Planlos

Im Besten Falle läuft eine Taxifahrt natürlich so ab, dass man sich ins Auto setzt und der Fahrer in irgendeiner Form von „Alles klar!“ auf die Fahrtzielansage reagiert und losfährt. In der Praxis klappt das nicht immer. Zu unserer Kompetenz gehört neben einem rudimentären Verständnis für das eigene Fahrzeug und die Kundschaft vor allem die Ortskunde. Was darunter zu verstehen ist, unterscheidet sich je nach Fahrgebiet und wie in jedem Job müssen auch wir hier und da mal Dinge erst nachschlagen oder sonstwie in Erfahrung bringen. Entweder, weil wir mal wirklich mangelhaft informiert sind, manchmal aber durchaus auch, weil Kunden ziemlich obskure Vorstellungen vom Wissensgebiet eines Taxifahrers haben.

Ergo: Ja, manchmal fragt man nach, manchmal zückt man Navi oder Stadtplan und im ein oder anderen Fall – der mir persönlich immer unangenehm ist, aber was will man machen? – fährt man auch mal eine Straße langsam und aus dem Fenster stierend ab, um die eine Bar, die eine Hausnummer oder irgendeine sonstige Wunschadresse zu finden.

Der Kunde, der mir für eine kürzere Strecke am Ostbahnhof ins Auto purzelte, musste in eine Ecke, die mir bekannt war. Dafür wusste er aber von einer anderen Taxifahrt in einer anderen deutschen Großstadt zu berichten, bei der ich dann doch ein wenig schmunzeln musste:

„Wissen sie, wir sind dann irgendwann doch verdächtig oft an derselben Kreuzung vorbeigekommen. Und beim vierten Mal oder so hat der Fahrer dann laut gerufen: Ha, jetzt weiß ich, wo ich hin muss!“

Da wird es dann durchaus strittig, ob die Kommunikation wirklich vorbildlich verlaufen ist. 🙂

Mein Fahrgast gehörte glücklicherweise nicht zu den meckernden und unzufriedenen Taxikunden. Er erzählte die Geschichte mit einer heiteren Leichtigkeit und ließ auch durch das ansehnliche Trinkgeld am Ende durchscheinen, dass er unsere Dienstleistung gerne in Anspruch nimmt. Diesbezüglich hat der Kollege da wohl Glück gehabt. Manchmal gerät man ja durchaus an Typen, die gleich die Augen verdrehen, wenn man bei einer kleinen Straße in einem Wohngebiet nicht gleich die Hausnummer auf der richtigen Seite verortet…

Stasi = Straßensicherheit?

Ich war ja schon froh, nach über einer Stunde Warten am Ostbahnhof eine Fahrt bis fast nach Schönefeld bekommen zu haben. Mal eben schnell 27 € auf der Uhr und dank zufriedener Kundschaft hab ich nicht einmal Wechselgeld rausrücken müssen. Sowas passiert uns Taxifahrern definitiv zu selten!

Wirklich gut wurde es aber, als ich auf dem Rückweg in Altglienicke an einen Winker geriet. Der hatte gerade den allerletzten Bus verpasst und sagte mir eine Adresse an, bei der er hämisch bemerkte, dass ich sie auch im Navi vergeblich suchen könne. Da mein Navi ohnehin nur eine CD von 2008 als Datengrundlage verwendet, schien mir das nicht allzu absurd – worauf er allerdings hinauswollte, war, dass wir in eine Gartenkolonie fahren würden.

Von diesen Kolonien gibt es ja Unmengen in Berlin, seine lag immerhin auch ein Stück weit entfernt. Eine Tour so um die 15 €. Er versprach mir auch gleich, mich zu lotsen und ersparte mir damit, mich wirklich durch die sicher zahlreichen Straßen mit der Nummer 5 zu kämpfen, die Berlin auch ohne die Lauben und Datschen zu bieten hätte.

Unterwegs erzählte er mir angeheitert wie er war von seinem Klassentreffen, davon, dass leider nicht mehr alle von damals leben, die übliche Beichte im Taxi nach 5 bis 10 Bier. Kurz bevor wir die Gartenkolonie erreichten, warnte er mich vor:

„Wenn wir gleich rechts… wat is’n das für’n Auto?“

„Ein Opel.„

„Ach ja, die sind ja etwas höher. Weil mit’m Daimler – haha! – da sind wir hier schon mal festjesteckt!“

Und wie erwartet, war die Straße nicht nur eine Aneinanderreihung von Schlaglöchern. Schlimmer: Zwischen den Schlaglöchern befand sich keine Straße, sondern noch tiefere Schlaglöcher. Bisher hat mein Zafira all diese kleinen Buckelpisten gut überstanden, deswegen hab ich mir auch keinen Kopf gemacht und bin froh von Loch zu Loch gehoppelt mit dem 67-jährigen Rentner, dessen Bauch gelegentlich über die Handbremse schwappte.

Das taten wir gute 3 Minuten lang, relativ stillschweigend. Dann sah er mich an und meinte:

„Weeßte, die Wende is ooch een Jahr zu früh jekommen! Weeßte, wieso?“

„Nein?“

„Na, hier wollten viele vonner Stasi hin. Hätten se allet neu jemacht hier. 1990. Und dann: Nüscht!“

Naja, hat wohl jeder so seine subjektiven Bezüge zur Weltgeschichte 🙂

Wann man kein Trinkgeld will

Die Fahrt war nett und unterhaltsam, dennoch kam am Ende ein ziemlich undankbarer Betrag für Trinkgeldgeber heraus:

„So, dann hätten wir genau 20,00 €.“

So einen Volltreffer auf einen vollen Zehner landet man nun auch nicht alle Tage. Die Kundin gab mir einen Zwanni und begann in ihrer Geldbörse zu kramen.

„Ach Mensch, jetzt hab ich nur noch Rotgeld, und ich würde ihnen doch gerne noch Trinkgeld geben.“

Nach einer Minute hatte sie es fast aufgegeben und meint zu mir:

„Wenn ich ihnen jetzt einen Euro extra mit einem Fünfziger bezahle, ist das auch nicht das Wahre, oder?“

Ist ja nicht immer einfach mit dem Wechselgeld. Aber das Schicksal war gnädig. Ihre Hosentasche gab zu guter Letzt den Betrag noch her 🙂

Schreiben ist Arbeit!

„Machen sie 14. Und eine Quittung bräuchte ich.“

„Danke. Benötigen sie Start- und Zielpunkt oder reicht Stadtfahrt?“

„Stadtfahrt ist ok.“

„Schön. Da bin ich bei ihrer Adresse ganz besonders dankbar…“

Mehr Buchstaben als die Straßennamen in ganz Paderborn zusammen... Quelle: Sash

Richtungswechsel

Die Taxihalte am Ostbahnhof ist zweckmäßig organisiert, keine Frage. Für Kunden ohne Ahnung ist sie schlicht nicht verständlich. Die ersten 4 bis 5 Taxen halten ganz links vor den Ausgängen. Über die gesamte Länge der Bahnhofshalle befinden sich auf der anderen Straßenseite die Nachrückeplätze. Kein Wunder, dass insbesondere Kunden, die einen Ausgang weiter rechts vermuten, meist das erste Taxi irgendwo gegenüber am Beginn einer der nachstehenden Rücken vermuten.

Schlimm ist das nicht wirklich. Im Gegensatz zu manch anderer Halte ist es zumindest nachts am Ostbahnhof wirklich kein Problem, ein Taxi von weiter hinten zu nehmen. Es ist selten, dass sich unter die vielen Stammfahrer dort ausgerechnet irgendwelche Niesel verirren, die das mit der freien Wahl der Taxe nicht so genau nehmen.

Eine besonders interessante Vermutung hat sich nun aber bereits seit Ewigkeiten unter den Kunden breit gemacht: Die, dass die Taxen auf der jeweiligen Seite nur in diese Richtung abfahren können. Sicher, es ist nicht unangenehm, zu Fahrtbeginn nicht wenden zu müssen, andererseits sind die meisten Taxifahrer durchaus mit der Steuerung ihres Fahrzeugs vertraut und erfüllen auch solche Wünsche gerne 😉

Viele Kunden fragen aber, welches das erste Taxi ist oder wo sie einsteigen müssen. Da hilft man gerne und verweist auch mal auf den ersten. Wenig Zeit für Erklärungen ließ mir aber eine Frau, die schnurstracks auf mich zuschritt, obwohl ich mitten in der Schlange der ersten Nachrücke stand.

„Sagen sie, wie würden sie von hier zum Kotti fahren? Hier runter?“

Dabei deutete sie in Richtung Mühlenstraße. Es soll ja Kollegen geben, die das versuchen, aber das verdoppelt die Strecke beinahe. Also antworte ich wahrheitsgemäß:

„Nein, natürlich nicht. Ich würde in die andere Richtung und dann über die Schillingbrücke…“

„Danke!“

hörte ich noch von ihr, dann drehte sie sich um und stieg gegenüber ins Taxi des Ersten ein. Ich schwör euch, bis ich das geblickt hab, muss ich ziemlich dumm in die Landschaft gestarrt haben.

Erhöhtes Beförderungsentgelt

Manchmal gelingt es ja: Man haut als Taxifahrer am Ostbahnhof ab und hat in der Straße der Pariser Kommune Winker. Im Extremfall liegt das daran, dass die Leute zur falschen Seite aus dem Bahnhof raus sind, meist sind es aber welche, die eigentlich den Bus nehmen wollten und jetzt das Warten leid sind.

Naja ich hab es auf jeden Fall mal wieder geschafft. Eine Kundin um die 30, die mich erst einmal fragte, wie das denn jetzt mit der Kurzstrecke genau ist. Ich hab ihr das mit den 2 Kilometern und den 4 € gesagt, darauf hingewiesen, dass ein Zwischenstopp nicht möglich ist, die üblichen Erklärungen zum Kurzstreckentarif eben.

Sie war sehr interessiert und fragte zuletzt aber nur, ob das denn dann bis zum Boxhagener Platz etwa reichen würde. Ich bejahte und sie kramte in ihrer Handtasche gleich nach einem Fünfer. Am Boxi hab ich sie nach einigem Gegurke durch die anliegenden Straßen dann rausgelassen, nachdem wir uns ein kleines Bisschen über den Preis der Kurzstrecke unterhalten haben. Sie gehörte nicht zu den Nörglern, sondern war wirklich aufgeschlossen und hat die Tour auch ohne Rückgeld haben zu wollen mit dem Fünfer bezahlt. Als sie ausstieg, sagte sie dann:

„Weißt du, was witzig ist? Eigentlich bin ich ja nur aus dem Bus gesprungen, weil die da heute kontrolliert haben…“

[insert Fazit here]

Die Rettung schlechthin

Manche Touren müsste man sich ausdenken, wenn es sie nicht gäbe. Macht man auch manchmal. Wenn ein Monat so richtig beschissen läuft, träume ich auch gerne mal von der Tour „Nach Hamburg und zurück“. Das wäre in meinen Augen so ziemlich die optimale Tour. Ziemlich das Maximum, was man ohne großen Tank-Stress unterwegs mit meinem Erdgas-Opel hinbekommt, noch dazu ohne Leerkilometer und in einer Schicht locker schaffbar. Die Wahrscheinlichkeit natürlich, dass ich tatsächlich ausgerechnet in einem schlechten Monat (oder überhaupt mal) eine Tour nach Hamburg und zurück bekomme, geht natürlich gegen Null. Ist halt ein schöner Traum, der einem so manche miese Stunde versüßt.

Im Kleinen gibt es sowas natürlich auch für jede Schicht. Jeder noch so miese Tag lässt sich durch eine Tour nach Frankfurt/Oder noch erträglich bis hammermäßig machen und wenn ich mal ausnahmsweise am Bahnhof Zoo stehe, finde ich auch die Idee reizvoll, 2 Kunden in Spandau und Marzahn abzuliefern, um dann gleich Feierabend zu machen. Dass es eigentlich immer anders läuft, braucht man kaum zu erwähnen. Meist kommt es dann eher so, dass man für sein Umsatzziel noch 12,20 € braucht und eine Tour für 9,80 € bekommt…

Jetzt am Wochenende hatte ich allerdings wirklich mal beinahe unverschämtes Glück. Der Freitag zog sich und zog sich und zog sich.  Das einzig Positive in der ganzen Zeit war die Tour mit Jo. Was mein Taxameter dabei zusammenzählte, war für Montags gerade mal gut genug. Unfassbar miserable 115 € hatte ich auf der Uhr, als ich mich um kurz vor 5 Uhr morgens, 2 Stunden vor der Übergabe des Autos, genervt an den Ostbahnhof gestellt habe. Ich stand an dritter und damit letzter Stelle und plötzlich standen zwei Mädels neben mir am Auto. Die Frage kam mir vor wie ein schlechter Scherz:

„Sagen sie, was würde es kosten, wenn wir erst nach Hellersdorf und dann nach Potsdam fahren?“

Für die Nichtberliner sei hier gesagt, dass Hellersdorf vom Ostbahnhof aus rund 10 Kilometer in östliche, Potsdam hingegen 30 Kilometer in südwestliche Richtung liegt. Also insgesamt locker 50 Kilometer Fahrt, allerdings ohne ewig weit aus der Stadt rauszumüssen. Doof wie ich bin, hab ich natürlich nicht einfach gesagt, dass es 100 € Festpreis sind, sondern angemerkt, dass diese Tour vielleicht mit 2 Taxen doch sinnvoller wäre. Meine spätere grobe Schätzung von 80 bis 90 € sollte sich als gar nicht so schlecht erweisen, ich weiß allerdings immer noch nicht, wieso man so etwas als Fahrgast macht.
Die beiden haben kurz einen Hunni von der Bank geholt und ich hab derweil Blut und Wasser geschwitzt, ob sie es sich nicht nochmal überlegen. Tatsächlich hatten die beiden eher Sorge, die Tour wäre unangenehm für mich (Wieso bitte?) und waren sogar noch ausgesprochen dankbar fürs Mitnehmen, wenngleich meine Kollegen mich wahrscheinlich vor Neid umgebracht hätten, wenn sie gewusst hätten, wohin es gehen soll 🙂

Wäre das Geld nicht trotz dieser Menge ein begrenzender Faktor gewesen, hätte ich sogar über den Ring fahren sollen – ich schätze mal, das wären nochmal 20 Euro mehr geworden…

Die Tour hat letztlich trotzdem über eine Stunde gedauert und exakt 86,80 € eingebracht. Auf einem Weg, der ein guter Kompromiss zwischen schnellster und kürzester Route war. Meine Fahrgästin hat die Zeit genutzt und geredet und geredet. Ich bin – obwohl selbst in Gesprächen ein sehr quasseliger Typ – kaum zu Wort gekommen. Als wir die letzten paar Kilometer über die Avus antraten, ist sie erschöpft eingeschlafen.

Mit 10% Trinkgeld bin ich dann spätestmöglich, aber mit akzeptablem Umsatz auf den letzten Drücker in den Feierabend gegurkt. Es ist selten, dass alles auf einmal passt. An diesem Morgen war es ausnahmsweise mal so.