Schon länger hier …

Ostern – ih bäh!

Ich hab’s heute nicht länger als für zwei Touren auf der Straße ausgehalten. Vielleicht blöd, es könnte ja auch noch die gute Zeit kommen, aber nach rund drei Stunden am Stand wollte ich die leere Hauptstadt nicht länger mit meiner Anwesenheit nerven. Zwei Touren … unterirdisch wäre geprahlt, ich muss definitiv mehr Bücher verkaufen … 😉

Aber eine der Touren war zu schön, um nicht von ihr zu erzählen. Ein schon ziemlich alter Mann zog seinen Rollkoffer mehr und mehr in Richtung meines Taxis. Ihn schien ein wenig Skepsis zu plagen, vielleicht wegen meines Bartes oder weil ich so jung war. Ich hab ihn offensiv freundlich begrüßt, am Ende ist er mutig eingestiegen. Na also.

Zur Tiergartenstraße wollte er, genauer könnte er mir das sagen, wenn wir da wären. Normalerweise hätte ich gleich wegen der Sperrung dort gefragt, aber er hat umgehend eingeworfen:

„Wir können durch den Tunnel fahren!“

„Den Tunnel?“

„Ja, oder ist der zu?“

„Nein, aber das wäre von hier dann doch ein ziemlicher Umweg …“

Seine Aussage war offensichtlich der Gewohnheit geschuldet, er erzählte nämlich im Anschluss daran, dass er ja eigentlich verschlafen hätte. Eine freundliche junge Frau hätte ihn im Zug geweckt, da seien sie aber schon am Hauptbahnhof vorbei gewesen, wo er eigentlich ausstiegen wollte. Und ja, vom Hauptbahnhof aus wäre der Tiergartentunnel auch die beste Lösung gewesen. Ich hab ihm ein wenig dabei geholfen, sich zu orientieren, am Molkenmarkt hatte er dann wieder alles auf dem Plan:

„Ach hier! Ja, hier hab ich ja auch mal gesessen. Da ham die von der DDR mich an der Grenze erwischt und 8 Stunden verhört …“

„Na, das war sicher auch nicht der beste Tag …“

„Nein“, erwiderte er lachend. „Aber das ist schon unendlich lange her. Sind Sie Berliner?

Wir hatten es dann über meine Herkunft und ich hatte ein wenig Sorgen, als er anfing, über „die kleinen Probleme zwischen den Ländern und Mentalitäten“ zu reden. Nicht wegen mir, aber ich weiß ja wie diese „Ich hab ja nix gegen Ausländer aber …“-Gespräche anfangen. War glücklicherweise Fehlalarm. Im Gegenteil. Nicht nur, dass sich der alte Mann prächtig mit mir über die Animositäten zwischen Schwaben und Berlinern unterhielt, er teilte einem wegen der Verspätung besorgten Anrufer mit, er sitze gerade in einem „sehr netten Taxi“. 😀

Kurz vor seiner Zieladresse informierte er mich ausführlich über die Gegend während der Nazizeit und ich war froh, dass er deutliche Worte fand über diese Epoche.

„Hab das ja mitgemacht, ich bin ja schon länger hier.“

Natürlich mussten wir dann doch hinter die Absperrung, die Tour hat sich also nochmal verlängert, was mir nicht einmal des Geldes wegen ganz gut gefallen hat. Am Ende standen 14,80 € auf der Uhr.

„Hier haben Sie zwanzig. Die dürfen Sie behalten.“

Gut, es war auch des Geldes wegen schön. Er verlor noch ein paar Worte über die umliegenden Diplomatenwohnungen und verabschiedete sich mit einem ausgesprochen weise klingenden Satz:

„Leben Sie gut.“

Ich werde es mir merken. Vielleicht werde ich ja dann auch mal so angenehme Taxi-Kundschaft im Alter …

16 Kommentare bis “Schon länger hier …”

  1. Quacki sagt:

    Wenn ich so cool werd im Alter, dann ist alles in Ordnung 😉

  2. martin k sagt:

    moin,
    gibt es dein Buch auch irgendwann gedruckt zu kaufen?

  3. Sash sagt:

    @Quacki:
    Jepp, eindeutig. 🙂

    @martin k:
    Nein. Zumindest nicht so, höchstens mal in einer Sammlung. Schon vom Format her würde sich dafür ein Druck nie lohnen.

  4. Sven-Erik sagt:

    Ich kann Dich beruhigen, denn in Hamburg läuft auch nichts derzeit.
    3 Stunden Wartezeit, 4 Touren gesamt und 113 Euro Umsatz, da eine 50 Euro Tour dabei war.
    Der April wird besser lt. meiner Aufzeichnungen.

  5. Sash sagt:

    @Sven-Erik:
    Ja, das sollte er. Ich hatte bloß eben gehofft, am Wochenende wäre noch ein bisschen was zu reißen … naja, war’s vielleicht später auch noch.

  6. Matthias sagt:

    Na gerade noch mal gutgegangen!

  7. Aro sagt:

    Soll ich?
    Oder lieber doch nicht?
    Ich weiß nicht, nachher beschimpfst Du mich noch als Millionär.
    Ach was, ich tu’s einfach:
    Also diese Schicht war für mich eine der besten in den vergangenen sechs Wochen. Wenig Kollegen unterwegs, überall Winker, ich fands echt mal angenehm. Aber wahrcheinlich habe ich einfach mal Deine Fahrgäste mit dazu gekriegt.
    Aber keine Angst: Seit dem Wochenbeginn ist alles wieder wie gewohnt: mau.

  8. Sash sagt:

    @Aro:
    Keine Sorge. 🙂
    Bei Dir weiß ich ja, dass ich mit Dir vernünftig über Umsätze reden kann. Du bist bisher der erste, der das – für Berlin – mir gegenüber hat verlauten lassen, aber das Glück sei Dir gegönnt.

  9. Aro sagt:

    Danke. Mein Chef hat sich heute bei der Abrechnung auch gewundert 🙂
    Leider habe ich damit die Normzahlen erhöht und mir den Hass der Kollegen zugezogen. Wir wissen ja, wozu das 1953 geführt hat…

  10. Sash sagt:

    @Aro:
    Du willst mir nicht ernsthaft weißmachen, dass „Normzahlen“ bei euch eine Rolle spielen, oder?

  11. Aro sagt:

    😀 Nein, nein, sooo schlimm ist es nicht. Noch nicht.

  12. Sash sagt:

    @Aro:
    Hey, ich bin inzwischen echt vorsichtig bei Erzählungen aus dem Gewerbe. Ich hab da in letzter Zeit einiges gehört, was ich für einen Aprilscherz halten würde. Schön fand ich z.B. 5.500€/m Pflichtumsatz – gut, für einen Alleinfahrer. Aber rechne Dir mal die zugehörigen Arbeitszeiten aus. Vor allem in schlechten Monaten …

  13. Aro sagt:

    Was ist bei 5.500 EUR Pflichtumsatz zu beanstanden? Wenn man durchschnittlich 100 EUR pro Schicht macht, muss man doch nur 55 Tage im Monat fahren. Ist doch kein Problem, oder?

    Aber ich weiß schon, manchmal ist die Realität wirklich schlimmer als man denkt.
    Bei einem der großen Betriebe (im Wedding) hat man mir auch gesagt, ich muss pro Schicht mindestens 100 EUR abrechnen (egal, ob ich die wirklich eingenommen hätte). Und ich sollte auch die kompletten 12 Stunden fahren. Beides hab ich natürlich abgelehnt. Als ich einen der Fahrer darauf angesprochen habe meinte er, das wäre „nur am Anfang so streng“. Aber die 100 EUR waren (sind?) da Standard.
    Baaah.

  14. Sash sagt:

    @Aro:
    Und die Chefs wundern sich dann, nachdem man zweimal 90 € als 100 abgerechnet hat, dass man mal 120 € auch nur so abrechnet … -.-

  15. Aro sagt:

    So weit denken viele Chefs nicht. Das merke ich ja leider auch bei meinem. 🙁

    Dabei wäre es viel klüger, auf ein paar Euro zu verzichten und sich dafür sicher sein zu können, dass die Angestellten loyal sind. Das rechnet sich längerfristig viel mehr.

  16. Sash sagt:

    @Aro:
    Das Blöde ist aber, dass das Gewerbe zu sehr am Arsch ist. Das 5.500er-Beispiel ist von einem Kollegen, der bei meinen Chefs gekündigt hat, weil er dort gleich Alleinfahrer sein durfte und zwar mit einer E-Klasse. Gibt halt überall solche und solche.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: