Die 15€-Tour (Auflösung)

Gestern hatte ich gefragt, für welche Strecke ein Kollege von ein paar Mädels gerne 15 € gehabt hätte. Die korrekte Antwort war: Zum Spindler & Klatt. Eine 5€-Tour. Das ist nicht nur mal eben eine Verdreifachung des Preises, tatsächlich könnte man für 15 € statt der grob 1200 Meter zu besagtem Club über 7 Kilometer weit kommen. Das sollte man sich bezüglich dieses „Angebots“ mal vor Augen halten.

„Der hat wohl gedacht, wir kommen nicht aus Berlin …“

meinte die eine noch zu mir. Ja, prima! Wär’s bei Touristen besser?

Liebe „Kollegen“:
Ich weiß, wie hart es ist, in dem Geschäft sein Geld zu verdienen. Obwohl es nicht mehr mein einziges ist. Ich weiß auch, dass es verlockend ist, mal eben schnell etwas mehr zu verdienen, am besten noch schwarz nebenbei. Ja, wir hätten dieses „Extra“ verdient, denn wir arbeiten oftmals weit unter dem, was gemeinhin als brauchbarer Lohn angesehen wird. Quasi alle Mindestlohn-Modelle gehen von mehr aus als dem, was bei uns am Ende hängenbleibt.
Deswegen will ich den Versuch, sich Geld zu ergaunern, auch gar nicht zu sehr von der moralischen Seite angehen. Denn gewiss hätten die Mädels sich auch 15 € leisten können.
Aber – und das ist der Punkt – das ist nicht alles. Wir verdienen deswegen wenig, weil wir zu wenig Kundschaft haben. Das haben wir, weil vielleicht zu viele Taxen unterwegs sind, vielleicht aber auch nur, weil wir als teuer und unberechenbar gelten. Den Preis senken können wir nicht groß, wir alle kennen die Kosten, so ist das nunmal. Aber unberechenbar sind wir vor allem wegen Euch. Es ist ein großes Glück, dass es Leute gibt, die überhaupt noch mal in ein Taxi steigen, wenn ihnen (unberechtigterweise) mal 15 € für eine Tour abgeknöpft wurden, die sie sonst allenfalls 6 gekostet hätte. Mit der BVG wahrscheinlich noch weniger.*
Im Ernst: Unsere Kundschaft rennt wegen sowas weg! Natürlich nicht wegen der einen Fahrt. Aber je öfter das passiert, desto schlimmer wird das für uns alle!

Ich fahre solche 5€-Touren auch nicht, weil ich mir in dem Fall direkt denke: „Wow! So viel Geld!“. Natürlich machen wir hier und da mal einen schlechten Schnitt bei sowas. Aber wenn ich mir überlege, dass diese Kunden das nächste Mal bei einer (wirklichen) 15€-Tour lieber auf uns zurückgreifen als die Bahn zu nehmen … Ihr wisst, was ich meine.

*In dem Fall wäre die BVG eine schlechte Lösung gewesen. Aber viele Leute haben eine Monatskarte, bei anderen Fahrten sind wir aber halt auch so deutlich teurer.

„Danke!“

Ich kam am Ostbahnhof an und hätte mich an dritter Stelle einreihen können. Das heißt: Ich konnte es tatsächlich, stand aber eine Weile lang ziemlich schief auf der Straße, weil der Kollege auf Platz zwei gerade mit einem nicht mehr ganz taufrisch wirkenden jungen Mann beschäftigt war, der sich heftig schwankend ins Beifahrerfenster seiner Taxe lehnte. Ich wartete geduldig, und siehe da: Der junge Mann zieht seinen Kopf zurück und der Kollege rückt vor.

Ich rücke gleich nach, und auch hinter mir fährt bereits ein weiteres Taxi an den Stand. Da der Kollege vor mir sofort aussteigt – ganz offensichtlich, weil er seine Scheiben noch wischen will – tue ich es ihm gleich und frage, was der Kerl denn wollte. Der Kollege antwortete mit einem Hauch Besorgnis:

„Wenn ich das wüsste! Ich hab ihn ja hergebracht. Vom Watergate. Der is‘ unterwegs eingepennt, hier dann ausgestiegen, dreimal um den Stand getorkelt und will jetzt irgendwo anders hin. Aber wohin, das blick ich nicht. Der ist total besoffen und deutsch kann er auch nicht wirklich.“

Mit so einem hatte ich ja letzte Woche schon das Vergnügen. 🙁

Ich sehe mich also mal um – und siehe da: Der junge Mann saß bereits im Wagen hinter mir. Der Kollege dort am Steuer sah alles andere als glücklich aus, fuhr aber letztlich los. Warum auch immer er diesen wirklich stark nach Kotzen aussehenden Kerl mit der unklaren Zielangabe hat einsteigen lassen. Dass ihm das nicht geheuer war, sah man ihm an – und ich nehme es ihm kein bisschen übel.

Was allerdings wirklich daneben war, war dass er neben mir und dem Fahrer an Position zwei anhielt und dem Kollegen ein verächtliches „Na Danke auch!“ an den Kopf warf. Denn der hatte den Fahrgast nicht ohne Grund abgelehnt und das hätten wir alle tun können. Da werden tagtäglich kurze Fahrten widerrechtlich abgelehnt – aber in so einem Fall kann man sich wirklich mal darauf berufen, dass der Mann die betriebliche Ordnung und Sicherheit gefährdet.

Der verbleibende Kollege und ich haben uns zwar kurz ein wenig sparsam angesehen, haben uns dann aber entschieden, das nicht weiter mit Beachtung zu belohnen. Was soll man auch machen? Wir waren uns beide einig, dass wir gerne helfen, wenn es geht. Aber ohne Fahrtziel und dann noch zusätzlich kurz vor Auswurf ist eben was, wo auch wir Taxifahrer mal nein sagen können. Glücklicherweise.

Die Hoffnung …

…stirbt bekanntlich zuletzt.

Heute Nacht aber war da nicht viel zu machen, ehrlich.

Gut, ich könnte mich freuen, nebenbei in „Zwei, drei, vier: Wie ich eine Familie wurde“ von Maximilian Buddenbohm reingelesen zu haben. An und für sich eine gute Sache, denn in Puncto Alltagsgeschichten ist Buddenbohm für mich eines der kleinen großen Vorbilder für mich als Autor. Mein eBook „Papa, ich geh zum Zirkus! oder: Karriere – kann man das essen?“ hätte ich wahrscheinlich nie so geschrieben, hätte ich bei Buddenbohm nicht gesehen, dass man sowas kann, ja: darf.

Aber mal ehrlich: Als Fazit einer Schicht im Taxi wäre ein Link zu einem gelesenen Buch doch etwas dröge, oder?

Für einen Freitag lief es schlecht. Sehr schlecht. Mein Gesamtumsatz blieb zweistellig – was aber wiederum auch nur Teil meiner neuen Philosophie war, nicht zu arbeiten, wenn es hell ist. Ich hab seit Anbeginn meiner Taxifahrerei nicht gemocht, wenn es hell ist, also vermeide ich es nun. Das ist nicht unbedingt leicht in einer der kürzesten Nächte des Jahres, aber ich hänge dann tatsächlich lieber eine halbe Schicht mehr an. Haltet mich für bekloppt, denn das bin ich wahrscheinlich auch. 🙂

Das ein und andere Mal habe ich mich heute über meinen Job und mein Leben unterhalten – und bin immerhin nicht auf Ablehnung gestoßen. Also sollte das wohl passen …

Bleibt nur zu hoffen, dass heute in der Stadt mehr gefeiert wird als gestern. Aber Ihr macht das, da bin ich guter Dinge! 😀

Geduldprobe (3)

Da stand ich also. Betont lässig an eine Hauswand gelehnt, nicht direkt vor der Türe. Den Leuten – wer immer sie sein mochten – die mein Fahrgast da um 2 Uhr morgens aus dem Bett klingelte, wollte ich nicht erschrecken. Andererseits freute ich mich aber auch. Wenn sich diese Türe öffnen würde, könnte ich mich endlich mit jemandem austauschen. Dass ich in Anbetracht des zerstörten Individuums Trinkgeld bekommen würde, war für mich ausgemachte Sache. Nicht, dass sich jemand freuen würde, so jemanden in Empfang zu nehmen – die Wertschätzung für meine Geduld jedoch müsste jedem Menschen quasi in die Wiege gelegt worden sein. Ganz sicher!

Is‘ natürlich Quatsch gewesen. Hat ja niemand aufgemacht. Auch nicht nach dem dritten oder vierten Klingeln.

Einen Stock höher wollte er noch gehen. Anderer „Kollege“. Der jedoch war ähnlich taub.

Mein Fahrgast – wie ich indessen bemerkt hatte: bereits vorzeitig mit offenem Hosenladen zu allem bereit – versicherte, an der unteren Türe wäre ja auch wirklich sein Zimmer. „Kollege“, ja. Aber sein Zimmer, sein Internet, seine Straße (er verwendete das Wort offensichtlich für jede Art von Ort/Platz/Behausung, selbst für Polen).

Also gingen wir wieder ein Stockwerk runter. Er fragte mich, ob ich eine Kreditkarte hätte, um die Türe zu öffnen. Früher hätte ich zwar ein nutzloses Plastikkärtchen für grobe Arbeiten gehabt, nun war ich froh, keines mehr zu besitzen. Denn: Nach dem etwa drölften Klingeln (das nebenher unentwegt erfolgte), öffnete sich die Türe doch.
Ein Mann, mitte fünfzig vielleicht, und sichtlich verstört ob des nächtlichen Terrors, blickte uns an und fragte uns dann – auf Deutsch, juhu! – was wir wollen würden. Nachdem mein Fahrgast ein paar recht unverständliche Sätze geäußert hatte, bin ich eingesprungen, hab mich entschuldigt und versucht, die Situation in wenigen Sätzen zu erläutern. Hat natürlich nicht geklappt. 🙁

Grob vereinfacht gesagt standen wir nun in einem Plattenbau vor einem Beinahe-Rentner, der uns nahelegte, doch gefälligst nicht an seiner Wohnung, sondern an der des Mannes neben mir zu klingeln. Ja, danke …

Von der Tatsache, dass in seiner Wohnung ein offenbar wildfremder Mann hauste, war mein Fahrgast recht wenig beeindruckt. Nachdem die Türe wieder zu war, fluchte er zwar ein wenig, aber das war sichtlich gegenstandslos.

Für mich war die Sache gelaufen. Natürlich.

Sicher hätte ich noch eine Weile mit meinem neuen Freund durch die Gegend tingeln können, immer in der Hoffnung, jemand gibt mir mal einen Zehner Entschädigung – auf der anderen Seite hing ich mit diesem Suffkopp inzwischen bereits mehr als eine dreiviertel Stunde rum, in der Zeit hätte ich in der Nacht wahrscheinlich 20 € Umsatz gemacht. Drei Haustüren weiter versuchte mein genialer Fang dann noch einmal reinzukommen – und hatte abermals Erfolg.

(Das sollte man sich merken, falls man mal obdachlos wird!)

Meine Laune, ihm zu folgen, war jedoch mäßig. Als er die Türe hinter sich schloss, habe ich bereits beschlossen gehabt, jetzt einfach zum Auto zu laufen. Herber Verlust in einer sonst guten Nacht, klar. Aber besser, als hier aussichtslos weiter mit dem Typen abzuhängen, der mehr und mehr schockiert darüber war, dass er mich nicht bezahlen konnte. Und das bezog sich nur auf die offiziellen 11 €.

Ich habe also nicht gewartet. Genug Zeit verschwendet. Ich hab zwar keine Ahnung, ob der Typ dort wirklich gewohnt hat, aber als ich gegangen bin, hat es sich so angehört, als würde er sich zumindest einmal das Treppenhaus durch Vollkotzen zu eigen machen. Wohl bekomm’s!

Vielleicht hätte ich ihn nicht mitnehmen sollen. Dann wären das nicht nur drei Blogeinträge und eine Erfahrung weniger, es wäre vermutlich auch ganz anders gelaufen in der Nacht.

Vielleicht war er ein Netter. Dann hätte er nicht saufen sollen, bis er zu Taxifahrers Alptraum wird!

Vielleicht hätte ich die Kohle irgendwann gekriegt, wenn ich die Polizei gerufen hätte. Dann wäre die Schicht noch nachhaltiger verschissen gewesen!

Ich glaube nicht, dass ich was falsch gemacht habe. Und trotzdem isses passiert. So ist das halt manchmal. 🙁

Geduldprobe (2)

Ich hab meinen Unmut nicht verheimlicht. Auf der anderen Seite: Was tun?
Als ich in Betracht gezogen habe, in Richtung Ostbahnhof zurückzugurken, ist mir eingefallen, dass es ja vielleicht auch möglich wäre, von besagten „Kollege“ doch noch mein Geld zu bekommen. Um die sieben Euro Minus hatte ich schon, wie viel schlimmer sollte es werden?

Erinnert mich künftig daran, immer vom Schlimmsten auszugehen!

Ich hab ihn wirklich kurz zum Puff laufen lassen, wie erwartet ist er dort abgeblitzt. Wahrscheinlich nicht nur seines Suffpegels wegen, sondern weil er unbeholfen mit weiteren Kollegen gedroht hat. Das alles war also erfolglos und ich saß daraufhin im Auto mit einem meiner Sprache kaum mächtigen Mann in meinem Alter, der zwar vögeln wollte, aber nicht einmal mehr Geld für die bislang aufgelaufenen Taxikosten hatte. Seine Idee, es bei einem anderen Bordell zu versuchen, hab ich – dezent angepisst – unterbunden, indem ich ihm klargemacht habe, dass er einfach zu besoffen sei, um irgendwo reingelassen zu werden. So böse das klingen mag, netter war ich selten zu jemandem. Dieser Wahrheit musste er mal ins Auge sehen.

Unerwartet (wie so oft bei Besoffenen) hat er das dann eingesehen und wollte zu seinen „Kollege“, damit er mich bezahlen kann. Na endlich! Der Weg war ja nicht weit, und für mein Stresslevel war der Fahrpreis von knapp 12 € auch weit zu niedrig. Aber gut, es gibt sowas ja immer mal wieder …

„Kollege“ zu finden jedoch … scheiß die Wand an, kann sowas schwierig sein!

Eine Hausnummer konnte er mir nicht sagen. Auf seine Weisung bog ich rechts in die Straße der Pariser Kommune ab. Am Ende dann hieß es, es wäre wohl doch die andere Richtung. Dann kam plötzlich Nummer 20 ins Spiel. Als wir die erreicht hatten, meinte er, es sei eher bei Netto. Dort auf dem Parkplatz war er eher unzufrieden, also fuhr ich ans Haus nebenan, was ihm so sehr behagte, dass er nach dem Aussteigen erst einmal unglaubliche anderthalb Minuten ohne Drucknachlass an eine Hecke pinkelte.

Die Uhr stand bei 13,60 € und ich hab ihm bestätigt, dass mir 12 € fehlen würden. Dem „Kollege“, der offenbar Deutsch könnte, hätte ich meinetwegen gerne erklärt, dass ich abzüglich der 2,50 € von vorhin auch mit 11,10 € zufrieden sein würde. Ab da jedoch beschloss ich, mir notfalls ein Trinkgeld zusammenzulügen.

Denn der Hauseingang, vor dem ich nun im Parkverbot stand, war natürlich der falsche. Es sei ja Nummer 20 beteuerte er. Nach einem Block Fußweg sollte es die 25 sein, danach behauptete er nur noch, mal zu gucken, wo das jetzt wäre. Tatsächlich schleifte er mich aber nur zu einem Hintereingang der 20 mit und öffnete dort die unverschlossene Haustüre. Er hatte zwar zunächst wohl eher vorgehabt, alleine hochzugehen, aber den Ausgang dieses Versuchs konnte ich mir bildlich vorstellen: Er klingelt bei „Kollege“, brabbelt irgendwas von Geld, fällt ins Bett und pennt bis zum nächsten Morgen. Und ich wäre dagestanden und hätte dumm aus der Wäsche geguckt. Also bin ich mit rein.

Nach ein paar Treppen standen wir vor einer Tür und mein Fahrgast lächelte siegessicher.

„Kolleg Deutsch gut. Geben machen zewöf Kilometer.“

Den Unterschied zwischen Kilometer und Euro hatte er längst vergessen. Eine Entlohnung für 12 Kilometer (knapp über 20 €) schienen mir in dem Moment auch angemessen zu sein. Aber was für Träumereien ich wieder hatte! Es hat niemand aufgemacht.

Einen Moment lang musste ich an Hans Baecker (ff) denken.

Fortsetzung … ist schon draußen, versprochen! 🙂

Geduldprobe (1)

Da war er also: Der Launenvermieser vom Dienst.

Nein, um mal sachlich zu bleiben: Er war ein (zumindest vermutlich) netter Kerl. Er hat mit seinem weißen, schon stark in Mitleidenschaft gezogenen, Poloshirt ganz artig gewartet, bis ich ihm die Tür geöffnet hatte und mich den Umständen entsprechend höflich gefragt, ob ich ihn mitnehmen würde. Die Bierflasche hielt er sicher, ein Markenzeichen derer, die zwar zu blau sind, um sich sonstwie auf sie zu verlassen, aber noch im Besitz elementarer Grundtechniken, die die Zivilisation uns abverlangt. Zum Beispiel, um nicht in ein Taxi zu kotzen.

Die Umstände wären damit aber allenfalls halb beschrieben, denn ein bezeichnendes Element unserer Kurzzeitbeziehung sollte werden, dass sich unsere Sprachkenntnisse nur äußerst marginal überschnitten haben. Er konnte offenbar fließend Polnisch und ungefähr 50 Worte Deutsch, ich Deutsch fließend und ungefähr 0 Worte Polnisch. Die Mathematiker unter Euch haben das mit den 50 Worten Überschneidung sicher schon im Kopf ausgerechnet.

Nun sind 50 Worte viel, wenn es denn die richtigen sind. Die waren es natürlich nicht. Es bedurfte einiger nonverbaler Gesten, bis ich verstanden hatte, dass „Straße machen“ bedeutete, er wolle in einen Puff. Und das auch nur, weil letztlich „Puff“ auch zu seinen 50 Worten Deutsch gehörte …

Nach kaum fünf Minuten am Stand – noch ohne laufende Uhr, so unklar wie das war, hatten wir also eine Art Übereinstimmung: Er suchte einen Puff und wollte wissen, wie viel das kostet bis dahin. Ich überschlug den komplizierten Weg zum nächsten Etablissement seiner Wahl kurz im Kopf und kam auf beruhigend niedrige sieben Euro. Zugegeben: So kompliziert war der Weg nicht. 😉

Natürlich hätte ich ihn liebend gern in einen Laden gebracht, der mir einen Fuffi für einen Kunden in die Hand drückt, der Typ war aber so verstrahlt, dass ich mir recht sicher war, dass die ihn ohnehin nirgends mehr reinlassen würden. Außerdem hatte er gerade ein paar Münzen abgezählt – weswegen ich ihn auch fragte, ob ihm bewusst sei, dass ein Puff gemeinhin sogar mehr Geld als die Taxifahrt dorthin koste. Er murmelte eine Zustimmung, die ich nur insofern verstand, als dass sie „Kollege ein“, „Kollege swei“ und „Kollege dei“ beinhaltete. Naja, alles schon gehabt. Motor an, auf zum Puff!

Auf dem Weg dorthin versuchte er, mich zu überreden, mitzukommen. Aha. Ich kann den Job des Taxifahrers insgesamt wieder mal vor allem den Leuten empfehlen, die gerne umsonst ins Bordell wollen: DA sind Kunden großzügig. Zumindest behaupten sie das …

Ich hielt zwanzig Meter entfernt von dem Laden, da mir klar war, dass der Typ besser erst noch ein bisschen Training beim aufrechten Gang einlegen sollte, dabei die Bierflasche loswerden, um überhaupt eine Chance am Einlass zu haben. Was bin ich fürsorglich, Leute!

Als er nach ungefähr zwei Minuten erkannt hatte, wo sein Ziel liegt, wollte er wieder, dass ich mitkomme. Also so ungefähr. Sein Deutsch war wirklich so erbärmlich, dass mir keine Transkription dafür einfallen würde. Dabei wäre das praktisch. Denn der Hauptteil unserer Unterhaltung wurde vor seinem Ziel geführt. Aus mir zunächst unerfindlichen Gründen warf er inzwischen neben „susamm“ mehrere Male „Straße Paris Kommun“ ein.
Mit der Zeit dämmerte mir, dass er gar nicht genug Geld zum Bezahlen hatte, sondern er das von seinen „Kollege“ bekommen würde. In der Straße der Pariser Kommune. WTF? Ich meine, wir waren durch diese Straße durchgefahren!

Als die Uhr dann letztlich neun Euro zeigte, glaubte ich, begriffen zu haben:

Er wollte jetzt kurz sozusagen testen, ob der Puff ok sei. „Fün Minut susamm“ in seiner Sprache. Dann sollte ich mit ihm zu seinen „Kollege“ wieder zurück in die Straße der Pariser Kommune fahren, dort die verbleibenden „Kollege“ einsammeln und zum nun (auf was?) gecheckten Puff. Und von „Kollege eins und Kollege swei und Kollege dei“ würde ich dann bezahlt werden.

Ja nee, is klar! Ich lass den in den Puff rennen, der pennt, vögelt, macht dort sonstwas – und ich warte vergeblich …

Ich hab ihm klar zu verstehen gegeben, dass ich die Kohle für die Fahrt jetzt gerne haben würde. Danach könnte ich schon kurz warten – und wenn er nicht kommt ggf. weiterfahren. Ansonsten aber gerne auch noch mit „Kollege“ hin und her. Er schien ein gewisses Verständnis dafür zu entwickeln, leerte seine Taschen und gab mir das komplette Geld. 2,50 €.

Fortsetzung folgt heute Nachmittag um 14 Uhr.

Was man alles wissen muss …

Als er auf mich zugewackelt ist, wirkte er irgendwie ganz lustig. Ein sehr seltsamer Körperbau. Insgesamt sehr schlank, fast schon schlaksig. Sein Bauch jedoch glich eher einer Kugel. Mit der abstehenden Einsteinfrisur wirkte er ein wenig wie ein Trinkvogel. Seine Kleidung ließ auf kultivierte Mittelschicht schließen, in meinen Gedanken war er umgehend Lehrer, Oberstudienrat oder dergleichen. Er hatte ein Grinsen auf dem Gesicht, zeigte sich sehr nett und zuvorkommend und nannte eine sehr wichtige Ausfallstraße im Südosten Berlins als Ziel.

Na, holla die Waldfee!

Es war nicht die erste Tour über 20 Euro an dem Abend, aber man ist ja dann doch immer irgendwie froh. Ich platzierte an dieser Stelle einen meiner absoluten Standardsprüche:

„Na das kriegen wir hin.“

„Das will ich auch hoffen!“

kam es eher konsterniert aus dem Fond der heute ziemlich klapprigen 1925. Diesen Gesprächsverlauf hatte ich nun geschätzte 200 mal im Taxi, so wird kein Gespräch abgewürgt …

„Ich weiß, alles andere wäre ja auch ein bisschen traurig …“

Werft mir das ruhig vor, aber manipulative Gesprächsführung lernt man im Taxi ziemlich schnell. In dem Fall nehme ich ihm gleichermaßen die Sorgen, bin witzig und biete überdies die Option, das Gespräch auf gute oder schlechte Erfahrungen im Taxi zu lenken. Etwas, das zu guter Letzt wenigstens GNIT immer wieder zu Gute kommt.

„Ach, wenn sie wüssten …“

OK, also schlechte Erfahrungen.

„Was ich hier in Berlin schon erlebt habe …“

Ich kann’s mir denken, jetzt komm auf den Punkt!

„…gerade mit den, ich sag jetzt mal, anatolischen Chauffeuren.“

Ui. So PC, dass er nicht einmal „Türken“ sagen will. „Ich hab ja nix gegen Ausländer, aber …“ versucht jetzt also nochmal höhere Bildungsschichten zu erreichen …

Ich hab’s mir leider immer noch nicht angewöhnen können, da so hart zu sein, wie ich eigentlich sein will. Und nein, nicht, weil ich mich um die paar Euro Umsatz schere. Es wäre mir eine Freude, solche Fahrgäste an einen türkischen oder meinetwegen bulgarischen Fahrer weiterzureichen. Nein, ich hoffe immer wieder auf ein bisschen Einsicht beim ein oder anderen. Und ich kann schließlich von ein paar vorbildlichen Kollegen berichten, deren einziges Manko offenbar ist, dass ihre Hautfarbe nicht ganz dem Geschmack von Leuten trifft, die gerne Betttücher auf dem Kopf tragen und nebenbei Kreuze verbrennen. Man sollte meinen, solch eine Randgruppenmeinung würde irgendwann mal verschwinden.

Mein Fahrgast wollte sich denn auch nicht lange an der Herkunft der Taxifahrer aufhalten und warf schnell ein, dass es bedauerlich sei, wie manche einfach nur noch mit Navi zum Ziel finden. Hmm … vielleicht war er doch Journalist.

Witzig anzumerken ist an dieser Stelle, dass ich (Ich kann zumindest für die letzten drei Generationen meine deutsche Abstammung problemlos nachweisen!) nur deswegen auf das Navi verzichtet habe, weil ich durch die von ihm benannte Straße drei Stunden zuvor das erste Mal seit vielleicht sechs Monaten mal wieder durchgefahren bin.

Er jedenfalls war froh, dass ich mich auskannte. Gott sei Dank! Im Handumdrehen zählte er einen Haufen Straßennamen auf, die zu vergessen in seinen Augen offenbar unverzeihlich war. Ich hab, ganz ehrlich, nicht eine einzige davon im Kopf gehabt. Und da genau liegt das Problem: So ziemlich jeder von uns Fahrern hat Gebiete, in denen er sich besser auskennt als Einheimische. Wo man das Hostel im Hinterhof, den Döner in der Unterführung und den Zahnarzt im zehnten Stock kennt. Weil man da oft ist, weil man zumindest einmal da war. Weil man dort eine besonders beeindruckende Fahrt hin hatte, oder weil zufällig die eigene Mutter dort ums Eck wohnt. Und manches weiß man auch, weil man es mal gelernt hat, auf die Ortskundeprüfung. Aber das ist wohl der kleinste Teil.

Wir müssen unseren Job machen, und wir müssen ihn gut machen. Davon bin ich überzeugt. Immer noch und ohne Einschränkungen. Aber unser Job ist es, Menschen in einer Stadt mit 891 Quadratkilometern Grundfläche, zigtausenden Straßen und hunderttausenden „Objekten“ von A nach B zu bringen. Daran sollten wir im besten Falle nicht ein einziges Mal scheitern. Aber ob wir alles im Kopf haben, von einer Navi-Karte, aus dem Internet, über den Funk von Kollegen zugeflüstert oder (für die ganz mutigen) geraten – das ist am Ende unser Ding.

Das soll nicht so angepisst klingen, wie es vielleicht gerade rüberkommt. Aber macht ihr Euch Gedanken darüber, ob ich – oder die Journalisten eurer Tageszeitung – eine Rechtschreibkontrolle oder vielleicht sogar eine Stimmerkennungssoftware einsetzen, um einen Artikel zu schreiben?

Ich würd mich ja gerne fortbilden, aber ich schreibe nebenher. Und die Kollegen, die nicht schreiben, arbeiten diese Zeit komplett durch. Ich finde es wirklich ehrens- und bewundernswert, wenn Taxifahrer über jede Ecke noch eine Geschichte parat haben. Aber das kostet nunmal enorm viel Zeit.  Soviel unbezahlte Zusatzarbeit ist als Standard vielleicht ein wenig viel verlangt …

Meinen Kunden hab ich mit der Diskussion verschont. Man muss nun wirklich nicht zu jedem Ansatz jedes Argument hervorkramen. Finanziell war die Fahrt am Ende tadellos: Guter Umsatz, gutes Trinkgeld, ich hätte auch einen Lobartikel schreiben können. Auf meiner eigenen Skala landete er allenfalls im unteren Mittelfeld. Er war für mich vielleicht eher sowas wie ein anatolischer Fahrgast mit Navi …