Guter Anfang …

So kann es gehen: Ich fuhr zu Schichtbeginn zum Sisyphos und fand mich erschreckend alleine dort wieder. Was aber kein Problem war, da ich sofort rangewunken wurde. Perfekt! Die Tour ging zum Berghain und war dank eines Bankbesuchs zwischendrin schon 15 € wert. Der Teil bis dahin wurde umgehend bezahlt, dann aber wollte einer der illusteren Truppe noch seine Klamotten wechseln.

Ich hab ihm ganz uneigennützig vorgeschlagen, doch gleich mit mir weiterzufahren, da das deutlich billiger sei, als gleich ein anderes Taxi zu nehmen. Mit Erfolg. Und wohin ging’s? Zum Markgrafendamm. Für die Ortsunkundigen: das ist vom Berghain aus etwa zwei Drittel der Strecke zum Sisyphos zurück …

Damit aber nicht genug. Ich sollte kurz draußen warten und dann wieder zum Berghain fahren. Eine nette Zickzacktour, die mich mit 25,80 € auf der Uhr direkt an einer meiner Lieblingshalten aufschlagen ließ. Perfekt! Da ja trotzdem immer irgendwas ist: dass ich die Tour in zwei Etappen bezahlt bekam, war nur so semilustig – zwei Fuffis bei der ersten Tour. -.-

Aber wer will sich schon ärgern, wenn dann am Berghain nicht einmal ein Kollege (!) steht und man umgehend bezahlt weiterfahren kann?

Ich sag’s gelegentlich zur Erdung der Mitlesenden: Leider ist das alles andere als normal in unserem Gewerbe. Aber wenn’s mal so läuft, entschädigt das für so manche flaue Stunde …

Vielen Dank …

Was ich am Taxifahren nach wie vor mag, ist die Kundennähe. Natürlich ist das nicht ausnahmslos schön und ich hab mich sehr amüsiert über Eure Kommentare zum gestern geposteten Artikel. Aber es gibt so lustige Dinge, die halt einfach im Taxi zumindest mal wesentlich öfter passieren als bei anderen Dienstleistungsjobs.

So hatte ich dieses Wochenende Holländer im Auto. Inklusive der fußballerisch begründeten guten Laune. Leicht angetrunken, vier Jungs – und sie wollten ins Matrix. Hätte vom Klientel her auch eine Horrorfahrt werden können. Stattdessen lief es so:

Ich fragte, wie ich ranfahren soll. Natürlich fahre ich die Fahrgäste grundsätzlich bis ans Ziel, aber wenn man von der Warschauer Straße aus in Richtung Matrix zielt, muss man (so man sich an die Verkehrsregeln hält) einen ziemlichen Umweg machen, der sich durch knapp 100 Meter Fußweg vermeiden lässt. Als ich das erklärt hatte, wollten sie auch wirklich bereits am Durchgang von der Warschauer aus rausgelassen werden. Nun denn. Bringt mir 1,20 € weniger, freute diese Kunden aber wirklich enorm.

„Darfen wir Dich ein Lied singen? Den kennst du sicher: Vielen Dank …“

Und die ganze Rückbank stimmte mit ein:

„… FÜR DIE BLUMEN! VIELEN DANK, WIE LIEB VON DIR!“

Und dann haben wir uns die letzten 3 Minuten darüber unterhalten, wie alt wir waren, als wir regelmäßig „Tom & Jerry“ im Fernsehen angeschaut haben.

Für mich als Nachtfahrer fast noch halbwegs normal. Fast noch. Halbwegs. Mein größter Spaß in dem Moment bestand darin, mir zu überlegen, wie das bei anderen Berufen aussehen mag: Der Chor für den Anwalt im Gerichtssaal, weil er eine geringere Bestrafung erstritten hat; das Gesinge in der Pizzaservice-Hotline, weil es heute zwei Extra-Zutaten zum Preis von einer gibt; und die Blicke des Bankberaters, wenn man so auf die Genehmigung eines Dispositionskredites reagiert.

Ja, manchmal bin selbst ich froh über den dreizeiligen Smalltalk, der distanzierend beim „Sie“ bleibt und einfach nur eine professionelle Dienstleistung abrundet. Dass das aber nicht der Grund ist, warum ich den Job mag und warum ich hier blogge, das ist vermutlich trotzdem recht einleuchtend …

Eins über Soll

Während ich z. B. dem Schichtumsatz eigentlich nie eine Grenze nach oben setze, versuche ich andere Dinge besonders selten vorkommen zu lassen oder einzuschränken. Ich versuche beispielsweise Umwege gering zu halten oder nehme nie mehr Personen mit, als mit meinem Fahrzeug erlaubt. Ebenso versuche ich, die Zahl ausgepackter Geschlechtsorgane auf ungefähr null zu halten. Wobei ich da in der letzten Reihe z.B. wirklich überhaupt keinen Einfluss drauf habe.

Nun hab ich’s letzte Schicht dann trotz besseren Wissens nicht aktiv unterbunden. Einfach weil ich dem angetrunkenen und nicht mehr auf der Höhe seiner sexuellen Leistungsfähigkeit befindlichen jungen Mann die Pein ersparen wollte, dass ich durchaus gesehen habe, was er da ungelenk zu verstecken suchte.
Seine Entblößung hatte auch nix mit meiner Wenigkeit zu tun, sondern eher mit seiner Freundin neben ihm. Man mag den beiden mangelnde Rücksicht bescheinigen, aber wenn ich ehrlich bin, hab ich als Taxifahrer schon viel schlimmeres gesehen als einen verstörten Typen, der sich seine Nudel beim Versuch einklemmt, mich nix sehen zu lassen.

Und bevor jetzt die Schreie kommen von wegen „Verunreinigung“ des Autos: da hab ich ein Auge drauf gehabt. Also währenddessen eher im übertragenen Sinne. Aber den Geräuschen nach war das wohl der erste Fall, wo der Mund einer alkoholisierten Dame mein Auto vor Verunreinigung bewahrt hat, statt eine solche herbeigeführt zu haben. Und über diese Ironie alleine kann ich mich schon genug amüsieren.

Abgesehen von der spärlichen Unterhaltung (man beachte: es gab dennoch eine!) war es eine angenehme und lange Tour und die beiden müssen jetzt im schlimmsten Fall (eines der wenigen Beispiele, in denen das Lesen von GNIT den worst case darstellt) damit leben, dass ich offenbar mehr über ihr Sexualleben weiß als ihnen lieb ist. Aber dafür haben sie mir auch die schöne Statistik bezüglich ausgepackter Geschlechtsteile versaut, da ist das nur fair.

Grüße in den Bezirk Tempelhof-Schöneberg an dieser Stelle! 😉

Bisher am weitesten verschätzt

hat sich ein Kunde neulich.

Manchmal hab ich so Leute im Auto, die irgendwie ein komisches Bild von Taxifahrern haben müssen. Sie sind verwundert, dass ich mich vernünftig artikulieren kann und glauben dann ziemlich schnell, dass ich ja eigentlich kein „richtiger“ Taxifahrer sei.

Was ein „richtiger“ Taxifahrer ist, darüber lässt sich sicher streiten. Aber hey, ich hab mir die Mühe gemacht, die Ortskundeprüfung für Berlin zu machen, kann mich an diesen Aufwand gut erinnern und fahre gerne Leute von A nach B. Selbst wenn ich inzwischen nicht mehr Vollzeit für meine Chefs arbeite, glaube ich durchaus ein „richtiger“ Taxifahrer zu sein. Und, bei allem Schreiben nebenher: auch darauf bin ich stolz!
Es ist zwar „nur“ eine Dienstleistung im Niedriglohnsektor, aber wenn man den Job gut machen will, dann fordert er einen auch.

Doch schon des Alters wegen ist die Frage danach, ob ich nebenher studiere, immer noch oft Thema im Auto. Ich antworte inzwischen mit einem Augenzwinkern und sage, dass es noch viel klischeehafter sei und ich nebenher schreibe …

Student grundsätzlich ist also eine häufige Zuordnung. Nun aber das:

„Wow! Jurastudium abgebrochen oder noch dabei!?“

Dabei haben die beiden Fahrgäste angefangen und mich nach meiner Meinung zu UberPOP gefragt. Da kommt man ohne juristische Fachtermini nicht aus, sorry … 😉

Für mich persönlich kann ich das inzwischen als Wertschätzung akzeptieren und würdigen. Aber wenn ich mich im Kollegenkreis so umsehe: Im Gegensatz zu mir haben die meisten anderen tatsächlich eine Ausbildung oder ein Studium  und meistens ein bisschen Berufserfahrung in ganz anderen Branchen hinter sich. Unterschätzt uns Taxler bloß nicht! 😀

PS: Zumindest in Berlin ist Taxifahrer wirklich kein üblicher Studentenjob mehr. Und zwar – Überraschung! – weil die Anforderungen (Ortskundeprüfung) so hoch sind, dass sich der Aufwand für zwei oder drei Semester kaum lohnt, da man sich mitunter ein halbes bis ganzes Jahr nur auf den Job vorbereiten muss.

Glück im Unglück

Eine Gruppe leicht verstrahlter Leute teilt sich am Ostbahnhof auf zwei Taxis auf. Das zweite ist meines, nur ein einzelner junger Mann steigt ein.

„Hi, ich müsste nach Stralau.“

„Alles klar, das kriegen wir hin.“

„Da haste jetzt die schlechte Tour bekommen. Meine Kumpels müssen bis nach Marzahn.“

„Ach, das passt schon. Hat der Kollege halt heute mehr Glück gehabt. Ich bin schon froh, nach der letzten Fahrt mal jemanden zu haben, dem nicht schlecht ist und wo ich mir keine Sorgen machen muss …“

„Das is‘ jetzt witzig. Mei’m Kumpel im anderen Taxi is‘ tatsächlich übel.“

Merke: nicht jede verpasste 20€-Tour macht einen traurig. 🙂

PS: Die Fahrt davor war gar nicht wild, aber wenn jemand sagt, das ihm schlecht ist, bin ich schon immer ein wenig angespannter …

Schichtentscheidend

Ob wir eine Stadtrundfahrt durch Berlin machen könnten, wurde ich kürzlich auf Twitter von @ms_pinkman gefragt.

Ich war unsicher. Stadtrundfahrt? Ich? Soo gut bin ich da ja als quasi noch Neuberliner mit ausschließlich nächtlicher Herangehensweise an die Stadt vielleicht eher ungeeignet …
Aber wie der folgende Dialog so ergab, ging es natürlich auch darum, mal im Reallife hallo zu sagen. Außerdem, so wurde mir versichert, läge eine nahezu umfassende Anspruchslosigkeit vor und meine Sicht auf Berlin als Nachttaxifahrer wäre voll in Ordnung. Das – und zugegeben auch die sehenswerte Preisvorstellung für dieses Arrangement – haben mich zustimmen lassen. Eine kleine, noch spontanere, Variante hatte ich ja schon mal.

Die letzte Woche habe ich dann damit verbracht, immer mal wieder über der Frage zu verzweifeln, wo ich eigentlich hinfahren könnte. Zwei Stunden waren als Zeitrahmen angesetzt, da wird die komplette Stadt schnell ein bisschen groß.

Aber gut, am Ende bin ich fast unvorbereitet in den entscheidenden gestrigen Abend gestartet. Die zwei Stunden waren – perfekt für mich – an den Schichtbeginn und noch vor das Fußballspiel von Uruguay gepackt. Erkannt haben wir uns am verabredeten Startpunkt lediglich durch das nette Lächeln und wir traten die Fahrt an. Von Friedrichshain über Kreuzberg und Neukölln, Tempelhof streifend nach Schöneberg, Charlottenburg und anschließend zurück über Tiergarten, Mitte, wieder Friedrichshain und Lichtenberg.

Der Zielpunkt hatte sich davor schon eher kurzfristig von „einer netten Bar“ zum Hotel verschoben, das am äußersten südöstlichen Ende Berlins lag. Das hat mich am Ende zwar die erste Halbzeit des Spiels gekostet, aber abgesehen von der finanziellen Entschädigung ist mir nach dem Ansehen der zweiten Halbzeit auch klar, dass ich bei der ersten nix verpasst habe.

Für mich ist nach der ersten Kriegste-das-hin-Anspannung eine nette Fahrt daraus geworden, während ich nebenher einfach mal über alles gequatscht habe, vovon ich einen Namen im Kopf hatte. Inklusive unnachahmlicher Currywurstbestellung und viel nettem Geplauder. Und scheinbar beruhte das auf Gegenseitigkeit. Was mich in Anbetracht dieser recht neuen Form von Fahrt wirklich sehr freut. 🙂

Aber ich habe auch einmal mehr festgestellt, dass ich mich an den Taxirhythmus gewöhnt habe. Zwei Stunden quasi am Stück durch die Gegend zu fahren, strengt doch mehr an als die üblichen Touren mit viel mehr Pause. Aber die hatte ich in dem Fall danach beim Fußballschauen zu Hause. Danach war es allerdings wirklich schwer, mich nochmal aufzuraffen und trotz dem äußerst grandiosen Start hab ich am Ende mein (dieses Mal allerdings eher großzügige) Schichtziel um 2 € verfehlt.

Aber nun ja, das ist Jammern auf hohem Niveau. Wie fast immer war das eine sehr schöne Lesertour, und dieses Mal sowas von absolut entscheidend für den Tag.

An dieser Stelle noch ein kleines Sorry an all die, bei denen es mal nicht geklappt hat. Ich mache das wirklich gerne, aber zum einen sind meine Arbeitszeiten begrenzt, zum anderen bin ich bei der Arbeit oft auch mal spontan am anderen Ende der Stadt, ohne das vorhersehen zu können. Manchmal bleibt mir nix anderes übrig, als am Handy das Gespräch kommentarlos wegzudrücken. Alles Gute ist eben nie beisammen, so isses halt.

Außer gestern Abend.

PS: Die Tour wird sicher noch lange den Rekord für die längste Fahrt innerhalb des Berliner Stadtgebietes halten. Müssten am Ende knapp 70 Kilometer gewesen sein.

PPS: Das entstandene Foto enthalte ich Euch vor. Ihr wisst schon … Aliens, meine Frisur … diese Geschichten.

PPPS: Mir wurde bei dieser Fahrt gesagt, dass bisher die Taxifahrer die freundlichsten Dienstleister in Berlin waren. Ein Dank an die Kollegen, die das immer wieder richtig gut hinkriegen!

„Nicht eilig“

„Ach, ist ja schön, dass ich Sie hier treffe. Bringen Sie mich zum Hauptbahnhof?“

„Sicher. Haben Sie es denn eilig?“

„Nein, eigentlich nicht.“

„Das ist schön. Holen Sie also nur jemanden ab?“

„Nein, nein, mein Zug fährt um 0.41 Uhr.“

Zu diesem Zeitpunkt war es 0.34 Uhr und wir waren noch zwei Kilometer vom Bahnhof entfernt.

Ich hab also auf die schnellere Route gewechselt, bin so schnell gefahren, wie ich konnte und wir haben das mit der Bezahlung bereits 200 Meter vor dem Ziel erledigt, das wir mit Mühe und Not rechtzeitg erreicht haben. Aber ja: schön, dass es „eigentlich nicht eilig“ war. 😉