Erste, äh … Schicht?

Nee nee, lieber Juni: Das, was da heute Nacht ablief, das vergessen wir beide schnell wieder und machen das ab sofort besser!

Es waren wirklich ein paar trostlose Stunden auf der Straße heute. Die erste verlief ganz ohne Kundschaft. Also hab ich die 1925 fleißig rausgeputzt. Während ich mit einem Kollegen ausgiebig die Unergiebigkeit der Schicht erörtert habe, kam wenigstens ein rettender Anruf. Jo, seines Zeichens langjährige Taxi- und Blogbegleiterscheinung, sowie angehender DJ, hat gefragt, ob ich ihn einmal mehr nach Hause fahren könnte. Na und ob!

Die Touren mit Jo sind immer gekennzeichnet durch nette Gespräche mit besonders filigran sortierter Situationskomik – die ich leider nicht einmal ansatzweise in schriftliche Form zu bringen in der Lage bin. Schlecht für GNIT, für mich aber so gut wie Pause.

In Prenzl’berg hab ich noch eine Kurzstrecke mitgenommen, um dann, nach längerem Gegurke, am Ostbahnhof festzustellen, dass die Schlange ungefähr doppelt so lang war, wie eine Stunde zuvor – wo ich ja bereits ewig gewartet hatte. Also drauf geschissen und gleich vor der Landung wieder durchgestartet gen Heimat.

Ein kurzer Hoffnungsschimmer kam am NH Hotel Alexanderplatz (das nicht am Alexanderplatz liegt) auf, als dort ein Mann winkte, der zum Alexanderplatz wollte. Kaum jedoch, dass er zu verstehen gab, er hätte eigentlich bestellt, kam auch schon ein Kollege ums Eck. Ich hab ihn gebeten, doch bitte bei selbigem einzusteigen, was mir leid tat, dem Kunden egal war und dem Kollegen eine unglaubliche Erleichterung ins Gesicht zauberte. Na wenigstens das mit der guten Tat hab ich noch hingekriegt.

An der Landsberger Allee, Ecke Petersburger, hatte ich dann wirklich noch einmal Glück. Glück im Unglück sozusagen. Denn die Kundin dort stiegt nur ein, weil die Bahnen dort aufgrund eines Unfalls ein paar Meter weiter liegengeblieben waren. Erstklassigerweise betraf das auch die Linie zu mir nach Hause. An der Unfallstelle waren sie jedoch bereits am Aufräumen und die Tour führte mich fast punktgenau zu meinem Abstellplatz. Also hab ich’s dann wirklich aufgegeben und kurz die 15 Minuten auf die Bahn gewartet.

Die große Umsatzparty ist also einmal mehr aufs Wochenende verlegt. Außerdem fährt mein Tagfahrer in den Urlaub. Ich werde das Auto also auch noch vor der Tür stehen haben. 🙂

Dieses Verkehrsdings …

…ihr wisst schon. Das mit den vielen Autos in einer Reihe, die alle hupen und wo man ohne Dachschaden nicht mehr rauskommt.

Also Stau.

Im Großen und Ganzen kann bin ich ja in der glücklichen Situation, aufgrund meiner Arbeitszeit staufrei zu leben. Klappt leider nicht immer. Zunächst war ich noch froh, dass mich die Winker in der Mühlenstraße weit unten erwischt haben. In der O2-World war gerade ein Konzert vorbei und dann ist der Irrsinn dort ja nicht mehr zu stoppen. Das Ziel der drei jungen Damen lag wenigstens halbwegs vernünftig, denn ich konnte kurz wenden und über Kreuzberg fahren – es ging nämlich bis nach Schöneberg.

Dass es inzwischen aber genügend andere Leute geschafft hatten, das Gedränge ebendorthin zu verlagern – das hat mir mal wieder keiner gesagt. Glücklicherweise sind Konzertgängerinnen auf dem Weg ins Hotel nicht so sehr von Hektik beseelt wie nachtverkehrsgewöhnte Taxifahrer! Sie haben es mit absoluter Gelassenheit hingenommen, dass ich sage und schreibe 25 Minuten gebraucht habe, um auch nur bis zum Kotti zu kommen. Gefühlt hätte ich in der Zeit zwischendrin nicht nur nach Schöneberg fahren können, sondern gleich noch mit einer Rücktour wieder zum Ausgangspunkt zurück. Das wäre zwar ein bisschen arg sportlich gewesen, aber allemal unterhaltsamer als das ewige Rumstehen.

Und 16 € wirken plötzlich gar nicht mehr so toll, wenn man dafür am Ende wirklich eine Dreiviertelstunde Fahrgäste an Bord hat – so nett sie auch waren.

Ich verneige mich in diesem Sinne einmal mehr von meinen am Tag fahrenden Kollegen. Ich könnte den Job wahrscheinlich wirklich nicht machen, inmitten dieser … ihr wisst schon.

Die düsteren Orte Berlins

„Wohin soll’s gehen?“

„Ähm, ja also, das, äh, also das ist nicht so wie sie jetzt denken, aber …“

Meine Fresse! Was kommt jetzt? Ein Puff, ein Strip- oder Swinger-Club? Also was das Publikum angeht, kenne ich Zurückhaltung eher weniger. Aber wer weiß?

„Also, wir fahren nach, nach Marzahn.“

Der Mittfünfziger mit Schnauzbart gab sich bewusst harsch auftretend nach seiner weinerlichen Einleitung. Tatsachen schaffen, zu dem stehen, was man ist, wo man wohnt. Nur kam es irgendwie lächerlich rüber.

Ich wohne jetzt selbst seit 5 Jahren in Marzahn. Der Stadtteil hat wie alle anderen auch seine Licht- und Schattenseiten, keine Frage. Aber es ist verdammt nochmal ein Stadtteil von 95 in Berlin. Trotz Plattenbauten ein sehr grüner Stadtteil. Zudem ist er günstig wie sonstnochwas und gut ans Netz der öffentlichen Verkehrsmittel angeschlossen. Und abgesehen von den ganzen Klischees liegen in Sichtweite meiner tatsächlich billigen Wohnung ein Haufen Einfamilienhäsuer, die sicher von Leuten bewohnt werden, die erheblich mehr Knete als ich in ihre Miete stecken. Was zur Hölle muss einem bitte peinlich sein, hier zu wohnen?

Also mal abgesehen von der Tatsache, dass Ilka Bessin es geschafft hat, mit ihrer Kunstfigur „Cindy aus Marzahn“ all das in den Dreck zu ziehen …

Das Gespräch im Taxi kam nur langsam in Gang. Zu verstört war der Typ. Glücklicherweise rückte er mit der Zeit zögernd und vorsichtig damit heraus, was sein Problem war. Er war mal Abteilungsleiter in irgendeiner Bude in Schöneberg und lebte ursprünglich dort in der Nähe. Dann der klassische Fall: Kündigung, Jobsuche, irgendwann HartzIV und dann Umzug in eine billige Wohnung am Stadtrand. In – iiih! – Marzahn. Das war jetzt ein Jahr her.

Im Grunde war er ein optimaler Kandidat. Ich hätte ihm sagen können, dass das doch ok sei und Marzahn ganz nett, je nachdem, wo man hinzieht. Seine Bude lag unweit meiner Packstation in der Raoul-Wallenberg-Straße – nicht meine Ecke hier, aber auch noch nicht wirklich Ghetto. Außerdem war seine Erleichterung zu spüren, als er mich fragte, wo ich denn wohnen würde. Ich interpretierte da vielleicht zu viel rein, aber es wirkte einfach so, als ob er hoffte, dass ich es noch mieser erwischt hätte und er sich an meinem vermeintlichen Elend heraufziehen könnte. Bäh! Solche Typen kotzen mich ja dann mehr an als mich mit meinem Wohnbezirk verbindet:

„Ich? Ach, in Charlottenburg. Altbau nahe dem KDW. Alter Mietvertrag, da geht das finanziell ohne Probleme …“

Fies? Vielleicht.

Aber wer meint, sich über seine Wohnsituation zu definieren, der darf gerne eine Etage unter mir Platz nehmen. 🙂

PS: Das war in all den Jahren der erste (!) Marzahner, der sich hier ernsthaft unwohl gefühlt hat. Insofern gehe ich davon aus, dass es eigentlich nicht wirklich am Stadtteil, sondern doch mehr an der eigenen Einstellung liegt …

Feierabenddeals

Wie gut so ein paar Stunden Schlaf extra einem manchmal bekommen können, davon kann ich Euch heute ein Liedchen singen. Ich lass die wörtliche Umsetzung aber besser bleiben, denn momentan ist mein Schlafrhythmus meines gestrigen „überraschenden“ Zahnarztbesuches wegen etwas aus den Fugen geraten und hat hier und da durchaus was mit Schmerzen zu tun, weswegen ich in jeden Singsang gelegentlich kleine verstörende Auas einstreuen würde.
Und in Anbetracht des letzten Satzes bin ich mir nicht sicher, ob mein Ibuprofen nicht irgendwelche psychoaktiven Bestandteile hat.

Aber das mit dem Müdesein und dem Wunsch nach Schlaf und Ruhe ereilt einen ja auch gelegentlich gegen Feierabend – vermutlich nicht nur als Taxifahrer. Aber bei uns liegt die Sache ja wieder mal ein bisschen anders, weil unser Feierabend in den Augen vieler Menschen offenbar verhandlungsoffener ist als der anderer Dienstleister. Das aber wiederum wollen wir ja manchmal auch nicht anders.

Nach meiner Schicht am vergangenen Wochenende war ich aber eigentlich bereits an dem Punkt, an dem ich keine Kompromisse mehr eingehen wollte. Ich hab die Fackel – was wirklich selten ist – bereits vor dem Abstellplatz ausgeschaltet und war ein klein wenig verärgert, als ich auf der Haltestellenanzeige einen „Außer Betrieb“-Hinweis zu lesen bekam. So lange die Bahnen morgens noch im 30-Minuten-Takt fahren, orientiere ich mich da nämlich gerne dran und teile mir die Zeit ein wenig ein. Wenn ich nur noch wenig Zeit habe, beeile ich mich mit dem Schichtabschluss, dem Einpacken, Aufräumen etc. – wenn mir noch zwanzig Minuten verbleiben, rauche ich auch gerne erst einmal neben dem Wagen eine und setze mich danach in aller Ruhe noch einmal ins Warme, bevor ich unnötig lange an der Haltestelle selbst, nur 50 Meter entfernt, rumgammle.

Und nun? Außer Betrieb.

Mit ungewissem Zeitplan ließ ich die 1925 auf den Parkplatz rollen, drehte die Musik leiser und fing an, mir die Schichtdaten zu notieren. Da stand er dann plötzlich und fragte, ob ich noch fahren würde. Puh, nee, also echt nicht. Ich hatte meine 10 Stunden fast runter, der Umsatz war ok soweit, so langsam sammelte sich der Schweiß im Hemd, ich war müde.

Aber wenn man dann so dran denkt, wie lange man sonst manchmal auf eine Tour wartet … ich werde da halt doch auch mal schwach.

„Nee, eigentlich nicht. Feierabend. Ich war lange genug draußen, sorry.“

„Bitte.“

„Wohin soll’s denn gehen?“

„Ich muss nach Karlshorst.“

Verfluchter Mist! 20 € gleich. Auf dem Silbertablett ohne Wartezeit serviert! Das ignoriert sich irgendwie schwer, wenn man zwar müde und fertig – aber doch ganz guter Laune!  – ist. Auf der anderen Seite: Das sind auch nochmal deutlich über eine halbe Stunde Zeitaufwand, dann wäre es … shit! Soo spät?

„Nee, tut mir leid. Das ist mir jetzt echt zu weit.“

„Dann vielleicht wenigstens zur Rhinstraße? Ich warte hier schon ewig und die Bahn kommt nicht.“

(mit anderen Worten: die Bahn kommt ziemlich bald – und schließlich ist das die, die ich auch zu nehmen gedachte)

„Also Landsberger-, Ecke Rhinstraße? Das wäre ok?“

„Ja, Hauptsache ich bin hier mal weg!“

„Na gut …“

Ein Novum, wenn ich der letzten fünf Jahre richtig entsinne. Um das Fahrtziel hab ich mit der Kundschaft meines Wissens nach noch nicht gefeilscht. 🙂 Bietet sich auch wenig Anlass zu, ich hab’s auch nur gemacht, weil ich mich rein technisch schon außer Dienst gesehen hab.

Das Ergebnis hingegen war für mich OK. Nur mal kurz die Landsberger rauf würde fast einen Zehner bringen und um die Zeit dank Verkehr allenfalls 10 Minuten – inklusive Rückweg – kosten. Also hab ich ihn doch noch eingesackt. War auch ein netter Kunde, zu jeder anderen Zeit hätte ich ihn auch ans andere Ende der Stadt oder des Landes gefahren. Für den Moment war der Kompromiss aber auf beiden Seiten so das gerade noch tragbare Maximum. Und was soll’s? Am Ende isses ja ok, so lange es passt.

Zum Sex überreden …

Nee, mir wäre nicht eingefallen, meine Kundin unangemessen anzubaggern. Ich bin schließlich glücklich verheiratet. Das aber soll der Wirt einer Kneipe getan, nämlich gesagt haben:

„Also wenn Du nicht mit mir schläfst, dann kriegste hier kein Bier!“

Bitte WAS?

Ich weiß, solche sexistischen Entgleisungen sind hierzulande immer noch viel zu verbreitet, aber mein Erstaunen war dennoch recht komplett. Diese Worte stammten nämlich nicht von einer gerade erst volljährigen Gymnasiastin, sondern von einer resoluten Frau, die meiner Schätzung nach ihren sechzigsten Geburtstag schon eine Weile hinter sich hatte.
Vielleicht aber war es in dem Fall auch eine etwas fragwürdige Haltung zur Wahrheit, sie hatte nämlich schon gut einen im Tee und wirkte alles andere als vertrauenserweckend. Dass sie mich überdies hinaus stets nur mit „Schatzi“ anredete, rundete den kuriosen Auftritt nur noch ab.

Eine Kneipe „hier in der Gegend“ wollte sie empfohlen haben, aber alle, die ich auch nur mit Namen kannte, waren ihrer Meinung nach aus verschiedensten Gründen nicht in Ordnung. Puh!

Glücklicherweise spielte sich das Ganze unweit des Boxhagener Kiezes ab, so dass ich immerhin sagen konnte, wir könnten ja mal schauen, ob wir dort was finden.

„Ich will ja nich‘ alleine sein heute. Aber als Begleitung will ich nur meinen Schwips!“

Ich war ehrlich froh, dass sie in ihre Planungen nicht noch den zufällig vorbeifahrenden Taxifahrer mit einbezog. Denn sowas ist mitunter deprimierender als alles andere.

Ich bot eine Kurzstrecke an, worüber sie sich sehr freute. In dem Fall waren mir die vielleicht zwei Euro auch wirklich egal. Wir schlugen uns bis zur ersten Kneipe durch und sie freute sich. Verhalten. Denn:

„Aber nicht, dass das sowas ist, wo man sich freimachen muss …“

Na klar. So ganz alle beieinander hatte sie offenbar wirklich nicht. Ich hab sie nach einem Blick ins Fenster des Lokals (Da waren wirklich keine nackten Menschen, so sehr ich es mir auch gewünscht hätte!) beruhigt und das schien ihr zu reichen:

„Na dann will ich das mal versuchen! Was kriegst Du, Schatzi?“

„Kurzstrecke hat gereicht. Also 4,00 €.“

„Hier haste fünfe. Kannste behalten!“

Das ist doch mal schön. 🙂

„Obwohl, nee …“

Bitte was? Sollte ich das Trinkgeld jetzt wieder rausrücken? Fiese Scheiße ey!

„Ich hab hier doch noch was, Schatzi. Ich weiß doch, Du arbeitest auch hart!“

Und so kullerten dann nochmal 90 Cent in meine Hand.

Nichtsdestotrotz: Ich hab keine Ahnung, ob ich das jetzt als gute oder schlechte Fahrt abspeichern soll …

Kleine Unfälle …

…halten die Werkstätten bei Laune. Oder so ähnlich. Die Leser, die mir auf Twitter folgen, haben es gestern Abend bereits mitgekriegt: mein Samstag begann mehr oder minder mit einem Schock. Nicht nur, dass ich spät aufgestanden bin, nein, ich bin auch noch aufgestanden, weil mein Tagfahrer angerufen hat. Er hatte einen Unfall.

„Shit, isses schlimm?“

„Naja, ick bin nich‘ schuld.“

Aha.

„Ein paar Risse inner Schürze vorne“ waren das Ergebnis einer unachtsamen Rückwärtsfahrt des Unfallgegners. Wusste ich nun aber erst einmal auch nicht, wie genau ich mir das – vor allem mengenmäßig – vorzustellen hatte. Man kann sagen, dass es offenbar ein guter Treffer war:

„Was guckt dein Taxi so?“ – „Schwieriges Leben. Gespaltene Persönlichkeit.“ Quelle: Sash

Klar, alles nur Plastik. Im Grunde wär der Spaß am Ende genauso teuer, wenn es nur ein Riss wäre. Aber das jetzt – relativ kurz vor ihrer Außerdienststellung – noch mal groß optisch was an der 1925 gemacht werden muss, ist natürlich irgendwie blöd. Aber, nie vergessen: Schlimmer geht immer!

Sash = glücklich?

„So, dann wären wir bei genau 7,80 €.“

„Du hast Glück: Du kriegst mein ganzes Kleingeld!“

Sprachs und schüttete ihr Portemonnaie in meine Hand um. Ergebnis: 7,90 €.

Seltsame Definition von Glück. 0.o