Geduldprobe (2)

Ich hab meinen Unmut nicht verheimlicht. Auf der anderen Seite: Was tun?
Als ich in Betracht gezogen habe, in Richtung Ostbahnhof zurückzugurken, ist mir eingefallen, dass es ja vielleicht auch möglich wäre, von besagten „Kollege“ doch noch mein Geld zu bekommen. Um die sieben Euro Minus hatte ich schon, wie viel schlimmer sollte es werden?

Erinnert mich künftig daran, immer vom Schlimmsten auszugehen!

Ich hab ihn wirklich kurz zum Puff laufen lassen, wie erwartet ist er dort abgeblitzt. Wahrscheinlich nicht nur seines Suffpegels wegen, sondern weil er unbeholfen mit weiteren Kollegen gedroht hat. Das alles war also erfolglos und ich saß daraufhin im Auto mit einem meiner Sprache kaum mächtigen Mann in meinem Alter, der zwar vögeln wollte, aber nicht einmal mehr Geld für die bislang aufgelaufenen Taxikosten hatte. Seine Idee, es bei einem anderen Bordell zu versuchen, hab ich – dezent angepisst – unterbunden, indem ich ihm klargemacht habe, dass er einfach zu besoffen sei, um irgendwo reingelassen zu werden. So böse das klingen mag, netter war ich selten zu jemandem. Dieser Wahrheit musste er mal ins Auge sehen.

Unerwartet (wie so oft bei Besoffenen) hat er das dann eingesehen und wollte zu seinen „Kollege“, damit er mich bezahlen kann. Na endlich! Der Weg war ja nicht weit, und für mein Stresslevel war der Fahrpreis von knapp 12 € auch weit zu niedrig. Aber gut, es gibt sowas ja immer mal wieder …

„Kollege“ zu finden jedoch … scheiß die Wand an, kann sowas schwierig sein!

Eine Hausnummer konnte er mir nicht sagen. Auf seine Weisung bog ich rechts in die Straße der Pariser Kommune ab. Am Ende dann hieß es, es wäre wohl doch die andere Richtung. Dann kam plötzlich Nummer 20 ins Spiel. Als wir die erreicht hatten, meinte er, es sei eher bei Netto. Dort auf dem Parkplatz war er eher unzufrieden, also fuhr ich ans Haus nebenan, was ihm so sehr behagte, dass er nach dem Aussteigen erst einmal unglaubliche anderthalb Minuten ohne Drucknachlass an eine Hecke pinkelte.

Die Uhr stand bei 13,60 € und ich hab ihm bestätigt, dass mir 12 € fehlen würden. Dem „Kollege“, der offenbar Deutsch könnte, hätte ich meinetwegen gerne erklärt, dass ich abzüglich der 2,50 € von vorhin auch mit 11,10 € zufrieden sein würde. Ab da jedoch beschloss ich, mir notfalls ein Trinkgeld zusammenzulügen.

Denn der Hauseingang, vor dem ich nun im Parkverbot stand, war natürlich der falsche. Es sei ja Nummer 20 beteuerte er. Nach einem Block Fußweg sollte es die 25 sein, danach behauptete er nur noch, mal zu gucken, wo das jetzt wäre. Tatsächlich schleifte er mich aber nur zu einem Hintereingang der 20 mit und öffnete dort die unverschlossene Haustüre. Er hatte zwar zunächst wohl eher vorgehabt, alleine hochzugehen, aber den Ausgang dieses Versuchs konnte ich mir bildlich vorstellen: Er klingelt bei „Kollege“, brabbelt irgendwas von Geld, fällt ins Bett und pennt bis zum nächsten Morgen. Und ich wäre dagestanden und hätte dumm aus der Wäsche geguckt. Also bin ich mit rein.

Nach ein paar Treppen standen wir vor einer Tür und mein Fahrgast lächelte siegessicher.

„Kolleg Deutsch gut. Geben machen zewöf Kilometer.“

Den Unterschied zwischen Kilometer und Euro hatte er längst vergessen. Eine Entlohnung für 12 Kilometer (knapp über 20 €) schienen mir in dem Moment auch angemessen zu sein. Aber was für Träumereien ich wieder hatte! Es hat niemand aufgemacht.

Einen Moment lang musste ich an Hans Baecker (ff) denken.

Fortsetzung … ist schon draußen, versprochen! 🙂

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