Zitat der Woche

Ich muss einleitend ein wenig erklären, worum es geht. Am vergangenen Wochenende war in Berlin die Hölle los und an fast allen Clubs war die Schlange lang. Teilweise sehr lang. Ich selbst verstehe ja ehrlich gesagt auch nicht, weswegen man anderthalb Stunden mit Anstehen rumbringen muss, um eine Party zu feiern – aber für Besucher angesagter Clubs ist das wohl Teil ihres Lifestyles.

Die Truppe, die ich im Auto hatte, hab ich am Sisyphos eingesammelt, von wo sie offenbar wegen der zu langen Schlange geflohen waren. Eine bunte Gesellschaft, in verschiedenfarbige Gewänder gehüllt, eine Frau und vier Männer. Dazu teilweise englischsprachig. Hier und da hörte ich Beschwerden, dass das mit dem Schlangestehen ja soooo doof sei und ob es nicht einen Club gäbe, der gut wäre und keine Schlange hätte. Ansonsten sei Heimfahren eben das Gebot der Stunde.

Und dann sagte die einzige Frau in der Runde folgenden Satz:

„Guys, sorry, I try to be honest: you wanna go out in Berlin? Then grow some fucking balls!“

🙂

Irgendwas ist ja immer …

Ich sollte den Titel für das Arschloch des Jahres nicht so vorschnell im Juli vergeben, aber bei der geringen Quote an Ärgernissen, die mir unterkommen, könnte das schon stimmen. Im Artikel zur Finalnacht hatte ich schon angekündigt, dass ich eine Fehlfahrt hatte. Und sie zwischen den Zeilen sogar halbwegs quantifiziert. Hier dann der etwas genauere Nachtrag: es waren exakt 22,00 € und das Ganze ging so:

Wie ausnahmslos alle Fahrten war es eine Winkertour. Ich nahm ihn an ziemlich ungünstiger Stelle für sein Fahrtziel auf, denn er wollte von Prenzl’berg nach Schöneberg und es gab dort einige Staus und komplett verstopfte Stellen. Der junge Kerl war zwar schon reichlich angetrunken, aber hauptsächlich des Fußballs wegen komplett ausgelassen und attestierte meinem recht groben Umweg absolute Richtigkeit und betonte, dass er so auch mit dem Fahrrad fahren würde.

Er schwankte zwischen ausgelassener Euphorie und eher stillem Philosophieren, beides auf sehr angenehme Art und Weise. Und als wir dann merkten, dass wir auch über den Potsdamer Platz nicht kommen würden, war abermals er es, der mich drängte, einen großen Umweg zu fahren. Südlicher, durch Kreuzberg. Da war ein illegales Wendemanöver mit dabei, aber Lust auf Stau hatte keiner von uns.

Am Ufer angekommen habe ich eine im Nachhinein betrachtet schlechte Entscheidung getroffen: anstatt dem Landwehrkanal folgend einen weiteren Umweg zu fahren, wollte ich über den Mehringdamm und die Yorckstraße. Selbst deren Sperrung wäre noch umfahrbar gewesen, so weit in den Süden musste er. Kaum dass ich an der Obentrautstraße als letzter Umfahrungsmöglichkeit vorbei war, empfing mich ein sich tatsächlich nicht auflösen wollender Stau. Die Straße war komplett dicht – trotz Polizei vor Ort war einfach kein Durchkommen. Eine Ausweichmöglichkeit bot sich nicht mehr. Mich hat die Sache auch gefuchst, aber meinen Fahrgast hat es heftiger erwischt. Aus seiner Sicht war ich schuld. Nicht, dass er einen anderen Weg vorgeschlagen hätte, aber das wüsste man doch.

Dass der Mehringdamm bei Fußballweltmeisterschaftsfeiern immer dicht ist?

Wir haben’s uns eigentlich recht gut gehen lassen. Mal aussteigen, eine rauchen, ist ja kein Ding. Wirklich entspannter sind wir beide nicht geworden, aber dass er einfach abhaut und mich dort stehen lässt, das hätte ich nicht von ihm erwartet. Um ehrlich zu sein, habe ich durchaus noch zwei drei Minuten auf eine Rückkehr gehofft. Tja, war aber wohl doch ein Idiot mehr auf der Welt als ich zu hoffen glaubte.

Die Kohle ist mir eigentlich recht egal dabei. Mich hat der Mist inklusive Stau zwar über eine halbe Stunde Zeit gekostet, aber im Grunde wurden meine Erwartungen an die Nacht ja sowieso permanent übererfüllt. Besser noch: am Ende des Staus (der einzigen Wendestelle, die all die Vollhonks vor mir offenbar nicht benutzen wollten -.-) hatte ich schon wieder neue Kundschaft und dieser Typ hat mir dann, nachdem ich ihm die Story erzählt hatte, gleich einen Fünfer Trinkgeld vermacht, womit die Hälfte meiner persönlichen Verluste umgehend ausgeglichen waren. Es ärgert wie immer viel mehr, dass der Abgehauene das am Ende vielleicht noch cool, vernünftig oder gerechtfertigt findet.

Hast ’nen Taxifahrer in einer ausweglosen Situation, in die er deinetwegen gekommen ist, um 20 € gebracht – wow! Friedensnobelpreis und eine Siegerurkunde fürs Teilnehmen am Gehirnjogging sind Dir sicher!

Aber wie bei allen Fehlfahrten gilt: man sollte sich eigentlich keinen großen Kopf drum machen. Bei mir war der wirkliche Ärger nach 2 Touren bereits verflogen und ich hab den Abend noch genossen. Und wenn ich mir jetzt überlege, wie er das seiner Freundin zu Hause (die das Taxi zahlen sollte) erklärt oder wie er in einem klaren Moment Schiss gekriegt hat, ich könnte ihn vielleicht noch erwischen, dann hat er vermutlich mehr verloren bei der Sache als ich. Ein ausgebuffter Profibetrüger war der Clown nämlich sicher nicht.

Lustige Feiern

Reichlich grenzwertig hat mich eine Kundin mitten an einer Ampel angehalten. Ich wollte noch rechts ranfahren, aber da war sie schon vors Auto gelaufen.

(Jens, warst Du das hinter mir? Sorry, ich konnte nix anderes machen!)

Entsprechend der waghalsigen Aktion war sie auch ein wenig angetüddelt. Eine Kurzstrecke zu einer kleinen Straße, die ich auch nur kenne, weil sie in der Gegend liegt, in der ich ständig fahre, 500 Meter vom Berghain entfernt.

„Na, Party vorbei. Oder Feierabend?“

„Beides. War so ’ne Firmenfeier.“

„Oh, ok. War’s denn wenigstens gut?“

„Kann man so sagen. Gut, dass ich jetzt erst mal eine Woche frei hab. Hab mich etwas danebenbenommen.“

„Oh, ok …“

„Ja, ich hab Hinternfotos gemacht und die dann rumgezeigt.“

Menschen. 🙂

Arbeitseinstellungen

Nachdem ich es heute morgen bereits darüber hatte – eines muss ich doch wirklich mal mit einem fetten „WTF?“ kommentieren:

Während ich heute Nacht mit Kundschaft durch die City cruiste, fiel mir ein Aufkleber auf der Heckklappe eines anderen Taxis auf. Ich hab da „fährt mit Erdgas“ stehen, viele Kollegen haben dort Hinweise angebracht, dass nur der Fahrer die Klappe öffnen darf. Aber auf diesem Taxi stand in epischer Breite:

„Taxifahrer werden bezahlt, um Ihren A… sicher zu befördern, nicht um ihn zu küssen!“

Nur echt mit dem Auslassungszeichen! Wer wird denn hier „Arsch“ sagen!?

Mal im Ernst: Geht’s noch?

Es ist nicht so, dass ich der Aussage des Aufklebers nicht zustimmen könnte. Natürlich bieten wir eine Dienstleistung an, die – inklusive einiger Nebenleistungen – doch recht scharf umgrenzt ist, und dass wir uns von Kunden selbstverständlich nicht alles gefallen lassen müssen, bloß weil sie uns fürs Fahren bezahlen.

Aber wie frustriert bitte muss man von seinem Job sein, um ausgerechnet diesen Spruch für alle sichtbar spazieren zu fahren? Ist „Ick hab keen Bock, mir rumkommandier’n zu lass’n!“ wirklich das, was man potenziellen Kunden als erstes auf die Nase binden muss – auch wenn die gar keine Anstalten machen, sich daneben zu benehmen? Wie ungefähr 90 oder 95% der Leute. Nee, das kann’s doch echt nicht sein!

Und liebe Kollegen, die ihr das „doch nicht schlimm“ findet: Wie sehr mögt Ihr die Kunden, die einsteigen mit den Worten: „Nee, mach mal Zehner Festpreis, Ihr Taxifahrer zockt uns doch eh alle ab!“?

Eins über Soll

Während ich z. B. dem Schichtumsatz eigentlich nie eine Grenze nach oben setze, versuche ich andere Dinge besonders selten vorkommen zu lassen oder einzuschränken. Ich versuche beispielsweise Umwege gering zu halten oder nehme nie mehr Personen mit, als mit meinem Fahrzeug erlaubt. Ebenso versuche ich, die Zahl ausgepackter Geschlechtsorgane auf ungefähr null zu halten. Wobei ich da in der letzten Reihe z.B. wirklich überhaupt keinen Einfluss drauf habe.

Nun hab ich’s letzte Schicht dann trotz besseren Wissens nicht aktiv unterbunden. Einfach weil ich dem angetrunkenen und nicht mehr auf der Höhe seiner sexuellen Leistungsfähigkeit befindlichen jungen Mann die Pein ersparen wollte, dass ich durchaus gesehen habe, was er da ungelenk zu verstecken suchte.
Seine Entblößung hatte auch nix mit meiner Wenigkeit zu tun, sondern eher mit seiner Freundin neben ihm. Man mag den beiden mangelnde Rücksicht bescheinigen, aber wenn ich ehrlich bin, hab ich als Taxifahrer schon viel schlimmeres gesehen als einen verstörten Typen, der sich seine Nudel beim Versuch einklemmt, mich nix sehen zu lassen.

Und bevor jetzt die Schreie kommen von wegen „Verunreinigung“ des Autos: da hab ich ein Auge drauf gehabt. Also währenddessen eher im übertragenen Sinne. Aber den Geräuschen nach war das wohl der erste Fall, wo der Mund einer alkoholisierten Dame mein Auto vor Verunreinigung bewahrt hat, statt eine solche herbeigeführt zu haben. Und über diese Ironie alleine kann ich mich schon genug amüsieren.

Abgesehen von der spärlichen Unterhaltung (man beachte: es gab dennoch eine!) war es eine angenehme und lange Tour und die beiden müssen jetzt im schlimmsten Fall (eines der wenigen Beispiele, in denen das Lesen von GNIT den worst case darstellt) damit leben, dass ich offenbar mehr über ihr Sexualleben weiß als ihnen lieb ist. Aber dafür haben sie mir auch die schöne Statistik bezüglich ausgepackter Geschlechtsteile versaut, da ist das nur fair.

Grüße in den Bezirk Tempelhof-Schöneberg an dieser Stelle! 😉

Bisher am weitesten verschätzt

hat sich ein Kunde neulich.

Manchmal hab ich so Leute im Auto, die irgendwie ein komisches Bild von Taxifahrern haben müssen. Sie sind verwundert, dass ich mich vernünftig artikulieren kann und glauben dann ziemlich schnell, dass ich ja eigentlich kein „richtiger“ Taxifahrer sei.

Was ein „richtiger“ Taxifahrer ist, darüber lässt sich sicher streiten. Aber hey, ich hab mir die Mühe gemacht, die Ortskundeprüfung für Berlin zu machen, kann mich an diesen Aufwand gut erinnern und fahre gerne Leute von A nach B. Selbst wenn ich inzwischen nicht mehr Vollzeit für meine Chefs arbeite, glaube ich durchaus ein „richtiger“ Taxifahrer zu sein. Und, bei allem Schreiben nebenher: auch darauf bin ich stolz!
Es ist zwar „nur“ eine Dienstleistung im Niedriglohnsektor, aber wenn man den Job gut machen will, dann fordert er einen auch.

Doch schon des Alters wegen ist die Frage danach, ob ich nebenher studiere, immer noch oft Thema im Auto. Ich antworte inzwischen mit einem Augenzwinkern und sage, dass es noch viel klischeehafter sei und ich nebenher schreibe …

Student grundsätzlich ist also eine häufige Zuordnung. Nun aber das:

„Wow! Jurastudium abgebrochen oder noch dabei!?“

Dabei haben die beiden Fahrgäste angefangen und mich nach meiner Meinung zu UberPOP gefragt. Da kommt man ohne juristische Fachtermini nicht aus, sorry … 😉

Für mich persönlich kann ich das inzwischen als Wertschätzung akzeptieren und würdigen. Aber wenn ich mich im Kollegenkreis so umsehe: Im Gegensatz zu mir haben die meisten anderen tatsächlich eine Ausbildung oder ein Studium  und meistens ein bisschen Berufserfahrung in ganz anderen Branchen hinter sich. Unterschätzt uns Taxler bloß nicht! 😀

PS: Zumindest in Berlin ist Taxifahrer wirklich kein üblicher Studentenjob mehr. Und zwar – Überraschung! – weil die Anforderungen (Ortskundeprüfung) so hoch sind, dass sich der Aufwand für zwei oder drei Semester kaum lohnt, da man sich mitunter ein halbes bis ganzes Jahr nur auf den Job vorbereiten muss.

Beförderungspflicht

Dass „Kollegen“ kurze (das könnte man auch in Anführungszeichen setzen) Fahrten ablehnen, ist ja leider nix neues. Nun ist das mit dem Ablehnen von kurzen Fahrten aber eine schwierige Sache. Nicht einmal wegen der formalen Verletzung der Beförderungspflicht und dem Verweigern der freien Taxiwahl für die Kunden. Nein, denn es wäre ja sogar machbar, dass kurze Fahrten bis xy km irgendwer von hinten macht. Könnte man ja kommunizieren, würde in ein paar Jahren sicher klappen.

Nun gibt es aber zwei Sorten Vollpfosten hinter Taxilenkrädern: Die einen, die glauben, sie müssten kurze Touren nicht fahren, weil sie schon so lange gewartet haben – und die anderen, die glauben, Kunden müssten gefälligst das erste Taxi am Stand nehmen. Eine ziemlich unschöne Situation könnte jetzt entstehen, wenn an einem Stand diese beiden …

Unwahrscheinlich? Zu hypothetisch?

Diese Message hat mir Christian gestern Abend via Facebook zukommen lassen:

Hey Sascha,

lange nicht mehr mit Dir gefahren! Ich schreibe Dir heute aufgrund einer Taxi-Geschichte, die meine Frau S. heute in Berlin erlebt hat und die Du vielleicht verbloggen möchtest. S. ist heute abend in einem Hotel in Nähe des Hbf eingecheckt und wollte anschließend mit dem Taxi zu Mr Vuong in der Alten Schönhauser Straße fahren. Zugegeben ist das nicht die allerlängste Route, aber immerhin. Sie geht also zum nächsten Taxistand, wo ein Großraumtaxi an erster Stelle steht. Der Fahrer lehnt die Fahrt aber ab – nur eine Person befördere er nicht. S. hat das verstanden, immerhin standen noch einige Kollegen mit normalgroßen PKW am Stand. Jetzt aber das Kuriose: alle weiteren Fahrer weigerten sich, meine Frau zu befördern, weil sie den Kollegen an erster Stelle nicht überholen wollten. Obwohl der sich wie gesagt geweigert hat zu fahren. Das Ende vom Lied: S. ist mit der S-Bahn zum Hackeschen Markt gefahren und von dort gemütlich gelaufen. Von weiteren Taxifahrten wird sie zumindest in Berlin erst einmal Abstand nehmen. Manchmal verstehe ich Deine Kollegen nicht (und freue mich, dass Du da anders denkst).

Beste Grüße von Deinem treuen Leser Christian

So, wieder ’ne Kundin verloren. Applaus!

Je nachdem, welches Hotel es genau war, müssten das immer noch 7 bis 10 € Umsatz gewesen sein. Der berlinweite Schnitt soll bei 12 € etwa liegen. Und dabei könnte es eigentlich so einfach sein: Lächeln, die Fahrgäste ans Ziel bringen und an ganz harten Tagen einfach erst am Ende der Schicht das Geld zählen.

PS:

Bevor der Einwand kommt: Dass der Kollege die Fahrt einzelner Personen ablehnt, ist erstens auch nicht ok und zweitens glaube ich das ohnehin erst, wenn das mal einer bei einer 40€-Tour passiert. Sowas hab ich seltsamerweise noch nie gehört …