Nicht verwechseln Du sollst

… die Straßen in Berlin.

Die Freitagsschicht war ja sehr ertragreich. Hauptsächlich durch zwei Umlandsfahrten – aber nicht nur. Von einer der sicher bald erwähnten Touren befand ich mich gerade auf dem Rückweg. Der Gastank war kurz davor, schlappzumachen. Kilometer hatte ich schon mehr verballert als Euro eingenommen, eine Nebenwirkungen langer Fahrten nach außerhalb; da reichen die 18 kg auch mal nicht ganz eine Schicht lang. Also knapp gereicht hätte es sicher, aber man will ja nicht mit leergelutschtem Tank dastehen, falls noch eine weitere Tour anfallen sollte.

Da ich aus dem tiefsten Südosten kam, bin ich an die Tanke am Blockdammweg rangefahren. Da tanke ich nur selten, meist liegt das nicht so wirklich auf dem Weg. Aber es ist günstiger als in der Innenstadt, da hat das mit dem leeren Tank jetzt gut gepasst.

Während ich ein bisschen mit den Augen rollte, weil das Tanken von Erdgas immer so lange dauert, betraten 4 weitere Protagonisten die Szenerie. Dem Outfit nach HipHopper, aber schon ziemlich müde. Sie liefen zum Tankstellenshop, aber die Türe war zu. Das Konzept Nachtschalter kannten sie offenbar nicht, also schlappten sie entmutigt zu mir. Als sich einer der Jungs ein Herz fasste und mich ansprach, glaubte ich, meinen Ohren nicht zu trauen:

„Sag mal, wo ist hier denn der Havanna-Club?“

Das hat mich erst einmal ein wenig überfordert, denn DAS Havanna konnten sie schlecht meinen. Das liegt in Schöneberg. Unweit unserer Position – in Schöneweide hingegen gibt es noch eine Bar mit dem Namen. Auf der anderen Seite: Nach „Ausgehen in Schöneweide“ sahen die auch nicht wirklich aus.

„Meint ihr das Havanna, den bekannten Club?“

„Ja, schon. Was läuft da so?“

„Soweit ich das irgendwie sagen kann, eher Latin und so …“

„Ja, genau Mann!“

„Ähm … das ist am anderen Ende der Stadt. Hauptstraße in Schöneberg.“

„Aber das ist doch hier die Hauptstraße …“

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Da waren die Jungs schon mal mindestens 3 Kilometer lang die Hauptstraße in Rummelsburg runtergelaufen. Nach eigenem Bekunden sogar mehrmals auf und wieder ab. An der Ecke Blockdammweg heißt sie sogar schon eine Weile nicht mehr Hauptstraße. Und der von ihnen gesuchte Club machte ohne sie schon mal Party, knappe 10 Kilometer Luftlinie entfernt. Kannste Dir nicht ausdenken, sowas!

Aber klar: Touris aus Augsburg, leicht verloren in der großen Stadt und nun fertig mit der Welt. Also fragten sie, was es mit dem Taxi kosten würde. Ich hab mein Navi angeschmissen und ihnen gesagt, dass das deutlich über 20 € wären. Am Ende sind wir sogar über die Autobahn, ein bisschen Umweg, aber deutlich schneller.

„Hauptsache sitzen!“

Darauf etwa beschränkte sich der Anspruch der Jungs. Ach so, das mit dem Nachtschalter hab ich ihnen davor auch noch erklärt. Somit konnten sie sich auf der Fahrt bereits mit Getränken und Gummibärchen ein wenig stärken. Manchmal sind wir Taxifahrer aber auch wirklich die Rettung in jeglicher Hinsicht. Hat in dem Fall 27,80 € und 2,20 € Trinkgeld gekostet. Sollte für einen geretteten Partyabend für 4 Leute ein halbwegs guter Tarif sein. 🙂

Das war übrigens einer der Hunnis an diesem Abend.

Einstiegspreis …

Ich hatte es angedeutet: Ich hatte eine Diskussion um den Einstiegspreis im Taxi. Der ist natürlich doof. Hey, 3,20 € (hier in Berlin) auf der Uhr, noch bevor der Taxifahrer sich überhaupt bewegt hat? Was is‘ dat denn?

Klar, als Kunde verstehe ich das. Ehrlich. Das ist ja auch irgendwie … kacke. Oder? Ich meine, wer würde sich das Geld nicht gerne sparen?

Aber ja, ganz so grundlos ist das alles natürlich nicht. Denn, das hab ich auch dem Kunden erklärt, ich war ja bislang nicht untätig. Das Geld ist keine ominöse Spende an meinen Chef oder gar eine unverantwortlich blöde Gebühr, für die die Regierung verantwortlich ist, sondern lediglich ein Ausgleich für die Arbeit die erbracht wurde, bevor der Kunde ins Taxi steigt.

Denn anstatt gemütlich im Wohnzimmer vor dem Fernseher oder dem PC zu sitzen, stellen wir Taxifahrer uns bereit. Entweder wir halten an einem Taxistand oder wir fahren irgendwohin, wo wir glauben, dass dort Kundschaft sein könnte. Sicher: Mal fahren wir nur 20 Meter leer (ohne Kundschaft) vor uns hin, bis ein Winker uns Arbeit verschafft – anderenorts fahren wir aber auch mal 10 Kilometer, um uns dann eine Stunde an eine Halte zu stellen, bevor wir einen Auftrag kriegen.

Aber was ist der Mehrwert für den Kunden?

Nun, so komisch es klingt: Dass wir da sind. Dass wir entweder Samstag Nacht um 2.54 Uhr direkt vor dem Club stehen oder dass wir am Dienstag Mittag um 13.32 Uhr nur drei Minuten bis zum  entsprechenden Hotel brauchen. Meist haben wir Taxifahrer bereits vor der Fahrt Arbeitszeit investiert, um Euch abzuholen. Nicht immer geplant, natürlich. Manchmal haben auch wir Glück und bekommen einen Auftrag nach einer Minute oder vor dem nächsten Haus. Im Durchschnitt aber warten wir auf eine Tour. Fahrend oder stehend. Und damit wir nicht z.B. Kunden benachteiligen, die in Vororten wohnen, erheben wir nicht z.B. zwölfmal 10 Cent, achtmal 1,40 €, zweimal 6,10 € und einmal 23,40 €, sondern die Pauschale von 3,20 €. Die Zahlen sind erfunden und passen sicher nicht, aber sie erklären das Prinzip ganz gut. Vielleicht bietet sich auch ein Vergleich mit Versandkostenpauschalen im Einzelhandel an: Schließlich weiß jeder, dass ein kleines Päckchen keine 6 € kostet. Wenn aber mal eines per Luftpost nach Timbuktu fällig ist, kann der Versender das mit der Pauschale ausgleichen.

Dass Taxen vor Ort verfügbar sind, ist nunmal kein Hexenwerk, sondern die Arbeit der Taxifahrer. Auch wenn sie ausnahmsweise (und die Berliner City mag manchmal wie eine einzige Ausnahme erscheinen) immer überall und zahlreich zur Verfügung steht.

Mein Kunde hat das wie folgt kommentiert:

„Egal, ist trotzdem doof!“

Der Meinung kann man sein. Ich fand den entsprechenden Kunden ja zum Beispiel auch ganz nett, nach der Aussage aber trotzdem, ja, ähm … doof.

Zu viel Verkehrsberuhigung?

Das mit der Verkehrsberuhigung ist so eine Sache. Eine eigentlich eindeutige: Wenn sie funktionieren soll, dann muss sie Autofahrer stören. Meine eigene Bequemlichkeit als Autofahrer mal zum Maß erklärend kann ich das unterschreiben. Ich bin zwar kein Raser, aber natürlich bremse ich ungern unnötig. Und, um ehrlich zu sein: Ich teste auch gerne manchmal, was möglich ist.

Die in der Bouchéstraße ausgelegten Holperschwellen zum Beispiel: Die sind zwar fies, weil ich da mit meinem Opel Zafira bei 30 km/h ziemlich derbe Schläge kassiere, die dem Auto sicher nicht gut tun. Also bremse ich ab und rolle im Schritttempo drüber? Muss ich persönlich – obwohl sonst gerne vorbildlich – leider verneinen. Wenn es drei Uhr morgens ist, kein Mensch auf der Straße und keine Kundschaft im Auto, dann fahr‘ ich da einfach 45 km/h. Das ist zwar nicht legal, funktioniert dank der Trägheit aller beteiligten Fahrzeugkomponenten aber so super, dass ich es mir nur schwer verkneifen kann. Denn dann merke ich von den Schwellen gar nix mehr und komme auch noch schnell voran …
Ist jetzt halt nicht gerade das, was die Leute sich dort beim Bau gedacht haben, das ist mir schon klar. 😉

Da sind die deutlich höheren Schwellen am Lausitzer Platz schon besser. Ja, sie nerven wirklich extrem – aber dafür fahre ich dort halt entweder extrem langsam oder – sicher noch besser für die Anwohner – vermeide die Durchfahrt nach Möglichkeit.

Letzteres scheint im Wedding irgendwie geplant zu sein. Die dort verteilten erhöhten Steinplatten (die hatten doch auch so eine schöne Eigenbezeichnung: „Weddinger Kissen“ oder so …) erfüllen überwiegend ihren Zweck, vereinzelt allerdings schießen sie ein bisschen übers Ziel hinaus. In der Utrechter Straße z.B. komme ich öfter mal vorbei – berufsbedingt halbwegs notwendigerweise – und da setzte die 1925 bislang immer mit der Schnauze auf. Selbst wenn ich nur alleine im Auto war und sehr langsam fuhr.
Das ist nicht schlimm, es geht hier nur um eine Gummilippe unterhalb der Stoßstange, wirklich zu Schaden kam dabei nix. Aber mein Auto ist nun wirklich recht geländetauglich gewesen von der Bauform her. Die Überhänge hatten eine moderate Länge und der Zafira lag auch nicht wirklich tief auf der Straße. Mit anderen Worten: Wenn ICH da schon an die Grenze kam, dann ist die Straße für wahrscheinlich einen Großteil der anderen Fahrer da draußen nicht befahrbar.

Wenn DAS das Ziel ist, dann macht man das richtig! Man könnte dort eine Fußgängerzone oder eine reine Fahrradstraße einrichten. Die Straße ist ohnehin zu klein, um wirklich wichtig zu sein. Aber was für einen Sinn gibt es bitte, eine Straße für Tempo 30 freizugeben, wenn sich jeder zweite dort das Auto beschädigt? Ich als Ortskundiger kann die Straße meiden, mich muss das nicht jucken. Aber wenn ich dort jemanden besuchen wollte und mein Navi würde mir die Route vorschlagen … na herzlichen Dank auch, Berlin!

Leute gibt es …

Klar, das könnte man immer schreiben. Aber der heute nacht war wirklich ein Spezialfall. Ich hütete die erste Position am Stand, schon so auf Kundenfang fixiert, dass ich bereits eine Passantin unerwünschterweise angelabert hatte, die sich offenbar für die Werbung auf der 1925 interessierte.

(Das ist ja ein ganz eigenes Thema: Ab wann kann ich Kunden als solche ansprechen, wenn sie nicht direkten Blickkontakt suchen?)

Aber gut. Ich wartete so vor mich hin, bin dann wieder ausgestiegen, um eine Zigarette zu rauchen und kurz danach trat von hinten jemand an mich heran. Auf der Fahrerseite. Schon selten genug. Dass er kein Taxi haben wollte, hab ich gleich gesehen – woran auch immer. Daran, dass er ein wenig verratzt und betrunken daherkam, kann’s nicht gelegen haben. Solche Leute fahre ich ja dauernd. 😉
Er war schätzungsweise um die vierzig, blickte glasig durch die Gegend und kratze sich am Kinn, das bereits vom Bartwuchs einer ganzen Woche gezeichnet war. Er blickte an mir hoch, seine Augenbrauen hoben sich mit und er setzte einen fragenden Gesichtsausdruck auf. Kam mir ziemlich bekannt vor, denn gelegentlich werden wir Taxifahrer am Ostbahnhof von ein paar Obdachlosen nach Kippen oder Kleingeld angeschnorrt. Er hatte allerdings nur eine Frage:

„Samma, Meista: Dis is Berlin, oder?“

„Ähm, ja.“

„Reichshauptstadt?“

„Nee, das nun nicht mehr wirklich …“

„Aber Hauptstadt? Ohne Reich.“

„Darauf können wir uns einigen.“

„OK, dann’s jut.“

Und dann isser ungelenken Schrittes im Bahnhof verschwunden.

WTF?

Nochmal zum Waterclub?

Manchmal ist das mit den Zielangaben der Leute so eine Sache. Ja, den „Waterclub“ neulich hab ich richtig identifiziert. Schwieriger wird’s, wenn die Leute das alles nur so ungefähr meinen.

„To the Watergate!“

„OK, no problem.“

Gut, eine kurze Tour vom Ostbahnhof, aber was soll’s?

„You know where all the bars are? Koperkikus?“

„Kopernikusstraße? Yes, but this is another direction from here.“

Wenn die Leute ins Vergnügungsviertel rund um die Simon-Dach- (und auch Kopernikus-)Straße wollen, nehme ich immer die Nordroute über die Grünberger, weil sie kürzer ist.

„OK, the bars!“

Hab ich also schnell noch den anderen Weg eingeschlagen.

„You know that famous restaurant?“

„Which one?“

„At the Watergate, äh, it’s nearby … the ‚Warseraw Streer‘ maybe?“

„Warschauer Straße?“

„Yes, by the station. Isn’t that in Kreuzberg?“

OMFG! Man ist als Taxifahrer vielleicht manchmal ein bisschen pingelig mit den Ortsangaben, aber das hat schlicht keinen Sinn ergeben. Natürlich liegt das alles nicht weit auseinander. Aber bei einer Strecke von maximal zwei Kilometern machen anderthalb Kilometer eben schon was aus. Ich hab mich, da ich eh schon auf der Grünberger war, an die Aussage mit den Bars gehalten. Zum Watergate hätte ich sie auch bringen können, aber an der Ecke Grünberger/Simon-Dach waren sie glücklich und sind ausgestiegen. Also denn. Zu welchem Restaurant in welchem Stadtteil sie wollten und was das mit dem Watergate zu tun hat, habe ich nicht mehr rausgefunden. Hab ich ihnen so auch gesagt. Gab trotzdem glückliche Gesichter und einen Euro Trinkgeld. Manchmal ist raten halt doch besser als nix …