Sterniges

Es war nur eine kurze Fahrt, dennoch kann ich meine inoffiziell geführte Liste der Kundenschmeicheleien nun erweitern um die Aussage:

„Du bist ein Star!“

Oder nur Stern als solches, so ganz klargeworden ist mir das nicht aus dem englisch-deutsch-italienischen Kauderwelsch, das mein sichtlich angeschlagener Kunde so von sich gab. Und hey, für die Länderstatistik: 2 € Trinkgeld aus Italien! 🙂

„Special Berlin Music“

Das hatte mein Fahrgast angekündigt. Er saß mit seinem Kumpel bereits seit rund 5 Minuten auf der Rückbank, im Kofferraum stand ein Kasten Sternburg – und nun ging es plötzlich um Musik. Davor hatten wir es über mich, wie lange ich in Berlin bin, dass sie aus England zu Besuch sind und jetzt Party machen, das Übliche.

„I brought some special Berlin Music“

hat er verkündet.

„But it’s ok for Stuttgart too!“,

wandte er sich explizit an mich. Ich glaube, ähnlich wie sein Freund habe ich sparsam geguckt. Er konnte es bei mir wenigstens nicht sehen. Was sollte schon kommen? Der neueste Über-Remix irgendwelcher Berghain-DJ’s oder so? Berlin ist Elektro-Hauptstadt, aber damit kann man mich jetzt nicht hinterm Ofen vorlocken, das ist einfach nicht meine Lieblingsmusik.

Mein Fahrgast fummelte ein wenig an seinem Handy rum und dann dudelt da doch tatsächlich Rio Reisers Stimme in fürchterlicher Qualität durchs Taxi. „Rauch-Haus-Song“ von den Scherben, hat inzwischen 41 Jahre auf dem Buckel, ist aber natürlich auch jedem später geborenen irgendwie links sozialisierten Menschen irgendwann im Leben mal begegnet. Dass mir das Lied bekannt war, hat für Freude und erneutes Genestel am Telefon gesorgt. Der offenbar in Deutsch nicht sehr bewanderte zweite Fahrgast lachte indes, ich glaube, er hielt das für einen Witz.

Dass als nächstes die ersten Akkorde von „Schrei nach Liebe“ der Ärzte zu hören waren, überraschte mich nach DEM Einstieg auch nicht mehr sonderlich. Trotzdem coole Geschichte. Manche Fahrgäste hab ich zugegeben dann doch ein bisschen lieber als andere. 🙂

Fußball, Punk-Rock, Trinkgeld

In solchen Momenten weiß ich, wieso ich nachts gerne mal die Petersburger Straße runterfahre: Zwei Kerle und eine Frau mit zwei Kisten voller CD’s standen am Straßenrand und winkten mich heran. Die Platten waren schnell verladen, dann kündigten sie mir eine Tour nach Neukölln an. Klasse Geschichte, irgendwas zwischen 15 und 20 € Umsatz.

Wir haben ein paar Allgemeinplätze ausgetauscht, sie haben mir die gewünschte (die kürzeste, wow!) Route angesagt, dann verfielen sie immer mehr in ihr Gespräch untereinander. Es ging viel um Fußball, Fankultur und was sie so alles machen würden für dieses oder jenes im Umfeld ihres Lieblingsvereins. Zwischenrein kam die Sprache hier und da auf Politik, und ich freute mich zu hören, dass es alte Veteranen der linken Punk-Szene waren, die sich furchtbar darüber aufregten, wie Fußballkultur hier und da – und auch in ihrem Verein – immer wieder von Nazis unterwandert würde. Zwischenrein ging es immer wieder um diese oder jene Kneipe, und wo sie wann welches Konzert besucht hatten.

Während die Frau recht unscheinbar war, war das Gespräch der Männer vor allem ihres Erscheinungsbildes wegen lustig zu beobachten. Die beiden kannten sich dem Gespräch nach eher weniger und hätten unterschiedlicher auch nicht sein können: Der Typ auf dem Beifahrersitz war wohl so um die 45, gerade so alt, dass sich zwischen den reichlich vorhandenen Muskeln um seine Tattoos erste Falten abzeichnen konnten. Ein Kinnbart, dem meinen nicht unähnlich, straff sitzendes Shirt – er wäre als Sänger einer älteren Hardcore-Band oder als Türsteher einer Metal-Kneipe eine erstklassige Besetzung gewesen.
Sein Gesprächspartner hinten jedoch hatte bereits schlohweißes Haar und auch des Gesichts und der Kleidung (ich sag nur: Trenchcoat) wegen, hätte ich ihn definitiv bei der Generation 60+ verortet. Und der saß da nun und faselte sich, einem Musikjournalisten gleich, mit breitem deutschen Akzent und mit Wonne durch seine ganz persönliche Punk-Geschichte von den „Rämonns“ bis zu „Cockspärrer“.

Als wir schon in Neukölln waren, überraschten sie mich mit einem

„Was sagen Sie denn dazu?“

„Ich?“

„Ja natürlich. Sie fahren uns hier und haben noch keinen Ton gesagt. Wir wollen Sie ja nicht nerven!“

„Ach wissen Sie: Fußball ist nicht meine Welt, da mische ich mich nicht ein. Und mit Punk-Rock können Sie mich nicht nerven, es ist also alles ok!“

Gelächter hier, Fragen nach meiner Herkunft dort, schon waren wir am ersten Ziel. Das mit dem Bezahlen war nicht einfach, aber mir wurde zunächst Geld zum Kleinwechseln gereicht, das wurde weiterverteilt, dann bekam ich von ihr schon mal einen Zwanni und untereinander ging es hin und her mit Scheinchen und Münzen. Ich hab zwischendrin aufgegeben verstehen zu wollen, was die da miteinander auszukaspern hatten. Ich war ziemlich sicher, 20 € erhalten, diese zum Wechseln wieder rausgegeben und dann von anderer Seite abermals einen Zwanni erhalten zu haben. So denn. Damit wäre die Fahrt schon mal bezahlt. Die Uhr stand bei fünfzehnnochwas und der Weg war nicht mehr weit.

Als wir am letzten Ziel waren, standen 16,60 € auf der Uhr. Ich sagte den Preis an und hoffte ganz ehrlich darauf, den Rest behalten zu können. Weit gefehlt: Die Dame hinter mir steckte mir noch einen Zehner zu und meinte, das passe jetzt.

Äh, was bitte?

„Na, Sie haben doch vorher die 20 gewechselt und dann das rausgegeben und dies bekommen, deswegen ist das so ok. Ein bisschen Trinkgeld sollen Sie ja auch noch haben.“

Das klang soweit nicht nur nett, sondern auch logisch. 3,40 € sind ein gutes Trinkgeld und ich war neben dem ganze Auslade-Gedöns genug damit beschäftigt, mir selbst noch einmal zu überlegen, wie das genau war. Fahrgäste, Plattenkisten und zuletzt auch ich verließen die Szenerie. Statt wie sonst stellte ich nicht umgehend die Musik auf laut, sondern überlegte. Und kam – in Übereinstimmung mit der Prophezeiung der Kasse zu Schichtende – zum Ergebnis, dass ich gerade tatsächlich einen Zehner zu viel bekommen hatte.

Äh, yeah!?

Ganz ehrlich: Freut mich sehr, und ich weiß auch, dass deswegen niemand Hunger leiden wird. Aber Absicht war das nicht. Und wenn die drei zufällig hier im Blog landen und sich wiedererkennen: Ich geb das Geld gerne zurück. Dann nennen wir das einfach so, wie Kollege Yok sein Buch genannt hat: Punkrocktarif. 😉

„Dann nehmen wir.“

„Eine schönes guten Abend.“

Holländer. Supi! 🙂

„Funf Euro für der Alexanderplatz wird ok sein?“

Da das als Preis für den Platz wirklich ein bisschen tiefgestapelt ist, habe ich gleich vermutet, dass sie nur nach dem Fahrtpreis dorthin fragten:

„Nein, sorry. Das werden eher so 7 bis 8 Euro.“

„Oh, ist der Preisen mit Taxometer?“

„Ja.“

„OK, dann nehmen wir. Viele Dank!“

So dürfen Verhandlungen gerne öfter laufen: „Ist das der Taxameterpreis?“ – „Ja.“ – „Super, dann nehmen wir den!“ Hach.

Und am Ende hielten sie es sogar für eine gute Idee, doch lieber gleich zum Bahnhof Friedrichstraße zu fahren. Das waren dann zwar schon 10,40 €, aber das Eis war offenbar gebrochen. 😀

Entern in leise

Ich hab drüben bei Sashs Blog heute ein wenig das TV-Duell gestern abend auseinandergenommen. Verdient, wie ich finde. Die eingefleischten Stammleser wird es zumindest mal nicht wundern, dass mich sowohl Merkel als auch Steinbrück ziemlich kalt gelassen haben. Im Taxi hab ich es glücklicherweise nicht oft mit Parteipolitik zu tun. Es reicht ja, dass sich die FDP gegen Taxen wehrt, weil wir Taxifahrer angeblich zu oft zu politischen Meinungsäußerungen neigen würden. Wobei sich die FDP natürlich auch keine Sorgen machen muss, Taxifahrer als Wähler zu verlieren, das ist klar. Vielleicht kann die FDP ohnehin nicht mehr arg viele Wähler verlieren …

Überraschend zurückhaltend haben sich zwei Winker verhalten, die mir schon vor einer ganzen Weile mal zu vorgerückter Stunde ins Auto gefallen sind. Dass sie beide Shirts der Piratenpartei trugen, ist mir nicht entgangen – ebensowenig wie die Tatsache, dass sie hastig die Reißverschlüsse ihrer Kapuzenpullis über den Hemden hochzogen, als sie eingestiegen sind.

Es war eine kurze Tour zu einem Hotel, viel Zeit zum Reden blieb nicht. Aber natürlich interessierte mich, wo sie herkamen.

„Naja, ähm, wir haben da so eine Art Vortrag gehalten …“

„Und ich stand am Mischpult und hab intelligent auszusehen versucht!“

Ah ja … 😉

Ich mag Zurückhaltungen, wenn es um Parteipolitik geht. Und zudem verstehe ich sie, seit es Nazis gibt, die mit Che-Guevara-Kapu rumrennen. Man weiß ja nie, an wen man zu später Stunde gerät. Vor mir hätten sie sich freilich nicht verstecken müssen, ich gebe gerne zu, dass die Piraten von mir mindestens eine meiner Stimmen bekommen werden – was im Übrigen nur recht wenig mit ihrer netzpolitischen Ausrichtung zu tun hat, denn ich gehöre nicht zu denen, die das weit über 100-seitige Wahlprogramm ignorieren, nur weil gerne geschrieben wird, es gäbe keines.

Was ihr am 22. September wählen wollt, geht mich nix an. Und ich will Euch eigentlich auch nicht überzeugen, denn die Diskussionen dazu sind zumeist ekelig. Ich erwähne das mit den Piraten aber gerne, so lange sie sich nicht mal trauen, bei mir im Taxi zu sagen, was sie machen. Leise entern geht halt schlecht.
(Eine schöne Wahlempfehlung/Begründung hat übrigens Anatol Stefanowitsch geschrieben.)

Und jetzt lasst mich in den Kommentaren wissen, wer mich gekauft hat, warum ich böse bin und wessen Kinder ich mit meiner Wahl töte. 😉