Sucherei

Ich musste unwillkürlich an das Sprichwort mit dem Hund und der Pfanne denken, als ich die beiden Winker sah. Schon wieder welche! Die Nacht lief super und jeder weitere Winker sollte daran natürlich einen Anteil haben.

Die beiden Jungs, vielleicht 20 Jahre alt und mit einer Hautfarbe gesegnet, die man als latent rassistischer Spitzenpolitiker in einem EU-Land als „gut gebräunt“ bezeichnen könnte, blickten mich etwas ratlos an, waren dann aber zumindest froh, dass wir uns gut auf Englisch unterhalten konnten. Sie wollten in einen „It-Club“ – der natürlich keine Adresse hatte. Kaum drei Minuten später haben wir uns immerhin auf eine Schreibweise einigen können: AET-Club, oder nur AET. Aber ganz sicher AET. Kommunikationsfail ausgeschlossen dank Buchstabeneingabe im Navi.

Der sagte mir gar nichts.
Der sagte dem Robertha gar nichts.
Und, das vielleicht bedenklichste – er sagte auch Google nach einer kurzen und dank Smartphone eingeschränkten Suche gar nichts.

Ob diese Fahrt zustande kommen würde, war also höchst unklar. Denn ich will das einfach nicht mehr machen: dieses suchende Herumkurven mit ungewisser Ankunft. Am Ende besteht immer die Gefahr, dass man als Taxifahrer natürlich schuld ist. Ob am nicht gefundenen Club oder einfach nur am hohen Preis bis dorthin. Und wenn Ortskunde, Robertha und Google nicht helfen können, dann muss man auch mal zugeben, dass es eine reichlich schwierige Adresse ist.

Mein neugewonnener Möchtegern-Kunde vertröstete mich kurz und begann damit, gefühlt das komplette Adressbuch durchzutelefonieren. Und nach meiner Schätzung hatte sein Handy 64 GB Speicherplatz. Nur fürs Adressbuch.

Die meisten Telefonate freilich kamen gar nicht zustande, da es fast vier Uhr morgens war und er offenbar einige Kumpels mit vernünftigen Schlafenszeiten hatte. Ein paar Wortfetzen wechselten allerdings dann doch den Besitzer und so bekam ich als Ansage den Alexanderplatz. Zum einen nicht gerade eine bombige Tour von der Friedrichstraße aus, zum anderen für meinen Geschmack immer noch ein bisschen grob. Der Alexanderplatz ist schon in der Ortskundeprüfung ein Ungetüm, aber im Wissen, dass manche Berliner den Alex gedanklich vom Schloßplatz bis zum Volkspark Friedrichshain und vom Straußberger Platz bis zur Jannowitzbrücke verorten, war meine Sorge übers Auffinden eines Clubs immer noch präsent. Gut, im eben genannten Gebiet wäre mir zwar eine Handvoll eingefallen, aber eben keiner mit dem gewünschten Namen.

Aber mir wurde versichert, dass man den Platz erkennen würde, wenn wir am Alex wären. Also Uhr an und los. Jetzt hatte ich so viel Zeit mit den beiden Jungs rumdiskutiert, jetzt wollte ich die Tour auch machen!

Kaum dass wir auf Unter den Linden angekommen waren, eröffnete ein weiteres Telefonat als Adresse dann die Rosmarinstraße (die mir dank einer anderen Fahrt dauerhaft im Gedächtnis geblieben ist). OK? Das war nun wirklich irrwitzig, da das – noch dazu Ecke Friedrichstraße – kaum 300 Meter Luftlinie vom Startpunkt entfernt gewesen wäre. Und wir inzwischen gut 12 Minuten miteinander zugebracht hatten …

Aber – ein bisschen hab ich mich ja sogar darüber gefreut – dank der perversen Sperrungen dort sind wir auf einem mehr als nur abenteuerlichen Weg letztlich am Club gelandet:


Größere Kartenansicht

(Am Ende stimmt die Route übrigens nicht ganz, denn ich habe durchaus an der Ecke Friedrichstraße/Behrenstraße das Angebot gemacht, sie sollten die paar Meter laufen. Aber den Weg über die Behren- in die Charlottenstraße wollte Google Maps mir gerade nicht erlauben.)

Was kaum zu glauben, dafür umso schöner war: Die beiden zeigten mir sichtbar stolz den Clubeingang und bezahlten die inzwischen aufgelaufenen 8,40 € trotz des Trubels und des Irrsinns der Fahrt mit glatten 10 €. Ich war trotzdem froh, dass die nächsten Winker mich für sogar etwas mehr Geld nicht einmal die Hälfte der Zeit gekostet haben. Aber wie sagt man so schön: Ende gut, alles gut! 🙂

Sash, der Kasten-Weise

Manchmal sind sogar Idioten ein Grund, sich zu freuen. Ehrlich!

Klar, ein bisschen kennen wir das alle, wenn wir uns schadenfroh irgendwelche Epic-Fail-Videos auf Youtube anschauen, aber das Reallife ist da nicht unbedingt weniger so. Zum Beispiel am Taxistand. Ich kam gerade am Ostbahnhof an und hab mich gefreut, dass gerade einmal drei Kollegen dort standen. Das versprach eine kurze Wartezeit – und da Zeit bekanntlich Geld ist, war ich eben happy.

Gar nicht happy sahen aber drei Jungs aus, die dort am Stand rumlungerten. Erstaunlicherweise, denn jeder von ihnen hatte einen ganzen Kasten Bier bei sich. Es war dann ein bisschen so, wie es immer beim Flirten ist: Ein paar erwartungsfrohe Blicke wurden ausgetauscht und irgendwann bewegten sich die beiden Seiten aufeinander zu. In diesem Fall kam einer der Jungs zum Taxi und fragte an, ob ich sie denn auch mit den Kästen mitnehmen würde. Was sollte ich da sagen:

„Natürlich. Es sei denn, ich soll die alle trinken. Da müsste ich nach spätestens einem halben Kasten aber ernstlich passen!“

Die Jungs waren – wie man eigentlich schon daran erkennen konnte, dass die Kästen noch voll waren – völlig nüchtern. Chips hatten sie auch noch am Start, es war also ganz offensichtlich der Auftakt zur Party. Die Tour sollte in die Axel-Springer-Straße gehen. Keine rekordverdächtige Tour, aber mit knapp 9 € auch nicht gerade das Schlimmste, was einem passieren kann.

Dennoch hatten alle drei Kollegen die Fahrt abgelehnt. Alle drei!

Keine Ahnung, was die Herren Elite-Chauffeure sich dabei gedacht haben, sie waren schlichtweg Idioten. Die Jungs waren nämlich nett, ruhig, angenehme Fahrgäste in jederlei Hinsicht. Die Kästen haben sie selbst in den Kofferraum gewuchtet und sogar ein durchschnittliches Trinkgeld haben sie am Ende gegeben. Alles nicht aufsehenerregend, aber genau deshalb auch eines: kein Grund, die Tour abzulehnen! Ganz normale Fahrgäste. Nur hatten sie statt Koffern Bierkästen dabei und wollten statt für 8 € zum Paul-Lincke-Ufer für 9 € zur Axel-Springer-Straße.

Ich könnte mich jetzt hier noch eine Weile lang auskotzen darüber, was für arrogante Arschlöcher besagte Kollegen waren. Und das völlig zu Recht. Hab ich aber nicht vor. Denn ich hab mich gefreut, die Kunden haben sich gefreut und am Ende hatten somit alle etwas davon, dass ich die Tour bekommen habe. Abgesehen von den paar Euros, die ich schneller als die Kollegen verdient habe, bleibt mir zudem aber noch etwas, das die drei sicher eher selten zu hören bekommen:

„Yeah, immerhin ein korrekter Taxifahrer in Berlin!“

Panik!!!

Einen kurzen noch, weil mir gerade danach ist:

Der Fahrgast war ein bisschen verplant aber soweit nett. Als wir an der Kreuzung Rosa-Luxemburg-Straße/Torstraße ankamen, fiel ihm beim Blick auf den Kiosk ein, dass er noch Kippen bräuchte.

„Äh, ich spring kurz raus. Ich lass die Tasche hier. OK?“

So wirklich was dagegen sagen wollte ich nicht, aber ich stand auf der Linksabbiegerspur echt ziemlich blöd. Da aber hinter uns frei war, ließ ich ihn raus und rangierte dann ein wenig rückwärts, um das Auto wenigstens rechts an den Fahrbahnrand, bzw. halbseitig auf den Gehweg zu bekommen. Meinen Fahrgast hatte ich bei diesem Manöver erstmal völlig aus den Augen verloren, denn der befand sich jetzt auf der anderen Seite des Kiosks. Da sich aber seine Tasche – offenbar ein Notebook – im Wagen befand, machte ich mir keine Sorgen, dass er jetzt unbemerkt die Fliege macht. Dann allerdings dauerte es. Nach einer Minute sprang das Taxameter wieder an und ich fragte mich, wo mein Fahrgast bleibt. Ein bisschen Nervosität machte sich breit, auf Stress hatte ich ja nun wirklich keine Lust.

Plötzlich kam mir mein Kunde mit weit aufgerissenen Augen von der anderen Straßenseite entgegen. Völlig weggetreten vor Schock. Nachdem er sich unter vielen Danksagungen ins Auto fallengelassen hatte, erzählte er mir dann, dass er ein anderes Taxi hat wegfahren sehen und überzeugt war, ich wäre das gewesen. Und anstatt mal kurz ums Eck zu linsen, wo ich eigentlich stehen sollte, ist er dem wohl noch ein Stückchen panisch hinterhergerannt. Kann man ja mal machen. 🙂

Wie dem auch sei: beidseitige Erleichterung und ein angenehmes Ende mit Trinkgeld. Passt also.

 

Osama und Lisa (3)

Der stressige Teil der Fahrt war damit vorbei. Unwiderruflich. Während ich ihr ein paar halbgare Infos für mein Navi aus der Nase zog, telefonierte Lisa nun abermals mit ihrem Freund und war sichtlich bemüht, ihm zu erklären, weswegen da vorher irgendein Kerl ins Telefon gebrüllt hat, dass sie ihn betrügen würde.

Ich hab die Fahrt auf der Uhr weiterlaufen lassen und ihr ganz explizit mitgeteilt, dass sie die rund 5 € Ersparnis als Entschuldigung für den Anfang der Tour werten solle. Sie indes war trotz der ganzen Osama-Geschichte immer noch heilfroh, überhaupt ein Taxi gefunden zu haben. Mit Freude vernahm ich, dass sie dem Freund am anderen Ende der Leitung sagte:

„Und bring einen Zehner extra mit runter, den hat sich der Taxifahrer aber sowas von verdient!“

Dieser Überzeugung war ich nicht wirklich, denn eigentlich hatte ich sie ja mehr oder minder mit diesem Quatschkopf bekannt gemacht. Aber was ignoriert man nicht alles, wenn man froh um seine Ruhe ist und die letzte Tour mal wieder die gesamte Schicht rettet?

Die Zeit verging wie im Fluge und wir nutzten sie zum ununterbrochenen Reden. Anfangs über solche Flachpfeifen wie Osama, später dann eher allgemein über die Arbeit, das Leben, was halt so anfällt, wenn man müde vom Arbeiten dem sommerlichen Sonnenaufgang entgegenfährt.*

Das Taxameter ratterte lustig vor sich hin und ich hatte eine unglaublich nette und unkomplizierte Kundin an Bord, ich hab wirklich gemerkt, wie Stress und Anspannung komplett von mir abgefallen sind. Die letzten Kilometer waren dann mehr eine private Fahrt, wir redeten inzwischen über die Kunden, als wären wir Kollegen und nicht sie etwa Teil meiner Kundschaft. Aber das kenne ich von Gastronomie-Mitarbeitern. Uns eint da tatsächlich einiges und was da gesagt wird, bleibt irgendwie in der Familie.

Zu guter Letzt hat sie ihren Freund zum Bezahlen angeklingelt und als ich vors Haus gerollt bin, wo selbiger schon wartete, zeigte die Uhr 50,60 € an. Einen Zehner hatte ich schon, der nächste wurde mir in diesem Moment gereicht:

„So, das hier ist schon mal dein Trinkgeld!“

Aber es wurde noch besser!

„Und jetzt sag einfach, dass es 50,60 € sind!“

„Aber …“

„Sag es einfach.“

Ich kann das ja nicht. Ich hatte (rund) 40 € offen, selbst wenn das Trinkgeld das Trinkgeld ist. Glücklicherweise hatte ich schon Kasse gedrückt und der Betrag verschwand von der Uhr. Ich drückte mich vor der Lüge und überließ ihr die Ansage:

„Schatz, das sind 50,60 €, ach 50 sind ok! Der Taxifahrer hat das echt verdient!“

Der Freund, ein auf den ersten Blick eher als Türsteher geeigneter Typ mit groben Gesichtszügen, die er weitgehend unter einer Sonnenbrille verborgen hielt, sah für die Uhrzeit und sein sonstiges Erscheinungsbild unglaublich nett und mildtätig ins Auto und reichte mir den Fünfziger. Und obwohl dieser Mensch eine halbe Stunde zuvor extrem seltsame Dinge am Telefon gehört hatte, nahm er es auch allenfalls zur Kenntnis, dass seine Freundin dem Taxifahrer nun noch unbedingt einen Abschiedskuss aufdrücken musste.

Und danach Feierabend. 20 Kilometer über Autobahn und Landstraße, Musik auf Anschlag, ein Lächeln im Gesicht. So muss das.

*Das war ein Bild überdramatisierender Romantik, die Sonne stand schon recht hoch, es war gegen 6 Uhr.

PS: Und falls jemand die Rechnung jetzt nicht verstanden hat: Die Tour hat mir 50,60 € auf der Uhr gebracht und 19,40 € Trinkgeld kamen obenauf. Ich habe mehr als ein Drittel der Kohle in der gesamten Schicht mit dieser Fahrt gemacht und das Ende war zudem entspannend wie kaum irgendwas in den letzten Monaten. Manchmal hat man im Nachhinein gesehen einfach alles richtig gemacht. Und manchmal … naja, fragt Osama, wenn ihr ihn trefft!

Irre Iren

„We come from Ireland!“

So etwas ähnliches hatte ich durchaus erwartet. Die englische Sprache war zwar zu erkennen, aber ihr Dialekt, die Lautstärke und der Alkoholpegel sorgten für einen ziemlich matschigen Singsang. Erfahrungsgemäß sind es dann eben Iren. Sie gehörten zur größten Gruppe Nachtschwärmer – der, die ins Berghain nicht reingekommen sind. Glücklicherweise machte sie das keineswegs so fuchsig wie viele andere, sie waren eher ausgelassener Feierlaune und sahen ihr Abblitzen bei den Türstehern als eine Art zu erwartende Wendung des Spiels „getting drunk in Berlin“.

Einen anderen Club wollten sie natürlich dennoch empfohlen haben. Das Watergate, normalerweise mein erster Vorschlag, lehnten sie gleich ab mit der Begründung, da seien sie schon zuvor nicht reingekommen. Obwohl die drei Jungs jetzt also wahrscheinlich mindestens zwei Stunden an irgendwelchen Clubs angestanden hatten, die sie nicht reinlassen wollten, waren sie noch lustig genug, mich zu fragen, ob ich nicht etwas anderes empfehlen könnte, wo man sie auch wieder wegschickt.

Ich habe dann beschlossen, sie zum Tresor zu bringen. Unter den Clubs in Berlin hat er ja durchaus noch einen brauchbaren Ruf – wobei ich als Nicht-Clubber immer die Vermutung habe, dass da eigentlich gar nicht mehr viel los ist und der Laden einfach nur von seiner Geschichte als erster Techno-Club lebt. Das Schöne an dem Club für mich als Taxifahrer ist, dass ich den Kunden eigentlich immer versprechen kann, dass die Schlange kurz ist. Etwas, das natürlich auch bei den Iren jetzt für Heiterkeit sorgte. Da man auf dem Weg ohnehin dort vorbeikommt, habe ich nebenbei noch das Kater Holzig empfohlen – falls sie später doch noch was anderes in Laufnähe suchen sollten. Obwohl natürlich noch völlig unklar war, ob die Locations ihnen zusagen würden und ich die Weitergabe von Infos – so ich sie habe – einfach nur als netten (aber unspektakulären) Service sehe, schlug die Begeisterung umgehend Wellen. Lautstarke natürlich, Iren und so …

Zu guter Letzt wurde für die Fahrt von 6,80 € ein Fuffi gezückt und ich hab die Jungs gefragt, ob sie nicht vielleicht doch noch etwas kleineres hätten.

„Even some coins would be great. Today I didn’t get any coins …“

Wünsch-Dir-was kann man mit Iren als „best cabdriver in the whole fucking city of big awesome berlin“ erstaunlich gut spielen. Die 6,80 € hatte ich binnen Sekundenbruchteilen beisammen. Als der letzte das Auto verlassen hatte, hatte ich in meiner Hand sage und schreibe 11,50 €. Einer der Jungs beugte sich nochmal ans Fenster und meinte:

„Are this enough coins my friend? I hope not, because I still have one fucking coin left and it would be such a fucking great pleasure to give it to you!“

Allen Ernstes! Damit hatte ich dann zwölf Euronen und war finanziell besser bedient, als hätte ich die Truppe trinkgeldlos bis nach Charlottenburg verfrachtet.

Auch wenn die Ausdrucksweise der Jungs einen starken Hang in Richtung Geschmacklosigkeit hatte: was viele bei den betrunkenen Jugendlichen vergessen, ist, dass sie hier in dieser Stadt sind, um Party zu machen und es jedem danken, der ihnen dabei hilft. Und wenn es durch kleine Informationshäppchen ist. Vielleicht bin ich auch mal zu alt für die Lautstärke. Bis dahin aber lasse ich mir diese Kundschaft nicht schlechtreden. Denn oftmals sind es diese schrägen Vögel, die genau das aufbringen, was vielen anderen abgeht: Wertschätzung für meine Arbeit, echte ehrliche fucking Wertschätzung!

New York, New York!

Die Stadt, in der Nachts scheinbar nur Taxis und Stretch-Limos unterwegs sind, hab ich ja ein wenig in mein Herz geschlossen, nachdem ich vor nunmehr 12 Jahren dort war. Dementsprechend unterhalte ich mich auch gerne mit Fahrgästen von dort. Das hat einen netten Nebeneffekt: Die Trinkgelder steigen signifikant.

Der New Yorker, den ich vor einigen Tagen im Taxi hatte, meinte es offenbar besonders gut mir mir und legte auf die 12,20 € am Ende glatte 7,80 € drauf.

Dafür ein dickes „Thank you!“ in die Stadt, in der 90%  aller Fotos Hochformat haben!

Ein heute eher schwer zu reproduzierendes Bild. Quelle: Sash

Angewandter Optimismus

Nachdem ich mich gestern mal ein bisschen über die Zustände bei uns im Taxigewerbe ausgelassen habe, kann ich heute gleich damit aufwarten, wie man trotzdem nicht vom doch meist recht lustigen Pfad des Lebens abkommt. Aber bevor ich das mache, möchte ich mal den Lesern danken, die diesen Monat über meinen Amazon-Link eingekauft haben! Da kamen dieses Mal recht schnell ein paar Euro zusammen, danke!

Aber gut, weg von mir, hin zu meiner Fahrgästin. Als ich sie aufgegabelt habe, war noch fast April, dem Wetter nach sogar fast Februar. Ein kaltes und matschiges Regenwetter hatte Berlin in seinem Griff und sie hat mich an der Frankfurter Allee rangewunken. Durchnässt bis auf die (in diesem Falle ausnahmsweise ein unbestätigtes Gerücht) Unterwäsche stand sie da und wirkte, als würde sie die letzte verbleibende Kraft aufwenden, um den Arm ein paar Zentimeter zu heben. Ihre langen braunen Haare klebten an Kopf und Klamotten und an diesem Tag habe ich eindeutig bereut, dass ich dem Hitchhiker nicht brav folge und immer ein Handtuch dabei habe.

(A prospos: Übermorgen, 25. Mai, ist wieder Towel-Day! Wenigstens da will ich alle mit Handtuch sehen. Ich nehme meines wie immer mit!)

Wie ein begossener Pudel, gleichsam mit Rehaugen (kommt daher das Wort Püree?) sah sie mich an und fragte ernsthaft, ob sie einsteigen dürfe.

„Ja selbstverständlich, warum auch nicht?“

„Ich bin doch so …“

„Und ich hab nicht ohne Grund Ledersitze! Jetzt kommen Sie rein! Ich dreh die Heizung ein bisschen hoch, ok?“

„Würden Sie mich auch bis nach Steglitz bringen?“

Äh, nee! Das nun sicher nicht. Ich bringe meine Fahrgäste natürlich nie an ihr Ziel, wo kämen wir da hin? Noch dazu ein Ziel im Pflichtfahrgebiet. Völlig absurd!

Da brauchte jemand aber dringend mal ein bisschen Ego-Politur!

Übers miese Wetter scherzend sind wir recht schnell ins Gespräch gekommen und der Heizung wegen auch schnell miteinander warm geworden. Sag ich jetzt zumindest mal so, hört sich nämlich irgendwie logisch an.
Und so wie die Situation gleich von Beginn an aussah, war sie auch. Natürlich stand die engagierte, erfolgreiche und attraktive junge Frau nicht einfach so zum Spaß im Regen und hatte keine Ahnung davon, dass direkt ums Eck auch ein Taxistand gewesen wäre: sie hatte das natürlich nicht geplant. Während sie ihr Büro hütete und dort ihrer Arbeit nachging, hat ein bislang unbekannter Fahrer eines LKW’s ihr Auto einmal längs der Fahrerseite aufgeschrammt und beinahe der Fahruntauglichkeit zugeführt. Und zudem Fahrerflucht begangen. Deswegen stand sie nach einem langen Arbeitstag auf der Straße, durfte sich erst eine Weile mit den Cops auseinandersetzen, Formulare ausfüllen und anschließend ihre Kiste noch zur Werkstatt stottern lassen.

„Dass einem das den Tag vermiesen kann, glaube ich gerne!“

„Ach, wenn es das schon gewesen wäre …“

„Wieso? Noch mehr Ärger?“

„Ich hatte eigentlich den einzig freien Abend diese Woche, um mal mit meinem Umzug voranzukommen …“

„Hm, der ist jetzt natürlich eher vorbei.“

„Ja, und ein Auto dafür hab ich auch nicht …“

„Na das ist ja wirklich eine blöde Situation. Eilt es mit dem Umzug?“

„Wie man es nimmt. Mein Mann hat mich rausgeworfen …“

Nennt mich ein Weichei, aber ich war ja kurz davor, ihr anzubieten, mit dem Taxi beim Umzug zu helfen. So viel Pech kann doch ein Mensch in so kurzer Zeit gar nicht haben, oder?

Das Schöne aber war, dass sie  tatsächlich – wie man immer so schnulzig sagt – das Lachen nicht verlernt hat. Sie hat statt Herumdrückens auf der zweifelsohne prall gefüllten Tränendrüse ihren Optimismus durchscheinen lassen und die Sorgen beiseite gewischt mit ihrer Hoffnung auf einen Neuanfang und der Bemerkung, dass wohl jeder mal irgendwann so ein paar beschissene Momente in seinem Leben hat. Davon hätte sich nicht nur diese Kundin damals eine Scheibe abschneiden können, auch ich selbst konnte nur eine gewisse Bewunderung empfinden, da ich ja auch zu den Leuten gehöre, die bereits rumnölen, wenn ich beim Fernsehen wider Erwarten den Kanal wechseln muss.

Am Ende, nach kurzzeitiger Verwirrung, in welche Richtung der Zielstraße nun ihre neue Wohnung lag, ist sie angekommen und ich habe mir, wie ich es manchmal tue, eingeredet, ihr irgendwie tatsächlich geholfen zu haben an diesem wahrscheinlich blödesten Abend seit Ewigkeiten. Für mich war es zudem lukrativ und Touren wie diese werden immer der Grund sein, weswegen ich meinen Job liebe.