Zehn

„Entschuldigung, können sie vielleicht 5 Leute mitnehmen?“

„Kann ich. Und ich mache es auch gerne!“

„Oh, sehr gut! Wir müssten nach Lichtenberg…“

So weit, so einfach. Waren ein paar ziemlich handzahme Jungs. Keine Spur von Stress, alles sehr entspannt. Allem Anschein nach eher Kiffer als Trinker 😉

Die Fahrt war relativ schnell erledigt, die Straßen waren frei wie immer um 4 Uhr morgens. Sie wunderten sich, dass es tatsächlich noch kürzer geht als sie dachten und am Ende war auch der Preis genau in dem von mir genannten Rahmen angelangt. Er betrug 16,40 €. Nun kam ein wenig Leben in die Bude. Schließlich musste ja jeder seinen Teil zum Fahrpreis beitragen. Aus der hinteren Reihe tönte es:

„Ich kann auf jeden Fall einen Zehner beischießen. Ich muss nur erstmal hier raus…“

Klar, ist ein wenig zu eng dahinten, um an seinen Geldbeutel zu kommen. Aber vorne ging das Suchen und Finden weiter, alle kramten sie in ihren Kleingeldfächern, die Münzen wurden hin- und wieder hergeschoben und am Ende reichte mir einer von der Rückbank einen 20er und meinte:

„Machen se 17!“

Gesagt, getan. Drei Euro in klein gingen zurück und so langsam schälten sich alle mehr oder minder zufrieden aus meinem Taxi. Ich hab dem letzten die Rückbank vorgestellt, sodass auch er herauskrabbeln konnte. Für meinen Teil war die Tour beendet und ich hab den Zusatz-Sitz wieder eingeklappt. Die Jungs waren alle auf dem Weg zum Eingang des imposanten langgestreckten Elfgeschossers. Plötzlich stand  ziemlich lethargisch und verstrahlt der Hansel aus der letzten Reihe neben mir, hält mir einen Schein hin und meint:

„Zehn.“

Nicht, dass ich mich gerne selbst um ein hammermäßiges Trinkgeld bringen würde, aber dass das nicht so ganz Sinn der Sache war, war mir klar. Ich hab also mal eher fragend geschaut.

„Ey Benni, wir ham schon gezahlt!“

rief es von der Haustür. Der Junge sah mich an, sah den Schein an, sah dann wieder mich an und drehte sich zu seinen Kumpels um:

„Sagt des doch!“

Und dann ist er gegangen und hat mich ermahnt, ich sei ein schlechter Taxifahrer, wenn ich so eine Gelegenheit nicht nutzen würde. Leute gibt es…

Böses Erwachen

Schon so manchem ist am Morgen nach einer Party nicht wirklich nach Aufstehen zumute gewesen. Je tiefer man ins Glas schaut, desto glasiger schaut man selbst am nächsten Morgen. Eine alte Weisheit, die leider manches Mal nicht bedacht wird. Als ich am vergangenen Wochenende meine Schicht leicht verspätet begonnen habe, lag der junge Kerl schon schlafend auf der Mauer am Taxistand meines Lieblingsbahnhofes. Sonderlich gefährlich schien mir das nicht zu sein, er hatte trotz angenehmer Temperaturen sogar eine Jacke an,  die Wahrscheinlichkeit, dass ihn jemand anmalt, war größer als die, dass er erfriert.

Jedes Mal, wenn ich am Stand ankam, lag er in leicht veränderter Pose da, scheinbar wollte er tatsächlich seinen Rausch dort ausschlafen und nicht mitten in der Nacht erwachen. Naja, mit der Zeit ignorierte ich ihn. Irgendwann stand dann ein Kollege vor mir und meinte:

„Willste besser rufen Krankenwagen? Isse kaputt die Mann!“

Ich drehte mich um, und da lag er. Der Kollege klärte mich umgehend auf. Beim Versuch, aufzustehen, hat er die Balance verloren und ist stocksteif nach vorne umgefallen. Mit dem Gesicht aufs Pflaster. Na super!

Ich bin kurz zu ihm rüber, hab mich vergewissert, dass es ihm den Umständen entsprechend gut geht. Er hatte einige Schrammen im Gesicht, hatte eingepinkelt und inzwischen war auch seine Jacke weg, er lag mit dem nackten Bauch auf dem Asphalt. Meine Ansprache quittierte er mit Grunzen. Er schien die Idee nicht so toll zu finden, jetzt schon aufzustehen. Also hab ich die 112 gewählt…

Minuten später waren sie da, sie hoben ihn auf, setzten ihn auf sein Mäuerchen, drohten mit der Polizei, wenn wieder einschlafen und nicht gehen würde. Dann sind sie weggefahren. Da hatte ich etwas mehr erwartet.

Und kaum dass ich von der nächsten Tour zurückkam, lag er wieder vor dem Mäuerchen, zusammengekauert unter seiner Jacke (wo auch immer die jetzt wieder herkam) und schlief. Ich hab mir mehrmals überlegt, nochmal Hilfe zu holen, es dann aber gelassen. Und tatsächlich: Irgendwann spät in der Nacht saß er dann etwas weiter weg und versuchte die Lage zu peilen. Sein Gesichtsausdruck war eine Steilvorlage für Leute, die nicht wissen, wie man Kopfschmerzen illustrieren könnte, aber immerhin waren seine Augen offen.

Und irgendwann war er dann weg. Nur seine Jacke, die lag noch da.

Der wird sich freuen, wenn er endgültig zu sich kommt, da bin ich sicher!

Schnarchzapfen und Handys

Herzlich willkommen in einer weiteren Woche. Während ich gerade Wochenende habe, fehlt euch wahrscheinlich die GNIT-Morgenlektüre. Ich hab den Veröffentlichungstermin extra verschoben, um diese Zeile mal schreiben zu können. Fies, oder?

Aber gut. Ich will euch ja nicht enttäuschen. Das wollte mein Kunde vor… lasst mich lügen… knapp 2 Wochen auch nicht. Er bedauerte beim Einstieg gleich, dass er zu wenig Geld hat, nur noch 15 €, wir also noch zu einer Sparkasse müssten. Sein Zustand war je nach Auslegung höchst bedenklich oder weit über dem Zenit.
Er war sich aber sicher und ich muss zugeben, dass mich eine 30€-Tour ja durchaus auch finanziell gereizt hat. Glücklicherweise sah das ein Freund von ihm nicht so locker. Wenn das mit dem Geld klappen sollte, dann würde er mitfahren.

Gott sei Dank!

Zunächst hatte ich eher die Befürchtung, dass es mehr meinetwegen war, damit ich den armen Jungen nicht völlig ausziehe – aber es war verdammt gut, dass er mitgekommen ist. Der Schnarchzapfen auf der Rückbank war im Grunde erstmal unproblematisch. Kaum, dass wir eingestiegen sind, schloss er die Augen und war ruhig. Da mir auf die Schnelle keine andere Sparkasse eingefallen ist als die an der Revaler und die beiden nichts gegen den kleinen Umweg hatten, war dort unser erster Zwischenstopp.

(Als Alternative ist mir die Bank hier bei mir ums Eck eingefallen. Das wäre zwar wesentlich weniger Umweg gewesen, allerdings ist sie mit dem Auto nicht zu erreichen. Die am Bersarinplatz hatte ich schlicht vergessen, das war keine Absicht…)

Schon hier war der Rückbankbewohner nur unter größter Kraftanstrengung seitens meines Beifahrers wachzubekommen. Das allerdings sollte nicht die letzte Schwierigkeit sein. Als sie nach 10 Minuten wieder aus der Bank kamen, war der Schläfer zwar ein kleines bisschen fitter als im Schlaf, dafür hatte er inzwischen 3 mal seine PIN falsch eingegeben und folglich kein Geld bekommen…

Erstklassig! Dabei hatte sein Freund sogar sicherheitshalber das Tippen übernommen.

Während ich noch einen kurzen Stop einlegte, um der Schlafnudel im Fond zu erklären, dass sie nur mit Gurt ans Ziel gebracht wird, beruhigte mich der Freund mit der Erklärung, er hätte auch noch ein paar Euro parat und wir könnten jetzt ohne weitere Probleme fahren. Als wir dann schon auf der Landsberger Allee waren, kam eine leicht gegensätzliche Meldung. Beim Durchforsten beider Geldbeutel (die Schlafmütze hatte ihren schon weitergereicht) kam plötzlich nicht mehr genug zusammen. Irgendwie hatten sich die Anfangs vorhanden geglaubten 15 € verkrümelt.

Naja, nun konnte der fürsorgliche Freund mit allem auffindbaren Kleingeld noch 22 € anbieten. Dass das nicht bis Eiche reichen würde, war klar und er kam nicht einmal auf die Idee zu handeln:

„Dann schmeiß uns halt raus, wenn die 22 € erreicht sind.“

Ich hab dann darauf hingewiesen, dass ich ihnen gerne ein bisschen entgegenkomme, aber dass ich sie selbst bei 25 € kilometerweit vor dem Ziel rauswerfen müsste und der Schnarchsack nicht mehr gehen könne. Nach eingehender Überlegung meinte er dann, dass ich sie besser nach Lichtenberg fahren sollte – zu ihm.

Wenn wir nicht schon auf der Landsberger gewesen wären und davor einiges an Wartezeit und Umweg für die Bank in Kauf genommen hätten, wäre das eine gemütliche 13€-Tour vom Ostbahnhof aus gewesen. Jetzt aber reichten nicht einmal die 22. Da sich der besorgte Freund wirklich bemühte und sich auch für alle Selbstverständlichkeiten permanent bedankte, hab ich letztlich die Uhr knapp 2 Kilometer vor dem Ziel ausgemacht, als die magische Grenze erreicht war. Wie hätte er auch die Kartoffel noch bis nach Hause schleifen sollen?

Klar, trotz aller Freude gab es kaum Trinkgeld, aber wir haben uns an diesem Morgen nicht das letzte Mal gesehen…

Vor der nächsten Tour entdeckte ich ein Handy im Fußraum, mit dem ich leider überhaupt nichts anfangen konnte. Alle Anrufe auf das Ding waren zu kurz zum Rangehen, und alles weitere verhinderte eine ziemlich hartnäckige Tastensperre. Erst Mittags nach etlichem Hin und Her, einer ziemlichen unsinnigen Recherche bei Facebook und einer durchwachten Nacht wegen ständigem Handyklingeln gelang es mir, einen der kurzen Anrufe entgegenzunehmen.

Ausgerechnet der weitestgehende nüchterne Freund von dieser Tour war es, der sein sicher nicht billiges Gerät bei mir hat liegen lassen. Er kam umgehend bei mir zuhause vorbei um es abzuholen, und das Trinkgeld für die nette Tour und meine Ehrlichkeit gab es in Form einer Flasche Wein auch gleich noch dazu.

Ich könnte mich jetzt beschweren, wie stressig die Tour war. Und ja: Bitte nicht dauernd solche Fahrten! Aber im Endeffekt freue ich mich, dass ich erst dem einen und dann dem anderen helfen konnte. Vielleicht wiegt der Zehner Nettoverdienst und die Flasche Wein nicht wirklich auf, was ich an Stress mit den beiden hatte – aber Arbeit hin oder her: Darum geht es ja auch nicht alleine, oder?

Well, puh!

Die absolut schönsten Momente beim Taxifahren sind für mich die letzten paar Kilometer einer Schicht. Wenn ich meine Ziele so Pi mal Daumen erreicht habe (oder aber abzusehen ist, dass ich sie ohnehin nicht mehr schaffe…), dann reinige ich das Auto und tanke schon mal, um dann auf dem Weg zum Abstellplatz noch einzusammeln, wer mir vors Auto läuft. Gerade am Wochenende – wenn viel los ist – kann auch die Fahrt zur Tanke schon mal durch mehrere Winker unterbrochen werden und es ist immer wieder spannend, wie weit man es schafft. An einem ganz guten Tag vor einer Weile hat mich jemand direkt an der Einfahrt zur Tanke abgewunken – da fängt man plötzlich an, ans Schicksal zu glauben 🙂

Als ich vergangenes Wochenende morgens bereits alles hinter mir hatte, alle Umsatzziele erreicht, das Auto sauber und vollgetankt, war ich also mal wieder auf dem Weg gen Heimat. Auf einem eher ungewöhnlichen Weg, denn ich hatte bereits einen Winker nach der Tanke. Am S-Bahnhof Frankfurter Allee wurde ich abermals herangewunken. Na prima! Super Tag!

Nun watschelte ein Mann Mitte dreissig um mein Auto und ließ sich erleichtert auf den Beifahrersitz fallen. Mit ihm schwappte eine Fahne ins Auto, die derart gehaltvoll war, dass ich keinen Zweifel daran hatte, mein Auto würde fahren können, wenn er einmal in den Tank pustet.

„Wo darf’s hingehen?“

„Well, puh!“

Aha. Engländer.

„OK Guy, where to go?“

„See, I need to go to my hostel.“

„Great. Which one?“

„This is the problem. I don’t know!“

„Well, puh!“

Man muss ihm mal zugute halten, dass ihm das auch unangenehm war. Er hat panisch in seinen Taschen nach seinem Kärtchen gesucht und dabei nicht nur erstaunliche Mengen Bargeld, sondern auch einen in etwa 32 Einzelteile zerfallenen Berlin-Stadtplan zu Tage gefördert. Auf diesem hat er dann auch versucht, das Hostel zu lokalisieren, allerdings fanden sich dort wie auch auf dem ebenfalls stark fragmentierten U-Bahn-Plan ausschließlich Vermerke zu Clubs und Sehenswürdigkeiten.

Ich habe darüber nachgedacht, wie lange ich wohl schon Feierabend gehabt hätte, hätte ich ihn nicht eingeladen, traute mich aber auch nicht, die Uhr anzumachen. Aus genau diesem Grund. Denn wenn er es nicht geschafft hätte, mir irgendeine halbwegs plausible Richtung oder ein Zielgebiet von unter 3 km² Fläche zu nennen, dann hätte ich ihn schlicht und ergreifend stehen lassen müssen. Das Geld in seiner Tasche hätte zwar ohne weiteres für eine fünfstündige Stadtrundfahrt gereicht – aber das hätte ich beim besten Willen schon arbeitszeitmäßig nicht mehr bringen können.

Und es dauerte ungelogen knapp 10 Minuten, bis er sein Kärtchen endlich hatte. Das Oyssee-Hostel in der Grünberger! Also gefühlt hätte mir die Wartezeit definitiv mehr Geld gebracht als die Tour anschließend. Nachdem er passend gezahlt hat und ausgestiegen war, hab ich gründlicher als sonst nach verlorenem Geld gesucht. Vergeblich. Aber immerhin hatte ich dann wirklich Feierabend! 🙂

Nix los in Berlin?

Man glaubt mit der Zeit, für jeden Fahrgast irgendwie bereits eine Schublade angelegt zu haben. Damit meine ich gar nicht die großen Vorurteile und das, was man gemeinhin negativ mit Schubladendenken assoziiert. Aber ein bisschen hat man hinterher ja doch immer eine Einordnung parat. Hier der betrunkene Tourist, der nicht genug von der Stadt sehen kann – dort ein deprimierter Rentner. Hier eine erschöpfte Nachtarbeiterin – dort wieder ein verplanter Dauerschläfer.

Das eine oder andere Klischee wiederholt sich dann auch in der Realität ständig, man ist geradezu gezwungen, sich solche Gedanken zu machen…

Den Typen, den ich in Prenzlauer Berg an der Danziger Straße eingeladen habe, hätte ich in die Kategorie „müde Selten-Ausgeher“ gesteckt. Endlich mal ein freies Wochenende, die Kinder irgendwo verstaut, die Frau mit Ausreden zu Hause gelassen und mit den Kumpels mal einen draufgemacht. Bis um 2 Uhr! Mann mann mann!

So ganz richtig lag ich damit nicht. Zunächst war auffällig, dass der Kerl nüchtern war wie ein Rudel Dreijährige. Und dazu hatte er überhaupt keinen Plan. Von gar nix. Man darf sich jetzt mal vorstellen, wie ich an einem Freitag Abend mit einem Anzugträger im Taxi von Prenzl’berg nach Friedrichshain fahre. Gemütlich haben wir die M10 überholt, die wie immer maßlos überfüllt war. Am Straßenrand standen in kleinen Gruppen immer wieder betrunkene Jugendliche, manche davon wahrscheinlich bewaffnet. Aus der ein oder anderen Kneipe drang noch Musik nach draußen, zwei getunte Golf überholten uns, indem sie mittels ihrer Subwoofer um die Wette hüpften. Und dann fragte mich der Kerl ehrlich folgendes:

„Is jetzt überhaupt noch was los in Berlin?“

Man muss dazu sagen, dass ich die Stunden zwischen etwa 0 und 2 Uhr am Wochenende gerne tote Stunden nenne. Während dieser Zeit sind offenbar die meisten Leute da, wo sie hinwollen. Folglich brauchen sie kein Taxi. Erst nach 2 Uhr wollen dann die ersten langsam nach Hause, dann geht das wirklich lukrative Wochenendgeschäft endgültig los. Aber in diesen toten Stunden ist in Berlin immer noch mehr los als in einem durchschnittlichen Apple-Store bei der Vorstellung des neuesten iPhones oder in einer Kleinstadt das ganze Jahr über.

So ähnlich hab ich das auch meinem Kunden mitgeteilt, woraufhin dieser erstaunt fragte:

„Echt? Hätte ich ja nicht gedacht.“

Wo der Mann herkam, bzw. wie lange er schon in Berlin lebt, weiss ich nicht. Hab ich nicht gefragt. Aber wie kann jemand bitte auf die Idee kommen, hier wäre am Wochenende um 2 Uhr bereits Feierabend? Wie nenne ich diese Schublade jetzt? Für die Dorfkinder-Abteilung ist er echt zu alt und zu sehr verplant gewesen…

Kommst du mit?

Es gibt Fahrten, die sind für Taxifahrer entweder besonders stressig oder besonders nett. In meinem Universum sind die meisten davon einfach nett. Der Grund dafür ist simpel: Zum einen mache ich diesen Job mit fast all seinen Widrigkeiten gerne. Da bin ich ein Optimist. Ist kein Kunde da, freue ich mich, dass ich Zeit zum Lesen habe. Ist ein Kunde da, freue ich mich über das Geld. Ist die Fahrt nur kurz, freue ich mich, dass ich gleich wieder frei bin. Macht der Kunde Stress, freue ich mich, dass ich was zu bloggen habe…

Ich nehme nunmal gerne die Vorteile wahr und abgesehen davon, dass ich sicher nicht das finanzielle Maximum aus dem Job raushole, hat das erstmal keine negativen Auswirkungen. Eine Tour vom vergangenen Wochenende könnte als Vorzeigebeispiel dienen:

Ich stand in dritter Position am Ostbahnhof, als sich eine junge Frau durch mein Beifahrerfenster lehnt. Noch bevor ich irgendwas in die Richtung unternahm, war es mir erst einmal peinlich, dass ich in ihren Ausschnitt sehen würde. Selbsterfüllende Prophezeihung nennt man das wohl.

„Hi!“

„Hallo!“

„Ähm!“

„Oh, haben sie Gepäck?“

Ich saß immer noch im Wagen und schielte an Gesicht und Schultern vorbei auf ihren Rücken, konnte die Maße des Rucksacks aber nicht einschätzen.

„Nee, aber puh!“

Dass das kurios wird, lies sich unschwer erahnen.

„Fährste mich bis Ecke Grünberger?“

„Klar.“

OK, hätte eine der üblichen pseudopeinlichen Kurzstrecken-Anfragen werden können. Wurde es aber nicht. Sie schwang sich freudig und mit einem Übermaß an Energie ins Auto. Betrunken. Und zwar ziemlich!

„Das is, das is gut. Weil wenn weil ich hier… ich verkack das gerade alles!“

„Was denn?“

„Ich muss zur Ecke Grünberger und da wohn ich. Wie wir das mit deinem Geld machen, müssen wir mal sehen!“

Da greift oben genanntes: Nur eine kurze Strecke, also bin ich bald wieder frei. Sollte es Ärger geben, hab ich was zum Bloggen und zudem: Kurze Strecke, wenig Geld, wenig potenzieller Verlust! Also alles super! 🙂
Sie bemängelte es zwar, dass ich ihren Zustand komisch fand, verhedderte sich allerdings meist zwischen den Aussagen, dass sie mir für meine Hilfe „alles auf der Welt“ geben würde und dass „wir das mit dem Geld mal klären“ müssten.

An ihrer später und nach – für den kurzen Weg – relativ langer Diskussion ermittelten Adresse nannte ich dann den Fahrtpreis und sie bemerkte treffsicher:

„Ich bin in Taxi, oder? Scheiße ey, ist das krass!“

Das hat aber keine große Rolle gespielt, schließlich wollte sie mich ohnehin bezahlen 🙂
Geldbeutel war nicht vorhanden, folglich auch kein vernünftiges Pfand oder so. Aber die Lösung war offensichtlich:

„Kommst du mit?“

„Na klar.“

Ich parkte das Auto für eine Tour von 6,40 € mitten auf der Straße im Boxhagener Kiez, zweifelsohne locker 15 € Ordnungsgeld wert. Aber nee, das wollte ich jetzt sehen! Sie stolzierte voran, öffnete die Haustür mit einem beherzten Tritt und nach einem langen Flur, der Berlins umfangreichste Tag-Sammlung beinhaltete, gingen wir zum Hinterhaus, wo sie zunächst in einer dunklen Tür verschwand, um mir Sekunden später Licht anzumachen.

Den Weg die etwa 3 Stockwerke hoch verbrachte sie mit gelegentlichen Nachfragen, wer ich eigentlich sei und einem formschönen Flug auf die Schnauze. Tat ihr auch alles furchtbar leid und außerdem war sie dankbar, dass ich ja so nett sei. Na dann…

An ihrer Wohnung angekommen schloss sie erstaunlich fehlerfrei auf. Ich verharrte im Hausflur, bzw. auf der Türschwelle. Die Tatsache, dass sie mir Geld schuldete, hätte ich sicher als Berechtigung zum Eintritt in die Wohnung sehen können, aber ich weiss die Privatsphäre in meiner eigenen zu sehr zu schätzen, um ihr wegen 6,40 € auf die Pelle zu rücken. Unnötig.

„Komm rein!“

Ich betrat eine dieser typischen liebenswürdig chaotischen WG-Wohnungen. Abgeratzt bis zum Geht-nicht-mehr, aber auf urige Weise sehr gemütlich. Eine Wohnung, wie man sie vor den Eltern verstecken muss, vor den Freunden aber damit prahlt. Nun standen wir beide in ihrer Küche, ein paar Fliegen schwirrten um die 4 verlorenen Tomaten in einer Discounter-Pappbox auf dem Herd, und sie fragte mich abermals, wer ich eigentlich sei und vor allem, weswegen ich hier bin. Wahrscheinlich hätte ich sagen können, wir hätten uns im Club kennengelernt und wären zum Vögeln hier. Die drei Gründe, die dagegensprachen waren zweifelsohne: Meine Freundin, die mir auch nicht alles durchgehen lässt, mein Auto im Parkverbot und sowas ähnliches wie Moral.

Ich hab ihr also gesagt, dass ich der Taxifahrer bin und noch ein wenig Geld bekommen würde. Sie öffnete ihre Hand, legte dabei ein paar Münzen frei und fragte, wie viel es sei.

„6,40 €.“

„Und… und warum hab ich die dir nicht gleich gegeben?“

Wenn ich das mal wüsste 🙂

„Und was krieg ich jetzt von dir?“

„Leider nichts. Das Geld ist für die Fahrt hierher gewesen.“

Ein bisschen betrübt drückte sie mir 6,50 € in die Hand und umarmte mich.

„Weisst du, du bist ganz schön nett.“

„Ich versuche mein Bestes.“

Ein nettes Grinsen und dann schnell weg!

„Warte warte, ich mach dir das Licht an!“

Und so standen wir dann im Treppenhaus und sie forderte mich auf, sie nochmals zu umarmen. Ich hab ja auch Grenzen. Aber warum nicht? Ist ja dann doch ganz nett 🙂
Nach einer dritten Umarmung und einem Kuss hab ich mich dann aber gelöst und ihr von ein paar Stufen weiter unten noch eine gute Nacht gewünscht. Sie hatte sich noch nicht so recht mit unserer völlig überraschenden Trennung abgefunden, streckte sich theatralisch  mir hinterher und wiederholte, wie verdammt nett ich doch sei. Damit das nicht noch ausartet, bin ich aber wirklich los und hab mein Auto aus dem Parkverbot befreit, bevor die Cops es registriert hatten. Puh!

Aber auch wenn es nur 10 Cent Trinkgeld waren. Verkraftbar wäre das ja auch noch gewesen 🙂

Nich‘ anners

Manchmal fragt man sich ja, was für einen Satz ein Betrunkener eigentlich so im Kopf hatte, bevor er einem vorlegt, was er noch aussprechen kann. Ich freute mich derletzt über einen bestimmten Fahrgast, der mir für seine Tour von 8,80 € einen Schein hinhielt und sagte:

„Tschuljung, hab’s nich‘ anners!“

Ich erwartete einen Fünfziger, den ich zu der Zeit aber locker hätte wechseln können. Stattdessen fand ich in meiner Hand einen Zehner vor.

„Weisse, stimmso!“

Äh!? Und was war jetzt das Problem?