Back in Town

BÄM, da bin ich wieder! Also metaphorisch gesprochen. Wirklich weg war ich nicht, aber ich hatte die letzten zwei Tage nicht wirklich Nerven für GNIT. Fragt mich nicht, warum – ich weiß es selbst nicht. Woran es nicht liegt, ist das Taxibuch. Denn auch wenn ich vergleichsweise fleißig daran schreibe (168 Seiten von 250 bisher), nimmt das gar nicht so viel Zeit in Anspruch. Meinen Blog auf Eis legen muss ich dafür nicht wirklich. Vielleicht mal kurz vor der Manuskriptabgabe im Herbst wegen viel Klein-klein, aber ich würde nicht darauf wetten.  🙂

Nö, war einfach nix spannendes passiert und ich hatte nicht vor, irgendwas spannendes zu machen. Ganz einfach. Und im Taxi saß ich sowieso nicht.

Die neue Woche fängt vielversprechend an. Meine halbe Donnerstagsschicht war so kurz wie schon lange keine mehr – wider Erwarten hat sich der gestrige Herrentag dann doch noch aufs Taxigeschäft ausgewirkt. Die letzten Jahre hab ich das immer gehofft und wurde meist enttäuscht. Gestern hat das dann auch deswegen gut gepasst, weil ich spät los bin. Richtig spät. Eigentlich wollte ich hier in meinem Zimmer nur kurz ein Regal sauber machen und die Rückwand wieder fixieren, dann hatte sich das blöde Ding aber im Laufe der Jahre – und insbesondere eines Abends, als ich nicht mehr ganz nüchtern von einem Twitter-Treffen heimkam – ziemlich verzogen und konnte nur durch zusätzliches Anschrauben einiger Komponenten wieder in Form gebracht werden. Was – in Kombination mit meinem späten Erwachen – für ziemlichen Zeitdruck am Abend sorgte.

Gut, Donnerstag. Halbe Schicht, wie gesagt. 70,00 €, dann Heimflug. Das kann sehr schnell gehen – tut es halt selten. Gestern hatte ich gleich einen Winker, danach stand ich am Bahnhof. Da war zwar die Schlange sehr kurz (hab mich als achter angestellt), aber kaum dass ich auf Position 1 war, war wieder Ruhe im Karton.

Um 22.32 Uhr – 3 Minuten vor dem nächsten Zug – kamen dann 2 Paradegestalten der Zombieapokalypse jedes Herrentags zu mir und wollten immerhin „erstmal“ nach Neukölln. Das nur auf dem zweitkürzesten Weg, und weiter ging es ja auch noch. Nach Plänterwald. Ist nicht die Welt, aber nach anfänglicher Skepsis hab ich festgestellt, dass die beiden zwar schon genug getrunken hatten, aber durchaus noch taxitauglich waren. Sehr zu meiner Überraschung, und noch mehr zu meiner Freude, gab es satte 4 € Trinkgeld auf die 18€-Fahrt. So darf das laufen! 🙂

Exakt anderthalb Stunden nach ihrem Einstieg, um 0:32 Uhr, hab ich mich nochmal für eine Kippe am Ostbahnhof gestellt. Mal gucken. Da das aber noch mindestens eine halbe Stunde zu dauern drohte, bin ich heim. Und das zufrieden. In der Zeit hatte ich nämlich insgesamt 67 € Umsatz gemacht – was zusammen mit dem ersten Winker locker über die angepeilten 70 gereicht hat. Sicher hätte ich gerne noch einen weiteren Winker zum Abschluss gehabt, aber arg viel zu toppen war an dem Verlauf eh nix mehr.

Und ich kann’s nur immer wieder sagen: So ist das leider nicht immer.

Aber gut, jetzt noch 2 Tage Mai – und dann fängt ja schon der neue Monat an. Und der darf gerne so laufen wie dieser Monat … ach, meinetwegen sogar wie die gestrige Schicht. 😉

Lucky

Also diese Schicht heute …

Wenn man den Kollegen glauben darf, dann lief es richtig mies. Ich aber hatte auf der anderen Seite mehr Leseranfragen, als ich mal eben abarbeiten konnte. Womit es dann am Ende so halbwegs gepasst hat. Vor vier Wochen wäre ich sogar froh um das Ergebnis gewesen, aber die letzte Zeit lief so gut … und außerdem war ich ja gestern nicht draußen.

Was ich schon mal geschrieben habe: es ist immer schwer mit Anfragen mitten in der Schicht. Heute hat das Jo mitbekommen, den ich erst achtmal weggedrückt und anschließend am Telefon nochmal abgewürgt und ihm gleichzeitig eine Absage erteilt habe. Das mache ich extrem ungern, aber zweiteilen kann ich mich auch nicht. Vierteilungen wiederum sind zwar historisch belegt, die Gesundheitsgutachten der Probanden lassen aber auch da eher Probleme für den Alltag erwarten.

So hatte ich auch dieses Mal vor einer Lesertour knapp eine Stunde Zeit. Gut, ich musste dazu sowieso raus nach Marzahn, da konnte ich wenigstens einen Zwischenstopp bei mir zu Hause als richtig echte und sogar arbeitsrechtlich korrekte Pause einlegen. Aber was das wieder an Leerkilometern einbringt!

Und dann winkte es tatsächlich. Auf der Landsberger Allee stadtauswärts. Kurz vor IKEA. 0.o

Richtung Osten wäre mir recht gewesen, im Grunde hoffte ich aber nur, dass es nicht in die Stadt zurückgehen sollte. Und dann fragten mich die zwei schon reichlich schwankenden Gestalten, ob ich das Lucky Inn kennen würde. Da muss man einwerfen: das ist eine fast schon unverschämte Frage. Das ist eine absolut unbedeutende Kneipe in einem Außenbezirk, die nicht einmal von einer öffentlichen Straße aus einsehbar ist. Ungefähr 125% der Besucher dieser Kneipe rekrutieren sich aus den drei umliegenden Hochhäusern. Wer soll diese Kneipe kennen?

Ich natürlich. Und: tue ich auch. Ich wohne nämlich ein Hochhaus weiter, knapp außerhalb des Einzugsgebietes. Aber wenn mir persönlich eine Kneipe in Torkelweite unheimlich ist, dann ist das ein ernstzunehmender Warnhinweis!

Die Tour war also in vielerlei Hinsicht perfekt: sie bedeutete für mich einen quasi inexistenten Umweg, füllte also einfach die ohnehin anfallenden Kilometer mit ein paar Euro. Darüber hinaus waren die zwei Burschen ausgesprochen ok dafür, dass sie bereits voll wie Wassereimer in der Monsunzeit waren, jeder noch Bier mithatte und sie auf eine Marzahner Absturzkneipe zuzusegeln gedachten.

„Ach, ihr Taxifahrer! Ihr habt’s ja ooch nich‘ leicht. Ick meine: wir uff’n Bau schimpfen ja schon wejen da Kohle!“

Die haben die schwärzesten Seiten des Jobs besser beleuchten können als jeder meckernde Kollege da draußen, das ist gewiss. Wenn man ihnen glauben darf, verdienen wir irgendwas um die 1,50 € brutto, werden jeden Tag ausgeraubt, angepöbelt und mit vollgekotztem Auto zurückgelassen. Also sinngemäß. Das hat dann ja nun auch nicht mehr sonderlich viel mit der Realität zu tun.

Aber sie fanden es gut, dass ich den Job gerne mache und rundeten am Ende die aufgelaufenen 10,60 € obergroßzügigst auf 15 € auf. Was noch besseres hätte mir in dieser „Leerlaufzeit“ echt nicht passieren können. Und am Ende hätte ich sogar noch eines der verschlossenen Biere behalten können. Sogar meine Marke. DA hab dann sogar ich abgelehnt. Perfekter als perfekt ist dann ja vielleicht doch ein schlechtes Omen oder so … 😀

Das Wichtigste im Blick …

Die Leute einzuschätzen ist ja immer so eine Sache.

Sie standen am Weißenseer Weg und haben gewunken. Also „gewunken“. Beide rotzevoll und dementsprechend dabei, das zu praktizieren, was ich gerne als „Ganzkörperwinken“ bezeichne: Den Arm hochhalten und dabei mit dem ganzen Körper wackeln – eine Art verschäfte Gleichgewichtsübung mit unsichtbarem Haltegriff.

Als ich näherkam, sorgten Sie sich wohl darum, dass ich nicht anhalte und haben ihr Treiben auf die rechte Spur verlegt, wobei einer der beiden auch noch ziemlich ins Straucheln kam und beinahe als erster Fahrgast liegenderweise vor meinem Auto posiert hätte. Entsprechend begeistert war ich. Nach wie vor hab ich nix gegen Betrunkene, aber man macht sich schon so seine Sorgen.

Beides Männer um die 30, dem Akzent nach vielleicht Russen. Der eine grinste mich gleich nett an und fragte den Umständen entsprechend höflich:

„Tschuuuljunk! Du fährst uuuuns Friechshaaaain?“

„Na logo, steigt ein!“

Sekunden später saßen beide im Auto. Ich wollte gerade losfahren, da brüllte der eine dazwischen:

„CHAAAAALT! STOOOOP!“

Ich dachte schon, ich wäre im Begriff, jemanden zu überfahren. Tatsächlich ging es um die Sicherheit: Seinem Kumpel war offenbar das Anschnallen zu kompliziert. Also musste ihm erst mal eine Standpauke darüber gehalten werden, wie wichtig es ist, sich anzuschnallen, wenn man im Auto sitzt. Geradezu vorbildlich. Wie, äh, offenbar auch die restliche Lebensführung:

„Fährst Duu uns Bank, dann Tanke! Müssen trinken weil wir gewonnen fette Schlägerei! Trinkst Du Wodka mit uns, oder?“

Ja nee, is‘ klar! -.-

Kleiner Funfact: Sie haben an der selben Bank Geld geholt wie der frisch aus dem Gefängnis entlassene Kerl, der sich ebenfalls ums Anschnallen gesorgt hat. Darüber hinaus war es für mich eine sehr angenehme Fahrt. Beide waren total nett, auch wenn der eine wirklich pausenlos einen Monolog über Unfallsicherheit hielt. Am Ende gab es ein gar nicht so schlechtes Trinkgeld und gut war. Selbst den Wodka habe ich ihnen ausreden können. Also den für mich …

„Fahr nicht so viel!“

Winker, super!

„Fährste mich zur Weichselstraße?“

„Die hier in Friedrichshain?“

„Genau.“

„Na, soll ich dann mal Kurzstrecke probieren?“

„Mach, was Du für richtig hälst!“

Ich hab nicht lang überlegt. Natürlich hatte der Typ die Kurzstrecke nicht explizit verlangt, aber es lief so gut an dem Abend, dass mir die eventuell verlorenen drei Euro egal waren. Und ob es reichen würde, war ja eh noch nicht klar. Am Ende passte es recht gut, also denn:

„Ja, dann sind das vier Euro und fertig!“

„Hier, nimm‘! Passt so. Und fahr‘ nicht so viel heute Nacht!“

Ein Zehner. Wow!

Aber ich hab mir den Rat zu Herzen genommen und Feierabend gemacht, als es mir geldmäßig gereicht hat. Man will es den Kunden ja gerne recht machen. 😉

Blaues Auto, blaues Auto!

(Alle, die den Film „K-PAX“ gesehen haben, haben jetzt eine Ahnung, wie man die Überschrift zu lesen hat)

Es war eine kurze Tour, Winker noch dazu, alles prima. Die Straße, zu der die Leute wollten, kannte ich aus dem Kopf, eine grobe Peilung, zwischen welchen Querstraßen das Ziel genau liegt, wurde mir auch vermittelt. Zudem die Hausnummer: 102. Gut, die alleine hilft ja nicht viel, am Nachmittag, an dem wir die in der Taxischule durchgesprochen haben, war ich ja bekanntlich nicht da. 😉

„Da steht so’n blaues Auto vor der Tür!“

meinte einer der Fahrgäste.

„Vadder! Du könntest auch die Kirche nennen oder die Kneipe gegenüber, das besetzte Haus oder …“

hieß es alsbald von der anderen Seite. Ich befuhr die Straße indessen, die Kirche sah ich schon und suchte mehr oder minder unauffällig nach der Nummer 102. War im Grunde bei so vielen Hinweisen auch nicht schwer zu finden. Nach ungefähr drei „Halten Sie einfach hier!“-Rufen bugsierte ich die 72 an den Straßenrand und nahm schon mal die ersten Münzen entgegen. Woraufhin „Vadder“ einwarft:

„Und siehste: Hier steht auch das blaue Auto!“

Die Tour zur Flasche

OK, so ganz unkommentiert will man ein Fläschchen Wodka als Trinkgeld ja dann auch nicht stehen lassen. Zumal es eine in alle Richtungen (im wahrsten Sinne des Wortes) angenehme Fahrt war.

Herangewunken wurde ich kurz vor dem Ostbahnhof, direkt an der Schillingbrücke. Zwei junge Kerle mit guter Laune und erkennbar wenig Lust auf nun endende Party.

„Ins Sisyphos bitte!“

Schöne Tour, aber …

„Hat das nicht zu?“

„Wieso?“

„Naja, ich bin in letzter Zeit öfter dort und soweit ich weiß macht das nur alle zwei Wochen auf. Und da ich letzte Woche da war …“

Damit war ich natürlich der Launenverhagler vom Dienst. Also quasi. Wirklich übel nehmen einem Fahrgäste hilfreiche Tipps ja eher selten, aber davon hören wollten sie trotzdem nix:

„Na, fahr uns mal hin. Wenn nicht ist das About Blank ja da auch direkt ums Eck.“

Diese Form von Pragmatismus mag ich ja. 🙂

Unterwegs wurde mir der Wodka vermacht:

„Nimm‘ Du die mal. Verschenk‘ sie an irgendwen. Hab ich gerade gekauft, krieg‘ ich aber vor dem Club nicht mehr weggetrunken.“

Zwischenrein ein nettes Gespräch, viel Gescherze, es war die reinste Freude. Zumal ich davor ewig an der Halte gestanden war und mir eine Winkertour nur gelegen kam. Am Sisyphos angekommen habe ich natürlich Recht behalten. Es war zu. Statt nun aber zum About Blank zu fahren, kamen die beiden auf die Idee, lieber ins Ritter Butzke zu gehen. Da hätten sie wohl freien Eintritt. Ich an ihrer Stelle hätte mich richtig geärgert, denn nun waren wir rund vier Kilometer in den Nordosten gefahren und das Ritter Butzke liegt von der Schillingbrücke eher zwei Kilometer im Südwesten (Hab das jetzt nicht genau ausgerechnet). Die Fahrt hätte sie also statt der letztlich aufgelaufenen 23,20 € nur vielleicht 8 € kosten können. Von der Differenz wird man hier oder da sogar Eintritt zahlen können. Die beiden aber nahmen es locker.

Gut, einmal wäre mir (ohne dass es mich gestört hätte) der Wodka fast nochmal abgenommen worden, weil die Fahrt ja nun viel länger dauerte.  Aber wie gesagt: fast. Am Ende gab es Trinkgeld, Wodka und natürlich nur die besten Wünsche. Wenn ich wem noch eine angenehme Partynacht wünsche, dann doch solchen Kunden. 🙂

Ouidesehn!

Reichlich origineller Schichtanfang: Eine fünfköpfige Familie, außerdem perfekt auf mein aktuelles Auto angepasst. 6 Leute kann ich dieses Wochenende nicht mitnehmen, da in der 89 die Tasche für Werkzeug, Putzmittel und co. so scheiße dimensioniert ist, dass sie nicht sinnvoll hinter die letzte Sitzreihe passen würde. Offenbar das Auto eines Kollegen, der sowieso was gegen Großraumfahrten hat. Was interessant ist, da das Auto laut Taxameterdaten deutlich (!) mehr Zuschläge als die 1925 oder die 72 zu verzeichnen hat. Werden wohl die Kartenzahlungen sein …

Aber gut, die Familie! Wie üblich wurde ich herangewunken und die Eltern haben sich nicht den Hauch eines Gedankens darüber gemacht, dass 5 Leute auf vier Sitzen vielleicht nicht ganz in Ordnung sein könnten. Da einer der Jungs aber groß genug war, ohne Kindersitz zu reisen, hab ich eine in den Augen jener Touristen vermutlich überkorrekten deutschen Großraumtouren draus gemacht. Ich hasse mich in dieser Prinzipienreiterrolle, aber ich will ja bloß Ärger und Schaden von mir und den Fahrgästen abwenden …

Am Ende waren aber auch alle zufrieden. Die Familie kam aus Frankreich, war aber wohnhaft in London. Und unterhielt sich meist über Brasilien. Nun gut. Sehr nette Leute, das erste Mal in Berlin, aber sichtlich gewohnt an fremdes Terrain. Untereinander haben sie meist französisch geredet, aber mein passiver Wortschatz in dieser Sprache wächst ja auch wieder, seit ich Taxi fahre. Ich konnte ihnen, vermutlich unbemerkt, also dennoch ganz gut folgen. Die Kommunikation mir mir lief – was mich erfreut hat – in sehr gutem Englisch. Bis auf eine Ausnahme.

Ausgerechnet der junge Mann ohne Kindersitz in der letzten Reihe versuchte sich beim Aussteigen gleich mal in der dritten Sprache und sagte zum Abschluss: „Au ouidesehn!“

Weit besser als ich bei meinem Schüleraustausch in Frankreich in der sechsten Klasse. Ich hab damals die Oma meines Austauschschülers noch mit „Aujourd’hui!“ statt „Au revoir!“ verabschiedet. Aber ein bisschen Schwund bei Fremdsprachen ist immer. Und ich hab den Mut des Kleinen ernsthaft bewundert.