Irre Iren

„We come from Ireland!“

So etwas ähnliches hatte ich durchaus erwartet. Die englische Sprache war zwar zu erkennen, aber ihr Dialekt, die Lautstärke und der Alkoholpegel sorgten für einen ziemlich matschigen Singsang. Erfahrungsgemäß sind es dann eben Iren. Sie gehörten zur größten Gruppe Nachtschwärmer – der, die ins Berghain nicht reingekommen sind. Glücklicherweise machte sie das keineswegs so fuchsig wie viele andere, sie waren eher ausgelassener Feierlaune und sahen ihr Abblitzen bei den Türstehern als eine Art zu erwartende Wendung des Spiels „getting drunk in Berlin“.

Einen anderen Club wollten sie natürlich dennoch empfohlen haben. Das Watergate, normalerweise mein erster Vorschlag, lehnten sie gleich ab mit der Begründung, da seien sie schon zuvor nicht reingekommen. Obwohl die drei Jungs jetzt also wahrscheinlich mindestens zwei Stunden an irgendwelchen Clubs angestanden hatten, die sie nicht reinlassen wollten, waren sie noch lustig genug, mich zu fragen, ob ich nicht etwas anderes empfehlen könnte, wo man sie auch wieder wegschickt.

Ich habe dann beschlossen, sie zum Tresor zu bringen. Unter den Clubs in Berlin hat er ja durchaus noch einen brauchbaren Ruf – wobei ich als Nicht-Clubber immer die Vermutung habe, dass da eigentlich gar nicht mehr viel los ist und der Laden einfach nur von seiner Geschichte als erster Techno-Club lebt. Das Schöne an dem Club für mich als Taxifahrer ist, dass ich den Kunden eigentlich immer versprechen kann, dass die Schlange kurz ist. Etwas, das natürlich auch bei den Iren jetzt für Heiterkeit sorgte. Da man auf dem Weg ohnehin dort vorbeikommt, habe ich nebenbei noch das Kater Holzig empfohlen – falls sie später doch noch was anderes in Laufnähe suchen sollten. Obwohl natürlich noch völlig unklar war, ob die Locations ihnen zusagen würden und ich die Weitergabe von Infos – so ich sie habe – einfach nur als netten (aber unspektakulären) Service sehe, schlug die Begeisterung umgehend Wellen. Lautstarke natürlich, Iren und so …

Zu guter Letzt wurde für die Fahrt von 6,80 € ein Fuffi gezückt und ich hab die Jungs gefragt, ob sie nicht vielleicht doch noch etwas kleineres hätten.

„Even some coins would be great. Today I didn’t get any coins …“

Wünsch-Dir-was kann man mit Iren als „best cabdriver in the whole fucking city of big awesome berlin“ erstaunlich gut spielen. Die 6,80 € hatte ich binnen Sekundenbruchteilen beisammen. Als der letzte das Auto verlassen hatte, hatte ich in meiner Hand sage und schreibe 11,50 €. Einer der Jungs beugte sich nochmal ans Fenster und meinte:

„Are this enough coins my friend? I hope not, because I still have one fucking coin left and it would be such a fucking great pleasure to give it to you!“

Allen Ernstes! Damit hatte ich dann zwölf Euronen und war finanziell besser bedient, als hätte ich die Truppe trinkgeldlos bis nach Charlottenburg verfrachtet.

Auch wenn die Ausdrucksweise der Jungs einen starken Hang in Richtung Geschmacklosigkeit hatte: was viele bei den betrunkenen Jugendlichen vergessen, ist, dass sie hier in dieser Stadt sind, um Party zu machen und es jedem danken, der ihnen dabei hilft. Und wenn es durch kleine Informationshäppchen ist. Vielleicht bin ich auch mal zu alt für die Lautstärke. Bis dahin aber lasse ich mir diese Kundschaft nicht schlechtreden. Denn oftmals sind es diese schrägen Vögel, die genau das aufbringen, was vielen anderen abgeht: Wertschätzung für meine Arbeit, echte ehrliche fucking Wertschätzung!

17 Kommentare bis “Irre Iren”

  1. gala sagt:

    Ja auf Infos von Einheimischen ist man als „Fremder“ am besten angewiesen… Sonst kommt man nicht in die genüsse, mancher Sachen.
    Aber du kennst dich doch aus 😉
    Gibt es eigentlich das „Loch“ noch?

  2. David sagt:

    Simple Geschichte, aber mal wieder schön geschrieben. Was ich mir nicht verkneifen kann: „Hole Fucking“ birgt eine (unfreiwillige) Komik in sich 😉

  3. Klaus sagt:

    Ja ja, die Iren. (Klick) Da stand es 0:4 gegen sie.

  4. gasthier sagt:

    Nach EM und dieser Geschichte ist klar: In meinem nächsten Leben will ich Ire werden!
    Wie gut müssten die erst drauf sein, wenn sie im Fussball mal gewinnen oder bei der Sauftour gleich in den ersten Club kommen?

  5. mm. sagt:

    Fucking great awesome story! 😉
    Falls ich mich mal als Lektor betätigen darf:
    Am Anfang muss ein r dazu: Sie gehörten zu_R_ größten Gruppe Nachtschwärmer
    Und ich schätze, Du bist der “best cabdriver in the _W_hole fucking city of big awesome berlin” 🙂

    Nach den Hinweisen aber noch n Lob: Ich finde deine Geschichten sowohl von Thema und Erzählweise als auch von der Rechtschreibung sehr gut!!

  6. elder taxidriver sagt:

    Schöne Sprachmelodie , das Irish-English. Verkehrsampeln, ‚lights‘ nennen sie ‚the loits‘.
    Einmal bin ich mit Iren am Brandenburger Tor vorbei gefahren und erwähnte, dass nicht mal die Feuerwehr,
    sondern nur die ‚Queen‘ auf Berlin-Besuch da durchfahren dürfte. Einer fragte dann ‚Welche??‘
    Und ich: ‚ From England ‚. Ach so , muß einem ja gesagt werden..

    ..Und jetzt ist man ja ganz schnell bei James Joyce und da möchte ich mal eine Brücke von Joyce zum Taxifahren schlagen:

    In dem Buch ‚Dubliner‘, das sind Erzählungen, gibt es eine, die heißt ‚Zwei Kavaliere‘ . Da wird jemand so beschrieben:

    ‚Er hatte eine unerschrockene Art, in einer Kneipe zu einer Gruppe von ihnen hinzuzutreten und sich wendig am Rande
    der Gesellschaft zu halten, bis man ihn bei einer Runde mitbedachte. Er war ein sportlicher Vagant, ausgestattet mit
    einem gewaltigen Vorrat an Geschichten, Limericks und Rätseln . Er war unempfindlich für jede Art von Unhöflichkeit‘.

    Seit ich das gelesen hatte, lange her, hatte ich diesen Satz im Taxi immer im Sinn, ließ ( meistens) alles abperlen
    wie Wassertropfen an einer Ente:

    ‚Er war unempfindlich für jede Art von Unhöflichkeit’…

  7. Sash sagt:

    @gala:
    Das Loch?

    @David:
    Gut erkannt. Hab heute irgendwie internationalen Tag der Tippfehler oder so 🙂

    @gasthier:
    Vielleicht ist es das große Geheimnis, dass sie das nie werden …

    @mm.:
    Danke für die Hinweise. Ist inzwischen korrigiert. Ich möchte an dieser Stelle nochmal darauf hinweisen, dass ich keinerlei Rechtschreibkontrolle einsetze beim Bloggen …
    Und danke fürs nette Kompliment! 🙂

    @elder taxidriver:
    In der Tat eine sehr schöne Umschreibung. Die sollte ich mir merken.

  8. Ja Wertschätzung.. eine Sache die ich nicht verstehe, wieso Menschen es nicht mal fertig bringen, das mal wirklich zu tun. Wir sehen alles als so Selbstverständlich an, schade.

  9. Blogolade sagt:

    Jaa, die Ir(r)en, das ist ein lustiges Völkchen. Wenn man sich erstmal dran gewöhnt hat, dass das Fluchen da zum guten Ton gehört bei allen Altersklassen und dass auch (kleine) Söhne ihre Väter mit „fucking bastard“ anreden, kann man mit denen sehr viel Spaß haben 😀

  10. elder taxidriver sagt:

    Das ständige ‚fuckin‘.. Ich habe dann oft den Fahrpreis mit ‚fucking 13.40‘ oder so, angesagt; kam immer gut rüber..

  11. elder taxidriver sagt:

    sorry, aber ich habe immer noch ‚ please‘ hinzugefügt..

  12. Sash sagt:

    @alltagimrettungsdienst:
    Grundsätzlich ist es natürlich einfach nur menschlich: schließlich kann nicht alles besser als alles andere sein. Schon der Logik wegen. Aber ich weiß, was Du meinst, keine Sorge!

    @Blogolade:
    O ja, man kann 😀

    @elder taxidriver:
    OK, das versuche ich auch mal 🙂

  13. Blogolade sagt:

    Spaß sehr, aber es war auch erschreckend. Die Iren die ich kennenlernte, gehörten zum fahrenden Volk und waren in Italien unterwegs. Sie verdienten genug um immer neue Anziehsachen zu kaufen, die Kinder wussten nichtmal, dass man Anziehsachen auch waschen kann. Das war der erste Kulturschock. Der zweite mchte mich noch trauriger. Die lernten weder lesen noch schreiben, haben nie eine Schule besucht. Einige wenige konnten ihren Namen schreiben, das wars. Der Chef der Truppe konnte etwas schreiben, der war für Behördenkram (schnell weg) und Rechnungen zuständig.
    Dadurch dass sie irische Pässe hatten und nirgendwo so richtig gemeldet waren, fielen sie offenbar überall aus der Schulpflicht und auch die Eltern waren Analphabeten, sodass sie ihren Kindern nix beibringen konnten, außer, wie man Kleidung kauft.
    Am Ende hatte ich zwar viele Abende lustig verbracht, war aber dennoch ziemlich geschockt.

  14. Sash sagt:

    @Blogolade:
    Na das ist ja auch eine ganz andere Geschichte! Aber krasse Sache! Tut mir verdammt leid um die armen Kinder! 🙁

  15. Blogolade sagt:

    Naja, die fühlten sich ganz wohl, so zwanglos aufzuwachsen. Aber wir hatten ihnen dann mal vorgelesen und Geschichten erzählt, da haben sie vielleicht doch gemerkt, dass was fehlt. Nur haben sie leider keinen Einfluss auf ihr Leben, sie müssen mitkommen, von Campingplatz zu Campingplatz, von Baustelle zu Baustelle. Ausbrechen geht nicht. Du willst auf die Schule? Geh doch, in einem Land dessen Sprache du nicht sprichst, wir ziehen jetzt weiter. Es ist schon mittelalterlich irgendwie, mit ca 14 fangen die Jungs auch an, auf den Baustellen zu arbeiten. Die Mädels in dem Alter werden teilweise mal mit anderen Clans mitgeschickt und teilweise mal für 1-3 Monate nach Irland gebracht. Man kümmert sich darum, dass sie nicht lange alleine bleiben, früh heiraten und noch ein bisschen kochen lernen vorher. Nicht dass das sehr nötig wäre, man(n) geht essen. Aber dennoch. Wenn sie schon nicht Wäsche waschen können 😉

  16. […] Also ein Ire ohne “fucking” wäre als Kunde ja auch gar nicht gegangen. Am Ende blieb nur etwas Trinkgeld, die nachträgliche Vorstellungsrunde und ein netter […]

  17. […] schon zu Ende. Eines fehlte natürlich noch. Ein Wort, mutmaßlich Bestandteil der irischen Hymne. Ganz […]

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