Brücken-Dings

Der Kollege Rob hat sich vor Lachen schon nicht mehr halten können, als ich mich auf ein Gespräch mit dem Typen eingelassen habe. Ich teile Robs Einstellung zu diesen und jenen Fahrgästen nicht unbedingt, aber in dem Fall hab ich mich auch zurückhalten müssen. Der Kerl, der mich da hinten in der Schlange angequatscht hat, war breit wie ein Luftschiffhangar.

Er fragte mich, ob ich ihn auch für eine kurze Tour mitnehmen würde. Den Satz allerdings hat er auf so abenteuerliche Weise entstellt, vernuschelt, wiederholt verschachtelt und durch Schluckauf-Geräusche ergänzt, dass er am Ende länger gedauert hat als die nachfolgende Fahrt selbst. Sein Ziel war von besonderer Qualität:

„Hier dieses Marchlewski-Hicks-Brücken-Dings! Da an der Ecke gleich.“

Aha.

Nun liegt die Marchlewskistraße unweit des Ostbahnhofs und Brücken haben wir auch ein paar. Nur dummerweise passen diese beiden Informationen schlecht zusammen. Mit sehr viel Humor könnte man die Warschauer Brücke vermuten, sein Finger zielte indes auf die gesamte Südhemisphäre von Mitte bis Neukölln. Ja nu?

„Ich kann dich leiden!?“

Na dann mach mal! Oder danke, du bist auch ein Netter? Keine Ahnung. Ich hab es riskiert. Ich war mal wieder erst ein paar Minuten da und da sind mal eben 5 € auch in Ordnung.

Und? Wer glaubt zu wissen, wo es hin ging?

Der ewige Krieg…

Scheint, als könnten wir uns langsam wieder an Plusgrade gewöhnen. Trotz meinem Hang zur winterlichen Jahreszeit freue ich mich darüber. Der Frühling ist einfach eine zu schöne Jahreszeit, kaum etwas daran, das nicht schön ist: Erträgliche bis angenehme Temperaturen, ein Wiedererwachen der Natur und der ein oder andere Sonnenaufgang zur Arbeitszeit. Mit einem Wort:

Hach.

Uns Autofahrer in Berlin erwartet nun allerdings auch wieder der Anstieg des Fahrradaufkommens, was nach wie vor gemischte Gefühle hervorruft. Genau genommen hat mich in meiner Frühlingsvorfreude vorgestern diese Polizeipressemeldung wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Gefahrenbremsung wegen Radfahrer – Mehrere Busfahrgäste verletzt.

Wer hier länger mitliest, weiß dass mir dieser Kleinkrieg zwischen Fahrradfahrern und Autofahrern auf die Nerven geht. Ich als Taxifahrer bin ja ebenso Mitglied einer Gruppe von Verkehrsteilnehmern, denen gerne besondere Rüpelhaftigkeit im Straßenverkehr nachgesagt wird, ich verstehe also durchaus, dass es enervierend ist. Noch dazu sind bei dieser Posse um richtiges Verhalten im Straßenverkehr ausgerechnet zwei der beklopptesten Lobbyverbände in Deutschland involviert, die ich für fast jedes Statement in die Tonne kloppen könnte:

Auf der einen Seite der ADFC, der grundsätzlich nicht wahrhaben will, dass es eine Menge Probleme im gemischten Verkehrsraum gibt und Schuldzuweisungen an Radfahrer grundsätzlich damit zurückweist, dass die Autofahrer ja mindestens genauso schlimm sind und spezielle Kontrollen für Radfahrer natürlich willkürliche Gängelung sind, während Autofahrer ja viel zu selten mal geblitzt werden würden und so…

Der ADAC als Autofahrervertretung indes wartet mit seiner absurden Haltung auf, schnelles und unkompliziertes Autofahren sei ein Grundrecht und schon beim Aufstellen von Geschwindigkeitsbegrenzungen einen Abgesang auf die deutsche Automobilindustrie anfängt, wenngleich es eigentlich um Unfälle mit Fahrradbeteiligung ging.

Das ist jetzt mal sehr oberflächlich ausgedrückt, ich hab mir keine O-Töne besorgt, aber das war so der Grundtenor, der mir in den letzten Jahren aus der Presse entgegengeschwappt ist.

Ich stelle das deswegen voran, weil ich im Grunde als Wort zum Frühling ausrufen möchte:

Radfahrer, reißt euch bitte am Riemen!

Denn diese Aussage ist, so ernst sie gemeint ist, keine Rechtfertigung für blödes und gefährliches Verhalten von Autofahrern, kein Hass auf Radfahrer, sondern sie soll nur genau eines ausdrücken:

Reißt euch bitte am Riemen!

Wir hatten doch alle irgendwann mal so eine Art Verkehrsschulung. Auch ohne Führerschein. Und auch wenn wir alle viel vergessen haben, so halten wir uns doch einfach an § 1 der StVO, der vollumfänglich dieses aussagt:

(1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

(2) Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, daß kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

That’s all. Vom ein oder anderen kleinen Fehler mal abgesehen erwarte ich nichts anderes von den Leuten um mich herum und das sind auch die Regeln, an die ich mich zumindest halte, sobald ich sie vielleicht woanders mal übertrete.

Wir wollen alle ans Ziel, alle möglichst schnell und stressfrei. Das jedoch geht nicht für jeden unbegrenzt. Wir müssen aufeinander Rücksicht nehmen – und zwar gegenseitig. Niemand ist per se böse, weil er ein bestimmtes Fahrzeug bevorzugt, wir müssen diesen Krieg nicht führen, es geht eigentlich wesentlich gelassener. Ich versuche, meinen Teil dazu beizutragen und ich freue mich über jeden, der es auch tut. Auch wenn er letzte Woche aber mal einen total miesen Radfahrer/Autofahrer/LKW-Fahrer/Fußgänger oder Großtankerkapitän gesehen hat!

Warum richte ich mich an die Fahrradfahrer?

(Wenn es mir doch so egal ist, was jemand fährt…)

Ganz einfach: Mit euch hab ich den meisten Ärger! Wenn es mit anderen Autofahrern mal knallt, dann ist es in der Stadt meist ein bisschen Blechschaden und wenn ich nicht schuld bin, kostet mich das nichtmal viel. LKW-Fahrer sind nachts zu selten auf der Straße unterwegs, als dass sie mir oft gefährlich werden und die oben erwähnten Großtanker kreuzen meinen Fahrtweg nur, wenn ich ohnehin ganz andere Probleme habe. Die Fußgänger sind zwar Nachts auch oft wandernderweise auf der Straße unterwegs, allerdings im entsprechenden Zustand meist recht träge – und sie treten fast immer an Stellen auf, wo ich sie erwarte (vor Clubs und Bars beispielsweise).

Fahrradfahrer aber sind ggf. auch unter Drogen noch flott unterwegs und schießen an jeder x-beliebigen Kreuzung irgendwann mal in Sekundenbruchteilen auf die Fahrbahn. Und wenn dabei wirklich mal was passiert, dann hab ich die Sauerei mit der Leiche und ich bin mir sicher, dass sich so ein Trauma nicht von einem richterlichen Freispruch beeinflussen lassen wird.

Deswegen.

Und hey: Ich bin es gewohnt, noch schneller zu sein als ihr und kann mich trotzdem an Ampelphasen halten. Ich trinke gerne mal ein Bier, verzichte dennoch darauf, wenn ich Auto fahre. Und ich bin auch schon Fahrrad gefahren. Ich weiß, dass ein Licht bezahlbar ist und dass man ohne Bierflasche mit einer Hand wirklich total easy und für alle sichtbar einen Richtungswechsel anzeigen kann. Ist auch gar nicht so peinlich, wenn es alle machen 😉

Musikalisch breit (aufgestellt)

Kaum zwei Minuten auf der Straße durfte ich schon stoppen. Winker. Drei Personen nahm ich mehr aus dem Augenwinkel war, die Tür öffnete ein leicht verstrahlt wirkender Typ mit zerschlissenen Klamotten und unsortierter Dread-Mähne auf dem Kopf. Anstatt einzusteigen, schob er aber mit einem Kumpel zusammen einen noch verstrahlter wirkenden älteren Herrn ins Auto und nannten mir eine Zieladresse in einiger Entfernung vom aktuellen Geschehen.

Der alte Mann mit angehender Glatze und einem gemütlich wirkenden Bierbauch sah aus, wie ich mir einen griechischen Klischee-Opa vorstelle, tatsächlich war er Ungar, aber das kommt alles noch.

Er entschuldigte sich in gebrochenem Deutsch für seinen Zustand, was ich zurückwies. Ernsthaft nach Ärger sah er nun nicht aus und wenn ich mit betrunkenen Fahrgästen ein Problem hätte, dann würde ich wohl den falschen Job machen. Also haben wir uns ein bisschen dem Smalltalk gewidmet:

„Und, geht es jetzt nach Hause?“
„Nach Hause, bin ich voll, zu viel!“
„Gab es was zu feiern?“
„Nein, haben gefeiert. Zu viel.“
„Und weswegen?“
„Meine Sohn hatte Konzert und wir getrunken.“

Zu viel, ja ja. Das wirklich lustige an der Situation war, dass er seinen Sohn nicht etwa beim gemeinsamen Umtrunk nach einem Konzert unterstützt hatte, sondern dass das Konzert erst noch stattfinden sollte. Er jedoch hatte es beim Vorglühen etwas übertrieben und durfte nun mit dem Taxi die Heimreise antreten, anstatt die Band seines Sohnes live auf der Bühne zu erleben. Schien ihm aber scheinbar keine größeren Sorgen zu bereiten. So wie es aussah, begleitete er ihn ohnehin öfter. Er verlor sich aber stockend und in Gedanken in Lobeshymnen auf seinen Sohn und wie toll er es fände, dass er Musik macht.

„Was für Musik macht ihr Sohn denn so?“
„Oh! Isse Heavy Metal macht meine Sohn. Gefallt mich sehr gut seiner Musik!“

Ach, immer wieder schön zu sehen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen man mit Metal zwingend seine Eltern vergrault hat. Er hat sich dann weiter über Musik ausgelassen und mir erklärt, dass er hauptsächlich Metal und – fast schon logisch – ungarische Volksmusik hört. Wo die Liebe so hinfällt 😀

Ich selbst hab mich nach der Tour dann erstmal mit dem ungarischem Metal vergnügt, den ich kenne. Mit der wohligen Erkenntnis, dass auch andere Söhne korrekte Eltern haben…

Metal aus Ungarn? Hier, bitte:


Arschtritte

Zwei Frauen hatte ich an Bord, wie üblich eine angeschlagener als die andere. Also im wörtlichen Sinne: Die eine war etwas angeheitert, die andere völlig hinüber. Ich hatte kurze Bedenken, Magensäfte und so, aber die fittere warf gleich in den Raum:

„Mach dir kein‘ Kopf! Die kotzt nicht. Das kann die gar nicht!“

Aber: Betrunkene, Kinder, Wahrheit – diese Geschichten:

„Waaas? Klar kann ich kotzen!“

Aber sie war ohnehin am Einschlafen, ich hab dem Frieden erstmal getraut. Zu Recht: Während der ganzen Fahrt hat sich die Holde während meines Smalltalks mit ihrer Begleitung nicht nur zusammengerissen, sondern gar nichts gesagt. Sie hat geschlafen. Unser Ziel lag rund vier Kilometer entfernt, eine durchschnittliche Tour für einen Zehner. Dort angekommen meinte die wache der beiden Frauen:

„So! Eigentlich müsste sie hier ja noch weiter, aber ich nehm sie mal besser mit zu mir. Die kriegen sie ja nachher hier nicht raus.“

Ich hatte dazu noch keine ausgeprägte Meinung. Die Dame war zwar erstmal unauffällig, aber sie alleine noch länger herumfahren? Obwohl es natürlich von der Kohle her schon gut gewesen wäre. Ich war hin- und hergerissen, hab mich also nicht sonderlich für eine der beiden Optionen engagiert.

„Mausi komm, du pennst bei mir!“

„Nee!“

„Doch, dich kriegt man ja nicht mehr wach.“

„Looogoooo! Bin ich wach?“

„Ja, dann komm doch mal aus dem Taxi.“

„Nee!“

„Mausi, wenn ich dich nicht hier rauskriege, wie soll es dann nachher der Taxifahrer schaffen?“

Sie rappelte sich auf und meinte zu mir:

„Wenn ich nicht aussteigen will, dann geben sie mir ’nen Arschtritt!“

„Sowas mache ich aber ungern.“

„Alles andere können se vergessen. Gib mir’n Arschtritt!“

„Nein, das werde ich nicht tun. Wie sieht denn das aus?“

„Dann penn ich halt hier!“

Sprachs und verschwand mit der Freundin. Ihr Fazit des Ganzen:

„Pah! Männer…“

Nee, is klar. Jetzt bin ich der Bösewicht, weil ich sie nicht treten will. Respekt für die Logik!

Nee…

Ich bin dafür, dass wir neben der ganzen Gewinnspielgeschichte nun auch langsam mal wieder die Taxigeschichten-Zeit hier im Blog einläuten. Ich selbst fahre zwar erst heute Abend wieder, aber der Besuch bei Cheffe neulich hat mich auch insofern erheitert, als der nette Kollege, der mich heimgefahren hat, noch eine seiner Geschichten von letztem Monat zum Besten gegeben hat.

Offenbar hat er nach einem Konzert einen ziemlich verstrahlten Typen aufgegabelt, lange Haare, Lodenmantel bis zu den Stiefeln. Mein Kollege hat den Fahrgast gefragt, wo er hinmüsse, woraufhin dieser eine eher unorthodoxe Antwort gab:

„Du, äh, ganz ehrlich: Ich weiß es nicht! Fahr erstmal los…“

Mein Kollege hat dann ziemlich gekonnt umschrieben, wie er vorsichtig und unter stetigem Nachfragen eine mittelgroße Runde gedreht hat und nach rund einem Kilometer mit 4,80 € auf der Uhr wieder am Ausgangspunkt angekommen, erneut gefragt hat:

„Und? Isses dir wieder eingefallen?“

„Äh, nee.“

Daraufhin hat der Kollege, hilfsbereit wie wir nunmal sind, nicht nur Stadtteile runtergebetet, sondern auch in Erinnerung gerufen, dass der Fahrgast ja vielleicht eine Karte vom Hotel oder etwas ähnliches haben könnte. Der junge Mann hat daraufhin seine Taschen geleert, dabei immerhin offenbart, dass er Geld dabei hat, ansonsten aber eher in die Röhre geschaut. Auf seinem Personalausweis war vermerkt, dass er aus Wolfsburg kam. Mein geschäftstüchtiger Kollege hat natürlich gleich angemerkt:

„Wolfsburg ist doch gut, also ich fahr dich da gerne hin!“

Als Antwort bekam er kleinlaut:

„Nee, des is ja jetzt dann doch’n bisschen weit, ne?“

Am Ende kam das Gedächtnis glücklicherweise wieder und mehr als 3 € über normal sollen auch nicht auf der Uhr gestanden haben, als er in Friedrichshain abgeladen wurde. Ich persönlich frage mich ja immer noch, wie man in ein Taxi steigen kann ohne zu wissen, wo man hin muss. Aber selten ist das Phänomen dann ja auch nicht. Meine liebsten Fahrten in der Art waren ja beispielsweise der Typ im himmelblauen Shirt, der andere, der sein Hostel auch nicht kannte und zu guter Letzt irgendwie auch die beiden Hamburger…

Die Rettung schlechthin

Manche Touren müsste man sich ausdenken, wenn es sie nicht gäbe. Macht man auch manchmal. Wenn ein Monat so richtig beschissen läuft, träume ich auch gerne mal von der Tour „Nach Hamburg und zurück“. Das wäre in meinen Augen so ziemlich die optimale Tour. Ziemlich das Maximum, was man ohne großen Tank-Stress unterwegs mit meinem Erdgas-Opel hinbekommt, noch dazu ohne Leerkilometer und in einer Schicht locker schaffbar. Die Wahrscheinlichkeit natürlich, dass ich tatsächlich ausgerechnet in einem schlechten Monat (oder überhaupt mal) eine Tour nach Hamburg und zurück bekomme, geht natürlich gegen Null. Ist halt ein schöner Traum, der einem so manche miese Stunde versüßt.

Im Kleinen gibt es sowas natürlich auch für jede Schicht. Jeder noch so miese Tag lässt sich durch eine Tour nach Frankfurt/Oder noch erträglich bis hammermäßig machen und wenn ich mal ausnahmsweise am Bahnhof Zoo stehe, finde ich auch die Idee reizvoll, 2 Kunden in Spandau und Marzahn abzuliefern, um dann gleich Feierabend zu machen. Dass es eigentlich immer anders läuft, braucht man kaum zu erwähnen. Meist kommt es dann eher so, dass man für sein Umsatzziel noch 12,20 € braucht und eine Tour für 9,80 € bekommt…

Jetzt am Wochenende hatte ich allerdings wirklich mal beinahe unverschämtes Glück. Der Freitag zog sich und zog sich und zog sich.  Das einzig Positive in der ganzen Zeit war die Tour mit Jo. Was mein Taxameter dabei zusammenzählte, war für Montags gerade mal gut genug. Unfassbar miserable 115 € hatte ich auf der Uhr, als ich mich um kurz vor 5 Uhr morgens, 2 Stunden vor der Übergabe des Autos, genervt an den Ostbahnhof gestellt habe. Ich stand an dritter und damit letzter Stelle und plötzlich standen zwei Mädels neben mir am Auto. Die Frage kam mir vor wie ein schlechter Scherz:

„Sagen sie, was würde es kosten, wenn wir erst nach Hellersdorf und dann nach Potsdam fahren?“

Für die Nichtberliner sei hier gesagt, dass Hellersdorf vom Ostbahnhof aus rund 10 Kilometer in östliche, Potsdam hingegen 30 Kilometer in südwestliche Richtung liegt. Also insgesamt locker 50 Kilometer Fahrt, allerdings ohne ewig weit aus der Stadt rauszumüssen. Doof wie ich bin, hab ich natürlich nicht einfach gesagt, dass es 100 € Festpreis sind, sondern angemerkt, dass diese Tour vielleicht mit 2 Taxen doch sinnvoller wäre. Meine spätere grobe Schätzung von 80 bis 90 € sollte sich als gar nicht so schlecht erweisen, ich weiß allerdings immer noch nicht, wieso man so etwas als Fahrgast macht.
Die beiden haben kurz einen Hunni von der Bank geholt und ich hab derweil Blut und Wasser geschwitzt, ob sie es sich nicht nochmal überlegen. Tatsächlich hatten die beiden eher Sorge, die Tour wäre unangenehm für mich (Wieso bitte?) und waren sogar noch ausgesprochen dankbar fürs Mitnehmen, wenngleich meine Kollegen mich wahrscheinlich vor Neid umgebracht hätten, wenn sie gewusst hätten, wohin es gehen soll 🙂

Wäre das Geld nicht trotz dieser Menge ein begrenzender Faktor gewesen, hätte ich sogar über den Ring fahren sollen – ich schätze mal, das wären nochmal 20 Euro mehr geworden…

Die Tour hat letztlich trotzdem über eine Stunde gedauert und exakt 86,80 € eingebracht. Auf einem Weg, der ein guter Kompromiss zwischen schnellster und kürzester Route war. Meine Fahrgästin hat die Zeit genutzt und geredet und geredet. Ich bin – obwohl selbst in Gesprächen ein sehr quasseliger Typ – kaum zu Wort gekommen. Als wir die letzten paar Kilometer über die Avus antraten, ist sie erschöpft eingeschlafen.

Mit 10% Trinkgeld bin ich dann spätestmöglich, aber mit akzeptablem Umsatz auf den letzten Drücker in den Feierabend gegurkt. Es ist selten, dass alles auf einmal passt. An diesem Morgen war es ausnahmsweise mal so.

Schlüsselqualifikationen

An diesem Abend lief es wie am Schnürchen. Eine Tour am ehemaligen Maria beendet, am Ostbahnhof 10 Minuten Raucherpause eingelegt und schon hatte ich eine Fahrt bis nach Marzahn ergattert. An einer Tankstelle an der Landsberger Allee habe ich die Frau abgesetzt, sie wollte noch eine Flasche Wein holen und dann die letzten paar Meter zu Fuß zurücklegen. Ich hätte den Euro fürs Warten und Rüberfahren natürlich gerne noch mitgenommen, aber so ist es halt.

Schlecht war es aber auch nicht. Ich drehte an der nächsten Wendestelle und wollte für einen kleinen Zwischenstopp nach Hause. Ein Schluck Cola, pinkeln und mal nachsehen, ob meine bessere Hälfte noch wach ist.

Aber wie der Zufall es so will, hatte ich keine hundert Meter weiter bereits neue Kundschaft. Zwei junge Kerle unweit der 20 ruderten prall wie zwei Luftkissenboote auf mich zu:

„Meissa! Iss jut dasse hierbis! Wirwolln nach Hauseee!“

Ich hab die beiden etwas skeptisch angesehen, aber als sie mir dann eine Adresse in etwa 2 Kilometern Entfernung ansagten, wuchs meine Hoffnung, dass sie mit dem Kotzen bis zum eigenen Klo würden warten könnten. Der, der mich angesprochen hat, der fittere von beiden, merkte aber an, dass er noch ein Stückchen weiter müsste, aber

„mein Kumml mussch noch heimbring!“

Naja.

Zur angegebenen Adresse in der Mehrower Allee hab ich sie schnell gebracht, aber da nahm das Drama seinen Lauf. Der eine zahlte gleich mal einen Zehner an und versprach ein baldiges Wiederkommen. Der andere ließ sich von ihm aus dem Auto ziehen. Ich hab nachgefragt, ob sie Hilfe brauchen könnten, was beide ablehnten. Der eine tat das mit einem betont lässigen aber unter dem Gewicht seines Kumpels leidenden

„Nee Meissa! Looft, looft!“

 Der zweite winkte bloß ungelenk mit seiner freien Hand ab und gröhlte was von

„Shauss! Ennlich sshaus!“

Vor dem Eingang kramte er in seiner Hosentasche, suchte seinen Schlüssel hervor und fand das Schloss nicht. Nach 2 oder 3 Versuchen rutschte er an der Hauswand herab, konnte sich noch am Geländer festhalten, legte sich aber dennoch unsanft rücklings auf den Boden, den Kopf zwei Treppenstufen abwärts hängend. In dieser Haltung, die ihm das Aussehen einer bekifften Fledermaus verlieh, fing er an, sprudelnd vor sich hinzureihern. Ganz großes Kino.

Der Fittere schnappte sich den Schlüssel und versuchte seinerseits aufzuschließen.

Ich war ein bisschen in Sorge, dass der andere während dieser offenbar länger dauernden Prozedur an seinen zuvor verabreichten Getränken erstickt und bin zu den beiden rübergelaufen. Aber der herzensgute Freund winkte ab und versuchte nun, die Türe zu öffnen und gleichzeitig seinen gelegentlich vor sich hinblubbernden Saufkumpanen mit einer Hand hinter sich herzuziehen. Während ich hin und her überlegte, ob da jetzt noch Gefahr besteht oder nicht, fuhrwerkte der Held mit dem Schlüssel seines sprudelnden Anhängsels gemütlich über die komplette Hauswand und hat dabei wahrscheinlich noch irgendwelche Nachbarn wachgeklingelt.

Das Ende der Geschichte war dann, dass ich nach ausgiebig Wartezeit doch wegfahren durfte. Mit etwas betrübtem Gesicht erzählte mir der eine nämlich:

„Weissu Meissa: Ders nich mehr janz fit. Der hattesacht ich soll hierbleim…“

War wohl besser so.