Zu klein

Er kam am Ostbahnhof mit einem Snowboard an:

„Sagen Sie, passt das bei ihnen vielleicht …?“

„Kein Problem, da lege ich einen Sitz um, und schon …“

„Hmm, aber wir sind zu viert.“

Ich hab’s kurz abgeschätzt, aber da die mitreisende Familie zusätzlich zum Snowboard auch noch die restlichen Urlaubskoffer dabei hatte, wäre das wirklich nicht gegangen. Abgesehen von Gruppen jenseits von sechs Personen war das dann wohl die eine Fahrt im Jahr, für die mein Opel zu wenig Kofferraum hatte. Und da kein Bus an der Halte stand, sind die potenziellen Kunden am Ende mit der BVG gefahren. Schade. Aber alles kann so ein PKW dann halt auch nicht.

Und, hey: Ich hatte schon ein Boot, ein Surfbrett, einen halben Ikea und sogar Holzplatten im Auto, die in einem E-Klasse-Kombi nicht transportabel waren. Ich übertreibe echt nicht, wenn ich sage, dass ich wegen Gepäck selten eine Tour absagen muss.

Wiederholungstäter?

Im nördlichen Prenzl’berg stand er plötzlich am Straßenrand und wartete lange mit dem Winken ab. Dass er ein Taxi suchte, war ohnehin nicht so sonderlich deutlich erkennbar, da er ein Fahrrad mitführte.

Selbiges zu verladen hat dann nach meinem eiligen Stopp aber einmal mehr geklappt wie immer: Es war ein anstrengendes Gefummel, aber letztlich hat es reingepasst. Und trotz des miesen Wetters sind am Ende kaum Spuren an mir oder am Auto geblieben. Hurra! So zumindest äußerte sich der Kunde mehr oder weniger, er lallte nämlich grob folgendes:

„Dusississubber dasses Faaahrad voll reingeht! Subber!“

Den Kerl aus dem Verkehr zu ziehen war meine gute Tat für heute Nacht. Dann hat er mir eine Straße angesagt, die mir sofort bekannt vorkam, obwohl sie klein war und weit draußen in Mahlsdorf lag. Eine sogar in Berlin nicht doppelt vorkommende Straße mit schwieriger Schreibweise, die ich von diesem Kunden kannte. Und seitdem mir das aufgefallen ist, bin ich nicht sicher, ob es nicht der gleiche Kunde war. Rein vom Alkoholisierungsgrad und der Adresse könnte es so gewesen sein. Beim Rest macht mir meine Gesichtsblindheit einen Strich durch die Rechnung. Außerdem war das auch die in fast 7 Jahren erste Tour, bei der ich einen schlafenden Fahrgast mitgenommen habe, der seinen Fahrradhelm nicht abgesetzt hat. Das erschwert das Wiedererkennen dann ja auch ein wenig.

Bezüglich der Straße warte ich mal ab, ob sie sich weiterhin als ein Hort stark betrunkener Fahrgäste erweist.

Wie ich Fahrgäste lobe

Da kam er am Ostbahnhof auf mich zu. Mit einem Einkaufswagen und drei Kästen Bier darin. An der abschüssigen Halte musste er den Wagen halten, während ich kurz das Bier in den Kofferraum gewuchtet hab. Party-Nachschub, klassischer Fall. Kaum dass er unbeladen war, meinte er nur:

„Ich bring den Wagen nur kurz weg, ich bin gleich wieder da!“

… und sprintete davon.

Da hab ich nicht anders gekonnt und ihm hinterhergerufen:

„DAS NENNE ICH MAL VERTRAUEN, JUNGE! HUT AB!“

🙂

Am Ende war alles umsonst

Mit dem Kunden hatte ich einen echten Glücksgriff gelandet. Er hatte zwar schon einen im Tee, war aber von der seichten alkoholschwangeren Euphorie abgesehen total umgänglich und zurechnungsfähig. Ein netter Fahrgast, der mir freundlich sagte, ich müsse wegen seiner kleinen Straße in einem Außenbezirk nicht das Navi anschmeißen, er würde mir das gerne zeigen, wenn ich wisse, wie ich bis zum nächstgrößeren Platz kommen würde – was nun wirklich kein Problem war. Eine vergleichsweise lange Fahrt über 25 €, mit absehbar gutem Trinkgeld und ohne Stress. Nur eines noch:

„Wenn wir dann am Bahnhof sind, lässt mich kurz noch Bier holen. Hab zwar’n Späti ums Eck, aber der ist viel teurer …“

Wie bei dem Auftakt nicht anders zu erwarten verlief auch der Zwischenstopp problemlos. Er ließ mir Jacke und Ausweis als Pfand da und kam nach kaum zwei Minuten wieder, anbei eine Tüte mit fünf Bier. Ach, wie schade es sei, dass er mir keines anbieten könne, da vorne geht’s übrigens links ab! Nachdem wir angekommen waren, gab es amtliche drei Euro Trinkgeld für mich, eine bessere Tour hatte ich weder davor noch danach.

Und dann stand er da an der Ecke und winkte mir noch zu. In dem Moment riss seine Tüte und keine einzige Flasche überlebte den Aufprall auf dem Asphalt. Während ich ihn noch bedauere, zuckt er mit den Schultern und stapfte los zum ach so teuren Späti, während mir schon der nächste Kunde ins Auto sprang. Als ich den Späti passierte und sah, dass er bereits zu hatte, hätte ich am liebsten umgedreht. Aber erklär das mal zahlender Kundschaft, die nur wortkarg einen Straßennamen eingeworfen und sich fortan dem Handy gewidmet hat …

„Sie würden sich freuen!“

„So, dann befreien wir noch schnell das Gepäck …“

„Ja, bitte!“

„Sind auch immer die unangenehmsten Fahrten, wenn ich mit den Koffern abhaue …“

„Ach, da sind zwei edle Flaschen Schnaps drin, SIE würden sich freuen!“

„…“

„Obwohl … Sie müssen ja fahren, oder?“

Mal abgesehen davon, dass Schnaps fast jeglicher Art nicht mein Fall ist: Der hatte ja keine Ahnung, wie schnell ich Feierabend* machen kann, wenn ich will! 😉

*Hab gerade „Feuerabend“ getippfehlert – wohl so eine Art freud’scher Vertipper.

Monstertour

Winkertouren sind immer toll, weil man nicht auf sie wartet. Wobei das nur teilweise wahr ist. Manchmal fährt man als Taxifahrer ja auch ganz gezielt Umwege, weil man auf der Route hofft, noch jemanden zum Mitnehmen zu finden. Die optimale Fahrt ist also eigentlich eine Winkertour, für die man nicht weit gefahren ist.

Bei dieser Fahrt galt das wohl. Denn gefahren bin ich ungefähr 25 Meter. Ich hatte nach dem ganzen Papierkram noch direkt auf dem Parkplatz Winker. So lobt man sich das! 🙂

Noch besser wäre es gewesen, wäre bei dem jungen Pärchen das Geld nicht knapp gewesen, denn sie fragten mich allen Ernstes, wie viel es bis zum ZOB kosten würde. Bei der Tour wären fast 30 € aufgelaufen, ganz grob jetzt. Davon haben sie dann jedoch lieber Abstand genommen und sich nur zur nächsten S-Bahn bringen lassen. In dem Fall zum Bahnhof Landsberger Allee, von wo aus sie die Ringbahn zu nehmen gedachten. So blieben für mich nur 6,60 € plus 40 ct Trinkgeld. Aber das ist ok, hätte sonst ja sogar eine Kurzstrecke werden können.

Das titelgebende Monster war übrigens der eine Koffer, in dem sie offenbar beide lebten der das Gepäck beider beherbergte. Sie haben ihn selbst so betitelt. Hat mich gewichtsmäßig fast ein wenig an den schwersten aber lukrativsten Koffer ever erinnert. Nur muss ich über das Monster jetzt ohne Prosecco hinwegkommen. Aber das sollte gehen. 😉

Pfandrekorde

Das mit dem Pfand im Taxi kann schwierig sein. Dabei ist es schon eine gute Sache, wenn Leute mal eben irgendwohin verschwinden, um Geld zu holen. Aber oft haben sie nicht gerade viel dabei.

Ausweise darf ich nicht nehmen. Und obwohl es zumindest lange Zeit trotzdem recht gängig war, versuche ich es inzwischen tatsächlich zu vermeiden. Nicht wirklich der Gesetzeslage wegen, sondern weil mir im Laufe der Jahre nahezu alle Kollegen das Gleiche gesagt haben: Der Personalausweis ist den meisten Menschen so egal, dass sie keine Versicherung dafür sind, dass die Leute nicht trotzdem verduften. Klar, man hat die Daten der Leute – aber die durchschnittliche Taxifahrt ist ja meist den Aufwand eines Verfahrens nicht wert.
Gut, inzwischen ist die Wiederbeschaffung etwas teurer geworden, aber im Grunde geht mich ja auch gar nicht an, wer da mit mir fährt. Und ebenso wie bei den meisten anderen Karten, die wir von den Fahrgästen tatsächlich annehmen dürften, muss man fairerweise auch einräumen, dass da wiederum die Kunden einen großen Vertrauensvorschuss geben würden.

Klamotten sind selten zu viele am Start, aber selbst wenn das im Einzelfall mal ein gutes Pfand ist – die Vorstellung, irgendwann mal wirklich eine Jacke bei ebay zu verticken, um an das Geld für eine Fahrt zu kommen, scheint mir absurd.

Taschen find‘ ich ok. Die meisten haben irgendwas persönliches drin oder hängen an dem Gepäckstück selbst – und trotzdem ist (gerade wenn klar ist, dass kein Geld drin ist) hinreichend unwahrscheinlich, dass sich ein Taxifahrer binnen einer Minute Wartezeit bei erfolgreicher Geschäftsabwicklung ans große Suchen macht.
(Für mich ist das zwar ohnehin undenkbar, aber in solchen Situationen bitte ich die Fahrgäste gerne, ihr Pfand einfach auf der Rückbank oder dem Armaturenbrett abzulegen und verlasse das Auto, um eine zu rauchen. Damit niemand das ungute Gefühl haben muss, ich hätte irgendein Interesse an den persönlichen Gegenständen. Ich weiß nicht, wie die Kollegen das machen, aber ich hab das Gefühl, es kommt ganz gut an.)
Aber auch bei Taschen kann man als Fahrer reinfallen. Ein Kollege hat mal die Kohle einer lukrativen Flughafentour verloren, bei der der Fahrgast den Koffer im Auto gelassen hat – der sich nach einer halben Stunde warten als leer erwies.

Der Klassiker inzwischen sind aber natürlich Handys. Für mich als Fahrer wirklich super, aber bezüglich persönlicher Daten und dem hohen Gegenwert schon beachtlich. Ich bin wirklich verdammt erstaunt, wie sorglos mir die Leute teilweise Modelle der obersten Preisklasse in die Hand drücken. In einem Fall sogar mit angeschaltetem Bildschirm und geöffneter Facebook-App. WTF?
Für mich ein Lob, ja, aber wenn Leute dann sogar noch abwinken, wenn ich ihnen als Gegenleistung anbiete, sich noch eben kurz meine Konzessionsnummer anzuschauen … mutig, mutig! Und leider gab es wohl schon mindestens einen Fall, in dem das nicht gut ausging.

Gut, die Möglichkeiten klingen so aufgezählt erst einmal vielfältig, aber wie man sieht, haben auch alle ihre Nachteile. Und kaum jemand hat – zumindest bei mir nachts – alles oben genannte dabei. Manche gehen offenbar nur mit Haustürschlüssel und Bargeld feiern. Kaum bekleidet noch dazu.

Da war der Winker jetzt am Wochenende doch erfreulich. Er hat mich nicht nur für meine sehr nette Art gelobt, sondern war ernstlich bestürzt, als er am Ziel feststellte, dass er nicht genügend Geld dabei hatte. Er war einer derer, bei denen ich sogar hätte schwach werden können, aber er war engagierter als alle, die ich bisher kurz in ihre Wohnung hab sprinten lassen, und hat mich mit Pfand fast schon überhäuft:

„Hier haste erst mal mein iPhone!“

„Alles klar.“

„Warte, ich lass‘ meine Tasche einfach auch noch hier …“

„Ist schon ok …“

„Warte! Hier! Einen Fünfer hab ich auch noch!“

„Steck den wieder ein!“

„Warum?“

„Mal im Ernst, Junge: Wenn Du mir deine Tasche und dein iPhone dalässt – als Sicherheit für eine 14€-Tour – wie groß schätze ich wohl die Wahrscheinlichkeit ein, dass Du nur wiederkommst, weil Du auch noch einen Fünfer hiergelassen hast?“

Hat er verstanden. Hab den Fünfer aber hinterher als Extra-Trinkgeld doch noch bekommen. 🙂