Musikalisch breit (aufgestellt)

Kaum zwei Minuten auf der Straße durfte ich schon stoppen. Winker. Drei Personen nahm ich mehr aus dem Augenwinkel war, die Tür öffnete ein leicht verstrahlt wirkender Typ mit zerschlissenen Klamotten und unsortierter Dread-Mähne auf dem Kopf. Anstatt einzusteigen, schob er aber mit einem Kumpel zusammen einen noch verstrahlter wirkenden älteren Herrn ins Auto und nannten mir eine Zieladresse in einiger Entfernung vom aktuellen Geschehen.

Der alte Mann mit angehender Glatze und einem gemütlich wirkenden Bierbauch sah aus, wie ich mir einen griechischen Klischee-Opa vorstelle, tatsächlich war er Ungar, aber das kommt alles noch.

Er entschuldigte sich in gebrochenem Deutsch für seinen Zustand, was ich zurückwies. Ernsthaft nach Ärger sah er nun nicht aus und wenn ich mit betrunkenen Fahrgästen ein Problem hätte, dann würde ich wohl den falschen Job machen. Also haben wir uns ein bisschen dem Smalltalk gewidmet:

„Und, geht es jetzt nach Hause?“
„Nach Hause, bin ich voll, zu viel!“
„Gab es was zu feiern?“
„Nein, haben gefeiert. Zu viel.“
„Und weswegen?“
„Meine Sohn hatte Konzert und wir getrunken.“

Zu viel, ja ja. Das wirklich lustige an der Situation war, dass er seinen Sohn nicht etwa beim gemeinsamen Umtrunk nach einem Konzert unterstützt hatte, sondern dass das Konzert erst noch stattfinden sollte. Er jedoch hatte es beim Vorglühen etwas übertrieben und durfte nun mit dem Taxi die Heimreise antreten, anstatt die Band seines Sohnes live auf der Bühne zu erleben. Schien ihm aber scheinbar keine größeren Sorgen zu bereiten. So wie es aussah, begleitete er ihn ohnehin öfter. Er verlor sich aber stockend und in Gedanken in Lobeshymnen auf seinen Sohn und wie toll er es fände, dass er Musik macht.

„Was für Musik macht ihr Sohn denn so?“
„Oh! Isse Heavy Metal macht meine Sohn. Gefallt mich sehr gut seiner Musik!“

Ach, immer wieder schön zu sehen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen man mit Metal zwingend seine Eltern vergrault hat. Er hat sich dann weiter über Musik ausgelassen und mir erklärt, dass er hauptsächlich Metal und – fast schon logisch – ungarische Volksmusik hört. Wo die Liebe so hinfällt 😀

Ich selbst hab mich nach der Tour dann erstmal mit dem ungarischem Metal vergnügt, den ich kenne. Mit der wohligen Erkenntnis, dass auch andere Söhne korrekte Eltern haben…

Metal aus Ungarn? Hier, bitte:


11 Kommentare bis “Musikalisch breit (aufgestellt)”

  1. Petra sagt:

    Da kannste mal sehen, wie tolerant Eltern sein können. Wenn ich zelten mögen würde und kotzende Kerle, dann wäre ich auch auf Wacken!

  2. highwayfloh sagt:

    Süß! Einfach nur süß!

  3. Leider schlägt das oft aber auch in die völlig entgegengesetzte Richtung und die Kinder haben sich in das Bild zu entwickeln, das die Eltern von ihrer Zukunft und Persönlichkeit haben. Umso schöner zu sehen, wenn Eltern soetwas tolerieren und akzeptieren und dann sogar noch unterstützen. Naja. In diesem Fall und an diesem Abend wohl eher passiv 😀

  4. El Nico sagt:

    Hooray for Ektomorf!

    Sehr schöne Geschichte, da geht mir das Herz auf. 🙂 Ich bin kein Freund von Elitedenken, aber ich glaub schon, dass Eltern, die der Stromgitarrenmusik nicht abgeneigt sind/waren, die cooleren Kinder haben – und natürlich auch die cooleren Eltern sind. 😀

  5. SaltyCat sagt:

    wie sagte meine Mutter vor gefühlten 100 Jahren so schön? „Hey, wenn man das SO laut hört, klingt das ja gar nicht mal so schlecht … „

  6. Sash sagt:

    @zartbitterdenken:
    Natürlich, das gibt es auch zur Genüge. 🙁

    @El Nico:
    😉

    @SaltyCat:
    Der ist echt gut! 😀

  7. Andreas O. sagt:

    Danke Sash! Diesen Song hab ich schon häufiger irgendwo gehört und wusste nie, von welcher Kapelle der ist. Ektomorf ist mir nur namentlich Begriff und irgendwie an mir vorbeigegangen…….nun muss ich was nachholen. Und ach ja, schöner Blogeintrag!

  8. Sash sagt:

    @Andreas O.:
    Na dann viel Spaß! Ich mag die Kapelle 🙂

  9. JBaller sagt:

    Ich klicke mich so durch Deine Seite, lese mir Deine Betrunkenen-Stories durch und bezweifle, dass Du diesen Kommentar noch liest und es ist ja auch schon fast 5 Jahre her…aber du hast den Vater von einem von Ektomorf durch die Gegend gekarrt?! Ja geil 😀 Schon oefter mal live gesehen die Truppe. Hut ab.

  10. SaltyCat sagt:

    in der regel sieht sash alles 😀 mail-benachrichtigung macht’s möglich 😀

  11. Sash sagt:

    @JBaller:
    Nee, leider war er nicht der Vater einer der Jungs. War eine andere unbekannte Band. Ich hab Ektomorf nur als einzige mir bekannte Referenz für ungarischen Metal eingefügt. Und wie SaltyCat schreibt: Das meiste kriege ich mit, ich komme nur nicht immer zum Antworten.

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