich solche Zusammenhänge einzureden.

Und so bin ich im Nachhinein auch versucht, den gelungenen Abend von Henni und mir der Tatsache geschuldet zu sehen, dass wir uns über den versauten Abend aufgeregt hatten. Und so dolle war’s wirklich nicht. Es ist zwar bekannt, dass die Kuh hinten den Schwanz hebt in den Wochenendschichten, aber wir standen nun beide nach 4 Stunden an einem Freitagabend da und hatten allenfalls 35 € Umsatz in der Tasche. Wir haben beide schon darüber nachgedacht, die Flinte ins Korn zu werfen, uns nach Hause zu trollen. Aber jetzt standen wir schon eine Stunde am Bahnhof – die eine letzte Tour wollten wir dann wenigstens noch machen.

(Natürlich war uns klar, dass wir noch mindestens einen weiteren Anlauf irgendwo wagen würden, aber der Gedanke an einen schnellen Feierabend wirkt ja auch wieder motivierend.)

Plötzlich stand neben Henni ein recht kleiner Mann mit Brille, Hut und einem zwei Nummern zu groß wirkenden Trenchcoat.

„Sagen Sie, was würde es denn bis Eberswalde kosten?“

„Ma‘ nachdenken …“

meinte Henni in einer Coolness, die mir in solchen Situationen oft nicht gegeben ist.

„Also ich hab noch hundert. Wenn das noch für eine Cola und einen Döner reichen würde, dann wär’s schön …“

„Kriejen wir hin.“

Während der Fahrgast einstieg, feixte Henni mir zu, seine Schicht war schon mal wieder auf Vordermann gebracht. 90, vielleicht 95 € sind für eine Tour nach Eberswalde völlig ok. Kein total überteuerter, aber doch ein guter Preis. Irgendwo glaubte ich, eine Uhr die nullte Stunde ankündigen zu hören, dann war auch ich an der Reihe.

„Ich müsste einmal zum Zoo, also da in die Nähe, bisschen weiter. Kantstraße.“

„Komm’n se rin“

(„könn‘ se rausgucken“ hab ich mir noch gedacht.)

Naja, am Ende kamen fast 18 € dabei raus, war eine schweigsame aber angenehme Fahrt. Ich hab danach einen Blick auf’s Taxameter geworfen: Bäh, ich hatte mich bei den paar Kröten auch noch verrechnet: gerade mal 51 € bisher …
Und wenn ich jetzt ehrlich hätte abbrechen wollen, wäre auch noch ein Rückweg durch die halbe Stadt nötig gewesen. Arg weit bin ich mit dem Denken gar nicht gekommen, denn in der Budapester winkte es bereits. Hermannplatz, Neukölln, zu zwei verschiedenen Adressen. Waren auch schnelle 16,80 €. Eine Kurzstrecke in die Sonnenallee und ein paar Winker vom Kottbusser Damm aus später stand ich in Mitte an der Torstraße. Zwei lustige Japaner schälten sich aus den Sitzen, da stand plötzlich ein verlebt aussehender Typ neben mir, ledrige Haut, mit Falten, die man in der Größe sonst für gewöhnlich in zerknautschten Bettdecken findet.

„Bringst ma ins Bötzowviertel?“

Mit den Partygängern von der Warschauer zum Watergate hab ich es dann, ein Uhr dreißig war gerade durch, bereits auf meinen ersten Hunni in der Nacht geschafft. Henni hab ich in der Nacht nicht mehr gesehen. Vielleicht hat er ja tatsächlich Feierabend gemacht. Sein Stundenschnitt dürfte aber deutlich besser ausgefallen sein als vorher. Ich hab mich, frisch motiviert, am Ende noch bis nach 6 Uhr auf der Straße rumgetrieben. So einen guten Lauf hatte ich freilich kein zweites Mal – aber unzufrieden war ich nicht.

Ja, natürlich, es ist wie ich oben geschrieben habe: das passiert selten. Viel zu selten. Und ich weiß das. Es fühlt sich trotzdem nach so einem Abend irgendwie sinnvoll an, an der Halte über den Umsatz zu meckern. Und wer weiß … 😉

Ehrlich, Kollege?

Das Schlimme am Taxifahren ist, dass es wahnsinnig oft mit Lügen zu tun hat. Der Kunde, den ich gestern erwähnt habe, ist ein klassisches Beispiel – aber natürlich nur eines von vielen. Dazu gehören ebenso die Millionäre am Taxistand und die Fahrer, die sich beim Funk Fahrten erschummeln, indem sie angeben, näher dran zu sein am Kunden, als sie es eigentlich sind. Und dann wieder Kunden, die „schon 20 Minuten!!!“ auf ein Taxi warten. Ganz abgesehen von denen, die jenseits der eigentlichen Geschäftsbeziehung lügen, was das Zeug hält …

Ich mach’s kurz: Ich mag das nicht!

Und – wie in einem der verlinkten Artikel schon gesagt – natürlich sind wir alle mal unehrlich! Boah, voll schlimm! Auf die Frage „Wie seh‘ ich aus?“ hat noch jeder Gefragte mal gelogen, und ich brauch mir da auch keinen Heiligenschein aufsetzen, sowas kommt vor.

Aber eigentlich wollte ich das nur im Vorwort erwähnen. Denn: Ich weiß nicht, was es mit dem Wahrheitsgehalt der folgenden Geschichte auf sich hat. Eindrucksvoll genug, sie zu erwähnen, finde ich sie. Ich weiß allerdings nicht so recht, ob ich hoffen soll, dass sie wahr ist – oder eben nicht.

Mein Fahrgast schwankte bereits beträchtlich, artikulierte sich während der ersten Sätze eher lallend und ließ bei mir schon die ein oder andere Alarmglocke angehen. Da ich zahlendes Publikum aber nur ungerne vor die Tür setze, hab ich ihn mit dem üblichen Spruch bedacht:

„Nur damit wir uns einig sind: Zum Kotzen anhalten kostet 2 € für 5 Minuten! Ins Auto kotzen geht vielleicht schneller, kostet aber 200!“

Ich schaffe es offenbar immer noch, das mit genügend Sympathie rüberzubringen, denn auch er musste grinsen. Dann allerdings kam seine Geschichte:

„Ja, das weiß ich schon. Aber ich hoffe, Du hälst dann auch an. Ich hatte das wirklich mal – keine Sorge, heute geht’s mir gut! Aber als ich in Köln mal im Taxi saß, ist mir schlecht geworden. Jetzt nicht so gleich loskotzen und so. Mir war nicht gut und ich hab dem Fahrer gesagt, dass er anhalten solle – mir ginge es nicht gut. Da hat der einfach „Nein!“ gesagt. Ich so: „Bitte, mir geht’s echt nicht gut, ich glaub, ich muss kotzen!“ und er so: „Nee, da vorne, die Ampel krieg ich sonst nicht mehr!“. Ehrlich. Dann sind wir über die Ampel gebrettert, mit Mordsgeschwindigkeit noch dazu. Mir is‘ noch viel übler geworden und hab noch „Bitte, bitte, ich muss kotzen!“ gesagt. Er meinte nur: „Stell Dich mal nich‘ so an, in 5 Minuten sind wir doch da!“. Und dann hab ich ins Auto gekotzt. Echt jetzt. War mir ultrapeinlich und ich hab versucht, dass echt nix kaputtgeht. Einfach so, mehr auf mein Hemd, bisschen was auf Sitz und Fußmatte. Da hab ich dann – als er gesagt hat, dass das 50 € kostet – auch nur den Vogel gezeigt und ihn weggescheucht. Er is‘ dann auch weggefahren. Weißte, sowas versteh‘ ich dann nicht …“

Mir fiel – bei aller Wut auf die Leute, die im Taxi zu kotzen für selbstverständlich halten! – auch nix anderes ein als:

„Ich auch nicht. Wirklich nicht!“

Schlüsselerlebnisse

„Du?“

„Jepp!“

Blöde Frage, blöde Antwort. Altes Spiel. 🙂

„Du!“

„Ja …?“

„Du bringst uns heim!“

„Darauf können wir uns einigen.“

„Was macht das bis Hermann-, Ecke Flughafenstraße?“

„Ach, so 11 bis 12 € etwa.“

Da fiel seine Begleitung uns ins Wort:

„Sagen wir doch einfach 10. Los jetzt!“

„10 sagen wir nicht, das wird nicht ganz reichen. Aber ich kann Sie gerne bei 10 € rauslassen, wenn Sie nicht mehr dabei haben.“

„Nee nee, 12 is‘ ja völlig ok. War nur’n Spaß!“

Und was für ein ausgefallener und amüsanter Spaß. -.-

Aber egal. Auch wenn sie zu Beginn ein wenig reserviert wirkte, sollte das nicht die schlechteste Fahrt sein. Er hatte definitiv ein Bisschen einen im Tee und ließ sich nicht davon abbringen, zu erzählen, dass es voll toll wäre, dass ich sie jetzt heimbringen würde. Lob für recht banale Dinge kann ja auch mal erfrischend sein.
Bereits nach mehreren Metern allerdings bekamen sie einen Anruf von Freunden, die wohl mit ihnen im FritzClub waren und der warf – wie auch immer – irgendwie die Pläne durcheinander. Dass die anderen jetzt schon in der Bahn saßen war wohl irgendwie falsch, sollte doch eigentlich die Anita bei ihnen pennen, nur der Klaus musste ja nach Steglitz. Ähm, ja. Die Relevanz des Ganzen war mir nicht ganz klar, aber ich muss ja nicht alles verstehen. Eine sehr direkte Auswirkung allerdings war wichtig: im Laufe des Telefonates nämlich merkte mein fröhlicher Beifahrer, dass er seinen Schlüssel vergessen oder verloren hätte. Ach nee, den hätte ja die Anita. Die jetzt aber mit Klaus nach Steglitz fuhr.

„Schatz, hast Du ’n Schlüssel?“

„Nee. Du, mein Lieber, hast gesagt, ich soll ihn nicht mitnehmen, Du hättest ja einen dabei!“

Perfekt. Dann bräuchten sie halt den von Anita. Nun fing „Schatz“ an zu lamentieren, sie könne ja dann kurz nach Steglitz fahren, sie sei ja noch fahrtüchtig – was auf lauten und sehr sehr albernen Widerspruch stieß. Nach einem kurzen Halt zum Nachdenken beschlossen sie dann, dass das ohnehin alles irrelevant sei, weil der Autoschlüssel ja bei ihnen in der Wohnung liegen würde. In die sie ja nicht reinkommen würden. Es war offensichtlich, dass sie sich mit Anita treffen sollten. Also mir war das klar. Bei den beiden Helden in meinem Auto hat diese Erkenntnis ein wenig Zeit gebraucht. Ein Telefonat später wussten wir dann aber, dass die gerade in der Bahn zwischen Jannowitzbrücke und Alex wären. Dann legte er auf und dachte weiter nach, ob wir bis nach Steglitz fahren sollten. Binnen weniger Sekunden kam er zu einem Entschluss:

„Gut, wir fahren nach Steglitz.“

Aus meiner Tour für knapp über einen Zehner wurde plötzlich irgendwas in der Größenordnung 30 bis 50 Euro. Oha! Das war soweit prima, danach hätte ich umgehend Feierabend machen können, aber ein bisschen absurd schien mir das Ganze schon. Auch wenn wir den Weg der S-Bahn nicht nochmal gekreuzt hätten – eine halbe Stunde mehr oder minder einer Bahn hinterherzufahren, um am Ende wieder umzudrehen … also ich wär da nicht drauf gekommen. Schon gar nicht in einem Taxi, das mal eben 1,28 € pro Kilometer kostet. Also hab ich mich ein wenig eingemischt und dem Typen klargemacht, dass zumindest finanziell alles andere als Steglitz deutlich sinniger sei. Das hat er auch eingesehen und mich nebenbei ermahnt, er wolle sich jetzt bitteschön nicht den geilen Abend kaputtreden lassen.

Es waren noch zwei Telefonate mit ziemlich hanebüchener Gesprächsführung notwendig, um einen ziemlich einfachen Entschluss zu fassen: Anita und Klaus sollten am Hackeschen Markt aussteigen und kurz die Schlüssel übergeben. Manchmal frage ich mich zwar auch, warum ich so nett bin – auf der anderen Seite war mir die Unterhaltung in Kombination mit einer einstündigen Tour vielleicht auch einfach zu anstrengend.

Die Übergabe klappte problemlos, ich durfte endlich Anita und Klaus kennenlernen, von denen ich schon so viel gehört hatte, am Ende haben wir sie sogar noch zur nächsten S-Bahn-Station mitgenommen. Nach einer abermals lautstarken und mittlerweile völlig unwichtigen Diskussion, ob Madame noch fahrtüchtig sei und ob sie das einfach mal probieren sollten, erreichten wir das Ziel bei von mir vorher recht gut geschätzten 25,40 €.

Die bekam ich dann auch prompt ohne irgendwelches Trinkgeld und war doch relativ froh, die beiden loszusein. Auf dem Rückweg hab ich vorsichtshalber mal in meiner Hosentasche nachgesehen, ob mein Schlüssel da ist. Er war es, wenigstens ich müsste in dieser Nacht keinem Kollegen auf die Nerven gehen … 😉

PS: Auch von vergessenen Schlüsseln erzählt der Eintrag „Schlüsselkinder“ von 2010.

Vier Junkies

Nee, wat niedlich!

Zwei Jungs hab ich eingeladen. Beide ungefähr 1,95 Meter groß, blondierte Haare. Schlank, aber muskulös. War fast schon schwierig, die im Auto gut unterzubringen – obwohl meine Kiste ja recht geräumig ist. Die beiden hätten eine Traumbesetzung für Baywatch abgegeben, ich musste tatsächlich umgehend an Surfer denken, als ich sie gesehen hab. Ganz aus Hawaii oder Florida hat es sie aber nicht nach Berlin verschlagen, es waren Holländer. Der blondere der beiden hat ein zwar einfaches, dafür aber fast akzentfreies Deutsch gesprochen, der zweite hat offenbar nur niederländisch und englisch verstanden. Wie dem auch sei: Genügend Sprachfertigkeiten für die übliche Taxikonversation waren gegeben.

Ins Berghain wollten sie. Die Uhr zeigte kurz nach Mitternacht, der Club hatte folglich gerade aufgemacht. Von der Simon-Dach-Straße – wo ich sie aufgegabelt hatte – liegt das Pi mal Daumen eine Kurzstrecke entfernt, nach einer solchen haben sie aber gar nicht gefragt. War auch gut, dass ich keine angeboten habe, denn es ging zwischendurch noch zu einer Bank. Ich hab scharf überlegen müssen, dann ist mir die Sparkasse in der Grünberger Straße eingefallen. Ohne Umweg, alles bestens.

Ich halte also an, zeige dem Sunnyboy die Bank und er geht kurz rüber. Ich sehe, wie er vor der Bank steht und zögert. Ich hab mich innerlich darauf vorbereitet, auch auszusteigen. Ging die Tür dort nur mit Karte auf? Oder was war sonst so verwirrend? Als er wieder zum Auto trottete, fragte ich ihn umgehend.

„Da sind vier Junkies in der Bank.“

Ich hab einen Blick an ihm vorbeigeworfen und festgestellt, dass vier Obdachlose am Fenster der Bank saßen und sich dort aufwärmten. Das hab ich meinem Fahrgast auch so gesagt – ohne jetzt ein Fass aufzumachen und eine Diskussion über die Begriffe Obdachloser und Junkie zu starten. Der Kerl – dieser Brecher von Kerl! – hatte Schiss vor ein paar alten bärtigen Männern mit Bier in der Hand …
Ich hab ihm Mut zugesprochen, da hat er es noch einmal versucht. Tapfer ist er reingegangen und hat sich an den Automaten gestellt. Und ich hab ihn beobachtet. Sicher aber nicht, um aufzupassen, ob die „Junkies“ ihm was antun. Die Typen haben nicht einmal aufgesehen, als er rein ist.

Und dann?

Hat er sich ein Herz gefasst, sich umgedreht und sich mit ihnen unterhalten. 🙂
Nicht lange, ein zwei Sätze hin und her. Dann hat er ihnen ganz offensichtlich was von seinem Geld gegeben und ist mit guter Laune wieder rausgekommen. Ich mag diese kleinen Momente, in denen man sieht, wie Vorurteile zerbröckeln. Wenn einen etwas an das Gute im Menschen glauben lässt, dann sowas!

Wieder im Auto sitzend hat er seine Erlebnisse mit seinem Kumpel teilen müssen. Ich hab nicht viel verstanden. Aber er hat ihn offenbar darüber aufgeklärt, dass die „Junkies“ keine Wohnung hätten, ihm aber einen schönen Abend gewünscht haben. Und dass er ihnen fünf Euro gegeben hätte, einfach so. Und ich wusste in dem Moment nicht, für wen ich mich eher freuen sollte …

Der Rest der Fahrt war in zwei Minuten erledigt. Ich hab am Ende der Tour finanziell etwas schlechter abgeschnitten als die „Junkies“, aber das war selbstverständlich in Ordnung. Und bei einem Zehner für 7,80 € auf der Uhr kann ich mich ohnehin nicht beschweren. War die Tour des Abends für mich, ganz ehrlich!

Und noch ein kleines PS dazu: Ich seh so viele Obdachlose da draussen und ich werd auch oft genug von ihnen angeschnorrt. Das fühlt sich nicht immer gut für mich an, noch weniger aber wahrscheinlich für die Leute selbst. Und während ich mich darüber freue, dass wir nochmal Schnee haben, müssen sich manche Menschen um Plätze in Notunterkünften streiten. Ich hab echt ein paar nette Typen unter den Wohnungslosen getroffen und im Nachhinein keinen einzigen Euro bereut, den ich abgegeben hab. Und wenn’s für ein Bier war! Scheiß drauf! Wenn’s für ein paar schöne Augenblicke gereicht hat, dann isses doch ok, so lange es mir nicht wehtut.
Ich hab schon ganze Nächte mit „Pennern“ verbracht und am Ende sind es – Überraschung! – Menschen wie wir auch gewesen. Die wollen wie ich auch leben, und ja: auch mal Spaß haben. Die meisten, die ich kennengelernt habe, waren echt nette Leute, ich hab sogar schon Trinkgeld von Obdachlosen bekommen.

Wir alle haben Vorurteile, natürlich. Aber wir haben auch alle die Möglichkeit, sie zu überprüfen, gegen sie anzugehen. Das wollte ich unbedingt mal gesagt haben.

Sash = glücklich?

„So, dann wären wir bei genau 7,80 €.“

„Du hast Glück: Du kriegst mein ganzes Kleingeld!“

Sprachs und schüttete ihr Portemonnaie in meine Hand um. Ergebnis: 7,90 €.

Seltsame Definition von Glück. 0.o