Ein Jahr weg…

„Kannste mich zum Maria bringen?“

„Klar – also wenn du das Ex-Maria meinst.“

„Ja nee, also das hier, das Maria am…“

„Ostbahnhof!?“

„Genau. Wieso Ex?“

„Naja, das heißt ja nicht mehr Maria. Erst ADS und jetzt hat es glaub ich schon wieder einen neuen Namen, bin mir aber nicht sicher.“

„Scheiße Alter, ich war ein Jahr im Knast! Hab ich nicht mitbekommen!“

Unter seinen leicht fettigen lockigen Haaren sah er mich recht lieb an, ein wenig auf der Suche nach Zustimmung oder dergleichen. Probleme mit Knackis hab ich keine. Ich wüsste auch nicht, wieso ich welche haben sollte.

Im vorliegenden Fall war ich mir nur unsicher, ob ich es mit einem Spinner zu tun hab. Zum einen hat er es tatsächlich mit einem Verkehrsdelikt und dem anschließenden Versemmeln / Verweigern der Sozialstunden in den Knast geschafft, andererseits hat er auf mich nicht ganz auf der Höhe seiner geistigen Schaffenskraft gewirkt. Aber er war ja auch seine Freilassung feiern.

Viel später als für den direkten Weg notwendig kündigte er an, noch eine bestimmte Bank aufsuchen zu wollen. Den Zehner fürs Taxi hatte er zwar locker einstecken, aber ganz für einen sorgenfreien Abend reichte es eben nicht. Schon gar nicht in einem Club. Und er wollte sich immerhin gepflegt einen hinter die Binde kippen, ein bisschen Koksen, vielleicht noch ein Mädel auf einen Drink einladen, bla keks… das Übliche. Nicht billig. Ich weiß, warum ich mein Bier im Supermarkt kaufe, keine anderen Drogen nehme und meine bessere Hälfte vertraglich an mich gebunden habe 😉

Mein Kunde indes freute sich geradezu auf die Bank und erzählte mir stolz, dass er im Bau auch regelmäßig gearbeitet hätte und deswegen jetzt ein paar Euro auf der hohen Kante hätte. Die Vorfreude auf den ersten Abend in Freiheit war ihm wirklich sehr direkt anzumerken. Die bis dato getrunkenen Bier allerdings auch. An der Bank war dann die Frage, was er als Pfand dalassen könnte. Da er weitgehend ohne sinnvolles Gepäck reiste, schlug ich seine Jacke vor. Ich machte ihn allerdings auch darauf aufmerksam, dass ich – auch wenn es nicht erlaubt ist – einen Ausweis dennoch akzeptieren würde. Bekommen habe ich beides. Na gut.

Der Bankbesuch war an sich auch kurz, allerdings kam mein Fahrgast staunend wieder heraus:

„Mensch, die ha’m die janze Bank umjebaut in dit Jahr!“

Ich stelle mir das dazugehörige Gefühl wirklich sehr seltsam vor…

Im Auto angekommen schnappte er sich seinen Ausweis und pfrimelte sich etwas unbeholfen in seine Jacke. Er biss dabei die Lippen aufeinander, ächzte und zerrte, stöhnte und fummelte. Aus Gewohnheit fragte ich einfach:

„Kann ich losfahren?“

Die Uhr lief, es war als nette Geste gedacht.

„Nee! Sach mal, du kannst doch nich…“

„Was? Was ist los?“

„Ey, Alter!!! Ick bin noch nicht anjeschnallt!“

So sehr ich das zu schätzen weiß, so sehr hat es mich bei einem verurteilten Verkehrssünder amüsiert 🙂

Die Fahrt zum Maria verlief dann unspektakulär und ich hab zu den 16,80 € Fahrpreis (ohne Umweg über die Bank vielleicht ein Zehner!) auch lockere 3,20 € Trinkgeld bekommen. Und ihm viel Spaß gewünscht. Auf die ein oder andere Art hatte er das sicher verdient.

3 Kommentare bis “Ein Jahr weg…”

  1. ednong sagt:

    Du hast deine bessere Hälfte vertraglich an dich gebunden? Du hast es noch nicht gemerkt, oder? Wirklich nicht? Mensch Sash, sie hat dich vertraglich gebunden! 😉

    Aber das hat sie gut hingekriegt. 😛

    Und also wirklich, wie kannst du nur mit unangeschnallten Fahrgästen losfahren wollen …

  2. Sash sagt:

    @ednong:
    Ach, wie sowas halt passiert. Man sieht eher auf die Uhr als auf den Fahrgast. Zumal die erste Amtshandlung war, an eine rote Ampel zu fahren…
    Das mit dem Vertrag ist eine vertrackte Sache, aber ganz falsch liege ich auch nicht 😀

  3. […] Sie haben an der selben Bank Geld geholt wie der frisch aus dem Gefängnis entlassene Kerl, der sich ebenfalls ums Anschnallen gesorgt hat. Darüber hinaus war es für mich eine sehr angenehme Fahrt. Beide waren total nett, auch wenn der […]

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