Baecker, Hans (1)

(Gleich vorweg: Alle Namen, auch Straßennamen sind dieses Mal definitiv erfunden. Aus Gründen.)

Die Uhr zeigte 5:31 Uhr am frühen Sonntagmorgen an, ich nahm meine Papiere von der zerknirscht dreinsehenden Polizistin entgegen und fuhr mit äußerst gemischten Gefühlen nach Hause. Es war fast noch ein bisschen früh, aber nach der Tour war mir nicht danach, eine weitere anzunehmen. Was für ein beschissener Abschluss für eine Samstagsschicht!

Eigentlich jedoch beginnt die Geschichte wesentlich früher, so gegen 4.00 Uhr etwa. Man kann ohne schlechtes Gewissen behaupten, dass der Abend bislang nicht sonderlich großzügig zu mir war. Es hat von 19.15 Uhr bis 2.30 Uhr gedauert, um auch nur einen einzelnen Hunderter Umsatz einzufahren. Wenigstens ging es danach etwas flotter voran. Als ich am Frankfurter Tor an die rote Ampel heranrollte, hatte ich fast 140 € auf der Uhr – ich sah gewisse Chancen, den Schwan* noch vollzumachen.

Der CD-Player ließ gerade „die Speicherstadt“ auf Repeat laufen (gar nicht wirklich meine Musikrichtung, aber mit einem leichten Anflug von Müdigkeit treibt einen der Beat doch recht zuverlässig durch die Hauptstadt.), und damit muss ich wohl die Aufmerksamkeit von Hans Baecker auf mich gezogen haben. Er überlegte einen kurzen Moment, dann wackelte er behende und mit breiten Beinen auf mein Auto zu. Ich drehte die Musik schnell nach unten, ein bisschen Professionalität gehört dazu. Und obwohl er mich ohne sie nicht wahrgenommen hätte, wirkte Hans Baecker nicht wie ein Liebhaber schneller Beats. Dazu war er schon mal mindestens zu alt.

Er blickte hastig hin und her, dank seiner gebeugten Gehweise konnte er dabei kaum bis über die Fensterlinie meines Autos sehen – selbst aufrecht maß der Mann höchstens 1,60 Meter. Er klammerte sich an seiner hellbraunen Leinentasche fest und fragte mich, ob ich ihn zum Markgrafendamm bringen könnte. Na klar, warum auch nicht?

(Fortsetzung gegen 12 Uhr)

*ein Kollege hat letztes Jahr das Wort Schwan für 200 € Umsatz erfunden – die geschwungene Form der Zwei hatte ihn dazu inspiriert. Seitdem verwenden einige meiner Nachtschichtkollegen die Formulierung gelegentlich am Stand und mir gefällt sie. 🙂

9 Kommentare bis “Baecker, Hans (1)”

  1. Ralf sagt:

    Ohhh diese Spannung! 🙂

  2. elder taxidriver sagt:

    Aus Tagesspiegel vom Sonntag:

    Am Landwehrkanal. Eine Gruppe Kinder rennt Richtung Ufer und stellt sich an die Böschung.
    Ein Junge schaut ungläubig auf das Wasser und ruft: ‚ Boah Alter, kuck mal die krasse Riesenente!‘
    Es ist ein Schwan.

  3. Sash sagt:

    @Ralf:
    Ich habe davor gewarnt!

    @elder taxidriver:
    Dabei finde ich „krasse Riesenente“ auch eine Bezeichnung, die offiziellen Charakter verdient hätte. Ich stelle mir das toll vor in einem Nachschlagewerk … 😉

  4. Tk sagt:

    Schwäne sind Enten!

  5. Bernd K. sagt:

    und was für krasse 🙂

  6. Ana sagt:

    „… und so fuhr ich zufrieden durch die Straßen, die krasse Riesenente hatte ich ja schon vollgemacht…“
    gekauft.

  7. […] Moment lang musste ich an Hans Baecker (ff) […]

  8. […] mutierte Monster halten. Prostituierte, die in Naturalien zahlen wollen; vergiftete Rentner und verwirrte Obdachlose (Text in mehreren Teilen). Darüber hinaus hatte ich den Nahostkonflikt live im Auto und einen […]

  9. […] Das kann trotzdem alles im Sand verlaufen. Von Hans Baecker hab ich auch nie wieder was gehört. Vielleicht ist der Kerl ja dement und mittellos, was weiß ich […]

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