Ein Jahr im Taxi (5)

Das Fahrtende, eine Straßensperre und das andere Rechts:

Dank vorsichtiger Fahrweise, allerlei Unterbrechungen und nicht zuletzt des riesigen Umwegs wegen landeten wir vor dem Bahnhof Karlshorst erst rund eine halbe Stunde nach Fahrtbeginn und immerhin mit satten 24 € auf der Uhr. Letzteres bereitete mir keine großen Sorgen, ich wusste ja, dass er einen Fuffi bei sich trug. Im Gegensatz zum Handy (mit dem er immer noch „telefonierte“) hat er ihn auch nie fallenlassen. Er zückte ihn auch gleich bei der Preisansage, öffnete die Türe und sprach dann:

„Ach nee, komm. Wir machen das anders.“

Abgesehen davon, dass er das natürlich bei weitem nicht so gekonnt ausgedrückt hat wie ich in obigem Satz, sträubte sich mir schon beim grundsätzlichen Gedanken an eine weiterführende Fahrt alles. Ich war endlich auf dem richtigen Weg gen Heimat, der Typ stand kurz vorm Übergeben und so langsam wollte mir nicht einmal mehr ein Fünfer extra irgendwie verlockend erscheinen. Ich hatte auf einen Hunni spekuliert und nun lag der Zeiger auf kurz vor 140 €, was hätte ich mehr erwarten sollen?

„Bring mich mal nach Hause, ist hier gleich ums Eck!“

Also gut. Ich via Navi auf eine kleine Nebenstraße gepeilt, rund zwei Kilometer entfernt. Hut ab, dass er den Weg bis vor einer Minute noch zu laufen gedachte. Das Telefonat mit der Freundin war inzwischen auch beendet und ich glaube, keiner von uns dreien wusste, ob das absichtlich passiert ist.

Als ich auf seine Straße zufuhr, kam uns eine Sperrung in die Quere. Ich versuchte sie zunächst rechts zu umfahren, was allerdings misslang. Links herum schien es zu klappen, dann aber folgte eine zweite Sperrung und die Umfahrung gestaltete sich schwieriger. Meinte zumindest mein Navi. Das wollte nur die gesperrte Straße nehmen, keine andere. Nun schaltete sich mein neuer Freund ein und versuchte mich, mit seinem Smartphone zu lotsen. Was daran scheiterte, dass es ebenso nur die eine Straße als Zufahrt kannte. Ich war drauf und dran, ihn rauszuschmeißen, weil sein Ziel zu Fuß in 200 Metern erreicht gewesen wäre und wir inzwischen locker zwei Kilometer Umweg hin und her durchs Wohngebiet hinter uns hatten. Aber mein Fahrgast war der festen Überzeugung zu wissen, wie wir ankommen.

Am Ende bin ich dann doch durch die eigentlich gesperrte Straße gefahren, mir ist nichts anderes mehr eingefallen. Da standen wir dann an der Kreuzung zum Ziel aller Begierde. Wohin nun? Welche Hausnummer?

„Rechts!“

„Rechts, sicher?“

Ich fragte nicht ohne Grund. Zum einen war der Kerl nach wie vor besoffen, zum anderen war das das äußerst kurze Endstück der Straße und es schienen sich keine Wohnhäuser dort zu befinden.

„Ja ja, einfach rechts!“

„Und dann?“

„Weiter.“

Und so standen wir dann vor dem abgeschlossenen Tor eines Industriegeländes. Man gönnt sich ja sonst nichts. Also drehen, abermals nachfragen, hin und her manövrieren – und am Ende war natürlich klar, dass er nur „links“ hätte sagen können müssen. Als wir endlich vor seiner Tür standen, zeigte die Uhr 29,60 € an. Die mir hochverdient vorkamen.

„Dange Dange, s‘ voll judsdumich herbrachdasd! Mama 30.“

40 Cent Trinkgeld. Manchmal kommt einem die eigene Hilfe ja fast schon übermäßig wertgeschätzt vor … 🙁

Ein Jahr im Taxi (4)

Eine Entscheidung, ein Umweg und eine offene Türe:

Ich fuhr weiter in Richtung Innenstadt. Immer etwas unter erlaubter Höchstgeschwindigkeit, dennoch donnerte sein Kopf bei jedem Schlagloch, jeder Bodenwelle und jedem Gulli gegen die Seitenscheibe. Pock  … pock. Pockpockpock, ups, doch zu schnell!

Ganz so schlecht war das gar nicht, er drohte nämlich ohnehin, am Telefon einzuschlafen und nach jedem Pock war wenigstens wieder ein Artikulationsversuch zu hören. Während er weiter einsilbig blieb, vernahm ich zwischen den Straßen-, Motor- und Kopfgeräuschen aus dem Handy den ein oder anderen Wortschwall seiner Holden – allerdings ohne sie zu verstehen. Die sicher verzweifelten und nicht mehr ganz so liebevollen Sätze quittierte er mit verschiedenen Grunzlauten, gelegentlich benutzte er auch vereinfachtes Suff-Deutsch wie z.B. „H-miab“ (Hol mich ab!).

Als ihm dann in Baumschulenweg das Handy aus der Hand rutschte und er dabei noch sparsamer guckte als eine KiK-Werbung, bin ich abermals rechts rangefahren und hab ihm nahegelegt, sich vielleicht doch gegen ein Weiterfeiern zu entscheiden. Er fand die Idee mit der üblichen Begeisterungsfähigkeit eines Betrunkenen auch umgehend super und gab als neues Fahrtziel den S-Bahnhof Karlshorst an. Da wir dafür in der Zwischenzeit ausreichend in die falsche Richtung gefahren waren, sollte die Tour dennoch gut 25 € bringen und außerdem viel eher auf meinem Weg liegen. Na bitte.

Ich drehte unter Einbeziehung der nächsten Querstraße großzügig und fortan waren wir endlich auf Heimatkurs. Bereits an der ersten Ampel murmelte er in hektischer werdenden Intervallen:

„Halten. Halten! Haltenhaltenhalten!“

Es kam, was kommen musste: er lehnte sich aus dem Auto und versuchte, den Gehsteig vollzureihern. Wenn wir ehrlich miteinander sein wollen: nicht einmal das hat er mehr hinbekommen. Anstatt sich seiner Alkoholika ernstlich zu entsorgen, würgte er angestrengt aber erfolglos. Drei-, viermal in die Wildnis gerotzt, danach purzelte er mit purpurrotem Kopf wieder ins Taxi. Im Brustton der Überzeugung winselte er ins immer noch angeschaltete Telefon:

„Schatz, ich muss sterben.“

Ich will jetzt nicht behaupten, dass ich es gerne sehe, wenn meine Fahrgäste kotzen – aber bei dem Hansel war klar, dass es seinen Zustand wenigstens verbessert hätte. Es ist ja auch nicht so, dass man aus purem Spaß am Brockenlachen die Landschaft düngt. Mein Fahgast behielt seine Giftstoffe aber offenbar lieber bei sich.

Naja, er hatte sie sicher auch teuer bezahlt, es sei ihm gegönnt.

Vom Hörensagen im Kreis

Ich hab mich ausnahmsweise mal vor den Magnet-Club gestellt. Hat auch keine 3 Minuten gedauert, da purzelten mir ein paar Spanier ins Auto. Gute Stimmung, stressfreie Fahrt. Das Ziel ist mir nämlich mehr als nur bekannt:

„We’ve heard about Berghain. Would you bring us there?“

„Of course.“

So weit, so unspektakulär. Gut, dank Abbiegeverbot an der Oberbaumbrücke ist der Weg derzeit ein wenig länger, aber es ist immer noch eine Tour um die sieben Euro irgendwas. Am Berghain angekommen fielen sie erstmal aus allen Wolken wegen der Schlange. Ich hätte es ihnen eigentlich sagen können, aber nun standen wir da.

„No, we’ll never do that. We’ve heard about Karte Olsrigg. You bring us there?“

„Kater Holzig? We’ll be there in 3 minutes.“

Eine erkennbare Schlange (also abgesehen von den Taxen vor dem Tor) war nicht zu erkennen, aber irgendwie schien ihnen der Bretterverschlag etwas unheimlich zu sein:

„Uh, hmm. Guess that’s nothing for us. But we heard about Watergate. What about this?“

„Are you serious?“

„Why?“

„Because Watergates entrance is directly beside the Magnet. It’s exactly the place we came from.“

Man könnte eigentlich erwarten, dass sich jetzt irgendwer ärgert, weil unnötige Fahrt und so. Nix da:

„Oh really!? That’s nice! Bring us there!“

Ich will mich sicher nicht beschweren, sowas tut meinem Geldbeutel und meinem Kilometerschnitt sehr gut. Aber ein bisschen weniger Verplanung und ein paar handfeste Infos könnten der Truppe letztlich eine Menge Geld sparen. Hab ich gehört.

Allee, Chaussee, schon ok!

Na, liest hier noch jemand mit, der sich erinnern kann, welchen einzigen und vermeidbaren Fehler ich bei der schriftlichen Ortskunde gemacht habe? Nicht weiter schlimm, das kann man ja nachgucken – was im Übrigen immer besser ist als Na’ucken.

Es war irgendeine Verwechslung von Allee und Chaussee. Aber klar, wäre ja auch zu einfach, wenn Berlin nur ein paar Köpenicker Straßen hätte. Da kann man ruhig noch ein paar Chausseen und Landstraßen mit dazupacken!

Was ich eigentlich damit sagen will: bei solchen Sachen bin ich aufmerksam. Vor allem, wenn mir jemand mit einer Straße kommt, die ich nicht kenne. Im vorliegenden Fall ging es um die Waldowstraße. Auch davon gibt es wieder ein paar übers Stadtgebiet verteilte. Er wollte nach Karlshorst, wo es nicht einmal eine davon gibt. Sehr sehr naheliegend ist hier allerdings der Rückschluss auf die Waldowallee – denn die gehört grob geschätzt zu den 4 wichtigsten Straßen im gesamten Stadtteil.

„Nein nein, Waldowstraße. Hat sie mir gesagt!“

„Klär das besser nochmal. Die nächste Waldowstraße liegt in Oberschöneweide und das sind noch 6 Kilometer bis dahin und die Waldowallee liegt jetzt bald vor uns …“

Ein kurzes Telefonat später, bei dem es aber hauptsächlich um die Hausnummer ging, fuhren wir weiter dem Navi nach in die Waldowstraße. Dann geschah etwas sehr glückliches. Während ich ihn abermals ein wenig nervte, dass ich mir echt unsicher wäre, weil das nun zwar der benachbarte Stadtteil, aber dennoch ein Stück weit weg sei, rief die Freundin wieder an. Wo er denn bleibe?

„Ja, weiß nich, dauert noch so, der Taxifahrer hat auch nicht so wirklich Ahnung. Ja, erklär dem des doch!“

Nun hatte ich plötzlich einen Wortwasserfall am Ohr:

„S’überhauptkeinproblemgarnichtkarlshorstkennensemarksburgstraßebaustelletreskowalleewaldowdarein …“

„Einen Moment bitte! Ich verstehe kein Wort! Also, nur eine Frage: Waldowstraße oder Waldowallee?“

„Äh, äh. Ja, Allee! Klar do…“

„Danke.“

Unter einem lautstark gegrummelten „Warum frage ich eigentlich?“ hab ich also die Kehrtwende gemacht und bin wieder zurückgefahren. War glücklicherweise nicht weit und mein Fahrgast konnte sogar seinen Termin noch einhalten. Und gutes Trinkgeld gab’s auch noch. Von nicht so wirklich Ahnung bis Ortskundeprofi in nur einem Telefonat. Das hätte ich mal vor der Prüfung gebraucht!

Ungenaue Zielangaben

Im Grunde gibt es nichts, was sich besser auswirkt auf meinen Geldbeutel, als der ein oder andere schlecht orientierte Kunde. Ich fahre ja nach wie vor die kürzeste Strecke bei meinen Touren. Sicher, auf 100 Meter nehme ich das nicht zwingend genau, wenn es eine längere Fahrt ist, die Bequemlichkeit spielt insbesondere bei mancher Kopfsteinpflaster-Abkürzung auch mal eine Rolle. Aber ich bemühe mich. Im Zweifelsfall nehme ich halt das Navi.

Unter den Fahrgästen gibt es aber immer wieder welche, die es mit der Zielansage nicht so genau nehmen und nur so ungefähr einen Stadtteil, einen Kiez oder eine Straße nennen, großzügig garniert mit einem „Das zeig ich ihnen, kein Problem!“. Das führt mitunter zu allem anderen als der kürzesten Route. Vom vergangenen Wochenende habe ich gleich zwei anzubieten:

Nicht ganz so eindeutig (da die Oberbaumbrücke gesperrt ist), aber immer noch eine Erwähnung wert ist auch folgende Strecke, bei der ich durchaus noch einiges hätte rausholen können, wäre als Zielpunkt nicht nur etwas grob „Treptow“ benannt worden:

Ich werde natürlich den Teufel tun und mich darüber beschweren. Ein bisschen amüsiert aber hinterlässt mich das stets … 🙂

Baecker, Hans (7)

Ich bin zackige Ansagen von Sanitätern gewohnt. Im Gegensatz zu mir haben die noch öfter mit renitentem Publikum zu tun, da muss das manchmal sein. Der eine nun anwesende war für meinen Geschmack allerdings ein bisschen zu heftig. Er hat nichts schlimmes angestellt, aber meiner Meinung nach hat der dem armen Herrn Baecker etwas zu deutlich mitgeteilt, dass er ihn für bekloppt hält. Er hätte sich z.B. in dessen Beisein nicht an seinen Kollegen wenden müssen und sagen:

„Hab ich doch gesagt: Alles südlich der Bornholmer ist scheiße!“

Zumal der Baecker nach wie vor ein Vorzeige-Patient war und allen Anweisungen geduldig Folge leistete.

Auch die Sanis stellten schnell fest, dass an der Wohnung nicht der Name Baecker stand, mich hat es ein wenig verwundert, dass ich sie auf die Idee bringen musste, dass der arme Tropf offenbar eher aus einem Heim abgehauen ist und hier früher mal gewohnt hat. Allzu aufwändig war dieser Gedankensprung ja nun nicht mehr.

Recht schnell war nun aber klar: Die Cops müssen her. Der unsympathische Sanitäter hat zwar auch mal schnell die Tasche meines Kunden durchforstet und dort ein Schreiben einer Krankenkasse gefunden, das für Herrn Baecker, Hans eine andere Anschrift auswies, alleine eine Bestätigung fehlte noch.

Der kleine Mann wurde mehr oder minder gezwungen (durchaus zu seinem Nutzen!), auf einer Fensterbank zu verharren und Ruhe zu bewahren, bis die Cops anrückten. Einmal mehr flutete das zuckende Blaulicht die kleine Straße, abermals zogen Nachbarn die Vorhänge zu. Zwei Beamte sprangen schnell aus dem Wagen und eilten auf den Rettungswagen zu. Wir – am Straßenrand – lotsten sie zu uns und gaben ihnen unsere Vermutung weiter. Keine Minute später krächzte das Funkgerät der jungen Polizistin ein paar Daten zu Baecker, Hans. Inklusive seiner Adresse. Die am Friedrichshain sein sollte.

In meinen Augen war es zwar nur die Bestätigung des offensichtlichen – alle anderen nahmen scheinbar überrascht zur Kenntnis, dass es sich um ein Heim handelte …

(Geht noch bis 12 Uhr weiter …)

Baecker, Hans (6)

Hans Baecker – mit ae! – stürmte ungeahnt geschwind die zwei Treppen empor und begann ungeachtet der Uhrzeit Sturm zu klingeln. Ich folgte ihm, inzwischen eher missmutig und ihn beschwichtigend, dann empfahl ich ihm – nachdem die Türe verschlossen blieb – doch einfach mal die Polizei zu holen.

„Wat, wieso das denn?“

„Na, Sie kommen hier ja offensichtlich nicht rein …“

„Ach, meine Frau! Die hat immer so panische Angst, wennse alleene is … SUSANNE!!! MACH UFF!!! ICK BIN’S!“

Ich hatte natürlich ganz andere Gedanken. Ich habe ein wenig mit mir gerungen, aber nach einigen Minuten kam er wieder herunter, zitterte und keuchte sich über den Bordstein, hielt sich an einem der parkenden Autos fest und stammelte:

„Ick, ick, det is zuviel. Ick krieg hier gleich ’ne Herzattacke!“

Das reichte mir als Vorwand! Ich bat den alten Mann in mein Auto, stellte ihm die etwas andauernde Aufgabe, ganz in Ruhe nochmal seine Tasche nach seinem Schlüssel zu durchsuchen und wählte die 110. Ich nannte der Stimme am anderen Ende, dass ich hier – Kanzowstraße 8 – einen eventuell verwirrten, zumindest aber hilflosen Passagier hätte. Und dass er vielleicht Herzprobleme hätte. Sie sagten mir Unterstützung zu und ich begann zu warten. Inzwischen klingelte Herr Baecker noch einmal Sturm, durchsuchte seine Taschen, verzweifelte mehr und mehr, zitterte am ganzen Körper – alleine weitergekommen sind wir nicht.

Kurz darauf – natürlich nach viel längerer Wartezeit als mir lieb war – erleuchtete Blaulicht die ganze Straße. Zwei Sanitäter rückten mit dem RTW an, mäßig motiviert. Ich klärte mit den beiden kurz die Situation, wir gingen dann alle hinauf, um uns des Mannes anzunehmen, der abermals an seiner vermeintlichen Wohnungstür um 5 Uhr morgens läutete.

So optimistisch ich bisher auch gewesen war: Die Uhr hatte ich kurz nach dem Notruf ausgemacht, mein Geld hatte ich abgeschrieben. Fortan galt es nur noch, Herrn Baecker heil nach Hause – wo immer das war – zu bringen.

(Wer bis jetzt nicht geschlafen hat, sollte das dringend tun. Die Fortsetzung kommt erst um 8 Uhr.)