Fußball, Punk-Rock, Trinkgeld

In solchen Momenten weiß ich, wieso ich nachts gerne mal die Petersburger Straße runterfahre: Zwei Kerle und eine Frau mit zwei Kisten voller CD’s standen am Straßenrand und winkten mich heran. Die Platten waren schnell verladen, dann kündigten sie mir eine Tour nach Neukölln an. Klasse Geschichte, irgendwas zwischen 15 und 20 € Umsatz.

Wir haben ein paar Allgemeinplätze ausgetauscht, sie haben mir die gewünschte (die kürzeste, wow!) Route angesagt, dann verfielen sie immer mehr in ihr Gespräch untereinander. Es ging viel um Fußball, Fankultur und was sie so alles machen würden für dieses oder jenes im Umfeld ihres Lieblingsvereins. Zwischenrein kam die Sprache hier und da auf Politik, und ich freute mich zu hören, dass es alte Veteranen der linken Punk-Szene waren, die sich furchtbar darüber aufregten, wie Fußballkultur hier und da – und auch in ihrem Verein – immer wieder von Nazis unterwandert würde. Zwischenrein ging es immer wieder um diese oder jene Kneipe, und wo sie wann welches Konzert besucht hatten.

Während die Frau recht unscheinbar war, war das Gespräch der Männer vor allem ihres Erscheinungsbildes wegen lustig zu beobachten. Die beiden kannten sich dem Gespräch nach eher weniger und hätten unterschiedlicher auch nicht sein können: Der Typ auf dem Beifahrersitz war wohl so um die 45, gerade so alt, dass sich zwischen den reichlich vorhandenen Muskeln um seine Tattoos erste Falten abzeichnen konnten. Ein Kinnbart, dem meinen nicht unähnlich, straff sitzendes Shirt – er wäre als Sänger einer älteren Hardcore-Band oder als Türsteher einer Metal-Kneipe eine erstklassige Besetzung gewesen.
Sein Gesprächspartner hinten jedoch hatte bereits schlohweißes Haar und auch des Gesichts und der Kleidung (ich sag nur: Trenchcoat) wegen, hätte ich ihn definitiv bei der Generation 60+ verortet. Und der saß da nun und faselte sich, einem Musikjournalisten gleich, mit breitem deutschen Akzent und mit Wonne durch seine ganz persönliche Punk-Geschichte von den „Rämonns“ bis zu „Cockspärrer“.

Als wir schon in Neukölln waren, überraschten sie mich mit einem

„Was sagen Sie denn dazu?“

„Ich?“

„Ja natürlich. Sie fahren uns hier und haben noch keinen Ton gesagt. Wir wollen Sie ja nicht nerven!“

„Ach wissen Sie: Fußball ist nicht meine Welt, da mische ich mich nicht ein. Und mit Punk-Rock können Sie mich nicht nerven, es ist also alles ok!“

Gelächter hier, Fragen nach meiner Herkunft dort, schon waren wir am ersten Ziel. Das mit dem Bezahlen war nicht einfach, aber mir wurde zunächst Geld zum Kleinwechseln gereicht, das wurde weiterverteilt, dann bekam ich von ihr schon mal einen Zwanni und untereinander ging es hin und her mit Scheinchen und Münzen. Ich hab zwischendrin aufgegeben verstehen zu wollen, was die da miteinander auszukaspern hatten. Ich war ziemlich sicher, 20 € erhalten, diese zum Wechseln wieder rausgegeben und dann von anderer Seite abermals einen Zwanni erhalten zu haben. So denn. Damit wäre die Fahrt schon mal bezahlt. Die Uhr stand bei fünfzehnnochwas und der Weg war nicht mehr weit.

Als wir am letzten Ziel waren, standen 16,60 € auf der Uhr. Ich sagte den Preis an und hoffte ganz ehrlich darauf, den Rest behalten zu können. Weit gefehlt: Die Dame hinter mir steckte mir noch einen Zehner zu und meinte, das passe jetzt.

Äh, was bitte?

„Na, Sie haben doch vorher die 20 gewechselt und dann das rausgegeben und dies bekommen, deswegen ist das so ok. Ein bisschen Trinkgeld sollen Sie ja auch noch haben.“

Das klang soweit nicht nur nett, sondern auch logisch. 3,40 € sind ein gutes Trinkgeld und ich war neben dem ganze Auslade-Gedöns genug damit beschäftigt, mir selbst noch einmal zu überlegen, wie das genau war. Fahrgäste, Plattenkisten und zuletzt auch ich verließen die Szenerie. Statt wie sonst stellte ich nicht umgehend die Musik auf laut, sondern überlegte. Und kam – in Übereinstimmung mit der Prophezeiung der Kasse zu Schichtende – zum Ergebnis, dass ich gerade tatsächlich einen Zehner zu viel bekommen hatte.

Äh, yeah!?

Ganz ehrlich: Freut mich sehr, und ich weiß auch, dass deswegen niemand Hunger leiden wird. Aber Absicht war das nicht. Und wenn die drei zufällig hier im Blog landen und sich wiedererkennen: Ich geb das Geld gerne zurück. Dann nennen wir das einfach so, wie Kollege Yok sein Buch genannt hat: Punkrocktarif. 😉

8 Kommentare bis “Fußball, Punk-Rock, Trinkgeld”

  1. hrhrurur sagt:

    Das wird schon so in Ordnung sein vermute ich. Gerade alternde Punks, die ähm den „Absprung“ geschafft haben und in irgendwas „normales“ reingerutscht sind beruflich verdienen meiner Erfahrung nach mehr Geld als sie tragen können und geben davon sehr großzügig was ab, weil sie das schon immer gemacht haben. Ich habe noch nie jemanden aus dieser Gruppe erlebt, der in irgendeiner Form geizig gewesen wäre beim Trinkgeld. Leider selektieren Alkohol und Co gerade in der Szene ja sehr stark und viele Existenzen scheitern dann daran.

  2. Sash sagt:

    @hrhrurur:
    Naja, Großzügigkeit ist das eine. Aber 13 € Trinkgeld sind dann doch ein bisschen zu selten, um so erklärt zu werden. Ansonsten hast Du vermutlich Recht, ich kann das ja mit Blick auf meine eigene Person durchaus auch bestätigen. 🙂

  3. hrhrurur sagt:

    Mh, kann bei mir auch schonmal passieren. Wenn mir jemand unsympathisch ist, aber seinen Job gut macht, gibt’s die zehn Prozent, wenn jemand sackig ist gar nix und wenn jemand nett ist, kann es auch mal passieren, dass ich das Wechselgeld „vergesse“, wenn derjenige es so nicht annehmen will. Oder wenn ich einfach das Bedürfnis habe mein Geld an den Mann zu bringen. Freiwillig.

    Fördert ja auch die Kaufkraft, wenn das nicht in meinem Portemonnaie rumschimmelt.

    Und selbst wenn es wirklich nur als Dank war, dass du das Hin- und Hergeschiebe mitgemacht hast, oder es wirklich ein Versehen war, ist es okay. Vielleicht fand sie dich auch süß oder so? Ist doch vollkommen lax. Sie ist zufrieden aus dem Taxi gestiegen und du kannst ruhig auch mal an das Gute im Menschen glauben, das du selber dauernd predigst. Alle sind zufrieden, nur der, der am meisten profitiert, macht sich n Kopp. Wenn du es loswerden willst aus deiner Bilanz, nimm es für den nächsten armen Hund, der nicht zahlen kann und dir leid tut. Dann wars wenigstens n guter Zweck. Oder kauf deiner Frau Blumen, einfach nur so. Oder tausch es in Groschen um und wirf es in die Menge und guck dir die Geier an, die sich drum kloppen und freu dich, dass du es besser hast als die Geizköppe.

    Entspann dich mal. Es ist bloß Geld. 😀

  4. Sash sagt:

    @hrhrurur:
    Ach glaub mir: Ich bin super-entspannt bei der Sache. 😀

  5. Tobias sagt:

    Ich bin der einer von denen… Gib mir das Geld xD

  6. ROW-Taxler sagt:

    Lieber Sash mach dir deswegen nicht so einen Kopf solch ein Trinkgeld kommt vor, ich selbst hatte zu Beginn meiner Taxi-Kariere auch immer sorge wenn ich ungewöhnlich viel bekommen hab, mein Vater seid 25 Jahren in dem Geschäft sagte zu mir nimm es hin die wissen was sie tun….

  7. Faxin sagt:

    Das war noch eine Geschichte aus der Konserve mit der 1925?
    Komplettes Blog hiermit fertig gelesen – bis zum bitteren Ende, möge die 1925 in Frieden parken.

    Freuen wir uns auf neue Geschichten mit dem nächsten Opel. ^^

  8. Sash sagt:

    @ROW-Taxler:
    Dir das gleiche wie hrhrurur: Ich bin doch völlig entspannt. Ich freue mich über die Kohle und bin sicher, dass das schon ok ist. Auf der anderen Seite bin ich aufgrund einiger Aussagen (ich protokolliere hier ja nicht 1:1) durchaus sicher, dass das nicht geplant war, zum anderen muss ich auch damit rechnen, dass mein Blog – der inzwischen ein wenig rumkommt im Netz – zufällig von den Leuten gelesen wird.
    Und nicht zuletzt: Auch wenn ich das locker sehe, bin ich einfach nicht der Typ, der jetzt stolz drauf ist, irgendwem einen Zehner abgeluchst zu haben oder die Kunden blöd findet, weil ihnen sowas passiert ist. Abgesehen von den Kommentaren hier hab ich über die Tour zweimal nachgedacht: Als ich es bemerkt hatte, hab ich mir gedacht: „Wow, ein Zehner extra!“ und als es sich beim Kassensturz bestätigte: „Krass, stimmt wirklich. Hihi, da blogge ich drüber …“
    Ich geh daran also sicher nicht kaputt, keine Sorge. 😉

    @Faxin:
    Ja, das war noch eine Tour mit der 1925. 🙂
    Und Respekt fürs schnelle Lesen!

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