Zu viel Verkehrsberuhigung?

Das mit der Verkehrsberuhigung ist so eine Sache. Eine eigentlich eindeutige: Wenn sie funktionieren soll, dann muss sie Autofahrer stören. Meine eigene Bequemlichkeit als Autofahrer mal zum Maß erklärend kann ich das unterschreiben. Ich bin zwar kein Raser, aber natürlich bremse ich ungern unnötig. Und, um ehrlich zu sein: Ich teste auch gerne manchmal, was möglich ist.

Die in der Bouchéstraße ausgelegten Holperschwellen zum Beispiel: Die sind zwar fies, weil ich da mit meinem Opel Zafira bei 30 km/h ziemlich derbe Schläge kassiere, die dem Auto sicher nicht gut tun. Also bremse ich ab und rolle im Schritttempo drüber? Muss ich persönlich – obwohl sonst gerne vorbildlich – leider verneinen. Wenn es drei Uhr morgens ist, kein Mensch auf der Straße und keine Kundschaft im Auto, dann fahr‘ ich da einfach 45 km/h. Das ist zwar nicht legal, funktioniert dank der Trägheit aller beteiligten Fahrzeugkomponenten aber so super, dass ich es mir nur schwer verkneifen kann. Denn dann merke ich von den Schwellen gar nix mehr und komme auch noch schnell voran …
Ist jetzt halt nicht gerade das, was die Leute sich dort beim Bau gedacht haben, das ist mir schon klar. 😉

Da sind die deutlich höheren Schwellen am Lausitzer Platz schon besser. Ja, sie nerven wirklich extrem – aber dafür fahre ich dort halt entweder extrem langsam oder – sicher noch besser für die Anwohner – vermeide die Durchfahrt nach Möglichkeit.

Letzteres scheint im Wedding irgendwie geplant zu sein. Die dort verteilten erhöhten Steinplatten (die hatten doch auch so eine schöne Eigenbezeichnung: „Weddinger Kissen“ oder so …) erfüllen überwiegend ihren Zweck, vereinzelt allerdings schießen sie ein bisschen übers Ziel hinaus. In der Utrechter Straße z.B. komme ich öfter mal vorbei – berufsbedingt halbwegs notwendigerweise – und da setzte die 1925 bislang immer mit der Schnauze auf. Selbst wenn ich nur alleine im Auto war und sehr langsam fuhr.
Das ist nicht schlimm, es geht hier nur um eine Gummilippe unterhalb der Stoßstange, wirklich zu Schaden kam dabei nix. Aber mein Auto ist nun wirklich recht geländetauglich gewesen von der Bauform her. Die Überhänge hatten eine moderate Länge und der Zafira lag auch nicht wirklich tief auf der Straße. Mit anderen Worten: Wenn ICH da schon an die Grenze kam, dann ist die Straße für wahrscheinlich einen Großteil der anderen Fahrer da draußen nicht befahrbar.

Wenn DAS das Ziel ist, dann macht man das richtig! Man könnte dort eine Fußgängerzone oder eine reine Fahrradstraße einrichten. Die Straße ist ohnehin zu klein, um wirklich wichtig zu sein. Aber was für einen Sinn gibt es bitte, eine Straße für Tempo 30 freizugeben, wenn sich jeder zweite dort das Auto beschädigt? Ich als Ortskundiger kann die Straße meiden, mich muss das nicht jucken. Aber wenn ich dort jemanden besuchen wollte und mein Navi würde mir die Route vorschlagen … na herzlichen Dank auch, Berlin!

17 Kommentare bis “Zu viel Verkehrsberuhigung?”

  1. Busfahrer sagt:

    Hm, das zeigt wohl wieder mal, wie realitätsfremd Poltiker und Ämter sei können 🙁

  2. SaltyCat sagt:

    Damals vor dem Krieg *hust* als ich noch für die gelbe Firma mit dem schwarzen Horn gefahren bin, hatte ich eine regelmässige Tour, auf der ich eine mittig platzierte Schwelle passieren musste – also nicht durchgehend vom linken zum rechten Fahrbahnrand. Glücklicherweise (für mich) ist diese einige Millimeter schmaler als die Breite des Radstandes meines damals verwendeten Fiat Ducato … Es hat nicht lange gedauert, bis ich die kontaktlose Überfahrt so weit perfektioniert hatte, dass ich nicht mehr bremsen musste 😉

  3. Falk sagt:

    Die Kissen kenn ich vor allem als „Moabiter Kissen“, die großzügig im Beusselkiez um Emdener Strasse, Wiclefstrasse etc. verbaut sind.

    Sinn dort ist m.E., Durchgangsverkehr zu vermeiden. Das klappt momentan nur bedingt, da die Siemensstrasse eine wahre Staufalle ist. Je länger der Stau, desto weniger stören die Kissen. Allerdings sitzt man hier auch nicht auf…

  4. huppifluppi sagt:

    Leseempfehlung zum Thema „How fast can you hit a speed bump while driving and live?“:
    vom Macher von XKCD:
    http://what-if.xkcd.com/61/

    es bestätigt sich. ohne die moralische komponente gibt es physikalische möglichkeiten diese einbauten vollständig zu ignorieren.

  5. Wurstmann sagt:

    Ich sehe da eigentlich eher eine Einladung, sich einen spritfressenden und sicher auch nicht leiseren SUV zuzulegen.

  6. Hanna sagt:

    Wiclefstr. (wo ich eigentlich zu hause bin) ist nur durch diese Kissen eine gute Wohngegend geworden.

    Am Anfang gab es da aber so einige Pappnasen die gerade Nachts da mit irren Tempo durch kachelten.
    Ich erinnere mich noch ein einen Kombi mit Anhänger der den inhalt seines Anhänger von der Waldstr. bis zur Emdener verteilte. Was er auch erst dort bemerkte. Kein Wunder bei dem Lärm den er mit seinen hoch fliegenden Anhänger verursachte. War ärgerlich, sah aber auch lustig aus.

    Na ja als sich die Leute an die Kissen gewöhnt hatten gab es solche „Spezialisten“ dann kaum noch. ^^

    (wie kann man hier eigentlich ein Avatar nutzen? )

  7. elder taxidriver sagt:

    Über das Thema Verkehrsberuhigung und deren manchmal unerwartete und unbeabsichtigte, teils auch verhängnisvolle Folgen gibt es auch ein sehr erhellendes Kapitel in dem Buch von Dietrich Dörner, ‚Die Logik des MIßlingens‘.

  8. Jo sagt:

    Ich will nicht unken, aber die Speedbumps im Wedding findest du vorzugsweise in den Spielstraßen – wie es die Utrechter auch ist. Insofern finde ich die dort auch ganz angebracht, weil gern ein paar Halbstarke ihre Gebrauchtwagenleasingprollkarren dort sonst mit ca. 70 Sachen durchjagen…

  9. Blogolade sagt:

    Ich hab mich nie getraut, solche Bremshubbel schneller zu überfahren um zu gucken, ab welcher Geschwindigkeit man nichts mehr merkt. Dass die Dinger so realitätsfern gebaut sind, dass man aufsetzt, ist aber heftig! Brauchen die nicht eine Zulassung oder sowas?

    (Hanna: über Gravatar)

  10. ColaCheater sagt:

    Ich kenne das nur vom Dorf in dem Verwandte wohnen. Dort sind es aber keine Kissen sondern „Gräben“.

    Auch hier ist es meistens besser mit >50 drüber zu fahren weil man dann „drüber fliegt“ statt langsam zu machen und durch zu holpern.
    Die ganz tiefen (weiß leider grad keine genauen cm zahlen) die sie an dem Spielplatz eingebaut haben mussten sie nach kurzer Zeit auch wieder ausgraben und deutlich flacher machen. Da war wirkich 70 km/h die beste Lösung um darüber zu kommen und Schäden vom Auto abzuwenden. Für die Stelle wo sie es auf der „Hauptstraße“ vom Ort gemacht haben ist die bequemste Lösung mit einer Seite über den Bürgersteig zu fahren. Dann fällt immerhin nur ein Rad in den Graben. Mit 70 drüber fahren kann man dort „leider“ nicht da direkt danach eine scharfe Kurve kommt.

  11. Aro sagt:

    Genau, Moabiter Kissen (konkurriert aber mit Krefelder Kissen. Die Urhebershaft ist noch nicht entschieden).
    Das allerschönste, weil steilste, ist in Moabit an der Bandelstraße, direkt wenn man von der Birkenstraße reinfährt. Schrittgeschwindigkeit ist dort noch viel zu schnell.

  12. elder taxidriver sagt:

    Offizial-Deutsch: Fahrbahnaufpflasterung, engl. ‚Sleeping Policeman‘

  13. Wahlberliner sagt:

    Zunächst: Warum sprichst Du von der 1925 in der Vergangenheit, so als gäbe es sie nicht mehr, oder als führest Du sie nicht mehr? Hast Du uns da was verschwiegen, Sash?

    Ansonsten fällt mir dazu ein: Für die Paul-Grasse-Str. hier in der Nähe würde ich mir solche „Kissen“* auch wünschen. Die fetten Schlaglöcher im mit Ost-Betonplatten ausgelegten Teil der Straße halten manche Fahrer (fast immer E-Klasse-Taxis!) ebensowenig davon ab, in dieser 30er Zone locker 60 zu fahren, wie das Kopfsteinpflaster in der anderen Hälfte.

    * Kissen ist ja schon eine seltsame Bezeichnung dafür, asoziiert man das doch eigentlich mit etwas Weichem, wo man sich reinsinken lässt.

  14. Gottloser sagt:

    In Viernheim beim Rhein-Neckar-Zentrum gibt es lustige Metallhalbkugeln auf denen wiederum nochmals ein paar Metallhalbkugeln draufsitzen. Sind versetzt hintereinander, so dass man mitm Motorrad auch nicht durch fahren kann ohne da drüber zu müssen. Mitm Auto nervig – mitm Zweirad grade bei Näse sackgefährlich.

  15. Aro sagt:

    @ Wahlberliner
    Ein anderer Name für die Teile ist, wenn auch inoffiziell, „Kindergräber“.

  16. Wahlberliner sagt:

    @Aro: Das ist aber böhse!

  17. Sash sagt:

    @Falk:
    Right! Moabiter Kissen! Das Wort hab ich gesucht! Wobei ich mich an die Kontroverse, die Aro anspricht, auch irgendwoher zu erinnern glaube …

    @huppifluppi:
    Sehr wichtiger Artikel für mehr Verkehrssicherheit. 😉

    @Jo:
    Meine Kritik bezieht sich ja auch nicht darauf, dass man nicht mehr heizen kann. Sondern überhaupt nicht fahren …

    @elder taxidriver:
    Fahrbahnaufpflasterung – herrlich! 😀

    @Wahlberliner:
    Deine Frage erübrigt sich jetzt wohl dank des neuesten Artikels, oder? 😉

    @Gottloser:
    OK, das kenne ich gar nicht.

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